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Veröffentlicht am 03.06.2023

Ein trostloses Buch

Die Straße
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Selten gefiel mir eine Buchverfilmung besser als das Originalwerk. Bei Cormac McCarthys Buch „Die Straße“ aus dem Jahre 2006 ist dies überraschenderweise der Fall.

Es geht um einen Mann, der zusammen ...

Selten gefiel mir eine Buchverfilmung besser als das Originalwerk. Bei Cormac McCarthys Buch „Die Straße“ aus dem Jahre 2006 ist dies überraschenderweise der Fall.

Es geht um einen Mann, der zusammen mit seinem Sohn durch den verwüsteten Südosten der USA läuft, mit den beiden Zielen a) das Meer erreichen und b) überleben. Denn es geschah eine nicht näher bezeichnete Katastrophe, weshalb es Jahre nach dieser Katastrophe kaum noch Überlebende und noch weniger Nahrungsmittel gibt. Die Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes gottverlassen. Grau, die Sonne schafft es nicht mehr durch den Dunst. Regen und Asche überall. Auf ihrer Reise begegnen die beiden trotzdem verschiedenen Menschen(-gruppen), die größtenteils eine Gefahr für Leib und Leben darstellen. Es scheint jede Menschlichkeit verloren.

Dieses Szenario beschreibt McCarthy in unglaublich bedrückenden, aber trotzdem mitunter auch poetischen Bildern. Durch zarte Andeutungen in der kargen Sprache des Vater-Sohn-Paares wird jedoch die Liebe der beiden zueinander und das Vorhandensein des „Guten“ im Menschen herausgearbeitet. Für mich die stärksten Momente dieses Buches.

Leider ist das Buch sehr bruchstückhaft geschrieben. Wir bekommen als Leser:innen nur kurze Sequenzen der Reise der beiden mit. Diese Sequenzen sind meist nur im Schnitt 20 Zeilen lang, denn wechselt die Szene erneut. Außerdem kommt es über die nur 250 Seiten zu vielen Wiederholungen. Immer wieder leiden die beiden Hunger. Immer wieder finden sie dann doch noch eine Essensreserve. Immer wieder treffen sie bedrohliche Mitmenschen. Immer wieder wird die Situation – meist recht folgenlos – aufgelöst. So gibt es nicht wirklich einen Spannungsbogen. Anders als dies in der filmischen Adaption der Fall ist. (Nach meiner Erinnerung, denn die Rezeption des Films liegt schon 10 Jahre zurück!)

Insgesamt hatte ich vielleicht vom preisgekrönten Buch dieses hochgelobten Autors zu viel erwartet. Finde ich die Lektüre des Romans durchaus empfehlenswert und wichtig, so konnte sie mich zum jetzigen Zeitpunkt in 2022 jedoch nicht mehr ganz mitreißen. Meine Vermutung ist, dass in 2006, vor unzähligen Filmen und Büchern zu (Zombie-)Apokalypsen, dieser Roman einfach noch mehr Resonanz erzeugen konnte, als dies heutzutage der Fall ist. Apropos (Zombie-)Apokalypse: Der Übersetzer des vorliegenden Buches, Nikolaus Stingl, hat auch „Zone One“ (2011) von einem meiner Lieblingsautoren Colson Whitehead übersetzt. Mit beiden holprigen Buchübersetzungen aus dieser Phase und mit diesem ähnlichen Inhalt bin ich leider nicht sonderlich zufrieden. Somit ein durchwachsenes Lektüreerlebnis.

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Veröffentlicht am 03.06.2023

Wenn die Sprache in jedem Satz Purzelbäume schlägt

Tristania
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Der Debütroman der finnischen Autorin Marianna Kurtto „Tristania“, findet an einem ganz ungewöhnlichen Schauplatz statt. Alles dreht sich um eine kleine 250 Seelen zählende Inselgemeinschaft auf Tristan ...

Der Debütroman der finnischen Autorin Marianna Kurtto „Tristania“, findet an einem ganz ungewöhnlichen Schauplatz statt. Alles dreht sich um eine kleine 250 Seelen zählende Inselgemeinschaft auf Tristan da Cunha, die abgelegenste bewohnte Insel der Erde. Besonders im Fokus der Romangeschehnisse im Jahre 1961 stehen zwei Ehepaare bzw. ein Kind. Das eine Paar lebt getrennt, seit Lars der Ehemann und Vater sich nach Großbritannien abgesetzt hat und Lise mit ihrem Sohn Jon auf der Insel zurückgelassen hat. Die Nachbarin Martha blieb bisher in ihrer Ehe mit Bert kinderlos und hat ein massiv prägendes Ereignis in ihrer Vergangenheit, welches noch heute ihr Leben beeinflusst. Zu Beginn hat man als Leserin noch das Gefühl alle Protagonist:innen gut einschätzen zu können, jeder hat seinen Platz in diesem Plot. Jedoch mit dem (historisch belegten) drohenden Vulkanausbruch in 1961 kommt nicht nur Lava aus dem Inneren der Erde ans Tageslicht, sondern auch einige Geheimnisse der Inselgemeinschaft.

Der Roman glänzt eindeutig durch die Wahl der Autorin für das Setting ihrer durch dramatische Ereignisse ausgelöste Kaskaden an menschlichen Offenbarungen. Nicht nur die im Laufe des Buches immer mehr offenen Verstrickungen der Inselbewohner bietet viel Potential, sondern auch die Örtlichkeit dieser (mir zumindest bis dahin) unbekannten Inselgruppe aber auch die zeitliche Einordnung in den 1960er Jahren. Leider wurde mir dieser ungewöhnliche Handlungsort nicht so nahe gebracht, dass sich tatsächlich vor meinem inneren Auge das Romangeschehen ausbreiten konnte. Hier musste ich an Hanya Yanagiharas „Das Volk der Bäume“ denken, welches sich zwar inhaltlich ganz woanders jedoch sowohl zeitlich als auch örtlich (bezogen auf eine abgelegene Inselgruppe) in einem ähnlichen literarischen Bereich bewegt. Das genannte Buch entführte mich bei der Lektüre vollständig in dieses Setting. Kurtto gelang dies leider nicht. Ebenso hatte ich bei der Lektüre mitunter Probleme das Personal auseinanderzuhalten und den Geschehnissen folgen zu können. Mit den Protagonist:innen bin ich bis zum Schluss nur bedingt warm geworden.

All diese Probleme haben meines Erachtens ihre Wurzel in der überambitionierten Sprache der Autorin. Diese nutzt poetische Sprachbilder einfach in einem für mich massiven und nervigen Übermaß. Die Autorin kann definitiv sehr gut schreiben, damit aber nicht haushalten. Die dauernde Überfrachtung der Sprache zerrt an der Aufmerksamkeit der Lesenden. Es wird schwer sich beim Lesen sowohl auf den Plot als auch die Sprachbilder zu konzentrieren. Am Ende leidet beides darunter. Durch genutzte Sprachbilder sollten Aussagen deutlicher und klarer werden. Aber durch das Zuviel davon verschwimmen nicht nur die Aussagen sondern die eigentliche Essenz der Handlung und der Personen. Hier ein beispielhafter Absatz mit allein fünf Sprachbildern, anhand welchem man erkennen kann, dass bei Marianna Kurttos Sprache annähernd jeder Satz Purzelbäume schlagen muss:

S. 52: „Es wird Oktober, der Frühling flimmert, das Tussock-Gras flattert im Wind wie die Haare eines Riesen [Nr. 1]. Martha kneift die Augen zusammen und sieht vor sich die Zukunft als Augenblicke, die dicht nebeneinander leuchten wie Perlen [Nr. 2] - sie wird sie von Bert bekommen, sie wird von ihm alles bekommen, und die bösen Träume werden tief in den Bauch des Vulkans rinnen [Nr. 3]. Dort werden sie verbrennen, sich an den Rändern ringeln wie alte Fotos [Nr. 4], die niemand mehr anschauen will. Martha wird den Kopf ihres Kindes streicheln, weich wie Schafwolle [Nr. 5].“

Obwohl das Personal sich zahlenmäßig noch in Grenzen hält, fiel es mir mitunter schwer die einzelnen Personen auseinanderzuhalten. Meines Erachtens liegt der Grund in den sehr ähnlich oder gar fast gänzlich gleich klingenden Perspektiven der Charaktere. Jedes Kapitel ist mit einem Personennamen überschrieben. Dieser Person wird in dem entsprechenden Kapitel gefolgt. Die Autorin wechselt hier zwischen personaler und Ich-Erzählperspektive hin und her. Wenn die personalen Perspektiven noch nachvollziehbar in der Sprache der Autorin Marianna Kurtto ausformuliert sein können, so sollten die Ich-Erzählperspektiven jedoch Eigenarten der einzelnen Personen herausarbeiten. Das geschieht kaum bis gar nicht. Das Prinzip, nach welchem Kurtto manchen Personen eine Ich-Perspektive und anderen nicht zugesprochen hat, ist mir bis zum Schluss verschlossen geblieben.

Nachdem über weite Strecken das Verwirrspiel der Charaktere und deren dunkle Vergangenheit mit der parallel angelegten drohenden Naturkatastrophe sehr gut konstruiert ist, wirkte mir das Ende des Buches dann doch zu „überzufällig“ konstruiert. Die Autorin hatte mich ab einem bestimmten Kipppunkt einfach verloren.

Schlussendlich handelt es sich hierbei durchaus um einen lesenswerten Roman. Man sollte jedoch wissen, auf was man sich sprachlich einlässt. Wer nicht von vornherein allein bei der Erwähnung von lyrisch-poetischer Sprache im Übermaß in Euphorie ausbricht, sollte zumindest vorab sich eine Leseprobe anschauen, um einschätzen zu können, ob er oder sie mit dem Stil von Kurtto zurechtkommt. Ich werde zukünftig eher einen Bogen um die Autorin machen.

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Veröffentlicht am 03.06.2023

Wer ist die Mutter?

Das Baby ist meins
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Normalerweise steht ab und an die Frage im Raum „Wer ist der Vater des Kindes?“. In diesem Roman dreht sich alles darum, dass zwei Frauen behaupten die Mutter eines Neugeborenen zu sein. Dabei wird die ...

Normalerweise steht ab und an die Frage im Raum „Wer ist der Vater des Kindes?“. In diesem Roman dreht sich alles darum, dass zwei Frauen behaupten die Mutter eines Neugeborenen zu sein. Dabei wird die Geschichte aus der Perspektive eines jungen nigerianischen Frauenhelds erzählt, der mit der Zeugung des Babys kurioserweise rein gar nichts zu tun hatte. Er wird von seiner Freundin mitten im ersten Corona-Lockdown vor die Tür gesetzt und sucht im Haus des verstorbenen Onkels Unterschlupf. Dort trifft er nicht nur seine verwitwete Tante sondern auch die ehemalige Geliebte seines Onkels sowie einen Säugling an. Beide Frauen behaupten das Kind sei ihres und es läuft auf einen Kampf der hysterischen Hühner hinaus.

Der letzte Satz ist etwas salopp formuliert, geht es doch ums Kindeswohl. Leider besteht aber ein Großteil der nur 128 Seiten kurzen Erzählung aus Hühnerkämpfen zwischen den beiden. Der Mitte Zwanzig jährige Ich-Erzähler dient zunehmend als Vermittler und wird über wenige Tage hinweg scheinbar erwachsen.

Die Geschichte ist solide erzählt und mal etwas anderes für Zwischendurch. Allerdings wirkt der Roman ein bisschen, wie ein Lockdown-Lückenfüller. So richtig mitreißen konnte er nie und bleibt letztlich recht dünn. Die drei Figuren dieses Kammerspiels haben nur wenig psychologische Tiefe und hinterlassen kaum einen Eindruck. Nachvollziehbar sind ihre Persönlichkeitsveränderungen nicht wirklich. Die Sprache bleibt dabei unaufregend.

Allein der „Ungewöhnlichkeitsfaktor“ beschert dem Roman von mir noch gerade so 3 Sterne. Kann man gelesen haben, muss man aber nicht zwingend.

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Veröffentlicht am 27.05.2023

Simple Form für intellektuell gewichtigen Inhalt

Stella Maris
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Der vorliegende zweite Teil des Doppelromans „Der Passagier“ und „Stella Maris“ von Cormac McCarthy besteht ausschließlich aus einem Dialog zwischen der Protagonistin Alicia Western, Schwester von Robert ...

Der vorliegende zweite Teil des Doppelromans „Der Passagier“ und „Stella Maris“ von Cormac McCarthy besteht ausschließlich aus einem Dialog zwischen der Protagonistin Alicia Western, Schwester von Robert „Bobby“ Western, welcher in „Der Passagier“ im Mittelpunkt steht, und ihrem Psychiater in der Nervenheilanstalt Stella Maris. Der Aufenthalt spielt sich in 1972 und damit acht Jahre vor der Handlung von „Der Passagier“ ab. Dies ist wichtig zu beachten, denn so gehören die beiden Romane inhaltlich eng zusammen. Warum der Autor mit seinem Verlag die Entscheidung getroffen hat, nun aber die Therapiegespräche von Alicia in ein gesondertes Buch zu packen, ist mir unverständlich. Denn ganz für sich alleinstehend hat dieser Roman mir persönlich leider nicht viel zu bieten.

Alicia springt im Schriftbild mitunter unübersichtlichen Dialog mal von allein mal von ihrem Psychiater angeregt von einem Thema zum nächsten. Sie hat sich selbst eingewiesen, äußert immer wieder latente bis akute Suizidgedanken, wird aber weder medikamentös noch anderweitig behandelt. „Noch anderweitig“ steht hier für mich auch dafür, dass die Therapiegespräche in wirklich keinster Weise Therapiegespräche sind. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt, inzestuöse Liebe, Mathematik, Philosophie, Physik und den Sinn des Lebens - ach ja und Alicias Halluzinationen in Form eines missgestalteten Zwergs und anderen Begleiter:innen - gesprochen. Alicia ist ein Genie auf dem Gebiet der Mathematik und lässt sich zu verschiedenen Mathematikern und ihren Theorien aus. Dem zu folgen war mir zwar durchaus möglich, trotzdem hat sich mir leider nicht erschlossen, was mir der Autor mit seinem Roman eigentlich grundsätzlich sagen möchte. Hat der Roman überhaupt eine Aussage? Ich weiß es wirklich nicht.

Mögen die Passagen zu Mathematik, Physik usw. eventuell fachlich korrekt sein, so ist es das gesamte psychiatrische Setting überhaupt nicht. Es wird mitunter Vokabular falsch verwendet, so nutzt McCarthy als Adjektiv für die Erkrankung „Schizophrenie“ das Wort „schizoid“, was fachlich vollkommen falsch ist, weil „schizoid“ erst einmal „nur“ eine Persönlichkeitsausprägung auf einem Kontinuum von Persönlichkeitseigenschaften beschreibt, die in der höchsten Ausprägung einer Persönlichkeitsstörung auftreten kann und somit einem grundsätzlich anderen Konstrukt zugrunde liegt als die psychische Erkrankung der schizophrenen Psychose. Ob dies unwahrscheinlicherweise in der Übersetzung schiefgelaufen ist, kann ich nicht beurteilen, da mir bis zu dieser Stelle im Roman nicht der englischsprachige Originaltext vorliegt. Was aber darüber hinaus zu bemängeln ist, die Umsetzung des gesamten therapeutischen Kontakts zwischen diesen beiden Personen. Der Therapeut folgt keinerlei authentischen Vorgehensweise oder zumindest den Grundregeln der Gesprächsführung. Einen Behandlungsplan scheint es nicht zu geben. Die Patientin scheint sich Hände tätschelnd in eine Sterbebegleitung begeben zu haben. Hanebüchen ist die Übersetzung des vom Psychiater (ermüdend) oft genutzten „All right.“ ins deutsche „Na gut.“ Damit sorgt der Übersetzer Dirk van Gunsteren zu noch mehr passiver Schicksalsergebenheit des Psychiaters als ohnehin schon im Gespräch in jedem zweiten Ausspruch von ihm steckt. Ich könnte mich an dieser Stelle noch ausführlicher über diese alles andere als authentische Behandlungssituation auslassen, belasse es aber dabei und nehme an, der Autor hat zwar sehr viele Freunde aus diversen naturwissenschaftlichen Fachgebieten, deren Wissen er in diesem Buch einfließen hat lassen, ein:e Psychiater:in oder Psycholog:in scheint jedoch nicht darunter zu sein.

Nach der ersten Hälfte des Buches hätte ich es am liebsten frustriert abgebrochen, habe dann aber doch unter der Prämisse weitergelesen, dass sich hier einfach nur zwei Menschen unterhalten, von der eine ein fachsimpelndes Genie ist und der andere irgendeine Person, aber kein Psychiater. Dann war es erträglich und wurde zum Ende des Buches hin sogar noch interessanter. Dies lag meines Erachtens auch daran, dass Alicia endlich noch längere und zusammenhängendere Redebeiträge zugestanden wurden. Allein aufflackernde Deutungen im Zusammenhang mit dem Inhalt aus „Der Passagier“ sind an diesem Roman wirklich interessant. Für mich erschließen sich jedoch kaum die tatsächlich dahintersteckenden Theorien, die uns Cormac McCarthy (hoffentlich) mitteilen möchte. Vielleicht gibt es diese aber auch gar nicht und es handelt sich bei „Stella Maris“ allein um ein prätentiöses Spätwerk eines gut belesenen Autors. Die Figurenkonstellation, die Figurenzeichnung sowie - und vor allem! - das Setting ist mir also zu unauthentisch. Die Figuren und ihr Dialog scheinen mir nur Marionetten und Mittel für McCarthys Anliegen, all sein gesammeltes Wissen in kondensierter Form in dieses (letzte?) Buch zu packen.

Wenn ich nun meine komplette Lektüre betrachte und die mildernden Umstände gelten lasse, wie ab der Hälfte des Romans getan, komme ich auf solide 3 Sterne. Ein gutes Buch, welches ich empfehlen würde nicht alleinstehend sondern als Folgelektüre zu „Der Passagier“ zu lesen; welches vielleicht besser als Ergänzung zum Inhalt innerhalb des ersten Romans (also alles in einem) funktioniert hätte.

3/5 Sterne

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Veröffentlicht am 27.05.2023

Die Früchte von Salomés Zorn

Salomés Zorn
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Salomé ist die Tochter einer niederländischen Mutter und eines kamerunischen Vaters. Sie ist den Niederlanden geboren und aufgewachsen, wird aber seit dem Bau eines Flüchtlingsheims im Dorf plötzlich automatisch ...

Salomé ist die Tochter einer niederländischen Mutter und eines kamerunischen Vaters. Sie ist den Niederlanden geboren und aufgewachsen, wird aber seit dem Bau eines Flüchtlingsheims im Dorf plötzlich automatisch als „ausländisch“ wahrgenommen. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium beginnt ihr Martyrium unter dem Mobbing weißer Jungs, die sie auch körperlich angreifen. So schafft ihr der Vater einen Punchingball an und zeigt ihr, wie sie sich verteidigen kann. Sie solle hart arbeiten und sich nicht beklagen, sich aber auch nicht zum Opfer machen lassen, im Zweifel durch den Feind durchschlagen. Als viele Faktoren zusammenkommen übertreibt es Salomé mit der Verteidigung und begeht eine Körperverletzung. Ausgangspunkt des Buches ist nun ihr Einzug in ein Jugendgefängnis. Nach und nach erfahren wir die Umstände ihrer Handlung aber auch die Ursachen, die dazu geführt haben.

Simone Atangana Bekono lässt ihre Protagonistin als jugendliche Ich-Erzählerin auftreten. Wir lesen ihren Gedankenstrom rund um die Inhaftierung und erleben ihren holprigen Weg zum Wandel mit. Das ist sprachlich nicht schlecht gemacht, wähnt man sich doch noch während der ersten Hälfte des Romans in einem Jugendroman. Wobei Salomé sich sehr differenziert ausdrücken kann, ist sie doch eigentlich eine sehr intelligente Schülerin gewesen, bevor es bergab mit ihr ging. Manchmal dreht sie aber auch durch und das spiegelt sich dann in ihrem Gedankenstrom adäquat wieder.

Die Grundidee zu diesem Roman finde ich hochinteressant: Eine jugendliche, weibliche Gewalttäterin, mit dunkler Hautfarbe, aus der Arbeiterschicht kommend. Allem voran ist der Aufenthaltsort der Jugendstrafanstalt etwas Besonderes. Hinzu kommt ein Therapeut, der versucht Salomé bei der Aufarbeitung ihrer Tat zu helfen. Nur ist dieser Therapeut oder vielmehr seine Hintergrundgeschichte unglaublich abstrus. Dieser hat ein Jahr zuvor bei einer Reality-TV-Show mitgemacht, in welcher er mit seiner Partnerin in ein afrikanisches Dorf geschickt wurde. Obwohl er es gut meint mit allem, verhält er sich aber naiv-rassistisch und merkt es nicht mal. Dieses Thema wird in der ersten Hälfte des Buches äußerst stark ausgebreitet, ist einfach nur skurril. In der zweiten Hälfte spielt die ganze Sache aber plötzlich keine Rolle mehr, ja, eigentlich spielt der Therapeut an sich keine Rolle mehr, ohne eine Herleitung, warum das jetzt im Plot so angelegt wurde. Dieses Stilmittel auf der Handlungsebene wirkt somit nicht zielorientiert und obsolet. Ebenso eingeworfen wirkt ein Stilmittel, welches häufiger in der zweiten Hälfte des Romans auftritt. Salomé hat auf dem Gymnasium den Griechischunterricht besucht und bindet daher stets griechische Sagen- und Tragödienfiguren in ihre Gedanken ein. Diese wirken aber mitunter nicht wirklich passend und scheinen nur da zu sein, um etwas cooles Intellektuelles in den Text einzuweben.

Nachdem mich der Roman zu Beginn nicht packen konnte, habe ich ab der Mitte sehr interessiert die Geschichte um Salomé verfolgt. Gerade die Abläufe im Jugendgefängnis sowie der Umgang der jugendlichen Straftäterinnen mit Impulskontrollstörungen untereinander waren sehr realitätsnah erzählt. Nur das Ende wirkte dann wieder vollkommen wirr und auch nicht wirklich nachvollziehbar. Irgendwie ein insgesamt „unrundes“ Lektüreerlebnis, dem eine interessanten Konstellation zugrunde liegt, aber in der Gesamtheit mich nicht wirklich überzeugen konnte. Wäre der schräge Therapeut nicht im Buch aufgetaucht und hätte den Fokus von Salomés abgelenkt, hätte mir die Geschichte vielleicht insgesamt besser gefallen. Die Geschichte hat Potential, welches allerdings nicht vollständig ausgeschöpft wurde.

3/5 Sterne

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