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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.07.2023

Schöner, leicht melancholischer Sommerroman

Wer braucht schon Wunder
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Inhalt: Sommer 1983 in Kappeln an der Schlei, Norddeutschland. Lika hat gerade ihr Abitur gemacht und arbeitet für einige Wochen bei Fränki im Kakadu als Bedienung, bevor sie im Oktober ihren Vater und ...

Inhalt: Sommer 1983 in Kappeln an der Schlei, Norddeutschland. Lika hat gerade ihr Abitur gemacht und arbeitet für einige Wochen bei Fränki im Kakadu als Bedienung, bevor sie im Oktober ihren Vater und den kleinen Bruder, sowie ihren Heimatort verlässt, um ein Studium zu beginnen. Die Arbeit im Kakadu macht ihr Spaß, was unter anderem an dem französischen Koch Antoine liegt.
Es wird ein Sommer voller Liebe, aber auch ein Sommer des Abschieds und einer schmerzlichen Wahrheit.

Meine Meinung: In „Wer braucht schon Wunder“ erzählt Anne Müller sehr warmherzig und humorvoll von dem Sommer, bevor die 19-jährige Lika ihr Elternhaus verlässt. Es sind die letzten Wochen der Kindheit in der vertrauten Umgebung, bevor sie auf eigenen Beinen steht und erwachsen wird. Da ist in ihr die Freude auf etwas Neues, aber auch die Wehmut, den Vater und den kleinen Bruder verlassen zu müssen. Und dann verliebt sie sich in den wesentlich älteren Antoine und kommt einem für sie schmerzhaften Geheimnis ihrer verstorbenen Mutter auf die Spur. Für Lika ist dieser Sommer ein Auf und Ab der Gefühle.
Ich mag den Schreibstil und vor allem den Humor der Autorin sehr. Zudem hat sie es geschafft, mir die Stimmung des Sommers 1983 nahe zu bringen. Gut gefiel mir vor allem die für mich persönliche Parallele, denn ich war in diesem Sommer selber 19 Jahre alt. Auch das Setting in Norddeutschland und die Nähe zur Ostsee fand ich sehr schön und es hat zur sommerlichen Atmosphäre beigetragen.
Ich habe das Buch wirklich sehr gerne gelesen, allerdings sind mir einige Passagen negativ aufgefallen, in denen sich über zwei übergewichtige Frauen lustig gemacht wird. Beispiel: „Beide waren dick, auf die unförmige Art, und schienen die Verkörperung des Begriffs Sättigungsbeilage.“ Deshalb ziehe ich bei meiner Bewertung einen halben Punkt ab.

Fazit: „Wer braucht schon Wunder“ ist ein leichter, unterhaltsamer und etwas melancholischer Sommerroman.

Veröffentlicht am 18.05.2023

Das Wunder von Dieulefit

Die Kinder von Beauvallon - Der Spiegel-Bestseller nach wahren Begebenheiten
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Inhalt: 1940. Die neunjährige Lily verabschiedet sich auf dem Marktplatz von Sulzburg in Südbaden von ihrer gleichaltrigen besten Freundin Agnes, denn Lilys Familie gehört zu den 27 Menschen der jüdischen ...


Inhalt: 1940. Die neunjährige Lily verabschiedet sich auf dem Marktplatz von Sulzburg in Südbaden von ihrer gleichaltrigen besten Freundin Agnes, denn Lilys Familie gehört zu den 27 Menschen der jüdischen Gemeinschaft der kleinen Stadt, die ins Lager Gurs in Südfrankreich deportiert werden. Beide Kinder können noch nicht ahnen, was das für Lily bedeuten wird.
25 Jahre später erfährt Agnes im Rahmen einer Recherche für den Radiosender bei dem sie arbeitet, von einem kleinen französischen Ort namens Dieulefit, in dem im Zweiten Weltkrieg etwa 1500 Flüchtlinge von den Einwohnern versteckt wurden und so vor dem KZ gerettet. Für viele jüdische Kinder wurde die Schule Beauvallon bis zu Kriegsende ein neues Zuhause. Könnte auch Lily eines der Kinder sein und überlebt haben? Agnes Nachforschungen führen sie auf die Spur von äußerst mutigen und hilfsbereiten Menschen, die ihr Leben riskierten, um die Flüchtlinge zu schützen.

Meine Meinung: Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten. Das Dorf Dieulefit und die Schule Beauvallon, sowie die Lehrerinnen und einige andere hier erwähnte Charaktere, gab es wirklich. Die Geschichte um Agnes, Lily und Jolie ist zwar fiktiv, doch angelehnt an reale Vorbilder und hätte sich genauso abspielen können.
Wieder einmal schafft es Bettina Storks, uns auf spannende, berührende und unterhaltsame Weise auf eine Reise in die Vergangenheit mitzunehmen und ein dunkles Kapitel aus der Geschichte lebendig werden zu lassen. Ihr Schreibstil lässt sich trotz des ernsten Themas sehr angenehm und flüssig lesen. Zudem beschreibt sie alle Charaktere authentisch und bildhaft, so dass ich sie mir gut vorstellen und mit den Protagonisten mitfiebern konnte.
Die Autorin erzählt diese Geschichte auf zwei Zeitebenen und aus drei verschiedenen Perspektiven. Während wir in der Gegenwart Agnes bei ihrer Suche nach ihrer Freundin Lily und ihrer Recherche zu dem "Wunder von Dieulefit" begleiten, erfahren wir in der Vergangenheit, wie es Lily seit ihrer Deportation ergangen ist und lernen die junge und mutige Widerstandskämpferin Jolie kennen. Mir haben beide Zeitebenen gleich gut gefallen, wobei natürlich die Kapitel in der Vergangenheit noch dramatischer und berührender sind.
Ich hatte noch nie etwas von dem Dorf und seiner Geschichte gehört und finde es absolut bewundernswert, dass alle Einwohner des kleinen Städtchens zusammengehalten und geschwiegen haben. Respekt vor soviel Mut!

Fazit: Ein Roman, der schon auf den ersten Seiten berührt. Ein wichtiges und von der Autorin gut recherchiertes und authentisch erzähltes Kapitel aus unserer Vergangenheit über das man viel zu wenig weiß.

Veröffentlicht am 11.03.2023

Psychologisches Kammerspiel

In blaukalter Tiefe
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Inhalt: Der erfolgreiche Anwalt für Wirtschaftsstrafrecht Andreas, überrascht seine Frau Caroline mit einem zehn Tage langen Segeltörn in die schwedischen Schären. Ein lang gehegter Wunsch von Caroline ...

Inhalt: Der erfolgreiche Anwalt für Wirtschaftsstrafrecht Andreas, überrascht seine Frau Caroline mit einem zehn Tage langen Segeltörn in die schwedischen Schären. Ein lang gehegter Wunsch von Caroline und ein Versuch, ihre Ehe noch zu retten. Doch zu Carolines Überraschung hat Andreas seinen jüngeren aufstrebenden Anwaltskollegen Daniel und dessen Freundin Tanja eingeladen, sie auf dem Törn zu begleiten. Caroline ist davon nicht begeistert und auch Tanja fühlt sich unsicher. Mit an Bord ist auch der wortkarge und undurchschaubare Skipper Eric. Der Segelurlaub beginnt mit Sonnenschein, leckerem Essen, teurem Wein und guter Stimmung. Doch schon bald ändert sich das Wetter, genauso wie die Stimmung …

Meine Meinung: Der Roman wird aus den Perspektiven der vier Crewmitglieder Caroline, Andreas, Daniel und Tanja erzählt, so dass man sie schnell kennenlernt und einen kurzen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle bekommt. Ausgenommen wird hier der Skipper Eric, von dem der Leser so gut wie nichts erfährt. Es wird schnell deutlich, dass sich keiner der Anwesenden in dieser ungewohnten Situation wohlfühlt und sich ungezwungen verhält. Die zehn Tage auf engsten Raum werden für jeden der sehr unterschiedlichen Charaktere eine Herausforderung und die permanenten subtilen Sticheleien und Machtkämpfe deuten von Anfang an auf einen dramatischen Verlauf der Reise hin. Leider war mir keiner der Protagonisten besonders sympathisch. Am liebsten mochte ich noch Tanja, ihr Verhalten konnte ich am besten nachvollziehen.
Der Schreibstil von Kristina Hauff ist von Anfang an fesselnd. Geschickt baut sie eine langsam ansteigende psychologische Spannung auf, so dass man als Leser ab einem gewissen Zeitpunkt mit einer Eskalation rechnet. Die Autorin ist selbst Seglerin und ihre Beschreibungen der Yacht, sowie der Segelbegriffe und -manöver wirken auf mich authentisch und nachvollziehbar. Zudem lässt sie mit ihren stimmungsvollen Naturbeschreibungen wunderschöne Bilder im Kopf entstehen. Und gleichzeitig mit der Veränderung der Wetterlage ändert sich auch die Stimmung an Bord und es entsteht eine angespannte und schließlich bedrohliche Atmosphäre.
Ich würde „In blaukalter Tiefe“ als psychologischen Spannungsroman bezeichnen. Es geht um Machtkämpfe, Abhängigkeiten, zwischenmenschliche Beziehungen, um verlorene Liebe und Enttäuschungen.

Fazit: Mir hat der Roman sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 22.02.2023

Ergreifende Geschichte mit geschichtlichem Hintergrund

Als Großmutter im Regen tanzte
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Zum Inhalt: In der Gegenwart kehrt Juni in das Haus ihrer verstorbenen Großeltern auf eine kleine Insel in Norwegen zurück. Sie ist vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen und braucht einen Rückzugsort. ...

Zum Inhalt: In der Gegenwart kehrt Juni in das Haus ihrer verstorbenen Großeltern auf eine kleine Insel in Norwegen zurück. Sie ist vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen und braucht einen Rückzugsort. Im Haus entdeckt sie alte Fotos ihrer Großmutter Thekla, die diese mit einem deutschen Soldaten zeigen. Wer ist dieser Mann? Die Suche nach der Wahrheit führt Juni nach Deutschland.
In der Vergangenheit, ganz kurz nach dem Ende des 2.Weltkriegs, verliebt Thekla sich in Otto, einen deutschen Soldaten. In Norwegen als „Deutschenmädchen“ oder sogar „Deutschenhure“ beschimpft, beschließt Thekla zusammen mit Otto zu seiner Familie nach Demmin in Ostdeutschland zu reisen. Schon die Reise ist äußerst beschwerlich und aufreibend, doch in Demmin erwartet sie eine grauenvolle Überraschung.

Meinung: „Als Großmutter im Regen tanzte“ wird von der norwegischen Autorin Trude Teige auf zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt, die durch ein unterschiedliches Schriftbild gut zu unterscheiden sind. Ihr Schreibstil ist ruhig und einfühlsam. Sie schildert glaubwürdig die tragischen Ereignisse in Demmin, sowie auch die Zerstörung der Städte, den Hunger, die Kälte und die Wohnungsnot im Deutschland nach dem Krieg. Die Mischung aus historischen und fiktiven Ereignissen ist ihr gut gelungen.
Als ich begann, dieses Buch zu lesen, hatte ich überhaupt keine Vorstellung davon, was mich erwarten würde und ich wurde deshalb von den historischen Ereignissen in Demmin völlig überrumpelt und geschockt. Ich hatte bisher noch nie etwas davon gehört. Aber auch das, was Thekla und Otto zugestoßen ist, war für mich nur schwer zu lesen. Trotzdem fand ich die Geschichte insgesamt sehr fesselnd und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Die Atmosphäre bleibt zwar eher düster, aber man spürt auch die Hoffnung der Menschen auf ein besseres Leben.
Im Laufe der Geschichte werden lang gehütete Familiengeheimnisse aufgedeckt und so wird deutlich, wie sehr die traumatischen Erlebnisse Theklas weiteres Leben geprägt, und wieviel Einfluss sie noch auf die nachfolgenden Generationen haben.
Theklas Geschichte endet leider ziemlich abrupt. Zwar erfahren wir von Juni noch etwas über Thekla, doch ich hätte die Geschichte lieber weiterhin aus deren Sicht gelesen. Und auch in Junis Geschichte bleiben Fragen offen.
Ganz wichtig finde ich die Triggerwarnung vorne im Buch: „Der Roman enthält Szenen von sexualisierter Gewalt.“ , die an dieser Stelle allerdings leicht übersehen werden kann.

Fazit: Eine berührende, aber auch schockierende und gut recherchierte Geschichte über ein relativ unbekanntes Stück deutscher Geschichte.

Veröffentlicht am 10.02.2023

Geschichte in Romanform

Ginsterhöhe
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Inhalt: 1919. Nach dem Ende des 1.Weltkriegs kehrt der junge Bauer Albert Lintermann in sein Heimatdorf Wollseifen in der Eifel und zu seiner Familie zurück. Wegen seiner schweren Gesichtsverletzung mag ...

Inhalt: 1919. Nach dem Ende des 1.Weltkriegs kehrt der junge Bauer Albert Lintermann in sein Heimatdorf Wollseifen in der Eifel und zu seiner Familie zurück. Wegen seiner schweren Gesichtsverletzung mag seine Frau Bertha ihn nicht mehr anschauen und zieht sich von ihm zurück. Sie empfindet ihm gegenüber nur noch Abscheu. Doch zum Glück reagieren nicht alle Einwohner des kleinen Ortes so und Albert wird wieder Teil der Dorfgemeinschaft. Besonders mit dem italienischen Wirt Silvio und Leni, der Verlobten seines im Krieg gefallenen Freundes, verbindet ihn eine enge Freundschaft. Das Leben in Wollseifen verläuft in den nächsten Jahren relativ ruhig und trotz der Inflation geht es auch technisch voran. Doch nach Hitlers Machtübernahme beanspruchen die Nationalsozialisten einen Teil des Landes in Dorfnähe um es für eigene Zwecke zu nutzen.

Meine Meinung: Anna -Maria Caspari erzählt diese fiktive Geschichte, die jedoch auf wahren Begebenheiten beruht, aus verschiedenen Perspektiven und über den Zeitraum von fast drei Jahrzehnten. Doch im Mittelpunkt des Romans steht Albert. Die Einblicke in das Leben der Dorfbewohner lässt die traurige Geschichte des kleinen Eifeldorfes Wollseifen wieder lebendig werden. Durch den angenehmen, ruhigen und detailierten Schreibstil, sowie Alberts berührendes Schicksal konnte mich das Buch schnell fesseln. Vor allem am Anfang habe ich mit Albert, der sehr unter seinem missgestalteten Gesicht leidet, mitgelitten. Aber auch viele andere Charaktere mochte ich, doch natürlich gibt es auch einen richtigen „Fiesling“, der absolut unsympathisch ist und im Dorf für Unruhe sorgt. Anna-Maria Caspari beschreibt die Charaktere, das Dorf und die Arbeit der Bauern, sowie deren Liebe zu diesem Fleckchen Erde, so bildhaft und authentisch, dass ich mir alles sehr gut vorstellen konnte und ein Bild vor Augen hatte. Zwischendurch gibt es immer wieder Einblicke in die Tagebucheinträge des Lehrers Martin Faßbender über das Dorfgeschehen und die politische Entwicklung.
Als sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die bislang ruhigen Zeiten ändern, fürchten viele Dorfbewohner - vor allem die, die bereits einen Krieg erleben mussten - Schlimmes. Doch es gibt auch genug Einwohner, die von den Ideen der Nazis begeistert sind und sich später freiwillig zum Kriegsdienst melden. Das Kriegsgeschehen findet in den ersten Jahren zwar woanders statt, doch die Nähe eines Schulungslagers und der Nazi-Hochburg Vogelsang wird den Wollseifenern später zum Verhängnis. Auch die Rassenideologie der Nazis macht keinen Halt vor dem Dorf. Zudem bangen die im Dorf zurückgebliebenen Bewohner täglich um ihre Söhne an der Front und natürlich kommen nicht alle jungen Männer wieder nach Hause.

Fazit: Mir hat dieses ruhige und berührende Buch sehr gut gefallen. Ich hatte vorher noch nie von Wollseifen gehört und fand dieses Kapitel deutscher Geschichte so interessant, dass ich nach Beenden des Buches noch weiter darüber recherchiert habe. Von mir gibt es eine Leseempfehlung und ich freue mich schon auf den nächsten Eifel-Roman der Autorin, der im Juli erscheinen wird.