Akademisch sehr gut, emotional eher flach
KatabasisIch habe mich vorab sehr auf Katabasis gefreut. Kuang ist eine meiner Lieblingsautoren und Babel fand ich in der Dark Academia Schiene schon großartig.
Was ich bekam, war ein Buch, das mich in vielerlei ...
Ich habe mich vorab sehr auf Katabasis gefreut. Kuang ist eine meiner Lieblingsautoren und Babel fand ich in der Dark Academia Schiene schon großartig.
Was ich bekam, war ein Buch, das mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt, aber auch frustriert hat. Kuang entwirft eine faszinierende Version der Hölle: eine Art akademisches Unterreich, das sich wie ein grotesker Campus anfühlt - übervoll mit Symbolik, philosophischen Konzepten und literarischen Anspielungen. Schon allein die Idee, zwei verfeindete Postgraduierte auf eine Reise durch die acht Höfe der Hölle zu schicken, um ihren toten Doktorvater zurückzuholen, wirkt auf mich sehr unterhaltsam. Und ja, die Namenswahl Alice und Peter weckt ganz bewusst Assoziationen zu Alice im Wunderland und Peter Pan – auch das fand ich clever und gelungen.
Stilistisch merkt man Kuang wieder einmal ihre Brillanz und Belesenheit an. Es steckt unglaublich viel drin: von mathematischen Modellen über theologische Gedanken bis hin zu antiker Mythologie. Das ist faszinierend und hat mich persönlich gar nicht gestört - ich mag anspruchsvolle Fiction-Wissenschaft und ich mag es auch, beim ersten Lesen vielleicht nicht immer alles zu verstehen. Ich verstehe jedoch die Gegenstimmen, die genau dieses "Belehrende" kritisieren. In meinen Augen macht das jedoch ein bisschen den aktuellen Schreibstil von Kuang aus...
Was mich leider auch gestört hat, waren die Figuren. Alice blieb mir lange Zeit fremd und ungreifbar, und Peter - so viel Raum seine Hintergrundgeschichte auch bekommt - wirkte auf mich eher blass. Die emotionale Ebene blieb insgesamt auf der Strecke. Zwar gibt es interessante Spannungen zwischen den beiden, aber diese Beziehung hat mich nie wirklich mitgerissen. Auch der Plot war stellenweise zäh - besonders nach den ersten zwei Höfen der Hölle verlor das Ganze für mich deutlich an Energie. Die Struktur an sich (eine Reise durch klar abgegrenzte Ebenen) hätte eigentlich für ein gutes Erzähltempo sorgen können, aber die Dichte der Sprache und die ständigen Exkurse haben das oft ausgebremst. Auch der direkte Wurf in die Hölle am Anfang hat mich etwas überrumpelt.
Trotz all dieser Kritikpunkte erkenne ich Kuangs handwerkliches Können absolut an. Die Welt ist atmosphärisch dicht, die Themen sind mutig gewählt, und das Buch hat definitiv Tiefe. Das sind für mich auch die klaren Stärken des Buches: die Komplexität, die kluge Symbolik, den intellektuellen Anspruch. Für mich kommt die emotionale Verbindung trotzdem zu kurz. Zu den Figuren, zur Handlung, zur Geschichte als Ganzes. Ich war selten wirklich berührt oder gepackt, sondern eher neugierig auf die nächste Idee, das nächste Konzept. Am Ende hatte ich das Gefühl, ein sehr durchdachtes, gut konstruiertes Werk gelesen zu haben - aber kein Buch, das mich nachhaltig bewegt hat.
Insgesamt würde ich sagen: Katabasis ist ein Buch für Menschen, die gerne gefordert werden, die Spaß an komplexen, vielschichtigen Texten haben und denen eine gewisse emotionale Distanz nichts ausmacht. Für alle anderen - besonders für diejenigen, die sich eher von Charakteren und zwischenmenschlichen Entwicklungen mitreißen lassen wollen - könnte das Ganze schnell anstrengend wirken. Ich bin froh, es gelesen zu haben, Kuang bleibt trotzdem ein Auto-Buy-Author für mich. Trotzdem wackelt meine Grenzenlose Liebe ein kleines bisschen.
Kuang erwähnte auf einer Lesung, dass sie vielleicht einen zweiten Teil von Babel schreiben möchte (nachdem sie fließend französisch gelernt und den amerikanischen Bürgerkrieg studiert hat) und im Moment viel zu Künster*innen und deren Arbeiten recherchiert...Außerdem deutete sie an, dass sich ihr Schreibstil nochmal stark ändern wird, weil sie zur Zeit viel Posie liest und mehr auf Sprachrhythmen achtet. Ich bin gespannt, was sie uns als nächstes serviert.