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Veröffentlicht am 07.08.2023

Resteuropa

Der Vorweiner
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In einer nahen Zukunft ist von der Welt nicht mehr viel übrig. Resteuropa, Restrussland, Restchina werden die Länder genannt, die sich innerhalb der Grenzen befinden, die noch nicht vom Wasser überspült ...

In einer nahen Zukunft ist von der Welt nicht mehr viel übrig. Resteuropa, Restrussland, Restchina werden die Länder genannt, die sich innerhalb der Grenzen befinden, die noch nicht vom Wasser überspült worden sind. Man existiert nur noch so lange, wie es Daten über jemanden gibt. Stirbt jemand, wird seine Asche zerstreut und die gesamte Existenz aufgelöst. Die Oberschicht bezahlt die Niederschicht, um einfache Arbeiten ausführen zu dürfen. Gefühle sind beinahe nonexistent. Deshalb halten sich viele aus der Oberschicht sogenannte Vorweiner - Migranten, die beim Tod des Arbeitgebers bei dessen Beerdigung (Zerstreuung) weinen und die emotionale Trauer übernehmen. Die Oberschicht lässt sich operieren und operieren, die Niederschicht träumt vom Vorweinen. Und A wie Anna? Träumt von Blut wie B wie Bertha, ihre Tochter, davon, Zeit totzuschlagen.

Auch einen Tag nach Beendigung des Buches weiß ich noch nicht genau, was ich davon halten soll. Einerseits ist es einfach zu verstehen. Der Autor hält uns einen Spiegel vor, angeblich von einer nahen Zukunft, aber was hier passiert, sind schon schmerzhaft nahe Einschläge am gelebten Jetzt. Es ist absurd und skurril - kein Wunder, wir leben in einer absurden und skurrilen Zeit und die Wahrscheinlichkeit, dass sich das in den nächsten Tagen, Wochen oder Jahren ändert, tendiert gegen Null. Gleichzeitig ist die Geschichte schräg, brutal und manchmal sogar banal. Lakonisch und abgehackt. Sogar eklig. Und erwähnte ich schon überspitzt? Keine Lektüre, die wirklich Spaß gemacht hätte, aber das sollte sie gar nicht. Irgendwo im Klappentext steht preiswürdig - und preiswürdige Bücher sind nicht dafür ausgelegt, von der Masse gemocht zu werden. Ich glaube, ich habe die Intention des Autors verstanden, aber es gibt Dinge innerhalb der Geschichte, die ich nicht verstanden habe. Vielleicht muss man das aber auch gar nicht. So oder so: ein unbequemes Buch, eines, das zu nahe dran ist, um es genießen zu können.

Veröffentlicht am 05.08.2023

Wenn Nostalgie tötet

Prophet
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Irgendwo in England taucht plötzlich ein hellerleuchtetes amerikanisches Diner auf - doch niemand arbeitet darin, es gibt keinen Strom, keine Zufahrtsstraße. In seiner Nähe findet man in einem Feuer einen ...

Irgendwo in England taucht plötzlich ein hellerleuchtetes amerikanisches Diner auf - doch niemand arbeitet darin, es gibt keinen Strom, keine Zufahrtsstraße. In seiner Nähe findet man in einem Feuer einen toten Militärangehörigen und diese beiden ungewöhnlichen Ereignisse rufen auch ungewöhnliche Ermittler auf den Plan: Alan Rubenstein, der korrekte, zurückhaltende Offizier und sein chaotischer Partner Sunil Rao, der von allem eine Ahnung hat, nur nicht weiß, was Disziplin bedeutet. Sie müssen sich zusammenraufen, um eine Katastrophe, ausgelöst durch Geheimdienste und nach Weltherrschaft strebende Milliardäre, zu verhindern und das ist gleichzeitig für beide das Schwerste und Einfachste der Welt, denn sie kennen einander von verschiedenen Missionen gut - vielleicht zu gut.

Auch nach Beendigung des Buches bin ich mir nicht sicher, ob das Ganze ein absolut grandioser Wurf ist oder schon viel zu abgedreht, um noch ernstgenommen zu werden. Was sicher ist: Die Autorinnen können schreiben. Auch wenn ich manchmal keine Ahnung hatte, warum die Beteiligten so handelten, wie sie handelten, so war die unterschwellige Bedrohung durch Prophet ständig spürbar, ebenso die Skrupellosigkeit gewisser Behörden und Allianzen. Mit den Protagonisten haben sie ein Paar geschaffen, das allein durch ihre Charakterisierung und Dialoge zu fesseln weiß und auch wenn einiges schon arg übertrieben wirkte (ausgerechnet diese beiden haben völlig andere Reaktionen auf gewisse Dinge als alle anderen), so wirkte es natürlich gleichzeitig als Katalysator für alles, was nicht nur zwischen ihnen passierte. Ein Buch, das mir gefallen hat und ich mir durchaus als Miniserie bei Netflix vorstellen könnte.

Veröffentlicht am 27.07.2023

Der unscheinbare Mister Sattisway

Der seltsame Mister Quin 2
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Mister Sattisway, der kleine, reiche, ältere Mann, ist nicht einmal mehr verwundert, wenn er in der Welt der Reichen, Schönen und Künstler auf seinen Bekannten Mister Quin trifft. Denn dieser taucht immer ...

Mister Sattisway, der kleine, reiche, ältere Mann, ist nicht einmal mehr verwundert, wenn er in der Welt der Reichen, Schönen und Künstler auf seinen Bekannten Mister Quin trifft. Denn dieser taucht immer dann auf, wenn Sattisway selbst spürt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Dabei muss es sich nicht unbedingt um Mord und Totschlag handeln. Auch Betrugsmaschen werden aufgeklärt, Dramen bemerkt und zur Kenntnis genommen, boshafte Intrigen vereitelt. Und so schnell und unbemerkt Mister Quin auftaucht, so schnell verschwindet er meistens auch wieder. Seltsam ist er, in der Tat. Er ist dafür da, den kleinen Sattisway aufmerken zu lassen, Dinge ans Licht zu bringen, während er selbst eher im Schatten agiert.

Im Gegensatz zu dem, was im Klappentext behauptet wird, sind weder Mister Sattisway noch Mister Quin Detektive, schon gar keine Privatdetektive. Der kleine Snob Mister Sattisway wäre sicherlich zutiefst entsetzt, hielte ihn jemand dafür. Ich mochte beide Charaktere noch immer, aber ich hätte es lieber gehabt, wenn wirklich eher wieder echte Kriminalfälle gelöst wurden wären anstatt sich auf die Tragödien des Menschseins zu konzentrieren und mir gefällt auch die Richtung, in die die Identität des Mister Quin gedrückt wird, nicht richtig. Der Sprecher ist noch immer einzigartig gut geeignet für diese Geschichten.

Veröffentlicht am 20.07.2023

Ben's cooking

Chef's Kiss
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Ben Cook hat soeben das College mit einem Abschluss in Literatur in der Tasche und zieht mit seinen besten Freunden in eine WG. Er braucht dringend einen Job, am besten einen, der gut bezahlt wird und ...

Ben Cook hat soeben das College mit einem Abschluss in Literatur in der Tasche und zieht mit seinen besten Freunden in eine WG. Er braucht dringend einen Job, am besten einen, der gut bezahlt wird und in dem er seine Fähigkeiten fürs Schreiben ausleben kann. Doch es ist wie verhext - egal, was er tut, niemand will einen Anfänger einstellen. Da stolpert er plötzlich bei einem Restaurant über eine Stellenanzeige, auch für Quereinsteiger. Und nicht nur das: Einer der Köche dort ist Liam, Liam mit seinem muskulösen Körper, den Tattoos, dem freundlichen Lächeln. Ben versucht sich als Koch und macht das gar nicht schlecht. Doch da sind immer noch seine Eltern, die sich für ihren Sohn etwas anderes wünschen, sowohl als Job als auch in einer Beziehung.

Wir haben hier eine sehr süße Geschichte vorliegen, bei der fast alle Charaktere megatolerant sind. Einerseits gefällt mir sehr gut, dass es so einen Zusammenhalt unter den (neuen und alten) Freunden gibt, andererseits gibt es da kaum Potenzial für Konflikte, und der Konflikt, der dann mal war, verpuffte ziemlich schnell. Ähnlich ist es auch mit den Eltern, da wäre weitaus mehr drin gewesen. Alles in allem ist es jedoch wirklich schnuckig gezeichnet und erdacht. Homophobe Personen sollten natürlich Abstand davon halten. Im Endeffekt ist das Buch genau so cute, wie es das Cover mit rosa Schweinchen andeutet: What you see is what you get.

Veröffentlicht am 04.07.2023

Die Verborgenen

Emily Wildes Enzyklopädie der Feen
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Emily Wilde ist Professorin, Gelehrte, Forscherin und führende Expertin für Feen, die gerade die erste Enzyklopädie über dieses "kleine" Volk verfasst. Ihre neueste Forschung führt sie deshalb allein mit ...

Emily Wilde ist Professorin, Gelehrte, Forscherin und führende Expertin für Feen, die gerade die erste Enzyklopädie über dieses "kleine" Volk verfasst. Ihre neueste Forschung führt sie deshalb allein mit ihrem großen irischen Wolfshund Shadow an den Polarkreis, in das abgelegene Dorf Hravsnik. Dort will sie weiteren Legenden über die höfischen und gemeinen Feen nachgehen. Nach ersten Erfolgen - unter anderem trifft sie auf einen jungen Brownie, der an einem Bach lebt - trifft unverhofft ihr Kollege, akademischer Rivale und auch bester Freund Wendell Bumbleby ein. Einerseits ist er eine große Hilfe, andererseits bringt er Emily zur Weißglut. Ähnlich geht es ihr auch mit ihren Gefühlen für den gleichzeitig charmanten wie auch undurchsichtigen Mann. Doch dann stolpert Emily über einen mächtigen Feenkönig und um aus dessen Fängen unbeschadet zu entkommen, braucht sie nicht nur Wendells, sondern auch die Hilfe der Dorfbewohner ...

Zugegeben, Emily ist auf ihre Art eine interessante Person. Sie ist keine, die irgendwo Anschluss braucht oder beim Anblick eines hübschen Gesichts dahinschmilzt. (Was gut ist, denn ihr begegnen jede Menge gutaussehender Elfenadlige.) Andererseits ist sie manchmal furchtbar anstrengend und man kann sich schon fragen, ob sie einfach von Natur aus undankbar und unsozial ist, oder ob sie nicht schon direkt Aspergerzüge aufweist. Das führt schon zu gelegentlichen amüsanten Gesprächen mit Wendell. Allgemein ist Wendell ein mega Gegenpart, der die trockenen Anmerkungen von Emily wunderbar auflockert. Insgesamt hat mir die Geschichte schon gefallen, auch wenn sie manchmal etwas zu trocken war und gelegentlich auch zu ein wenig Langatmigkeit neigte. Die Sprecherin hat den Job absolut hervorragend gemeistert und auch der Sprecher, der mal für zwei Kapitel den Part von Wendell übernehmen durfte, war solide. Alles in allem ist das Buch nicht unbedingt ein Highlight, aber durchaus interessant und sollte es zu einem Nachfolger kommen, wäre ich auch wieder interessiert, die beiden RivalenSchrägstrichFriendstolover bei weiteren Abenteuern zu begleiten.