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Veröffentlicht am 08.10.2017

"Ansichten eines Sterbenden"

Am Leben Sein
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"Ich kenne einen Menschen, der mit 17 Jahren erfuhr, dass er an einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung leidet, die im Laufe der nächsten 3 bis 6 Jahren zum Tode führen sollte." - Sein Name ist ...

"Ich kenne einen Menschen, der mit 17 Jahren erfuhr, dass er an einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung leidet, die im Laufe der nächsten 3 bis 6 Jahren zum Tode führen sollte." - Sein Name ist Paul.

Bei dem Buch "Am Leben Sein" von Ines Schmidt handelt es sich in dem Sinne nicht um einen Roman oder Sachbuch, es ist etwas viel Persönlicheres. Ihr Sohn Paul erfuhr mit 17, dass er an der unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung ALS leidet. Aus der Sicht seiner Mutter Ines und seiner besten Freundin und Seelenverwandten Franzi begleiten wir Paul bei seinem Kampf ums Leben bis hin zum letzten Atemzug.

"Manchmal muss man glauben, um zu sehn, dass es noch mehr gibt, [...] Und so dreh ich mich immer weiter, immer weiter. Und irgendwann seh ich mein Leben, immer noch im Zweifel stehn, das würd ich mir nie vergeben, dieses Leben ist zu schön."

Ihr Buch zeigt einem erneut, wie wertvoll das Leben ist, dass Lebenswillen so wahnsinnig wichtig ist und man vor allem eines: Nie aufgeben soll, solange bis einfach nichts mehr geht. Dieses Buch ähnelt einer Erzählung, einem Tagebuch gepaart mit Bildern und Liedern. In ihm steckt so viel Mut, Kraft und Freude am Leben, aber auch das mit der Erkrankung verbundene Leid und die Trauer. 162 Seiten plus Audio-CD, die so viel Raum für Emotionen, Gedanken und Leben bieten. Es ist einzigartig in dem, was es aussagt und dabei kein gewöhnliches Buch und vielleicht kann auch nicht jeder damit etwas anfangen, aber ich wünsche mir, dass dieses kleine Buch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in dieser großen Welt bekommt. Mit dem Kauf geht ein Großteil des Autorenerlöses an ALS-mobil e.V. sowie an den Interdisziplinären Bereich für Paliativmedizin der Universitätsmedizin Rostock. Also warum nicht ab und zu mal etwas Gutes tun, wenn man ein Buch kauft oder anderen helfen, egal in welcher Form auch immer. Nur zusammen ist das Leben ein Stück einfacher, auf alles andere haben wir oftmals leider keinen Einfluss.

"Musik öffnet, genau wie die Liebe, den Blick für das Leben, den Sinn unseres Seins. Musik ist so unglaublich kraftvoll wie die Liebe. Für Paul war sie die Kraftquelle überhaupt. Er lebte mit ihr, von ihr, durch sie, und starb mit ihr!"

Veröffentlicht am 11.09.2017

Wenn Berge Freundschaft bedeuten

Acht Berge
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"Acht Berge" ist für mich ein bis ins Detail stimmender Roman über die Freundschaft, das Leben, die Ruhe, den Verlust und die Liebe zu den Bergen. Kein Wunder, dass dieses Buch bereits in Italien zu einem ...


"Acht Berge" ist für mich ein bis ins Detail stimmender Roman über die Freundschaft, das Leben, die Ruhe, den Verlust und die Liebe zu den Bergen. Kein Wunder, dass dieses Buch bereits in Italien zu einem Bestseller wurde, mein Lieblingsbuch ist es bereits. Die Erzählung besteht aus 3 Teilen - "Berge der Kindheit", "Haus der Versöhnung" und "Winter eines Freundes" - von denen bereits jeder Einzelne etwas Wunderbares besitzt. Die "Berge der Kindheit" widmet sich der Entwicklung der Freundschaft zwischen den Kindern Pietro und Bruno, dem Bergjungen. Pietro hatte in Mailand nie wirklich Freunde gefunden, doch als seine Eltern beschlossen auf dem Land ein Haus zu mieten, lernt er den Neffen der Vermieterin kennen. Aus beiden werden nicht nur Freunde, sondern Bruno fügt sich immer mehr in die Familie ein und wird so etwas wie ein Bruder. Doch "Unsere Freundschaft war in diesen Bergen beheimatet, und was im Tal passierte, durfte nicht damit in Berührung kommen." Gemeinsam erleben und teilen sie fast alles miteinander, bauen ein Haus und wir begleiten sie durch die kommenden Höhen und Tiefen. Der Berg und Grana wird für Pietro so etwas wie ein Zufluchtsort, sein Freund, sein Ausgleich. Er folgt den Spuren seines Vaters und lernt ihn nach seinem Tod von einer ganz neuen Seite kennen zulernen.


"Denn von meinem Vater habe ich [...] gelernt, dass es für manche Menschen Berge gibt, zu denen sie nicht zurückkehren können. Dass es mitunter, genau wie für ihn oder mich, unmöglich ist, zu den Bergen zurückzukehren, die im Mittelpunkt alle anderen und am Anfang der eigenen Lebensgeschichte stehen."


Paolo Cognetti entführt uns auf seine ganz eigene Art und Weise in eine Gegend abseits des Trubels, voller Liebe und Wärme. Die vielen schönen Details, die Ruhe und die emotionale Tiefgründigkeit machen es zu einem rundum großartigen Roman, der noch lange nachhallt und den man immer wieder neu entdecken und lesen kann.


"Du bist derjenige, der kommt und geht, während ich bleibe, genau wie immer."­

Veröffentlicht am 26.08.2017

mehr als nur ein Krimi

Ein angesehener Mann
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"I sat back on the bed and, not for the first time, questioned what I was doing out here, in this country where the natives despised you and climate drove you mad and the water could kill you. And not ...

"I sat back on the bed and, not for the first time, questioned what I was doing out here, in this country where the natives despised you and climate drove you mad and the water could kill you. And not just the water, pretty much everything out here seemed designed to kill an Englishman..."

A RISING MAN - ein Buch, welches mich ab der ersten Seite nicht mehr losgelassen hat. Diese Geschichte spielt im alten Calcutta, Indien in der Zeit um 1919, als der frisch versetzte Sam Wyndham dort auf seinen ersten Fall stößt.

Der Krimi als solches hat einen recht standardmäßigen Ablauf - ein mysteriöser Mord, die Ermittlungen folgen, Zeugenbefragungen, eine Festnahme, es war der Falsche und am Ende ist es dann doch jemand aus dem näheren Umfeld, mit dem man nicht unbedingt gerechnet hatte. Abir Mukherjee schafft es jedoch den Leser mit dieser Geschichte vollkommen zu fesseln und in die damalige Zeit eintauchen zu lassen. Hinzu kommen die verschiedenen Charaktere, die diese Geschichte so emotional aufgeladen und greifbar machen. Es ist nicht nur ein einfacher Krimi, es ist die Mischung aus historischen Fakten, gesellschaftlichen Konflikten, faszinierenden Charakteren, Verstrickungen, Spannung und Humor, die dieses Buch für mich zu einem absolut großartigen Kriminalroman und Auftakt einer Serie machen. Im englischen Original ein absoluter Lesetipp - auch für Nicht-Krimifans (wie mich) geeignet.

Veröffentlicht am 26.08.2017

Du solltest mehr Welt hineinlassen

Was man von hier aus sehen kann
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Ich hatte ja bereits - dank zahlreicher begeisterter Rezensionen - meine Erwartungen an dieses Buch recht hoch angeschraubt, aber Mariana Leky hat mit ihrem Roman diese eindeutig mehr als übertroffen. ...

Ich hatte ja bereits - dank zahlreicher begeisterter Rezensionen - meine Erwartungen an dieses Buch recht hoch angeschraubt, aber Mariana Leky hat mit ihrem Roman diese eindeutig mehr als übertroffen. Bereits der Prolog zeigt, dass es sich hierbei um ein literarisches Highlight dieses Jahres handelt. Es ist ein nahezu perfektes Konglomerat aus Überraschungen, Unterhaltung, Weisheiten, Witz, Liebe und Trauer gepaart mit reichlichen Situationen, die man auch in seinem eigenen Leben wiederfindet - sei es der rasende Buschfunk innerhalb des Dorfes, die Eigenarten und schrulligen Macken einzelner Hauptfiguren, die Begeisterung für den Buddhismus oder andere Länder und Ängste über seine eigenen Schatten zu springen. Diese Geschichte zeigt uns, dass man sich die Abenteuer für die man gemacht ist nicht immer aussuchen kann und Veränderungen manchmal auch ganz plötzlich und ohne Worte geschehen, doch alles am Ende irgendwie auch gut läuft, sofern man es sich auch eingesteht. Ohne zu viel vorweg zu nehmen ist Was man von hier aus sehen kann einfach eine Bereicherung für jedes Bücherregal und ein Buch welches auch noch langfristig beschäftigen wird - zumindest ist mein Kopf auch noch nach Stunden voller Gedanken und irgendwie doch ganz leer.

Veröffentlicht am 29.07.2025

Vom Träumen, dem harten Alltag und dem rauen Meer

Der Krabbenfischer
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„Das Meer ist so weit draußen, dass es nicht mehr als ein Versprechen ist, auf das nur Verrückte vertrauen. Das alte Versprechen von Ebbe und Flut…“

In Benjamin Woods Roman „Der Krabbenfischer“ [Ü: Werner ...

„Das Meer ist so weit draußen, dass es nicht mehr als ein Versprechen ist, auf das nur Verrückte vertrauen. Das alte Versprechen von Ebbe und Flut…“

In Benjamin Woods Roman „Der Krabbenfischer“ [Ü: Werner Löcher-Lawrence] tauchen wir ein den Alltag des titelgebenden Protagonisten. Jeden Tag fährt Thomas Flett hinaus, dorthin wohin sich das Meer zurückzieht. Während alle anderen bereits auf Motorschlepper setzen, ist er der letzte, der noch mit Pferd und Kutsche hinaus fährt um bei Niedrigwasser Krabben zu fangen um damit den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter zu bestreiten. Mehr können sie sich momentan eh nicht leisten. Die beiden leben in eher ärmlichen Verhältnissen, kämpfen sich von Schulden zu Schulden und wohnen in einem kleinen, reparaturbedürftigen Haus etwas abgeschieden in Longferry. Der gerade mal zwanzigjährige hat seinen Vater nie kennengelernt. Die Schule musste er abbrechen um seinen Großvater bei seiner Arbeit zu unterstützen. Von ihm lernte er alles über das Meer, die Gezeiten und Senklöcher, die Krabben und das Handwerk - das ist auch das einzige, was ihm geblieben ist.

Und das wäre vermutlich auch alles so weitergegangen, hätte der amerikanische Regisseur Edgar Acheson auf der Suche nach einer passenden Kulisse für eine Buchverfilmung, ihn nicht am Strand gesehen. Er heuert Thomas an ihn zu begleiten und ihm das Meer bei Nebel zu zeigen. Die Bezahlung ist mehr als gut und lässt Thomas für einen kurzen Moment atmen. Schon am Abend fahren sie hinaus.

„Er hat das Gefühl, etwas an seinem Schicksal könnte sich zum Besseren wenden. All die trostlosen Schichten am Meer, die unbelohnt geblieben sind. Die unermüdlichen Gebete seiner Ma vorm Schlafengehen. Nun, endlich fällt etwas für sie ab, ein paar Glücksreste, von denen sie das Fleisch abnagen können. Es ist ewig her, dass er ohne ein grummelndes Grauen im Magen diesen Weg entlanggefahren ist und sich auf den Abend und die Nacht gefreut hat.“

Doch ganz so einfach, wie gedacht wird es nicht. Edgar möchte immer weiter hinaus, das Meer aus der Nähe sehen, die dortige Atmosphäre einfangen. Der Nebel wird immer dichter; die Anspannung auch.

„At first light we wake/ to gulls in the shallows/ tack up our horses/ pack up the cart
The pier is bright/ with lamps still burning/ once weve arrived/ were so nearly departed
Lord, give me life enough to do this again/ to rise with the tide in the morning at Longferry/ Let me go home with the whiskets full of the shrimp/ bury me here in these waters/ so I can be a seascraper/ a seascraper forever“

Dieser Roman hat so eine ganz besondere Atmosphäre. Man taucht sehr schnell in die ‚ländlichen’ Sechzigerjahre ein, spürt förmlich das raue, herbe Wetter an der See, die Kraftanstrengungen, das Überwasserhalten. Woods erzählt in seinem Roman vom Leben eines einfachen Krabbenfischers, dem das Schicksal bislang nie etwas Gutes wollte… bis zu eben jenem Treffen, das für ihn alles verändern soll und ihm ein Stück weit die Welt öffnet; ihn erneut träumen lässt. (Lebens-)Träume wäre vielleicht das übergeordnete Motiv dieses Romans. Während den Regisseur die bestmögliche Verfilmung eines Buches antreibt, für das er alles hergeben würde, so ist es bei Thomas etwas, das ihm durch seinen Alltag viel zu sehr entgleitet - die Liebe zur Musik und Joan, der Schwester eines Freundes. Beim Lesen musste ich häufig an Myers „offene See“ denken, das ähnlich ruhig und besonnen von einer sich entwickelnden Freundschaft und die sich damit öffnende Welt erzählt… auch zwischen Thomas und Edgar erspinnt sich trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe ein Band und eine Verbindung, die vielleicht sogar weit über diesen Roman hinausgeht. Gern wäre ich den beiden noch weiter gefolgt und wünsche mir nun einen zweiten Teil, sowie ein bisschen Hoffnung und Mut für die beiden.

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