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Veröffentlicht am 10.07.2023

Eine Familiengeschichte mit überraschenden Offenbarungen

Nur ein paar Nächte
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„Nur ein paar Nächte“ basiert schon einmal auf einer eher untypischen Grundvoraussetzung. Ben ist alleinerziehender Vater, okay soll es geben. Aber er ist derjenige gewesen, der unbedingt ein Kind haben ...

„Nur ein paar Nächte“ basiert schon einmal auf einer eher untypischen Grundvoraussetzung. Ben ist alleinerziehender Vater, okay soll es geben. Aber er ist derjenige gewesen, der unbedingt ein Kind haben wollte in seinem Leben. Seine damalige Partnerin wollte dies allerdings nie, hatte es ihm gleich zu Beginn der Beziehung klargemacht. Als sie schwanger wird, treffen sie die Abmachung, dass sie für ihn das Kind austragen wird, er aber danach ein eigenes Leben mit dem Kind beginnt. Dieses Kind ist Mia, 12 Jahre alt zum Zeitpunkt der Haupthandlung des Romans. Und damit steigen wir gleich in den Tumult ein. Mia will nämlich zusammen mit ihrem 6jährigen besten Freund von Stuttgart nach Hamburg fahren, um ihre Mutter kennenzulernen. Das geht schief und kurz bevor die Polizei sie wieder zuhause bei Ben absetzt, klingelt dessen Vater an die Haustür und bittet um Asyl. Bens Mutter hat ihn rausgeworfen, nachdem er sie betrogen hat.

Nun spielt sie auf einer Ebene die Handlung des Romans an genau diesem einen Wochenende ab, als nicht nur Bens Vater bei ihm und Mia auftaucht, sondern nach und nach ein großes, improvisiertes Familientreffen entsteht und endlich Geheimnisse ausgesprochen werden müssen, um eine Klärung untereinander zu erreichen. Außerdem erfahren wir durch Rückblicke immer mehr über die Beziehungen der Personen untereinander und den anbahnenden Geschehnissen aus der Vergangenheit, die alle in diesem Wochenende enden. Dabei wechselt der Autor die personale Erzählperspektive zwischen den Figur durch, was den Roman – neben den Rückblicken – unglaublich auflockert und bessere Einblicke gewährt.

Nach und nach kommt es somit zu direkten und indirekten Offenbarungen über die Figuren des Romans, mit denen man als Leser:in mitunter gar nicht gerechnet hat. Unglaublich süffig liest man sich durch das Familienchaos, was aber durch die liebevolle Art, mit der der Autor mit seinen Figuren umgeht, immer auch nachvollziehbar und sympathisch in der Gesamtheit wirkt. Die kurzen Kapitel fliegen nur so vorbei und nebenbei hat man Anteil an einem fast familientherapeutischen Wochenendworkshop. Das könnte jetzt sehr moralinsauer klingen, ist es aber nicht. Verschiedene Seiten zu verschiedenen Standpunkten werden ausgeleuchtet und es tut einfach gut, mal ein Buch zu lesen, in dem gezeigt wird, wie heilend es sein kann, sich miteinander auszusprechen.

Literarisch ist der Roman jetzt kein Highlight. Er ist sprachlich solide verfasst und wirkt hauptsächlich über den (sozial-)psychologisch interessanten Plot. Spannend wird es durch die überraschenden Offenbarungen über die Figuren. Gerade was die Tochter Mia betrifft kommt etwas im Laufe des Buches heraus, was ganz einfach nur toll ist, dass es in einem Roman aufgegriffen wird. Allein kurz vor Schluss gibt es noch so eine Offenbarung von Bens Schwester, die natürlich auch zum Familientreffen angereist ist, die dann doch etwas too much rüberkommt. Da tritt etwas eher Unwahrscheinliches auf, was ein kleines bisschen das Fass zum überlaufen bringt bezüglich ungewöhnlicher Lebensereignisse.

Insgesamt hat mir der Roman gut bis sehr gut gefallen. Hätte sich der Autor zum Schluss ein wenig mit dem Eifer zurückgehalten, hätte es mir noch besser gefallen. Trotzdem gibt es meinerseits eine Leseempfehlung für diese sympathische Familiengeschichte.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 03.07.2023

Der Keim der Gewalt

Lieblingstochter
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Die Schweizerin Sarah Jollien-Fardel thematisiert in ihrem Roman „Lieblingstochter“ eine familiäre Problematik, die sie selbst wohl auch kenne, dennoch sei ihr laut einem Interview wichtig zu betonen, ...

Die Schweizerin Sarah Jollien-Fardel thematisiert in ihrem Roman „Lieblingstochter“ eine familiäre Problematik, die sie selbst wohl auch kenne, dennoch sei ihr laut einem Interview wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um ihre eigene Geschichte handele.

Es geht um eine Frau, die in einem Dorf voller „Wegseher“ im Wallis zusammen mit ihrer älteren Schwester bei den Eltern aufwächst. Alle im Dorf sehen weg, wenn es darum geht, dass der Vater der Familie seine Ehefrau und die Kinder regelmäßig zusammenschlägt, die ältere Tochter sogar vergewaltigt. Um mit dieser Bürde psychisch irgendwie zurechtzukommen, verinnerlicht die ältere Tochter, dass sie die „Lieblingstochter“ des Vaters sei. Erzählt wird uns die Geschichte aus der Ich-Perspektive der Jüngeren. Diese begleiten wir bis in ihr Erwachsenenleben und erfahren dadurch, welche Folgen dieser Keim der Gewalt bei ihr hinterlassen hat.

Mit einer rauen, schnörkellosen Sprache, die die Autorin ihrer Protagonistin in den Mund legt, erfahren wir vieles aus dem Leben eines Mädchens und später einer Frau, welche scheinbar – bis auf ein einziges Mal – von der direkten körperlichen Gewalt des Vaters verschont geblieben ist. Sie erklärt es sich damit, dass sie dem Vater sehr ähnelt und er deshalb kaum an sie Hand angelegt habe. Dass der Vater einen aggressiven Keim in ihr gepflanzt hat, scheint bestätigt, wenn sie als Erwachsene und eigentlich dem Elternhaus Entwachsene selbst wütende Ausbrüche zeigt und mit ihren Liebsten ähnlich umzugehen scheint, wie dies damals ihr Vater getan hat.

Die stärksten Momente des Buches liegen dort, wo die Autorin mit ihrer unverblümten Sprache durch reines Erläutern des Geschehens, ohne viel Interpretation, die Wucht beschreibt, mit der der Vater handelt. Es bleibt einem beim Lesen der Atem weg, wenn der Vater noch die erwachsene Protagonistin angreift und sie zurückfällt in ihre aus der Kindheit tief verwurzelte Hilflosigkeit und Schockstarre. Auch kann man sich aus dem Text gut herleiten, wie die Beziehungsfähigkeit eines Menschen noch über viele Jahre hinweg durch eine solch gewalttätige Kindheitserfahrung geprägt wird.

Mir war das Buch aber insgesamt ein wenig zu stark verdichtet. Gern hätte die Autorin ein bisschen tiefer in die Psychologie der Figuren einsteigen dürfen. Außerdem empfand ich die Erzählperspektive an manchen Stelle nicht ganz stimmig. So scheint es, dass die Protagonistin ihre Geschichte aus der Zukunft heraus erzählt, hat sie doch z.B. das Wissen, wenn sie das erste Mal zu einem Psychotherapeuten geht, dass sie diesen noch mehr als zehn weitere Jahre besuchen wird und sagt uns dies auch. Wenn wir also davon ausgehen, dass die Erzählerin zu Beginn ihrer erzählten Geschichte bereits alles weiß, was die Erwachsene weiß, passt eine Sache gar nicht zusammen: Sie erwähnt zu Beginn, dass sie selbst als Kind vom Vater verschont geblieben sei, ihre Schwester hingegen sei sogar von ihm vergewaltigt worden. Später im Roman sagt sie jedoch, er habe auch sie vergewaltigt. Was aus der reinen Kindersicht Sinn macht, nämlich als Schutzmechanismus vor dem Trauma sich nicht an das Geschehene erinnern zu können, macht meinen Sinn mehr, wenn die an Erkenntnissen und vielen Jahren der Psychotherapie Gereifte uns ihre Geschichte von Anfang an erzählt. Aber vielleicht habe ich auch einfach etwas missverstanden…

Insgesamt empfinde ich dieses Buch als ein sehr wichtiges, welches sehr gut die Zusammenhänge von Gewalt in der Familie und zukünftige Beziehungsfähigkeit literarisch interessant darstellt. Lesenswert ist es auf jeden Fall und – wie ich finde – aufgrund der reduzierten Sprache auch „erträglich“ im Sinne von: man schafft es, das Schreckliche, was beschrieben wird, zu ertragen beim Lesen.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 16.06.2023

Amüsantes Romanensemble in schickem Gewand

Meine Mutter sagt
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Stine Pilgaards Debütroman „Meine Mutter sagt“ gehört eindeutig nicht zum literarischen Einheitsbrei, führt inhaltlich wie auch formelle Besonderheiten in die Romanform ein, bleibt aber leider unterm Strich ...

Stine Pilgaards Debütroman „Meine Mutter sagt“ gehört eindeutig nicht zum literarischen Einheitsbrei, führt inhaltlich wie auch formelle Besonderheiten in die Romanform ein, bleibt aber leider unterm Strich eher als amüsanter Unterhaltungsroman hängen.

Die Ich-Erzählerin des Romans, Studentin kurz vor dem Abschluss des Studiums, wurde von ihrer älteren Partnerin verlassen. Warum? Die Partnerin will Kinder, die Erzählerin nicht. Das Problem lag schon länger in der Luft, die Trennung scheinbar unumgänglich. Für die tendenziell eher labile Erzählerin ist dieses Ereignisse jedoch viel zu viel und es wirft sie komplett aus der Bahn. Sie zieht bei ihrem Vater ein, ein größtmöglich toleranter Hippie-Pastoren-Vater, der großer Pink Floyd Fan ist (wird im Roman noch einmal sehr relevant!). Die Mutter, welche schon seit der Kindheit der Protagonistin vom Vater getrennt lebt, oder vielmehr er von ihr, beschallt nun ihre Tochter sowohl mit Ratschlägen aber hauptsächlich eher mit ihren eigenen Bedürfnissen.

Unterbrochen wird die Handlungsebene, auf welcher es darum geht, dass die Protagonistin ihren Liebeskummer zu überwinden lernt, durch die sogenannten „Seepferdchenmonologe“. Gleich zu Beginn wird ihr nämlich im Gespräch mit ihrem Arzt klar, dass sie durch ihr besonders gutes Gedächtnis, welches über den Hippocampus-Bereich des Gehirns ins Langzeitgedächtnis konsolidiert wird, scheinbar mit den Seepferdchen verwandt ist. In den Monologen lässt die Protagonistin nun immer wieder vermittelt über verschiedene Sinneseindrücke Erinnerungen aus ihren früheren Partnerschaften, Liebeleien, One-Night-Stands und Affären aufleben. Das ist eine interessante Technik, die die Autorin hier anwendet, aber leider verlieren diese Einschübe im Verlauf des Romans an Dringlichkeit und Relevanz, klingen manchmal wie pseudo-philosophische Überlegungen.

Auf der formellen Ebene fällt auf, dass die Autorin auf jegliche Anführungszeichen verzichtet, obwohl ein überwiegender Anteil des Textes in direkter Rede verfasst ist. Das führt an manchen Stelle dazu, dass es so klingt, als würde der Konjunktiv I verlangt, aber nicht bedient. Soll heißen, es gibt Sätze die identisch mit „Meine Mutter sagt, ich habe dies und jenes gemacht…“ beginnen, aber einmal bedeutet es (aus dem Kontext zu erschließen), dass mit dem „ich“ die Mutter selbst gemeint ist und manchmal mit dem „ich“ die Ich-Erzählerin gemeint ist. Das macht das Lesen gerade zu Beginn sehr holprig. Man gewöhnt sich daran, aber der Sinn und Zweck des Ganzen erschließt sich mir nicht.

So fällt zwar der Roman in Bezug auf die große Masse der unterhaltenden Literatur formell auf, kann aber seine inhaltlichen Themen nicht langfristig platzieren. Denn schlussendlich bleibt nach der Lektüre wenig vom Roman hängen. Die ein oder andere Situationskomik gibt es auf jeden Fall und man kann gut schmunzeln, aber inhaltlich verläuft sich das Ganze zum Ende hin. Zunächst bekommen wir über weite Strecken den juvenilen Weltschmerz der Protagonistin mit, der eine recht einfache Auflösung erfährt. Wirklich interessant am Buch ist weniger die Erzählerin als die skurrilen Nebenfiguren, die mit ihren Eigenarten immer wieder für Amüsement sorgen. So finden wir heraus, dass die Mutter es mit der Wahrheit nicht so eng sieht und deshalb das, was sie laut Titel des Buches sagt, auch häufig auf die eigenen Bedürfnisse zurechtgebogen sein kann.

Es handelt sich hier um ein durchaus kurzweiliges Buch, welches sich trotz der anfänglichen Eingewöhnungszeit gut lesen lässt, aber leider darüber hinaus nicht lange hängen bleiben wird. Besonders hervorheben möchte ich die liebevolle Gestaltung des Buches, welche dem Kanon Verlag ganz hervorragend gelungen ist. Das lässt das bibliophile Herz höher schlagen.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 03.06.2023

Die phantastischen Tierwesen der Essiggasse

Der Schrank
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Die Erzählung „Der Schrank“ ist der dritte Teil der sogenannten „Essiggassen“-Trilogie. Als ich das Buch las, war mir nicht bewusst, dass es zwei Vorgänger gibt, aber eins sei betont: Man kann dieses Büchlein ...

Die Erzählung „Der Schrank“ ist der dritte Teil der sogenannten „Essiggassen“-Trilogie. Als ich das Buch las, war mir nicht bewusst, dass es zwei Vorgänger gibt, aber eins sei betont: Man kann dieses Büchlein auch ohne Kenntnis ebendieser lesen.

Inhaltlich dreht sich alles um Lena, eine Möbelpackerin, die mit ihren beiden Kollegen Yilmaz und Korni zum letzten Auftrag des Tages, dem Transport eines antiken Kleiderschranks durch die Innenstadt von Wien geschickt wird. Im Laufe der Geschichte tauchen immer mehr Tiere in den Straßen Wiens auf und immer mehr Personen, inklusive der beiden Kollegen, verschwinden.

Während der erste Teil der Geschichte sich noch im Realismus bewegt und Themen aufgreift wie Arbeitsbedingungen, Zeitdruck sowie die Unvereinbarkeit mit Privatleben, kippt sie im zweiten Teil eindeutig nicht nur in die Phantastik sondern gar in den kafkaesken Surrealismus. Sprich, es wird auf rätselhafte Weise unheimlich und auch unerklärlich. Ich hatte hier aufgrund des Klappentextes eher mit Magischem Realismus gerechnet. Das Kafkaeske war mir letztlich zu viel und ließ mich mit zu vielen Fragezeichen nach der Lektüre zurück.

Auch wenn ich die großartigen Illustrationen von Jorghi Poll wirklich gemocht habe, so konnte mich Sailer mit seinem Schreibstil und dem Plot der Erzählung nicht überzeugen. Dafür war mir die Sprache einfach zu simpel gestrickt und z.B. auch mit zu vielen Aussagen in Klammern versehen, die den Lesefluss störten.

Abschließend war es eine gute Lektüre für zwischendurch, aufgelockert durch die wunderschönen Illustrationen, die mir aber manchmal mehr gesellschaftskritische Aussagekraft besaßen als der Text von Sailer an sich. Und das störte mich dann wiederum. Denn Illustrationen zu einem Text, sollten keine Inhalte vermitteln, die der Text nicht mitbringt. Sie können Bereicherung sein ja, aber ein Text sollte auch für sich stehen können.

Somit spüre ich leider keine Begeisterung über die Geschichte, sodass ich mir wohl doch nicht, wie vorgenommen, als ich herausfand, dass es noch zwei vorangegangene Veröffentlichungen gibt, die anderen beiden dazukaufen werde. Die Lektüre bereue ich nicht, trotzdem schade, dass es mich nicht gepackt hat. 3,5 Sterne von mir für dieses liebevoll gestaltete Büchlein von Edition Atelier.

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Veröffentlicht am 03.06.2023

Fantastische Trauer?

Schlangen im Garten
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Ja, Trauer kann fantastisch sein. Und zwar nicht im Wortsinne von „super, spitze, mega“ für „fantastisch“ sondern im Sinne von „unwirklich, übernatürlich, märchenhaft“. Denn so sieht die Trauer der Familie ...

Ja, Trauer kann fantastisch sein. Und zwar nicht im Wortsinne von „super, spitze, mega“ für „fantastisch“ sondern im Sinne von „unwirklich, übernatürlich, märchenhaft“. Denn so sieht die Trauer der Familie Mohn im Roman „Schlangen im Garten“ von Stefanie vor Schulte aus, fantastisch.

Johanne, die Mutter von Steve, Linne und Micha und Ehefrau von Adam ist gestorben. Als sei dieser Schicksalsschlag nicht schon schwer genug zetern nun die Menschen im Umfeld der Familie, diese solle doch langsam mal darüber hinwegkommen und weiter machen mit diesem Ding, das Leben heißt. Trauer bewegt sich innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Normen und wer nicht ins Bild passt stört. Denn Steve treibt auf seinem Longboard mit geschlossenen Augen durch die Stadt, Linne prügelt sich mit allem und jedem, Micha zieht sich gefährlich weit zurück und Adam bekommt die alltäglichsten Dinge nicht mehr auf die Reihe. Also kommt Post vom Traueramt und mit ihr Herr Ginster ins Leben der Familie. Er ist Trauerbeamter und dafür zuständig, dass die Familie doch nun bitte mal vorankomme in ihrem Trauerprozess. Alles bürokratisch korrekt, wie es sich gehört.

Und mit Herrn Ginster ziehen ebenso immer mehr märchenhaft-fantastische Elemente in das Leben der Mohns ein und somit auch in das Schreiben von Stefanie vor Schulte. Im Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass die Trauer der Familie nur in der Fantastik dargestellt werden kann, denn Trauer ist etwas Unausprechliches. Das Leben in Trauer ist ver-rückt. So verrückt die Realität des Romangeschehens immer weiter in eine skurrile, surreale Fantasiewelt. Immer häufiger kommt es zu unrealistischen Ereignissen. Die Bilder, die dieses Stilmittel erschafft, sind besonders im Mittelteil unglaublich stark. Die Herangehensweise der Autorin an die Thematik erscheint geradezu frisch im Vergleich zu vielen anderen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte zum Thema Trauer. Aber sie schlägt wiederum auch in eine Kerbe, welche gerade in den letzten ca. fünf Jahren häufiger in der Literatur auftaucht: Trauer und Verlust mit Absurdität bis skurriler Komik zu begegnen. Man denke an „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber, „Barbara stirbt nicht“ von Alina Bronsky oder ähnliches. Das Besondere von vor Schultes Buch ist sicherlich die Fantastik.

Leider sehe ich hier allerdings auch die größte Schwäche des Romans. Denn gerade im letzten Drittel verschwimmt nicht nur Realität mit Fantasie, das Fantastische verdrängt vollständig das Realistische. Unglaublich viele übernatürliche Dinge geschehen und man verliert beim Lesen fast den Überblick, was jetzt eigentlich geschieht. In die Realität finden wir nicht wieder zurück und treiben verschollen in der Mystik. Ohne zu viel zum Ende zu verraten, so hätte es mir doch besser gefallen, wenn wir uns zuletzt hätten wieder in einem realistischen Raum des Trauerprozesses wiederfinden können.

Die Haupt- und Nebenfiguren waren durchaus interessant gezeichnet, auch wenn ich ihnen nur punktuell wirklich richtig nahe war und mit ihnen gefiebert habe. Auch dieser Kontakt zu den Figuren, welcher im Mittelteil besonders eng war, verlor sich zunehmend im letzten Drittel des Buches. Der Schreibstil der Autorin ist solide und findet passende Bilder und Beschreibungen für diesen unaussprechlichen Zustand nach dem Tod einer geliebten Person.

Über zwei Drittel des Buches hinweg wähnte ich mich in einem sehr guten, wenn auch nicht grandiosen Werk zum Thema Trauerprozess bzw. Trauerbewältigung. Das letzte Drittel schoss dann meines Erachtens jedoch etwas zu weit übers Ziel hinaus und ließ mich eher unzufrieden zurück. Wenngleich „Schlangen im Garten“ für mich mit 3,5 Sternen „nur“ ein insgesamt (überdurchschnittlich) gutes Buch darstellt, kann ich es durchaus für eine unkonventionelle Lektüre zum Thema Trauer weiterempfehlen.

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