Platzhalter für Profilbild

KKruse

aktives Lesejury-Mitglied
offline

KKruse ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit KKruse über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.10.2023

Bittersweet Old Lady Marmalade

The Marmalade Diaries
0

Bittersweet Old Lady Marmalade

Autor Ben Aitken sucht in London eine bezahlbare Wohnung und findet zur Untermiete eine Bleibe bei der alten Winnie. Doch dann kommt Corona und die beiden verbringen ihren ...

Bittersweet Old Lady Marmalade

Autor Ben Aitken sucht in London eine bezahlbare Wohnung und findet zur Untermiete eine Bleibe bei der alten Winnie. Doch dann kommt Corona und die beiden verbringen ihren Alltag enger miteinander, als sie zuvor gedacht hätten. Dabei lernen sie sich nicht nur gegenseitig kennen, sondern lernen auch voneinander und entwickeln so eine einzigartige Beziehung. In Form eines Tagebuchs berichtet Ben Aitken von seinen Erfahrungen in diesem Jahr mit Winnie auf warmherzige und unterhaltsame Weise, sodass „The Marmalade Diaries“ für mich ein „Wolldeckenroman“ in diesem Herbst war.
Vor allem hat das Buch von der einzigartigen Winnie gelebt! Die schlagfertige 85-Jährige musste in ihrem Leben so manchen Schlag verkraften, hat aber stets allem standgehalten und ist selbst in ihrem hohen Alter noch überraschend selbstständig und agil. Bestechend ist ihr trockener, britischer Humor, der mich so manches Mal zum Schmunzeln gebracht hat. Zudem hat sie zahlreiche Marotten, die der Autor liebevoll beschreibt, sodass ich die skurrile alte Dame gerne selbst kennengelernt hätte. Winnies Charakter lässt sich gut mit der Orangenmarmelade vergleichen, die sie gläserweise auf Vorrat kocht: bittersüß. Mit ihrer scharfen Zunge mag sie Leuten manchmal vor den Kopf stoßen, sie tut sich schwer, Gefühle offen zu zeigen, aber dennoch kümmert sie sich aufopferungsvoll um Familie und Freunde und pflegt Haus und Garten mit Hingabe.
Ben Aitkens beschreibt seine Erfahrungen mit Winnie warmherzig und lustig, doch wird an mancher Stelle auch nachdenklich, da Winnie ihn einiges über das Leben und zwischenmenschliche Beziehungen lehrt. Vor allem gegen Ende wird das Buch etwas trauriger und melancholischer, aber ich hatte nie das Gefühl, dass der Autor in diesen gedankenvolleren Passagen allzu philosophisch oder lebensklug daherkommt. Man merkt ihm seine Entwicklung, die das Zusammenleben mit Winnie bei ihm ausgelöst hat, im Laufe der Lektüre glaubhaft an und kann als Leser diesem Prozess nachvollziehen.
Man mag kritisieren können, dass in dem Roman nicht allzu viel passiert und es in diesem Art Tagebuch keine richtige Handlung gibt. Doch für mich passt der Stil des Buches zum Corona-Lockdown, denn zu dieser Zeit stand das Leben schließlich still und man war auf sein unmittelbares Umfeld beschränkt, sodass dort jedes Detail an Wichtigkeit gewonnen hat. Mich hat es gerührt, wie der Autor die kleinen Freuden des Alltags hervorhebt, auch wenn es andere Leser vielleicht langweilen mag, dass wiederholt das Abendessen mit Winnie die Highlights und scheinbar Hauptthema des Tages sind.
Auch sind die Symboliken und Metaphern, die der Autor verwendet nicht besonders raffiniert, wie das Feuer (sei es im Kamin oder des Lebens), dass am Brennen gehalten werden muss oder die bittersüße Marmelade, die die Beziehung zusammenklebt. Aber da Ben Aitken so auf der alltäglichen Ebenen bleibt und seine Leser nicht überfordert, war der Roman für mich sehr eingängig, hat sich flüssig und authentisch als Tagebuch eines jungen Mannes gelesen und war aufgrund des warmherzigen Tons ein „Wolldeckenroman“, in dem ich mich richtig wohlgefühlt habe. Besonders da ich den britischen Humor und die britische Kultur mag, war es ein Spaß, auf so unmittelbare Weise den Alltag einer alten englischen Dame und ihres jungen Mitbewohners kennenzulernen, auch wenn die Umstände ihres Zusammenlebens in so eine besondere Zeit gefallen sind.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.09.2023

Irrlichtern im Moor: wunderbar atmosphärisch!

Als wir an Wunder glaubten
0

„Als wir an Wunder glaubten“ ist ein wunderbar atmosphärischer und spannend geschriebener Roman, der für mich aufgrund seiner geheimnisvollen Stimmung sehr gut in den Herbst passt. Ich habe mich direkt ...

„Als wir an Wunder glaubten“ ist ein wunderbar atmosphärischer und spannend geschriebener Roman, der für mich aufgrund seiner geheimnisvollen Stimmung sehr gut in den Herbst passt. Ich habe mich direkt in die Nebel des Moores, der nicht nur über der Landschaft, sondern auch in den Köpfen der Protagonisten hängt, hineinversetzt gefühlt und quasi lesend im schwammigen Untergrund stecken geblieben, sodass ich mich kaum vom Buch wegreißen konnte.
Der Roman spielt wenige Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs im norddeutschen Moor, wo die Bewohner fast noch wie im Mittelalter in alten Hütten oft ohne Elektrizität, Heizung oder fließendem Wasser leben. Trotz allem meistern die Moorbewohner ihren Alltag, auch wenn sie nach den Wirren des Krieges versuchen, diese Zeit hinter sich zu lassen und sich der Moderne anzunähern. Doch aufgrund der Abgeschiedenheit der Gegend fällt das schwer und unerklärliche Vorfälle werden schnell mit Hexerei und anderem Aberglauben begründet. So kommt es, dass, als Josef traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrt, ein Sündenbock unter den Moorbewohnern gesucht wird, der für Josef verändertes Verhalten verantwortlich gemacht werden kann. Schnell ist eine Schuldige ausfindig gemacht: Edith wird der Hexerei beschuldigt. Doch gerade diejenigen, die die Hexenjagd am meisten befeuern, haben sich während des Krieges und später selbst genug zu Schulden kommen lassen und versuchen dieses im Nebel des Moores und des Aberglaubens zu verschleiern.
Besonders überzeugt hat mich die Atmosphäre des Romans. Das Leben im Moor wird von der Autorin überzeugend dargestellt. Wie im 19. Jahrhundert oder gar wie im Mittelalter hausen die Bewohner in einfachen Katen, ohne Strom oder fließend Wasser, der Boden unter ihren Füßen ist schwammig und die Häuser sind schief und krumm, da sie sich organisch der wankenden Natur anpassen. Die Menschen führen also ein recht rückständiges Leben, sodass es verständlich wird, wenn sie Wunderheilern oder Aberglauben zum Opfer fallen. Im Laufe des Romans weitet sich dieser Aberglaube bis zum Wahn aus, sodass es möglich ist, hier einen Vergleich zur NS-Zeit zu ziehen, in der auch blind einer Ideologie gefolgt wurde und Sündenböcke gesucht wurden. Was dort der Antisemitismus war, ist nun der Hexenwahn. Der vermeintliche „Retter“ entpuppt sich als das eigentlich Böse und woran man glauben soll oder darf bleibt ungewiss. Der Autorin ist somit ein vielschichtiger Roman gelungen, der mir mehreren Bedeutungsebenen spielt und auf sich verschiedene Arten interpretieren lässt.
Auch sprachlich fand ich das „Als wir an Wunder glaubten“ gelungen. Es dominieren kurze, klare Sätze, die aber mit Bedeutung aufgeladen sind und einen zum tieferen Nachdenken bringen (z.B. „Ist Widerstand leisten mutig oder leichtsinnig?“). Jedes Wort sitzt, wo es soll und die klare, prägnante Sprache passt zu den nüchternen und pragmatischen Charakteren des Romans. Ohne viel Pathos, aber dennoch mit einem gewissen Augenzwinkern (z.B. wenn es um den Weltuntergang geht, den man ja auch nicht alle Tage erlebt…) schildert die Autorin das harte Leben der Moorbewohner. Besonders authentisch wird die Atmosphäre durch den Einsatz plattdeutscher Begriffe und Sätze, die einen beim Lesen noch einmal so richtig ins norddeutsche Moor hinüberführen.
Mich hat der Roman beim Lesen an Dörte Hansens Werke oder auch ein norddeutsches „Gesang der Flusskrebse“ erinnert. Bücher über die Nachkriegszeit gibt es sicher viele, aber hier ist vor allem der Handlungsort „Moor“ das Besondere, da er eine einzigartige, geheimnisvolle, bedrohliche Stimmung erschafft. Diese wird vor allem gegen Ende der Handlung verstärkt, wenn sich ein Gewitter zusammenbraut und man förmlich spürt, wie aufgeladen die Luft ist.
Mein Fazit also: Wunderbar atmosphärische! Ich bin äußerst gerne zwischen den Seiten im Irrlichtern Moor verloren gehen lassen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.07.2023

Wellen des Lebens

Sylter Welle
0

„Sylter Welle“, der erste Roman des Autors, Musiker und Podcasters Max Richard Leßmann, ist eine autobiografisch inspirierte Familiengeschichte mit sowohl liebevollen, als auch schmerzhaften Erinnerungen. ...

„Sylter Welle“, der erste Roman des Autors, Musiker und Podcasters Max Richard Leßmann, ist eine autobiografisch inspirierte Familiengeschichte mit sowohl liebevollen, als auch schmerzhaften Erinnerungen. Wie die Wellen der Nordsee bewegt sich das Leben zwischen Aufs und Abs: manchmal schwimmt man obenauf, manchmal reißt einen die Strömung mit. Diese Erfahrungen machen auch der Autor und seine Familie und trotz aller Verluste und Widrigkeiten steht Oma Lore als Matriarchin wie ein Fels in der Brandung und trotzt jedem Sturm.
Erzählt wird all dies von Max Richard Leßmann in einem lockeren, ironischen und lakonischen Stil, der erkennen lässt, dass er als Podcaster und Instagramer aktiv ist. Wie im Plauderton mit einem alten Freund berichtet er unterhaltsame Episoden aus der Familienhistorie sowie vom gegenwärtigen Urlaub mit Oma Lore und Opa Ludwig auf Sylt. Dadurch hat der Roman keine stringente Handlung, sondern reiht eher assoziativ verschiedene Szenen aneinander, sodass der Erzählfluss auch der titelgebenden Wellenbewegung entspricht.
Die Erzählzeit erstreckt sich über drei Tage, die der Enkel mit seinen Großeltern auf Sylt verbringt. Allerdings wird dort kein „Schicki-Micki“-Urlaub gemacht: der Enkel muss, um Geld zu sparen, auf dem Boden des Hotelzimmers schlafen und Kaffee und Kuchen wird nur „To Go“ am Strand auf den Knien verspeist. Solche Widersprüche ziehen sich durch den gesamten Roman. Schon nach den ersten Seiten wird trotz des lustigen Erzähltons deutlich, dass es bei Weitem nicht nur heitere Momente im Familienleben gab und gibt, sondern dass auch manche Schicksalsschläge verkraftet werden mussten. Welche das sind, wird im Laufe des Buches teils sehr überraschend enthüllt, wodurch immer deutlicher wird, dass das Leben helle und dunkle Seiten hat und es wie in Wellen auf und ab geht.
Weitere Beispiele, die diese Widersprüchlichkeiten des Lebens im Roman widerspiegeln, sind das universell von Opa Ludwig gebrauchte Schimpf- und Kosewort „Lerge“ aus dem Niederschlesischen, das sowohl abwertend als auch liebevoll gemeint sein kann. Oma Lores selbstangebaute Kartoffeln ernähren die ganze Familie und sind Leibspeise des Opas, haben aber unappetitliche schwarze Augen, die ungenießbar sind. Wohl am besten symbolisieren für mich Oma Lores saure Apfelringe, zu denen Erzähler Max eine Hassliebe hegt, das paradoxe Leben. Obwohl er sie nicht wirklich mag, gehören sie doch untrennbar zum Urlaub mit den Großeltern für ihn dazu und besonders mag er die saure Süßigkeit, wenn sie in der geöffneten Tüte steinhart geworden ist. Dieses passt wiederum genau zur Charakterisierung von Oma Lore selbst, die von außen hart und rau wie die Nordsee wirkt, aber im Inneren unter ihrer „Teflonschicht“ ein weicheres Herz verbirgt. Zwar kann sie ihre Emotionen selten offen zeigen, aber seit Jahren kümmert sie sich unerschütterlich um das Familienwohl und zeigt so indirekt ihre Zuneigung. So deckt sie Enkel Max nachts auf dem Hotelzimmerfußboden noch liebevoll mit einem zusätzlichen Handtuch zu - allerdings mit einem rauem Froteehandtuch. Trotzdem weiß der Enkel die Geste seiner Oma zu schätzen.
Am Ende des Urlaubs überwiegt für den Erzähler immer mehr das Nachdenken über Abschied und Vergänglichkeit. Er schärft das Bewusstsein dafür, dass alles sein Ende hat, aber dennoch wird es nicht allzu melancholisch. Dass man an den Widersprüchen des Lebens und den Schicksalsschlägen nicht verzweifeln muss, beweist schließlich Oma Lore, die sich stets wie ein Fels in der Brandung allen Herausforderungen entgegengestellt hat und nicht untergegangen ist.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, vor allem aufgrund des unterhaltsamen Erzählstils und der versteckten Symbolik. So hat das Buch eine zusätzliche Tiefe bekommen, die ich so im ersten Moment von dem Autor nicht erwartet hätte. Er trifft für mich das richtige Mittelmaß zwischen Unterhaltung und Reflexion und hat „Sylter Welle“ so zu einer kurzweiligen, aber dennoch zum Nachdenken anregenden Sommerlektüre gemacht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.05.2023

Es brennt!

Blue Skies
0

T.C. Boyles Romane greifen häufig aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftlich drängende Themen auf wie z.B. Migration („America“), die Besiedlung des Mars („Terranauten“) oder Tierversuche („Sprich ...

T.C. Boyles Romane greifen häufig aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftlich drängende Themen auf wie z.B. Migration („America“), die Besiedlung des Mars („Terranauten“) oder Tierversuche („Sprich mit mir“). Doch in seinem neuen Werk „Blue Skies“ behandelt er nun ein Problem, das im wahrsten Sinne des Wortes brennender nicht sein könnte: den Klimawandel und dessen Konsequenzen für Mensch und Natur.
Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in den USA. Während es in Kalifornien aufgrund des drastischen Temperaturanstiegs und der vom wolkenfreien Himmel glühenden Sonne brennt, kämpft die Bevölkerung Floridas mit Überschwemmungen und Hurrikans. Inmitten dieser klimatischen Dystopie findet sich die Familie Cullen wieder, in der Sohn Cooper das Verhalten seiner Eltern und seiner Schwester gegenüber der Natur kritisiert und scheinbar als einziger die Bedrohungen der Umwelt wahrnimmt.
Schockierend ist dieser grandiose und brandaktuelle Roman vor allem aufgrund der Tatsache, dass die dystopische Handlung in eine nahe Zukunft versetzt wird, die vom Autor äußerst realistisch dargestellt ist. Viele der angesprochenen Erneuerungen oder Erfindungen gibt es so bereits und dürften in den kommenden Jahren immer alltäglicher werden, wie etwa das Essen von Insekten oder Elektroautos mit Solardächern. Doch ebenso wie die positiven Innovationen realistisch anmuten, sind es auch die katastrophalen klimatischen Veränderungen, die der Autor eindringlich beschreibt. Das gelingt ihm so gut, dass man die Hitze der sengenden kalifornischen Sonne oder die schwülfeuchte Luft in Florida beim Lesen fast schon fühlen kann.
Und obwohl es bereits „brennt“, scheinen die meisten Protagonisten im Roman die warnenden Anzeichen der klimatischen Apokalypse zu ignorieren. Sie ändern kaum oder nur innerhalb ihrer persönlichen Komfortzone ihren Lebensstil. Die Kalifornier nehmen mehr oder weniger naiv das schöne Wetter und den strahlend blauen Himmel wahr und Schwester Cat, die in Florida lebt, sieht die Natur eher als Spielzeug und verkennt, dass die Umwelt nicht nach Belieben vom Menschen dressiert werden kann. Es rüttelt bei der Lektüre auf, dass man sich teilweise in den Handlungen der Charaktere wiedererkennt und realisiert, dass man selbst auch schon längst hätte anfangen müssen, etwas gegen den Klimawandel zu tun und die Bedrohung ernster zu nehmen. T.C. Boyle erschafft dieses hohe Identifikationspotenzial in „Blue Skies“ nicht nur thematischer, sondern auch in literarischer Hinsicht, indem er die Leser in einer Art „Stream of Consciouness“ direkt in die Köpfe, Gedanken und Gefühle der Protagonisten schauen lässt. So wird wie bereits oben erwähnt, nicht nur die Natur sehr plastisch beschrieben, auch die Romanfiguren wirken sehr lebensecht und lassen die Leser das Geschehen hautnah mitfühlen.
T.C. Boyle macht in seinem Roman deutlich, dass zwar die Natur mit all ihren Gewalten, sei es Feuer, Wasser, Wind oder die Fauna, eine Bedrohung für die menschliche Existenz darstellt. Aber ebenso ist der Mensch eine Bedrohung für die Umwelt und hat die dramatischen Konsequenzen seines Eingreifens in die Natur selbst zu verschulden. Beispielhaft lässt sich das am Thema „Insekten“ veranschaulichen, die zum einen im Roman als Fleischersatz eine Nahrungsgrundlage der Zukunft sind und somit Überleben sichern, andererseits aber die Menschen durch Krankheiten „vernichten“ können. Sie sind scheinbar klein und unbedeutend, können sich aber bereits über Millionen oder Milliarden von Jahren auf der Welt behaupten. Dagegen scheint die menschliche Existenz nichtig und sein Anspruch, die Krone der Schöpfung zu sein, arrogant. Als Fazit ließe sich ein Songtitel von Björk mit einer Ergänzung anführen: „Nature is ancient – humans not.“ Die Natur schlägt zurück.
Meiner Meinung nach hat T.C. Boyle mit „Blue Skies“ seinen wichtigsten, da so brandaktuellen Roman geschrieben. Sowohl literarisch als auch thematisch fesselt die Lektüre und schockiert zugleich. Eindringlich führt der Autor vor Augen, dass die Natur erbarmungslos zurückschlägt und wir die warnenden Anzeichen nicht länger ignorieren oder verdrängen dürfen, wie es die Charaktere im Roman tun, wenn wir die Dystopie in „Blue Skies“ nicht Realität werden lassen wollen. Wohin es führen kann, wenn man nur eitel Sonnenschein und den blauen, wolkenlosen Himmel sieht und entgegen aller Vernunft die Fassade eines scheinbar normalen Lebens aufrechterhält, zeigt sich anhand der Schicksale der Familie Cullen und all ihrer Mitmenschen. Ich brenne für diesen Roman und empfehle ihn unbedingt zu lesen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.04.2023

Von einem Held, der keiner sein wollte…

Unsichtbar
0

„Unsichtbar“ ist ein unglaublich bewegender Roman zum Thema Mobbing, der jugendliche und auch ältere Leser eindringlich darauf aufmerksam macht, die Augen nicht vor diesem Problem zu verschließen, sondern ...

„Unsichtbar“ ist ein unglaublich bewegender Roman zum Thema Mobbing, der jugendliche und auch ältere Leser eindringlich darauf aufmerksam macht, die Augen nicht vor diesem Problem zu verschließen, sondern ein geschärftes Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie man helfend einschreiten kann und sollte. Anhand der Leidensgeschichte des namenlosen Protagonisten in diesem Buch erfährt man als Leser unmittelbar, was es für Konsequenzen für die Mobbingopfer haben kann, wenn solche Unterstützung fehlt, was mich bei der Lektüre sehr mitgenommen hat. Aufgrund der Wichtigkeit und Aktualität des Themas Mobbing halte ich „Unsichtbar“ für eine wichtige Lektüre, die auch in Schulen gelesen werden sollte.
Wie gesagt, ist der Protagonist dieses Romans namenslos, wodurch seine Geschichte leicht übertragbar auf andere Personen ist. Er ist ein relativ normaler Teenager, interessiert sich zwar sehr für Mathe und ist eher ein „Nerd“ als der coolste Typ der Schule, aber trotz allem hat er gute Freunde, kommt mit seinen Mitschülern gut zurecht und lebt in einer Durchschnittsfamilie mit Vater, Mutter und kleiner Schwester. Doch eines Tages lässt er einen Mitschüler nicht bei einem Mathetest abgucken, woraufhin das Drama seinen Anfang nimmt. Aus Rache wird der Protagonist fortan von dem vermeintlich „starken“ Mitschüler und seinen Freunden gemobbt. Die Demütigungen werden immer schlimmer und offensichtlicher, doch anstatt zu helfen, verschließen die besten Freunde des Mobbingopfers, Lehrer, Mitschüler und Familie die Augen vor der Wahrheit und schreiten aus verschiedenen Gründen nicht ein: sei es Selbstschutz aus Angst, selbst Opfer zu werden, sei es Mitläufertum oder sei es einfach Ignoranz. Um mit seinem Leid fertig zu werden und zu verstehen, warum er so allein gelassen wird, flüchtet sich der Protagonist in eine fiktive Welt, in der zum Superhelden wird und in seinen „Superkräften“ eine Erklärung für seine schreckliche Lage findet. So wird er zum Helden, der eigentlich keiner sein wollte…
Während der Protagonist namenslos bleibt, sind alle anderen Charaktere namentlich bekannt und multiperspektivisch wird von verschiedenen Positionen aus über die Mobbingsituation berichtet. Dabei erzählt aber nur das Opfer selbst aus der ersten Person, alle anderen Figuren lässt der Autor in der dritten Person auftreten. So ist man als Leser besonders nah am Opfer und nimmt unmittelbar an seinem Leid teil. Es ist erschreckend, wie leicht jemand in diese Rolle fallen kann und welche Dynamik die Demütigungen entwickeln. Der Autor schildert alles sehr plausibel und bringt den Lesern durch kurze, emotionale Sätze die Erfahrungen der Charaktere äußerst nah. Mich hat der Roman bestürzt, weil er so authentisch ist und auch, weil er alle Seiten – Opfer, Täter, Mitläufer – zu Wort kommen lässt, wodurch ich mich permanent fragen musste, ob ich eingeschritten wäre oder mich auch von der Gruppendynamik hätte mitreißen lassen. Man entwickelt Verständnis für alle involvierten Charaktere, versteht ihre Beweggründe, aber dennoch leidet man mit dem Protagonisten mit. Aufgrund dieser reflektierten, multiperspektivischen Herangehensweise des Autors sollte das Roman in Schulen diskutiert werden, da das Thema Mobbing nicht unter den Tisch gekehrt werden darf, wie durch die Lektüre allzu deutlich wird!
Ob es am Ende des Buches noch einen echten Held oder eine echte Heldin gibt, der oder die dem Mobbing ein Ende setzt, will ich hier nicht verraten. Der namenlose Superheld der Geschichte wäre sicher lieber keiner geworden und hätte sein normales Teenagerleben weitergelebt. „Unsichtbar“ ist jedenfalls ein Appell an jeden von uns, zum Helden zu werden, wenn es die Situation erfordert, indem man Mobbing und anderen Schikanen ein Ende setzt. Und dafür braucht es nicht einmal übernatürliche Kräfte, sondern nur ein bisschen (Helden-)Mut!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere