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Veröffentlicht am 21.09.2025

Sterben auf eigene Gefahr! Ein Trauerredner stolpert in seinen ersten Fall

Über die Toten nur Gutes
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Trauerredner Mads führt in Glücksburg ein eher beschauliches Leben. Er lebt mit seinem Vater Fridtjof, dessen Beerdigung vorab geprobt werden muss, und seiner Malteser-Hündin Bobby zusammen und trifft ...

Trauerredner Mads führt in Glücksburg ein eher beschauliches Leben. Er lebt mit seinem Vater Fridtjof, dessen Beerdigung vorab geprobt werden muss, und seiner Malteser-Hündin Bobby zusammen und trifft sich mit Freund Fiete zum Bier. Sein Trott wird empfindlich gestört, als er einen Brief von seinem alten Freund Patrick erhält, zu dem er keinen Kontakt mehr hatte, seit dieser plötzlich verschwand. Nun ist Patrick tot, angeblich durch einen Unfall, und Mads soll die Trauerrede halten. Bei seiner Recherche trifft Mads auf alte Bekannte, finstere Gesellen, ein dichtes Lügengeflecht und bringt doch unverhoffte Wahrheiten ans Licht. Als ihm klar wird, dass Patricks Tod vielleicht doch kein Unfall war, sticht er weiter ins Wespennest und bringt dabei sich selbst und seinen Anhang in tödliche Gefahr.

Gut konstruierter, sehr gut geschriebener und spannender Krimi mit viel Humor und norddeutschem Lokalkolorit. Wer jetzt aber einen seichten Wohlfühl-Krimi erwartet, bei dem man sofort weiß, was Phase ist, irrt sich: Auch wenn das Land platt ist, der Krimi und der Stil sind es nicht. Der Start ist erst einmal humorig und sagt viel aus über die skurrilen und eigensinnigen Menschen und ihre Eigenheiten. Man ist sofort in der Geschichte drin und verliebt sich auf der Stelle in Mads Vater und seine Marotten. Die Story wird fortlaufend erzählt und ist unterteilt in fünf Teile (ein Brief, ein Knopf, ein Monster, ein Finger, Schausende), die die Quintessenz des Teils auf den Punkt bringen.

Die Story ist sehr stark auf Mads ausgerichtet und wird komplett aus seiner Sicht erzählt. Dennoch, und das spricht für die Erzählkunst des Autors, bekommen auch die anderen ihren Stempel aufgedrückt. Alle haben ihre Persönlichkeit, ihren sehr eigenen Charakter und sind tiefgründig gestaltet, und so kommt man nicht umhin, neben Mads noch zu einigen anderen eine innige Zuneigung zu entwickeln. Bei mir war es neben Fridtjof (bei dem sich auch noch Abgründe auftun, nur so als Vorwarnung) Hauptkommissarin Mills (herrlich bissig, intelligent, Marke harte Schale, weicher Kern) auch noch Laura, neue Liebe von Mads Kumpel Fiete, die erheblich zum Gelingen des Falles beiträgt und die letztlich die Kohlen aus dem Feuer holt. Überhaupt: Wenn die Damen der Schöpfung nicht wären, sähen die manchmal doch sehr naiv und fern des gesunden Menschenverstandes agierenden Herren recht alt und ziemlich tot aus.

Mads für seinen Teil kann gut für seine Reden im Leben eines Verstorbenen recherchieren, ist aber absolut unbedarft, was in Patricks Fall auf ihn zukommt. Je mehr er mit alten und neuen Bekannten von Patrick, seines ehemals besten Freundes, spricht, desto tiefer taucht er in dessen neues Leben ein und desto mehr seiner eigenen verdrängten Erinnerungen kommen ans Licht. Warum ist Patrick damals spurlos verschwunden? Welchen Anteil hatte er, Mads, daran? Auch wenn zwischendurch immer mal wieder das Cosy Crime-Genre die Oberhand hat, wenn etwa Mads mehr damit beschäftigt ist, mit seinem Vater Bingo zu spielen als zu ermitteln und der Kriminalfall dadurch in den Hintergrund tritt, so wird er doch schnell, und mit ihm der Leser, schmerzhaft daran erinnert, seine Nase besser nicht allzu tief in Patricks Machenschaften zu stecken. Als er es doch tut, wird er plötzlich vom organisierten Verbrechen dazu auserkoren, den Kopf für die Verfehlungen seines ehemaligen Freundes und seiner Kumpane hinzuhalten, nachdem nach und nach alle anderen aus Patricks Umfeld spurlos verschwunden sind oder ermordet wurden. Für Mads spricht seine Loyalität, sein absolutes Bestreben, die Wahrheit herauszufinden, sein unerschütterlicher Optimismus und letztlich die Sorge um seine Lieben. Dies treibt ihn im letzten Drittel der Geschichte zu Höchstleistungen an und so nimmt die Story noch einmal mächtig an Fahrt auf und an Spannung zu.

Fazit: Kein klassischer Whodunnit-Krimi, auch kein Cosy Crime, aber ein solide konstruierter Krimi, der meines Erachtens hauptsächlich von seiner sympathischen Hauptfigur und dessen skurrilem Umfeld lebt. Eine gute Geschichte, die sich hervorragend für die wieder dunkler werdenden Herbstabende vor dem Kamin (oder sonst einem warmen Ort) eignet und sich sehr gut lesen lässt. Vorausschauend sei gesagt, dass ein zweiter Fall für Mads bereits in Arbeit und für nächstes Jahr geplant ist. Kommt auf jeden Fall auf meine Liste.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Das Versprechen eines Sommertags
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Isabells Ehe mit Stefan ist am Ende. Noch will sie sich das nicht eingestehen, deshalb soll es auch noch geheim bleiben bis nach der Feier zur goldenen Hochzeit ihrer Eltern auf Mallorca. Ist vielleicht ...

Isabells Ehe mit Stefan ist am Ende. Noch will sie sich das nicht eingestehen, deshalb soll es auch noch geheim bleiben bis nach der Feier zur goldenen Hochzeit ihrer Eltern auf Mallorca. Ist vielleicht ein Neuanfang mit Stefan möglich? Auf der Finca ihrer Eltern trifft sie nicht nur auf die geliebte Familie, sondern auch auf den besten Freund ihres Bruders, mit dem sie ein besonderes Geheimnis verbindet. Könnte der Neuanfang vielleicht ganz anders werden als geplant?

Eine zauberhafte Geschichte über alte und neue Lieben, den Zusammenhalt und die Kommunikation in Beziehungen und darüber, dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist. Einfühlsam und tiefsinnig erzählt die Autorin über Isabell und ihre Gefühle zu ihrem Mann, ihren Kindern, ihrer Familie und nicht zuletzt zu ihrer geheimen Jugendliebe. Isabell hat ein erfolgreiches Leben und hadert damit, was passiert, wenn sie und ihr Mann sich trennen. Ihre eigenen Träume hat sie zugunsten derer ihres Mannes verdrängt. Nun muss sie feststellen, dass Stefan sich schon längst abgenabelt hat. Im Laufe der Zeit auf der elterlichen Finca drängen verborgene Gefühle und Wünsche hoch und kommen Wahrheiten ans Licht, die Isabell zu einem Umdenken bewegen. So macht sie am deutlichsten von allen Protagonisten eine Wandlung durch, löst sich von alten Bindungen und knüpft die Fäden ihres Lebens neu.

Isabell hat mir als Charakter gut gefallen, sie ist eine gestandene kluge Frau, die mitten im Leben steht, Alltag und Beruf wuppt und wenig Zeit für sich hat. Ihre Bereitschaft Dinge zu hinterfragen und Meinungen zu überdenken, zeugt von ihrer inneren Stärke, und ich fand es spannend zu lesen, wie sie oft ihren inneren Schweinehund überwindet. Die Liebe zwischen ihr und ihren Kindern, die sie um jeden Preis beschützen will, und zwischen ihr und ihrer Familie hat mich sehr berührt und besonders bei den Dialogen zwischen ihr und ihrem Vater habe ich so manches Tränchen verdrückt. Man kann ausgesprochen gut mit ihr mitfühlen und freut sich denn auch über ein Happy End für sie.

Auch die anderen Figuren sind gut gelungen und ihre Persönlichkeiten mit viel Wärme und Sympathie herausgearbeitet. Durch die Interaktion innerhalb der Familie macht nicht nur Isabell eine Wandlung ihrer Perspektive durch, auch ihre Eltern und ihr Bruder kommen an einen Scheidepunkt im Leben. Durch den sehr flüssigen Stil und die bildhaften Beschreibungen der Autorin ist das Buch ein echter Pageturner. Zudem webt sie viel Lokalkolorit der wunderbaren Insel Mallorca mit in ihre Geschichte, was wiederum dem geneigten Leser sehr viel Lust auf einen Roadtrip macht.

Fazit: Cover, Stil, Figuren, hier passt einfach alles zusammen! Das Ganze ist ein rundum gelungenes Buch, das Spaß macht zu lesen und den Leser an tiefen Gefühlen teilhaben lässt. Die Autorin versteht es meisterhaft, durch ihre bildhaften Beschreibungen authentische Figuren und ein überzeugendes Setting zu schaffen, welche den Leser sofort in ihren Bann ziehen und ihn intensiv mitleben lassen. Wirklich schöne Geschichte zum Dahinschmelzen und Träumen.

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Veröffentlicht am 13.03.2023

Farbenprächtiges Sittengemälde aus Florenz zu Zeiten der Medici

Florentia - Im Glanz der Medici
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Florenz, im 15. Jahrhundert: Durch geschickte Bündnis-, Finanz- und Heiratspolitik hat Cosimo de‘ Medici seine Macht und die des Bankhauses Medici ausgebaut und seine Familie zur mächtigsten in der Republik ...

Florenz, im 15. Jahrhundert: Durch geschickte Bündnis-, Finanz- und Heiratspolitik hat Cosimo de‘ Medici seine Macht und die des Bankhauses Medici ausgebaut und seine Familie zur mächtigsten in der Republik Florenz gemacht. Nach dem Tod seines Sohnes Piero wird dessen ältester Sohn Lorenzo Familienoberhaupt. Lorenzo ordnet nicht nur sein eigenes Leben strikt dem Wohl und dem Machterhalt der Familie Medici unter, sondern erwartet dies auch von seinen Geschwistern und seiner Ehefrau. In der Familie Pazzi hat er sowohl politische als auch berufliche Konkurrenten, die in ihrem Streben, die erste Macht in der Republik zu werden, vor nichts zurückschrecken.

Ein Roman wie ein Renaissance-Gemälde, detailgetreu und farbenfroh, der den Leser eintauchen lässt in das Florenz zu Zeiten der großen Künstler und mächtigen Bankiersfamilien, allen voran die Familie der Medici. In vier gut strukturierten Teilen, an deren Ende jeweils ein einschneidendes Ereignis steht, und eingebettet in einen Prolog und einen Epilog, erzählt der Autor – oder besser gesagt die Autorin, denn der Name ist das Pseudonym einer Verlagslektorin – kenntnisreich und mit viel Liebe zu den Figuren die aufregenden Geschehnisse zwischen den Jahren 1469 bis zum Attentat der Pazzi im Jahr 1478. Dabei verwebt sie geschickt die Schicksale dreier sehr bekannter Zeitgenossen miteinander, nämlich das von Lorenzos Bruders Giuliano, das des aufstrebenden Universalgenies Leonardo da Vinci und das der Medici-Vertrauten Fioretta Gorini. Dies ist zwar ein recht kleiner Ausschnitt aus dem Leben und der Zeit, beschreibt aber höchst spannend die entscheidenden Jahre der drei Personen und gibt tiefe Einblicke in das politische Wirken und Steben der Familie Medici, ihr Credo und die Motivation ihres Handelns. Dabei und in vielen historischen Details bleibt die Geschichte sehr nah an den Fakten. Was in meinen Augen besonders gut gelungen ist, ist der menschliche Aspekt, der die historischen Persönlichkeiten real und authentisch wirken und diese Epoche wieder aufleben lässt. Der Fokus liegt klar auf die Spannungen zwischen den Medici und ihrer Gegner, es ist ein Ringen um Macht, bei dem nahezu jedes Mittel recht ist und das im Attentat auf die Medici gipfelt. Faktisch gesehen endet dies zwar mit dem Tod Giulianos, historisch betrachtet führte es aber auch dazu, dass Lorenzo seine Macht festigen konnte.

In mehreren Perspektivwechseln beschreibt die Autorin das Erwachsenwerden der Medici-Brüder und die Machtpolitik ihrer Familie, die beginnende Karriere von Leonardo und die Entwicklung Fiorettas, der Tochter des Leibarztes der Medici, zur Malerin und zur Vertrauten der Medici. Mit dem Einführen einer weiteren sehr interessanten Perspektive, nämlich der der erbitterten Medici-Gegnerin Albiera de Pazzi, der Matriarchin der Familie, ist der Autorin ein weiterer Coup gelungen. Er bringt die nötige Spannung in die Geschichte und bildet einen hervorragenden Gegenpol zu den Medicis und ihrer Familie und Freunde, zu denen auch der Maler Botticelli, der spätere Leibarzt Lorenzos und Geliebte Leonardos, Luca Tornabuoni, und andere zählen. Dieses Eintauchen in den engsten Zirkel dieser Menschen wirkt, als wäre man dabei, die Atmosphäre ist immer mit den Händen zu greifen, in den Malerwerkstätten genauso wie in den Räumen der Familien Medici und Pazzi, wenn Ränke geschmiedet und politische Entscheidungen getroffen werden. Für mich war es wie eine Zeitreise, ich durfte nicht nur diese Persönlichkeiten näher kennenlernen, sondern auch andere Zeitgenossen wie Verrocchio oder Botticelli und als Leser der Geburt einigen der berühmtesten Gemälde der Zeit beiwohnen. Ich finde es außerdem außerordentlich gut gelungen, wie die Autorin diese für uns erst einmal abstrakten historischen Berühmtheiten menschlich werden lässt, wie sie zu realen Wesen mit all ihren Schwächen werden. Man wird nicht nur Zeuge ihrer Gespräche, sondern auch ihrer Zweifel und Ängste, ihrer Krankheiten, ihrer Liebe und ihres Hasses.

Ich habe mit allen drei miteinander verbundenen Figuren dermaßen mitgelebt, als wäre ich selbst Teil ihres Kreises. Dadurch dass die Autorin auf weitschweifige Beschreibungen von Kleidung, Essen oder kirchliche oder andere Rituale verzichtet, sondern diese Dinge wie nebenbei erwähnt, wird das Leben zum Alltag, wird die Stadt und das Zusammenleben ihrer Menschen vertraut. Von den vielen Namen sollte man sich nicht abschrecken lassen, es gibt ein Personenverzeichnis und einen Stammbaum am Anfang des Buches. Der Erzählfluss ist aber so angenehm und unkompliziert, dass man sofort in die Geschichte eintaucht und förmlich in ihr aufgeht. Gestolpert bin ich in meinem Lesefluss allerdings über die Tatsache, dass der Prolog, die Planung der Verschwörung, wortwörtlich in Kapitel 70 wiederholt wird (eBook). Hätte man hier nicht andere Worte finden oder einen anderen Prolog wählen können? Das erschien mir dann doch etwas einfach. Alles in allem wurde das Lesevergnügen dadurch aber auch nur kurzzeitig beeinträchtigt.

Fazit: Wundervoller Roman aus dem Florenz der Frührenaissance mit vielen historischen Persönlichkeiten und authentischen Beschreibungen vom Leben und Wirken der Medici und dem der von ihnen geförderten Künstler. Ein vorhandenes geschichtliches Interesse an der Zeit ist in meinen Augen von Vorteil, der Roman lässt sich aber auch ohne große Vorkenntnisse hervorragend lesen und besonders bei der Interaktion der beiden ungleichen Brüder Lorenzo und Guiliano und den Emotionen zwischen Fioretta und Guiliano kann man intensiv mit leben. Ich fand es schade, als es zu Ende war, der Epilog mit positivem Ausblick auf die Zukunft versöhnte mich aber mit dem etwas abrupten Ende.

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Veröffentlicht am 02.08.2022

Spannendes Katz-und-Maus-Spiel in Hamburg

Das Profil
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Kaum bekommt Franka Erdmann, altgediente Beamtin der Mordkommission in Hamburg, den neuen jungen Kollegen Alpay Eloglu zur Seite gestellt, werden die beiden auch schon zu zwei brutalen Tötungsdelikten ...

Kaum bekommt Franka Erdmann, altgediente Beamtin der Mordkommission in Hamburg, den neuen jungen Kollegen Alpay Eloglu zur Seite gestellt, werden die beiden auch schon zu zwei brutalen Tötungsdelikten gerufen: eine im Sand vergrabene männliche Leiche und eine erfolgreiche Influencerin. Es stellt sich heraus, dass beide im selben Zeitfenster getötet wurden. Hängen die beiden Fälle zusammen? Während sich Franka sowohl als Ermittlerin beweisen als auch mit Alpay zusammenraufen muss, bleibt es nicht bei einer toten Influencerin…

Perfides und sehr spannendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem intelligenten Serienmörder und den Ermittlern der Polizei, allen voran Franka Erdmann und Alpay Eloglu, bei dem man mehrfach zweifelt, wer am Ende die Nase vorn hat. Auch wenn die Taten brutal sind und der Hergang auch durchaus beschrieben wird, spart sich der Autor reißerisch-blutige Details und punktet stattdessen mit solider, kontinuierlich aufgebauter Spannung, einer gut konstruierten Geschichte und einem ungeheuer eingängigen Schreibstil. Diese zieht sich zum einen aus dem ungleichen Ermittlerduo Erdmann und Eloglu, die sich anfangs eher behindern als unterstützen und ihre Vorurteile gegenüber dem anderen nur schwer niederlegen können. In dem Maß wie der Fall voranschreitet nähern sich diese beiden so unterschiedlichen Charaktere aneinander an bis zum gegenseitigen Respekt. Zum anderen wird der in meinen Augen größte Spannungsbogen durch den hohen Anteil an der Erzählperspektive des Mörders, der als intelligenter Gegenspieler zu Franka agiert, erreicht, wodurch der Leser Täterwissen hat und den Ermittlern somit – ebenso wie der Täter – immer einen Schritt voraus ist. Außerdem erhält der Leser einen tiefen Einblick in die verstörende und gestörte Psyche und die Traumata des Täters und damit in seine Motive. Ich kam nicht umhin mit dem Mörder mitzufühlen und Mitleid zu empfinden, wodurch man in einen gewissen Zwiespalt geriet. Erschwerend kam hinzu, dass die getöteten Influencerinnen mir nicht eben sympathisch waren. Geschickt verwebt der Autor Geschehnisse aus der Vergangenheit des Täters mit den Ereignissen der Gegenwart und führt sie in einem direkten Zusammenhang, so dass seine Taten plausibel und nachvollziehbar erscheinen.

Mir hat das Zusammenraufen und sich nach und nach Ergänzen des recht unterschiedlich gestrickten Ermittlerduos sehr gut gefallen. Platt könnte man sagen, da spielt alt gegen jung, ungesunder Lebensweise gegen jugendliche Fitness, Routine gegen vorpreschende Grünschnabel-Attitüde. Bei näherem Hinsehen und im Laufe des Voranschreitens der Ermittlungen lernen die beiden immer mehr voneinander, und es stellt sich heraus, dass ihre Einstellung und Hartnäckigkeit sich in nichts nachstehen. Ich fand die in meinen Augen sehr authentische Beschreibung der polizeilichen Ermittlungsarbeit sehr gelungen, mir gefiel dieses akribische Vorgehen und ich fand es sehr spannend, wie sich nach und nach das Täterprofil für die Ermittler herauskristallisiert hat.

Fazit: Für diejenigen, die selbst gerne ermitteln, nicht geeignet, denn durch Rückblicke auf das Leben des Mörders werden die Zusammenhänge und Motive immer deutlicher. Die Spannung erzeugt sich aus der Psychologie und das Zusammenspiel zwischen Ermittler und Täter und der Frage, wieviel Mitleid und Verständnis man für einen Mörder aufbringen darf. Eines jedoch steht außer Frage: Der Autor hat ein interessantes neues Ermittlerduo zum Leben erweckt, von dem man gerne mehr lesen möchte!

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Veröffentlicht am 20.12.2021

Packende Gesellschaftsstudie und Kriminalfall Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Hafenärztin. Ein Leben für die Freiheit der Frauen (Hafenärztin 1)
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Hamburg, 1910: Die Ärztin Anne Fitzpatrick muss London Hals über Kopf verlassen und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Hamburg. Dort will sie ihre Arbeit als Ärztin für bedürftige und gefallene Frauen und ...

Hamburg, 1910: Die Ärztin Anne Fitzpatrick muss London Hals über Kopf verlassen und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Hamburg. Dort will sie ihre Arbeit als Ärztin für bedürftige und gefallene Frauen und deren Kinder sowie ihren Kampf für Frauenrechte fortsetzen. Bei der Eröffnung ihres Frauenhauses findet die Pastorentochter Helene eine Leiche im Wasser – bevor das Haus richtig öffnen kann, wird es schon wieder geschlossen. Der eigensinnige Ermittler Berthold Rheyd beginnt sich in den Fall zu verbeißen, auch wenn die Obrigkeit diesen als „Mord im Milieu“ abtun will. Als weitere tote Frauen gefunden werden, erkennt er schnell, dass mehr dahinter steckt und wittert außerdem, dass Anne etwas verbirgt. Anne indessen spürt, dass sie selbst in höchster Gefahr schwebt, denn der Mörder scheint seine Taten ganz gezielt in ihrem Umfeld zu begehen...

Sehr fesselnder, gut geschriebener Roman und packender Kriminalfall. Die Autorin versteht es ausgezeichnet, ihren Figuren Persönlichkeit zu verleihen und ihr Umfeld und ihre Geschichte anschaulich und bildhaft zu beschreiben. Geschickt verwebt sie außerdem den Kriminalfall mit aktuellen Themen der Zeit wie der Kampf um Frauenrechte, soziale Abgründe, das Klassensystem der damaligen Gesellschaft, aber auch die pulsierende Metropole Hamburg und den Aufbruch in eine neue Zeit. Hier stehen junge Menschen, die für Gleichberechtigung und einen sozialeren Staat kämpfen, die vom freien Willen überzeugt sind und dass jeder eine Chance verdient hat, den „alten“, konservativen, durchweg männlichen Mächtigen gegenüber. Letztere kämpfen mit aller Macht um den Erhalt der alten Ordnung und sind der festen Überzeugung, dass ein jeder da steht, wo er von Gottes Gnaden hingehört. Verkörpert wird dies besonders durch Helene und ihre Familie, ihren gestrengen Pastorenvater und die demütig gehorchende Mutter auf der einen, die aus der Enge des Patriarchats ausbrechenden Kinder auf der anderen Seite.

Aufgebaut ist die Geschichte um die drei Hauptfiguren Anne, Helene und Burkhard, aus deren Perspektiven jeweils erzählt wird. Nach und nach verknüpfen sich deren Leben immer mehr und damit auch deren Sichtweisen. Jeder von ihnen verkörpert eine soziale Schicht, Burkhard die Arbeiterklasse, Helene das konservative Bürgertum und Anne die reiche Oberschicht, wobei sich bei diesen jungen Menschen die Grenzen bereits verwischen. Alle drei haben ihre Päckchen zu tragen und Altlasten aus der Vergangenheit. Helene und Anne brechen aus und arbeiten für und mit den untersten sozialen Schichten, Burkhard als Arbeiterkind spielt in einem elitären Fußballverein und erarbeitet sich einen Status bei der Polizei. Alle drei eint ihr starker Wille und der Wunsch nach der Wahrheit, nach Aufklärung und ihren Kampf für die Schwachen. Es sind eigenwillige Charaktere, mit denen man sofort mit lebt und über die man gerne mehr erfahren möchte, zumal das Geheimnis von Anne um die Geschehnisse in London nicht komplett gelöst werden. Vor allem Helene macht meines Erachtens eine große Entwicklung durch, sie ist auch die jüngste und steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie reift durch die Ereignisse und findet einen klugen Kompromiss mit ihrem Vater bezüglich ihrer Berufswahl. Außerdem reflektiert sie viel und korrigiert ihr eigenes Verhalten. Ein weiterer wichtiger Mitspieler ist der Journalist und Sozialist Lauritzen, der damit ebenfalls für eine – damals verfolgte - Minderheit steht und der durch seine Artikel großen Einfluss auf die Öffentlichkeit ausübt. Auch er trägt einiges zur Aufklärung bei.

Der Fall selbst ist durchaus spannend und die Ermittlungsarbeit interessant erzählt. Besonders das Zusammenspiel der Truppe um Kommissar Rheydt, die ebenfalls erst zusammenfinden muss, ist spannend und glaubhaft erzählt. Die Geschichte lebt aber weitaus mehr von der unterschwelligen Bedrohung für Anne und ihre persönliche Involviertheit sowie ihre Arbeit für die sogenannten gefallenen Frauen. Davon dass sie und Helene gemeinsam ermitteln, kann keine Rede sein, es ist eher Zufall, dass Helene mit ihrer ungestümen jugendlichen Neugier einige Male zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Sie hat aber ebenso wie Anne ein feines Gespür für die Menschen und ein großes Herz für die Benachteiligten. Für Berthold spricht, dass er das „Gerede“ der jungen Frau ernst nimmt, er steht für moderne und offene Ansichten in einer männlich dominierten Welt.

Fazit: Sehr gelungener Auftakt zur neuen Trilogie um die Hafenärztin Anne Fitzpatrick, Sozial- und Gesellschaftsstudie und Kriminalfall in einer geschickt verwobenen Geschichte, die sich flott herunterliest und bei der man es bedauert, dass sie schon zu Ende ist. Um so mehr freut man sich auf die weiteren Bände, die bereits nächstes Jahr erscheinen und die ein Wiedersehen mit den lieb gewonnen Figuren bescheren.

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