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Veröffentlicht am 03.05.2023

Der (nicht) alltägliche Wahnsinn

Die unglaubliche Grace Adams
2

Im Mittelpunkt steht, wie es der Titel schon preisgibt, „Die unglaubliche Grace Adams“. Ihre Geschichte wird in verschiedenen Zeitabschnitten erzählt.

Lotte hat heute Geburtstag, sie ist die gemeinsame ...

Im Mittelpunkt steht, wie es der Titel schon preisgibt, „Die unglaubliche Grace Adams“. Ihre Geschichte wird in verschiedenen Zeitabschnitten erzählt.

Lotte hat heute Geburtstag, sie ist die gemeinsame Tochter von Ben und Grace. Aber gemeinsam feiern ist nicht, Lotte ist mit ihrem Vater ausgezogen. Und Grace? Will ihr zu ihrem 16. Geburtstag unbedingt eine Torte schenken, eine ganz besondere Torte soll es sein. Und so hechelt sie durch gefühlt halb London mit diesem Backwerk in der Hand und versteht so gar nicht, dass weder Lotte noch Ben etwas von ihr wissen wollen. Warum das denn?

In Rückblenden erfahre ich von Grace und Ben, wie es mit ihnen begann und von Lotte, die sich bald zu ihnen gesellt hat. Und dann erfahre ich von der achtjährigen Lotte, von dem Band, das Mutter und Tochter verband. Grace habe ich nie als mainstream empfunden, sie hatte schon immer ihren eigenen Kopf und das war nicht immer zielführend. Im Laufe der Zeit waren so etliche Probleme zu bewältigen und die Schilderung dessen war ein kurzweiliges Hörvergnügen, denn ich habe mir Grace Geschichte von Tanja Fornaro vorlesen lassen.

Es ist besagter Geburtstag von Lotte, an dem die unglaubliche Geschichte spielt. So einiges geht schief und Grace lässt Stationen ihres Lebens Revue passieren. Sie ist eine Powerfrau, emotional, zuweilen eigensinnig, spürt ihrem bisherigen Dasein mit allen erdenklichen Höhen und Tiefen nach. Sie hat genug Probleme – aber unterkriegen ist für sie keine Option.

„Wunderbar wahnsinnig“ trifft es auf den Punkt. Ihr Trip durch London ist zuweilen herrlich schräg, es waren entspannte Hörstunden und nicht nur die Autorin hat einen guten Job gemacht, auch Tanja Fornaro hat mich mit ihrer einfühlsamen Erzählweise tief in Grace Geschichte eintauchen lassen.

„Grace kann alles. Außer ruhig bleiben.“ Ja, diese Aussage kann ich nach dem Hören nur bestätigen. Ein wenig verrückt, ein wenig eigensinnig – der (nicht) alltägliche Wahnsinn.

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Veröffentlicht am 29.04.2023

Dramatisch, hoffnungslos, erschütternd

Mit zitternden Händen
2

„Beeilen Sie sich, verdammt noch mal… Er stirbt.“ Der Anrufer ist total verstört, weint heftig, er kann nicht genau beschreiben, wo er sich befindet, wohin die Rettung kommen soll. Mit viel Einfühlungsvermögen ...

„Beeilen Sie sich, verdammt noch mal… Er stirbt.“ Der Anrufer ist total verstört, weint heftig, er kann nicht genau beschreiben, wo er sich befindet, wohin die Rettung kommen soll. Mit viel Einfühlungsvermögen gelingt es dann doch, die richtige Stelle zu orten.

Billy und Dogge kennen sich seit langer Zeit, seit ihrer Kindheit auf dem Spielplatz. Auch wenn ihr familiärer Hintergrund nicht unterschiedlicher sein könnte, so sind sie doch Freunde. Billy entstammt einer Einwandererfamilie, die Eltern von Douglas, Dogge genannt, sind gut situiert und auch wenn diese ihrem Kind finanziell alles bieten können, so bleibt die Wärme und die Geborgenheit auf der Strecke. Billy dagegen wächst voller Liebe und Fürsorge auf und doch lassen sich die beiden noch nicht strafmündigen Jungen in einen Sog aus Kriminalität hineinziehen, angelockt durch Geld und jederzeit verfügbaren Drogen. Sie schauen voller Achtung auf Mehdi, der sie das Schießen lehrt, der sie gerne für Raubzüge einsetzt, der lange Arm des Gesetzes reicht für die beiden Kinder noch nicht, sie können wegen ihres jungen Alters nicht belangt werden. Doch irgendwann will Billy aussteigen, seine Mutter steht hinter ihm…

Alles beginnt, als der Schuss bereits gefallen ist. Es scheint so, als ob er seinen Freund erschossen hat und doch bleibt der Todesschütze nebulös. In Rückblicken erfahre ich von den beiden Jungen, wie sie sich kennenlernen, wie sie ticken und wie sie sich immer mehr in Straftaten verstricken, ihr vermeintlicher Mentor benutzt sie nur zu gerne für seine Zwecke.

In wechselnden Perspektiven erhalte ich immer mehr Einblick in das Handeln und die Denkweise der einzelnen Akteure, die Geschichte wird schrittweise aufgebaut. Das charakteristische der Figuren wird zunehmend sichtbar, der einmal in Gang gesetzte und irgendwann nicht mehr zu stoppende Prozess hin zur Tat scheint gar nicht anders möglich zu sein, zu weit haben sie alle sich vorgewagt, sich in kriminelle Machenschaften verfangen.

Was ist Recht, was ich Gerechtigkeit. Da wird ein Ladenbesitzer über Jahre terrorisiert, er wendet sich nicht nur einmal an die Behörden und stößt stets auf taube Ohren. Es wird gar nicht oder zu spät reagiert, das Rechtssystem wird regelrecht vorgeführt. Es erschüttert, wohin ein junges Leben führen kann. Man trifft die falschen Leute, vertraut denen und deren Versprechen, lässt sich nur zu leicht blenden, ein Entkommen ist schier unmöglich.

„Mit zitternden Händen“ zeichnet ein düsteres Bild, die Charaktere sind bis auf die Eltern von Dogge allesamt glaubhaft dargestellt. Diese jedoch waren leider zu klischeehaft als reiche, dem Nachwuchs gegenüber ignorante, dem Alkohol und Drogen zugewandte, feierfreudige Emporkömmlinge ohne jegliches Gewissen beschrieben, was mich äußerst irritiert hat. Dies jedoch ist mein einziger Kritikpunkt in der ansonsten überzeugenden Story.

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Veröffentlicht am 26.04.2023

Fakt oder Fiktion?

Erinnere dich!
2

Was geht hier vor? Manipulation? Oder doch eher ein Anstoß, endlich das längst Vergangene, das tief Vergrabene an die Oberfläche zu lassen? „Erinnere dich!“ Ein Psychothriller, der einen zuweilen den Atem ...

Was geht hier vor? Manipulation? Oder doch eher ein Anstoß, endlich das längst Vergangene, das tief Vergrabene an die Oberfläche zu lassen? „Erinnere dich!“ Ein Psychothriller, der einen zuweilen den Atem stocken lässt!

Ein Abi-Treffen steht an und Arno Seitz, Dozent an einer Uni in Berlin, zieht es eher nicht zu seinen ehemaligen Kommilitonen. Er fährt dann trotzdem und trifft seine damaligen Freunde wieder. Zu viert waren sie meist unterwegs, so auch bei einer Wanderung, bei der Maja verschwand. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, Majas Schicksal ist ungeklärt.

Ein durch und durch perfides Spiel nimmt seinen Anfang, als Arno aus der Post ein Handy fischt, das er bald wieder vergisst. Und dann ertönt als voreingestellter Klingelton „When the saints go marching in“ – Lost & Found ruft an. Er nimmt ab. „Erinnere dich!“ sagt die Stimme, Majas Stimme.

Es sind sehr beklemmende Szenen und ich frage mich nicht nur einmal: Warum wirft Arno dieses vermaledeite Handy nicht einfach weg? In ein tiefes Gewässer damit, die Person, die sich hinter Lost & Found verbirgt, zwingt ihn zurück in die Vergangenheit. Maja war seine Freundin und bald stellt er alles, was zwischen ihnen war, in Frage. Hat er Schlimmes verdrängt? Oder was genau bezweckt diese Unbekannte hinter Majas Stimme?

Zunächst nimmt Max Reiter seine Leser mit an die Uni und sein Edgar-Allan-Poe-Seminar, lässt an seiner gerade zu Ende gehenden Fernbeziehung teilhaben, das erste Drittel des Thrillers ist dazu da, Arno und sein jetziges Leben kennenzulernen. Schon interessant, aber diese Etappe hätte durchaus kürzer sein können.

Doch je weiter ich lese, desto mehr werde ich in das diabolische Spiel hineingesaugt. Und auch für Arno ist es wie ein Sog, dem er sich nicht mehr entziehen kann, zu tief ist er schon drin. Hat diese Person, diese Telefonstimme, lange, viel zu lange geschwiegen und will endlich Klarheit, will die Wahrheit aus ihm herauskitzeln? Will sie ihm schaden, ihn in einen Abgrund führen, ihm suggerieren, dass er ein Mörder ist? Sind es tief verborgene Erinnerungen oder wird er geschickt manipuliert? Arno weiß es selbst nicht mehr, seine Selbstzweifel nehmen zu. Und er meint, sich zu erinnern - an längst verschüttete Ereignisse, die er erfolgreich verdrängt hat.

Nach dem für meinen Geschmack zu gemächlichen Anfang nimmt die Story Fahrt auf, ein teuflisches Psychospiel nimmt seinen Lauf. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, keiner ist so ganz durchschaubar. Lediglich eine Nebenhandlung um einen jungen Studenten ist ein wenig drüber, diese Story in der Story hätte der Autor gerne weglassen können, auch wenn er sie geschickt ins Geschehen hineinmanövriert.

Ein Psychospiel. Verstörend, perfide, nach anfänglichen Längen gut und dicht erzählt.

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Veröffentlicht am 26.04.2023

Magie und Mystik zwischen Leben und Tod

Als wir Vögel waren
2

„Als wir Vögel waren“ ist der erste Roman aus der Feder von Ayanna Lloyd Banwo - ihre Wurzeln sind in Trinidad. Auch wenn sie seit kurzem in London lebt, so bleibt sie ihrer Heimat verbunden. Die vielschichtig ...

„Als wir Vögel waren“ ist der erste Roman aus der Feder von Ayanna Lloyd Banwo - ihre Wurzeln sind in Trinidad. Auch wenn sie seit kurzem in London lebt, so bleibt sie ihrer Heimat verbunden. Die vielschichtig angelegte Erzählung ist Leben und Tod, ist Magie und Phantasie.

Yejides geliebte Großmutter verzaubert sie schon als Kind mit geheimnisumwobenen Geschichten und dieses Mystische, verstandesmäßig nicht sofort Fassbare, schlängelt sich immer mal wieder dazwischen. „Als ich klein war, hat meine Granny oft eine Geschichte über sprechende Tiere und einen großen Krieg erzählt. In der Geschichte wird die Welt durch den Tod zerrissen, die Lebenden schaffen es nicht mehr, die Toten aufzuwiegeln. Da verwandeln sich die Vögel der alten Zeit in Corbeaux – Aasvögel – und vertilgen die Toten. Das Gleichgewicht ist wiederhergestellt…“

Um viele, um verschiedene Arten von Liebe geht es, auch und vor allem um Darwin und Yejide, zwei junge Außenseiter. Port Angeles auf Trinidad ist ihre Heimat, ihrer beider Leben könnte unterschiedlicher nicht sein und es dauert eine ganze Weile, bis sie sich begegnen.

„Emmanuel (Darwin) ist er. Ein Name, der auf ihrer Zunge süß und schwer klingt.“ „Sag nicht Ma´am zu mir, sag Yejide.“

Es ist eine leise Geschichte. Man meint, dass nicht viel passiert und doch geschieht eine ganze Menge. Emmanuel, der sich Darwin nennen lässt, lebt in ärmlichen Verhältnissen mit seiner Mutter, die von seiner Arbeit in Fidelis nichts wissen will. Und auch er schämt sich, hier arbeiten zu müssen, aber die Schlange der Arbeitssuchenden ist lang, zu lang. Er, der bis soeben ein Rastafari war, verwandelt sich auch äußerlich, schneidet sich die Haare und die Vergangenheit radikal ab. Er ist nun Totengräber und mit ihm gehe ich abends, bevor er das Tor zusperrt, über den Friedhof, auch um keinen einzuschließen.

Die zweite Hauptakteurin hier ist Yejide. Sie ist umgeben von starken Frauen. Vor allem die Verbindung zu ihrer Großmutter war von Liebe und absolutem Vertrauen geprägt. Und auch ihre Mutter, die eher kühle Distanz ausstrahlt, gibt ihr Ratschläge wie diesen: „Lauf. Nimm deinen Mann, nimm dich und lauf. Sollen die Toten die Toten begraben.“

Man sollte sich Zeit gönnen, sich in Ruhe der Geschichte widmen. Der Umgang mit dem Tod ist in einer uns eher fremden Kultur ein anderer, es ranken sich viele Mythen um ihn. „Alle Geistergeschichten sind Liebesgeschichten…“ so lese ich im Nachwort und nachdem ich dieses Buch zugeklappt habe, verstehe ich diese Aussage, vorher wäre ich eher verwirrt gewesen.

Es ist eine magische Liebesgeschichte und noch mehr… Über das Leben und Sterben, den Überlebenskampf, mit zuweilen nicht immer ganz legalen Mitteln, erzählt die Autorin in einer bildhaften, gut lesbaren Sprache, in einem gemächlichen Tempo. Magisch und mystisch angehaucht.

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Veröffentlicht am 25.04.2023

Vergnüglicher Spionagekrimi

Der treue Spion
2

„Der treue Spion“ erzählt von „Gryszinski und seinem schwierigsten Fall“ - für mich ist es der erste Fall mit ihm. Nachdem ich die ersten zwei Bände versäumt habe, war ich doch neugierig auf Gryszinski. ...

„Der treue Spion“ erzählt von „Gryszinski und seinem schwierigsten Fall“ - für mich ist es der erste Fall mit ihm. Nachdem ich die ersten zwei Bände versäumt habe, war ich doch neugierig auf Gryszinski. Trotz des Neueinstiegs hatte ich nie das Gefühl, Gravierendes verpasst zu haben. Ich lasse mich also ganz auf diesen historischen Krimi ein, der in zwei Zeitebenen erzählt wird.

Harper Audio hat diesen spannenden Kriminalfall in der Hörbuchfassung aufgelegt, routiniert vorgetragen von Michael Schrodt. Diese ungekürzte Hörbuchfassung hat eine Spieldauer von 13 Stunden und 20 Minuten.

Gleich mal gehe ich zurück ins Jahr 1986, als ein französischer Diplomat aus einem Münchner Hotel spurlos verschwindet. Gryszinskis Ermittlungen führen ihn bis nach St. Petersburg und drüber hinaus, den Spuren eines russischen Paares folgend. Es geht um Geheimpläne – wo sind sie abgeblieben? Jahrzehnte später tritt Fritz in die Fußstapfen seines Vaters, auch er in geheimer Mission unterwegs. Was seinem Vater damals nicht gelang, wird nun er fortsetzen.

Es geht für Gryszinski quer durch Europa und darüber hinaus – neben München führt ihn seine Tätigkeit nach Paris und Wien, auch Konstantinopel und wie schon erwähnt Petrograd werden von ihm anvisiert. Es ist später dann der Sohn, der direkt von der Front abberufen wird, um den lange zurückliegenden, noch immer unaufgeklärten Fall zu lösen. Er kann sich frei bewegen, stößt auf wenig Widerstand, was in dieser Zeit doch eher schwierig gewesen sein dürfte - diese historischen Eckpunkte übergehe ich mal großzügig. Das Hörbuch und die ganze Geschichte um Gryszinski in beiden Zeitebenen haben mir gut gefallen, ich bin mit ihnen weit gereist und das sehr gerne.

„Mit welch kolossalem Irrtum diese Geschichte begann…“ höre ich mit Vergnügen, ich begebe mich auf eine Reise in die Vergangenheit. Schon der Erzählstil ist dieser Zeit angepasst, ohne altbacken zu wirken. Nicht Hektik bestimmt ihr Leben, es ist eher beschaulich, Schrodts angenehme Stimme und sein lebendiger Vortrag tun ein Übriges. Die vielschichtigen Charaktere, allen voran Vater und Sohn, kommen authentisch rüber, die Geschichte baut sich langsam auf.

„Die Menschheitsgeschichte ist voll von Falschmeldungen in der ganzen Vielfalt ihrer Formen“ und diese falschen Identitäten, all die unterschiedlichen Wahrnehmungen und noch mehr werden aufs Unterhaltsamste dargeboten. Ein historischer Krimi, der gut unterhält und –soviel sei verraten - schlussendlich auch diesen Fall aufklären wird.

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