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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.08.2023

Atmosphärisches Gemälde

Die Erfindung des Lächelns
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1911 wurde die Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen. Zwei Jahre später tauchte sie wieder auf. Was dazwischen passierte, wurde nie endgültig geklärt.
Hillenbrand erzählt die Einzelheiten. Er startet wie ...

1911 wurde die Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen. Zwei Jahre später tauchte sie wieder auf. Was dazwischen passierte, wurde nie endgültig geklärt.
Hillenbrand erzählt die Einzelheiten. Er startet wie ein Thriller, dann steigt er tief in die Künstlerszene in Paris ein. Wir treffen Maler wie Picasso, Tänzerin Isadora Duncan, anarchistische Attentäter, Poeten, Magier, Kriminelle und viele andere in den Cafes und Gaststätten der Stadt. Es gibt zwei offizielle Stellen, die den Kunstraub aufklären sollen und dabei miteinander konkurrieren.
Es sind im Ganzen fünf verschiedene Hauptpersonen, deren Geschichten parallel erzählt werden und die alle mit der Mona Lisa verknüpft sind. Untereinander kennen sich diese Personen teilweise gar nicht, teilweise gut. So wird der Roman vielschichtig. Insgesamt ist es eher ein Kaleidoskop als eine Erzählung oder gar ein Kriminalroman. Spannung kommt stets nur kurz auf und ist, wenn die jeweilige Episode zu Ende ist, auch schon wieder vorbei. Doch der Autor ist Profi: Der rote Faden geht nie verloren. Die Menschen sind authentisch und glaubhaft dargestellt. Man taucht ein in die Atmosphäre der Belle Epoque in Paris, dem Zentrum der damaligen Welt. Das lässt sich gemütlich schmökern. Viele bekannte Namen tauchen auf, und wer etwas von Malerei versteht, hat ein zusätzliches Vergnügen.
Lange ehe das gestohlene Gemälde offiziell wieder auftaucht, wissen wir als Lesende, wo es ist und was ihm passiert. Das berühmte Lächeln der Mona Lisa hat einen eigenen Auftritt und wird sogar erklärt. Zum Schluss kehrt sie in den Louvre zurück - das ist Geschichte.
Fazit: Unaufgeregt, gut recherchiert und leicht zu lesen. Eine runde Sache!

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Veröffentlicht am 13.04.2023

Menschen im Freibad

Seemann vom Siebener
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"Es ist so schön, ich würde jetzt gerne einen Vogel freilassen."

Ein deutsches Freibad, irgendwo in einer Kleinstadt. Hier treffen an einem heißen Sommertag die Menschen auf einander. Jemand ist mit dem ...

"Es ist so schön, ich würde jetzt gerne einen Vogel freilassen."

Ein deutsches Freibad, irgendwo in einer Kleinstadt. Hier treffen an einem heißen Sommertag die Menschen auf einander. Jemand ist mit dem Auto verunglückt und soll heute beerdigt werden. Ein anderer ist schon vor Jahren im Sprungbecken verstorben, unter dem Siebenmeterturm. Die Spuren dieser Todesfälle ziehen sich durch die Geschichten.
Einfühlsam wird das Innenleben mehrerer Personen dargestellt, mit allem was sie denken und erinnern. Jede dieser Person ist für einen langen Augenblick des Buches das Zentrum ihrer Welt und ihrer Wahrnehmung. Danach wendet sich die Geschichte wieder einer anderen zu. Hauptfigur ist ein namenloses Mädchen, das in Ich-Form berichtet und heute zum ersten Mal seit Langem wieder das Haus verlässt.
Diese Darstellung der Menschen ist sehr authentisch und intensiv. Die Geschichten wachsen, je nachdem, welche Person wieder aufgegriffen und weiter erzählt wird. Man kann sich alles sehr gut vorstellen, ist nahezu dabei, wenn im Freibad jeder die eigenen Gedanken mitbringt und die anderen Menschen beobachtet.
Der Stil ist schön, poetisch und manchmal besonders. Er zieht den Leser mitten hinein in den heißen Sommertag. Jeder, der jemals einen Nachmittag träge im Freibad vergammelt hat oder dort früher einmal jugendlich herumtobte, wird sich hier wiederfinden. Manchmal ist es dort auch etwas langweilig.
Doch alle Geschichten sind miteinander verknüpft. Spannung entsteht, weil vor lauter Wahrnehmung und Betrachtung Fragen offen bleiben. Einige der Menschen hier haben schlimme Dinge erlebt. Das kann man zunächst nur erahnen. Doch es gibt Befreiung.
Ein ruhiger Sommerroman vom Sein

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Veröffentlicht am 25.12.2022

Lyrik und Kuchen

Zweckfreie Kuchenanwendungen
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Sukhin ist Lehrer für englische Literatur an einer Schule in Singapur. Er führt ein geregeltes Leben, ist aber nicht so richtig zufrieden damit. Vor allem Menschen sind ihm ein Gräuel. Eines Tages erkennt ...

Sukhin ist Lehrer für englische Literatur an einer Schule in Singapur. Er führt ein geregeltes Leben, ist aber nicht so richtig zufrieden damit. Vor allem Menschen sind ihm ein Gräuel. Eines Tages erkennt er in einer Obdachlosen eine frühere Freundin namens Jinn.
Sukhin ist eine fremde Welt. Obwohl er Lehrer ist, scheint er alle Menschen zu verabscheuen. Die Einzigen, der ihm etwas näher kommen, sind ein aufdringlicher Kollege und die Mitarbeiterin, die ihm jeden Morgen sehr pünktlich seinen sehr heißen Tee serviert.
Eine Innenansicht von Sukhin fehlt völlig. Wir erfahren nicht, warum er tut, was er tut, wir sehen ihn nur handeln. Oft backt er Kuchen. So viel Kuchen gebacken und Essen gekocht wurde selten in einem Buch, das kein einziges Rezept enthält. Und dann ist da noch dieses Ding, das Sukhin in seiner Wohnung baut. Was für ein schräger Typ!
Um Singapur geht es in diesem Buch nur zufällig. Neulinge im asiatischen (Koch-) Raum finden am Ende des Buches ein Glossar. Wer Freude an skurrilen Typen hat und Sukhin weiter folgt, findet mit ihm nichts weniger als den Sinn von Poesie und Kuchen.

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Veröffentlicht am 02.09.2022

Wahrheit-en

Fake – Wer soll dir jetzt noch glauben?
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Patrick Dostert hat einen guten Job, eine liebevolle Ehefrau und einen Tag Urlaub. Da klingelt die Polizei an seiner Tür und beschuldigt ihn, eine Frau entführt und misshandelt zu haben. Die Namen, die ...

Patrick Dostert hat einen guten Job, eine liebevolle Ehefrau und einen Tag Urlaub. Da klingelt die Polizei an seiner Tür und beschuldigt ihn, eine Frau entführt und misshandelt zu haben. Die Namen, die man ihm nennt, kennt er nicht. Und das ist erst der Anfang. Beweise tauchen auf. Leichen werden gefunden. Belastende Videos erscheinen im Internet, auf denen Patrick genau zu erkennen ist. Schließlich sitzt er im Gefängnis und kann nur noch auf seinen Anwalt hoffen.

Das ist so wahnsinnig spannend und lebensnah beschrieben, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Die Hauptperson Patrick ist sympathisch und ein bisschen naiv. Bei allen anderen Personen kommen Zweifel auf, ob sie sind was sie zu sein vorgeben.
Blutrünstig ist dieser Thriller nicht, und es kommt auch nur wenig Brutalität vor. Das Schlimme ist, dass Patrick passiert, was jedem von uns zustoßen könnte. Denn moderne Technologie macht Fälschungen von Bildern und Videos möglich, die kaum als solche zu erkennen sind. Doch zum Schluss ist dies auch nur die halbe Wahrheit.

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Veröffentlicht am 24.08.2022

Einen Teppich knüpfen

Fischers Frau
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Fischerteppiche wurden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts an der Ostsee von Hand geknüpft. Es gibt typische Muster und Farben, die die Echtheit bezeugen. Ein solcher Fischerteppich landet auf dem Tisch ...

Fischerteppiche wurden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts an der Ostsee von Hand geknüpft. Es gibt typische Muster und Farben, die die Echtheit bezeugen. Ein solcher Fischerteppich landet auf dem Tisch von Mia Sund.
Mia ist Museumskuratorin und Faserarchäologin. Sie hat sich nach schwierigen Erfahrungen in einer gewissen Sicherheit eingerichtet. Dennoch regt sie dieser grüne Knüpfteppich und die Art, wie er sie erreicht, zu einer Suche an, die sie durch halb Europa führt. Sie ertappt sich dabei, dass die Geschichte des Teppichs neu erfindet - orientiert an den Fakten, die ihr vorliegen..

Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Man erwartet doch ein logisches Vorgehen, wenn jemand nach alten Tatsachen recherchiert. Doch dies ist kein Krimi. Es ist eine Reise der Hauptperson zu sich selbst. Erst wenn man sich auf das Bild des Teppichs einlässt, wird die Geschichte rund. Alles ist miteinander verbunden. Die Geschichte der weit gereisten Knüpferin, die in Schweden ein neues Zuhause findet und dort den Ostseeteppich knüpft – grün wie die Wälder und mit Moriven des Meeres. Und die Geschichte Mias, die forscht und sucht und dabei schließlich Fehlendes erfindet.
Was ist echt und was gefälscht? Was ist ausgedacht, was wahr? Während des Knüpfens werden Geschichten erzählt, wie in tausendundeiner Nacht. Und es kommt nicht darauf an, ob sie wirklich passiert sind, sondern darauf, dass sie fesseln und unterhalten. Und dass sie vielleicht im Leben weiterhelfen.

Das ist wunderschön erzählt. Die Sprache ist so poetisch, dass man immer wieder besonders gelungene Sätze anstreichen möchte. Ein ruhiges, ein langsames Buch.

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