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Veröffentlicht am 12.08.2023

Hörbuch-Rezi

Eine Lady hat die Wahl
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Lady Eliza Somerset hat mit 17 Jahren, kurz nach ihrem Debüt in der feinen Gesellschaft als Miss Balfour, den reichen Earl Somerset geheiratet, statt seines Neffen Oliver, dem sie auf den ersten Blick ...

Lady Eliza Somerset hat mit 17 Jahren, kurz nach ihrem Debüt in der feinen Gesellschaft als Miss Balfour, den reichen Earl Somerset geheiratet, statt seines Neffen Oliver, dem sie auf den ersten Blick ihr Herz schenkte. Doch ihre zarten Gefühle und ihr Herz mussten sich dem Willen und Ehrgeiz ihrer Familie beugen, und den deutlich älteren, strengen und geizigen Earl heiraten. Wobei es wohl niemand geahnt hat, dass diese freudlose Ehe nicht nur kinderlos blieb, sondern auch nach nur 10 Jahren durch den allzu frühen Tod des Earls endete. Selbst sein Testament hält für so manche eine böse Überraschung bereit, die erst 6 Monate nach seinem Tod bekannt werden. Sein Neffe Oliver ist nach der Enttäuschung in die Armee eingetreten und konnte aufgrund seiner Verpflichtung, nicht früher seinen Titel antreten. Auch seine Gefühle gegenüber Eliza flammen wieder auf, doch ist das Trauerjahr noch nicht vorbei. Da sie wieder in das Witwenhaus auf dem Landgut ziehen will, noch zurück zu ihrer Mutter, schützt sie gesundheitliche Gründe vor, um mit ihrer Cousine Margarete als Anstandsdame nach Bath zu reisen. Sie hat einen Großteil des Vermögens des Earls geerbt, vorausgesetzt, sie verhält sich moralisch einwandfrei, andernfalls, dürfe Oliver als Erbe des Titels das Vermögen und die Ländereien zurück übertragen. Wird Eliza mit ihrer Freiheit zu seiner Zufriedenheit umgehen können und was sagen seine enttäuschten Verwandten dazu? Eliza findet diese Freiheit zweifellos herrlich!

Eine unbestimmte Sittlichkeitsklausel, welche heimtückische Boshaftigkeit noch aus dem Grab heraus! Doch Eliza hat schließlich noch nie Anlass für gehobene Augenbrauen geliefert, warum sollte es nun, da sie über die finanziellen Mittel verfügt anders sein? Doch Eliza denkt nicht daran die in sie gesetzten Erwartungen ihrer Familie und der Gesellschaft zu erfüllen, stattdessen wollen sie und ihre Cousine endlich das Leben genießen. Immerhin hatte Eliza die letzten 10 Jahre selbst auf ein nachmittägliches Feuer im Kamin im Winter verzichten müssen und die unverheiratete Margaret fühlt sich wie ein Möbelstück zwischen ihren Verwandten hin- und hergeschoben, stets dahin, wo man ihre Dienste braucht. Doch in Bath soll das ganz anders werden! Schon die Reise dorthin ist ein Abenteuer, als ihre Kutsche nur knapp einem Zusammenstoß mit der von Earl Melville und seiner Schwester Lady Caroline entgeht. Die beide genießen trotz ihres hohen Standes und ihres umwerfenden Aussehens, einen nicht ganz so tadellosen Ruf. Dies liegt zum einen, an ihrer Mutter einer indischen Prinzessin, als auch an ihren dichterischen Erfolgen... zudem gilt Lord Melville als Herzensbrecher und Lady Caroline als ausgesprochen intelligent aber unverblümt in der Direktheit ihrer Ausdrucksweise. Eine solche Gesellschaft, sollte auch ohne Sittlichkeitsklausel gemieden werden, wären sie nur nicht so unverschämt gutaussehend, charmant und unterhaltsam! Wie gut, dass Oliver, der neue Lord Somerset kurz darauf ebenfalls in Bath auftaucht und Elizas Herz und Lippen im Sturm wieder erobert!

Lord Somerset ist ganz der Gentleman der alten Schule, aber irgendwie kein Darcy, ihm fehlt die Fähigkeit sich selbst in Frage zu stellen und Brillanz in einer Frau zu erkennen, wenn er sie sieht! Auch ein wacher Geist ist ihm nicht so lieb, wie schickliche Schüchternheit und Zurückhaltung! Dennoch ist dieser Roman zwar für Liebhaber der Regency Epoche vergnüglich, aber weit entfernt von Jane Austen, zu sehr wird er vom Geist der Emanzipation und der Diversität durchdrungen. Das wäre damals undenkbar gewesen! Kein Grund jedoch sich der Beschreibung der opulenten Kleider, Gesellschaften und Soirées zu entziehen und dieses Sittengemälde, das seiner Zeit weit voraus ist, nicht dennoch gut unterhalten zu lauschen! Sprecherin Tanja Forlano führt uns beschwingt und bisweilen verwirrt oder verärgert in die britischen Adelskreise mit ihren allzu strickten Regeln für die Damenwelt und ihre Doppelmoral für die Herren von Welt. Lebendig und abwechslungsreich intoniert sie dieses Wechselbad der Gefühle.

Es ist kein Roman für die Ewigkeit, wie die Werke Austens, aber dennoch gute Unterhaltung mit Herzschmerz, Pomp und Emanzipation.

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Veröffentlicht am 27.07.2023

Ein Wohlfühlromanze

Inselperlen und Meer
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Die zarte, zurückhaltende Matilda (29) ist besorgt. Der Orangenhain ihrer Eltern ist in finanzielle Schieflage geraten, da selbst die örtlichen Händler die Billigware aus Südafrika bevorzugt. Es ist für ...

Die zarte, zurückhaltende Matilda (29) ist besorgt. Der Orangenhain ihrer Eltern ist in finanzielle Schieflage geraten, da selbst die örtlichen Händler die Billigware aus Südafrika bevorzugt. Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit ihre Eltern finanziell zu unterstützen, auch wenn ihr kleiner Schmuckladen an der Meeresfront zwar solide läuft, aber keine Goldgrube ist. Dann verletzt sich die Mutter ihres Langzeitverlobten Alvaro und sie soll bei ihr in die Villa ziehen, um sie zu pflegen. Alvaro ist in der Glasbläserei zu sehr eingebunden, um dies alleine zu schaffen. Überhaupt wirkt er sehr angespannt, da die Geschäfte schlecht laufen. Matilda fühlt sich zwischen all den Pflichten gefangen! Ihre Freundinnen raten ihr dringend, sich nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen.

Alle Mallorca Sehnsuchtsbände können unabhängig voneinander gelesen/gehört werden. Allerdings tauchen die Freundinnen auch jeweils in den anderen Bänden vor. Wer also die ersten 3 Bände schon kennt, wird sich daher doppelt mit der zarten und zurückhaltenden Matilda auf ihrem Weg zum großen Glück freuen! Zum einen, weil er/sie Matilda schon kennt, zum anderen, weil ja auch ihre Freundinnen keine Unbekannten mehr sind. Als ich entdeckt habe, dass Band 1 “Inselliebe und Meer“ gelesen von Vanida Karun gerade im Audible Abo enthalten ist, habe ich es mir gerade auch noch herunter geladen.

Neben Mallorca Sehnsucht geht um Liebe und Freundschaft. Die Freundschaft der jungen, kreativen Ladenbesitzerinnen, die sich gegenseitig unterstützen, inspirieren, miteinander Lachen, Weinen und nach und nach die große Liebe finden. Natürlich geht das nicht geradlinig, sondern es müssen erst noch Hindernisse überwunden, oder Probleme gelöst und tief in sich hineingefühlt und -gehört werden. Wer bin ich wirklich? Was will ich? Was tut mir gut? Wovon träume ich wirklich? Leicht und gefühlvoll erzählt Anja Saskia Bauer von Gefühlen und Schicksalen, romantisch, aber ohne Schweißperlen und Gestöhne und lustvollem Seufzen. Neben dem Weg zu Glück, der immer etwas anders aussieht, als man eigentlich gedacht hat, lernen wir auch viel interessantes über der Deutschen liebsten Ferieninsel, nicht nur über die dortigen Orange und das ausgetüftelte Bewässerungssystem, dass schon die Mauren aus den Bergen in die Ebenen umleiteten, sondern auch über heimische Wildbienen und auch Marketingstrategien, die Hoffnung für einheimische Produzenten weckt. Matilda ist eine ganz Liebe und Sanfte, die sich daher auch für meinen Geschmack zu viel gefallen lässt. Aber ermutigt von ihren Freundinnen schafft sie es dann doch, nicht nur ihrem Herzen zu folgen, sondern auch für ihren beruflichen Traum und den ihrer Eltern einzustehen. Das machen ihre Freundinnen auf eine sehr sympathische, aber ebenso empathische wie bestimmte Art und Weise, ohne ihr vorzugeben, was sie tun muss. Sie ermutigen sie einfach, selbst zu entscheiden, was sie möchte, statt die Erwartungen anderer zu erfüllen und sich selbst dabei zu enttäuschen.


Ein echtes Wohlfühl- und Gute-Laune-Hörbuch, sympathisch und gefühlvoll gelesen von Christine Kutschera, die Matildas Perspektive erzählt, während Günter Merlau die männliche Sicht schildert. Er klingt männlich markant und bringt so einen attraktiven Klang-Kontrast in die Erzählung.

Für Fans der wahren Liebe und derer, die sich vor Sehnsucht nach Mallorca verzehren!

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Veröffentlicht am 18.06.2023

Schwächer als die hervorragenden Vorgänger

Falsche Freunde
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Buchhalter Salini wird im Morgengrauen von einer Mitarbeiter der Müllabfuhr erschlagen auf einer Bank vor einer Baustelle aufgefunden. Da Salini ein äußerst unangenehmer Mensch war, sind seine Nachbarn ...

Buchhalter Salini wird im Morgengrauen von einer Mitarbeiter der Müllabfuhr erschlagen auf einer Bank vor einer Baustelle aufgefunden. Da Salini ein äußerst unangenehmer Mensch war, sind seine Nachbarn und Bekannten erleichtert über die Nachricht. An Verdächtigen fehlt es der Mordkommission um den zwangsversetzten Sizilianer Commissario Morello nicht. Doch als Morello ganz zum Missfallen des Questore sich den Auftraggeber Salinis näher anschaut, entdeckt er zu seinem eigenen Entsetzen, dass er langsam aber sicher der Schönheit der Lagunenstadt erliegt und die Nachfahren der Dogen in ihrem Denken und Handeln der sizilianischen Mafiosi gar nicht so unähnlich sind. Einige von ihnen planen den Komplettumbau der Stadt mit U-Bahn und Hotels der Superlative, natürlich unter Ausschluss der Tagestouristen und anderem gewöhnlichen Volk! Allerdings soll die Mordkommission nicht nur den Reichen und Mächtigen nicht auf die Füße treten, sondern den Verbrechensvorhersagen der KI Athene nachgehen. Die gesamte Mordkommission soll nun Taschendiebe jagen, statt Mörder, um die Stadt für Touristen attraktiver zu machen! Da hat der Questore seine Rechnung aber ohne seine Mitarbeiter gemacht!

Der Ansatz, was wäre wenn KI Verbrechen vorherberechnen könne, fand ich ziemlich interessant. Gerade auch der Ansatz, was bedeutet das eigentlich für die Arbeit der Polizei? Werden sie dann ersetzbar? Werden sie bloße Handlanger der KI? Ist es überhaupt eine Kunst Taschendiebstähle an den belebtesten Ecken zu den Hauptstoßzeiten vorherzusagen? Gerade erst ist die Mordkommission zu einem Team zusammengewachsen und nun so etwas! Sie fühlen sich nicht geschätzt und gewürdigt, doch als Morello sie aufgrund seiner Intuition auffordert die Regeln zu brechen, ist es mit dem Zusammenhalt eh nicht weit. Eine Meuterei bahnt sich an, mitten in einer brisanten Ermittlung. Morellos Fixierung auf die Mafia und die Glorifizierung seiner sizilianischen Heimat, bei völliger Ausblendung der Menschen und Schönheit um ihn herum, geht mir langsam etwas auf den Keks, so wie es sein Team und seine Freunde vor den Kopf stößt. Dadurch konnte ich diesen Fall nicht ganz so genießen, wie seine Vorgänger. Er macht sich gerade einfach zu viele Feinde, wie gut, dass er auf den ehemaligen Taschendieb Claudio noch vertrauen kann, auch wenn dieser langsam droht schwach zu werden....

Sehr gut gefällt mir, dass man wieder Einblick in politischen Sumpf Italiens erhält und Morello erkennen muss, dass nicht nur die Volksvertreter des Südens bestechlich sind, als auch die Einblicke in die größenwahnsinnigen Stadtentwicklungspläne der Nachfahren der Dogen. Ging es noch im letzten Fall um die Gefahren für das Ökosystem und den Erhalt der Lagune durch immer größere Kreuzfahrtschiffe, sind die Pläne nun noch wahnsinniger und gefährlicher...

Dietmar Wunder zuzuhören ist auch dieses Mal ein echter Hörgenuss. Bei seiner Stimme kann ich verstehen, dass die Frauen Morello zu Füßen liegen, selbst wenn sie ihn deutlich überragen....Bisweilen ist sie samtig, ein andermal stahlhart, aber immer lebendig und ausdrucksstark

Das Ende hat mich etwas geschockt, da dachte ich schon, die Reihe wäre nun beendet, aber nein, da bleibt ja immer noch das dunkle Geheimnis von Inspettore Anna Klotze. Hier bahnt sich ein neuer faszinierender Handlungsstrang an.

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Veröffentlicht am 13.06.2023

Unterschätze nie den Durchschnitt!

Die Schule der mittelguten Zauberer – Wirbel um den Neuen
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Der 11-jährige Niko hat nur einen einzigen Freund, ist das mittlere von drei Kindern und auch ansonsten völliger Durchschnitt, im Gegensatz zu seinen ach so talentierten Geschwistern! Seine Mittelmäßigkeit ...

Der 11-jährige Niko hat nur einen einzigen Freund, ist das mittlere von drei Kindern und auch ansonsten völliger Durchschnitt, im Gegensatz zu seinen ach so talentierten Geschwistern! Seine Mittelmäßigkeit frustriert ihn, bis sich plötzlich sein Blick durch rosa Nebel eintrübt. Es ist schwer, nicht überall anzuecken... Bei der Überprüfung seines Sehvermögen stellt die merkwürdige Güzel fest, dass er ein Seher ist. Anschließend erhält Niko eine Einladung für ein Internat für Schüler mit besonderen Begabungen. Niko kann es nicht, fassen, dass ausgerechnet er auf eine Schule für angehende Zauberer gehen soll. Doch da hat er sich getäuscht, nicht das erstklassige Merlineum hat einen Platz für ihn, sondern die MGZ, die Schule für mittelgute Zauberer, für diejenigen, die über nur eine einzige magische Fähigkeit verfügen. Allerdings hat auch diese eine Fähigkeit meisten unliebsame Nebenwirkungen, die man einkalkulieren sollte. Niko ist fassungslos über das Chaos das ihn erwartet, denn mit so vielen Pannen und Nebenwirkungen hätte er nie gerechnet. Selbst vor der Schulkantine macht es keinen Halt, so dass das Essen bisweilen kariert ist, dafür kann es Wetterhexe Angel bisweilen Lakritz regnen lassen...Die quirlige Junghexe ist die erste die er trifft und eifrig bemüht, ihm alles zu erklären, doch Niko will nur weg von diesem merkwürdigen Ort!

Als Enttäuschung seiner hochbegabten Familie hatte Niko so sehr gehofft, sich irgendwo zugehörig zu fühlen, zu einer Gemeinschaft, etwas ganz besonderes zu können.... doch wie soll er zwischen all diesem Chaos und Pannen irgendetwas lernen und die Leiterin Madame Garcia scheint ja auch ziemlich durchgeknallt zu sein...Doch nach und nach muss Niko lernen, dass das was man sich wünscht nicht unbedingt das ist was man braucht. Tatsächlich braucht man manchmal genau das, was man hat!

Diese Schule ist völlig anders, als Niko es gewohnt ist. So scheinbar unstrukturiert und planlos und die anderen Schüler sind alle etwas merkwürdig, nicht nur die dauerplappernde Wetterhexe Angel, sondern auch sein Zimmerbewohner Philip der mit Tieren reden kann und sich vor allem mit Fliegen versteht, ganz besonders mit einer namens Heico. Diese Schule hat nichts mit Hogwarts zutun, sie ist nicht kultig oder aufregend, sondern vor allem verwirrend. Ist es ein Fluch durchschnittlich zu sein? Während jedoch Niko alles daran setzt, dieser merkwürdigen Schule wieder zu entkommen, planen einige Mitschüler alles, damit er bleibt! - Selbst Hanni & Nanni, die einst im Internat Lindenhof alles fürchterlich finden wollten, sind harmlos im Vergleich zu Niko! Während ich es ja anfangs noch unterhaltsam anders und interessant finde, ist er wohl vor allem enttäuscht, hatte er sich doch was ganz anderes erträumt (Ruhm und Ehre?).

Die schwarz-weiß Illustrationen von Daniel Steudtner fangen wunderbar witzig, das planlose Chaos ein, in dessen Mitte sich Niko wiederfindet. Er ist selbst erstaunt, dass er gerne mehr Regeln und Vorhersehbarkeit hätte. Ich hätte durchaus noch gerne ein paar mehr Illustrationen gehabt, dafür finde ich aber die Schriftgröße sehr angenehme für junge Leser ab 9 Jahren. Für sie ist auch das Glossar mit den wichtigsten Infos zur magischen Welt sehr hilfreich!

Das Buch endet für meinen Geschmack etwas zu abrupt. Ich hatte mehr das Gefühl, dass es genau an dem Punkt endet, an dem es nun Fahrt aufnimmt, als dass es ein Cliffhanger sei. Denn die große Herausforderung durch die benachbarte Eliteschule deutet sich nach einer abenteuerlichen Rettungsaktion nicht an, sie hat bereits begonnen. Gerade als ich mit der Truppe warm wurde (und Niko wohl auch), war dieser Band auch schon vorbei...


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Veröffentlicht am 08.05.2023

Eine Geschichte die nachhallt

Das Schweigen in mir
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Sie ist „die Stimmlose“ eine junge Journalistin, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Syrien floh. In Damaskus studierte sie englische Literatur und wählte daher das Land ihrer literarischen Vorbilder ...

Sie ist „die Stimmlose“ eine junge Journalistin, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Syrien floh. In Damaskus studierte sie englische Literatur und wählte daher das Land ihrer literarischen Vorbilder als Zufluchtsort, während es den Rest ihrer Familie nach Ägypten zog, in eine vertrautere Kultur. Die Traumata des Krieges und der Flucht haben sie in sich kehren lassen, ihre Stimme versagt den Dienst, sie kann sich nur noch schriftlich äußern und um sie herum hält man sie für stumm und taub. Doch sie bekommt alles mit, was in ihrer Nachbarschaft, in diesen sozial schwierigen Wohnblocks in einer Stadt mitten in England passiert. Wenn sie nicht gerade an einem neuen Artikel für eine Online-Zeitung schreibt, beobachtet sie ihre Nachbarn im Hof, auf der Straße und in ihren Wohnungen. Sie beschreibt deren Alltag, wie sie auch ihren Alltag in Damaskus und auf der Flucht beschreibt: detailliert, eindringlich und illusionslos. Sie nimmt nicht wirklich am Leben teil, sondern beobachtet nur. Die Stimmlose beobachtet nur von der Seitenlinie aus, glaubt aber alle bestens zu kennen. Zwischendurch setzt sie sich mit der Kritik ihrer Redakteurin auseinander, die sie in Frage stellt, ihre Erlebnisse, mit Emotionen und Tränen wünscht. Doch die Stimmlose hat ihre Emotionen in ihrem Inneren verschlossen, um sich zu schützen, analysiert lieber, bis ihr ihre neue Umgebung keine Wahl mehr lässt.

Eine sehr ungewöhnliche Geschichte, sehr eindringlich, auch wenn sie mehr auf Beobachtung und Analyse als auf Gefühlsausbrüche gründet. „Die Stimmlose“ erzählt vom Exil, der Flucht und der Heimat, schonungslos, aber ohne große Effekte. Es ist, als sähe sie ihr Leben in Slow-Motion an sich vorüberziehen. Stets um einen objektiven, analytischen Blick bemüht, fragt sich ihre Redakteurin, ob jemand, der all dies erlebt haben will, so rational, so emotionslos sein kann. Dabei hält sich „Die Stimmlose“ die ihren Namen nicht offenbaren will, noch zurück, eigentlich war es viel schlimmer, so schlimm, dass sie zu zerbrechen droht und ihre Stimme versagt. Doch ihre Gedanken sind nun endlich frei und wollen sich Gehör verschaffen. Eine Online-Zeitung bietet ihr ausreichend Anonymität und sie muss weder ihren Namen, noch ihr Gesicht preis geben. Wir erhalten einen Einblick in das Leben der intellektuellen Elite Syriens, vor dem Bürgerkrieg, wie es losging, nicht mehr aufzuhalten war und was Flucht eigentlich bedeutet. Wie schlimm muss es in einem Heimatland eigentlich sein, damit mal all das auf sich nimmt? Sie konfrontiert uns aber auch mit unseren eigenen Vorurteilen und dem Rassismus und Antiislamismus mit welchem sie und ihresgleichen in der vermeintlichen Sicherheit konfrontiert werden.

Ein Roman voller Beobachtungen und Gedanken, den man erst mal sacken lassen muss und der neben einer Flucht auch das Beziehungsgeflecht einer ganz normalen, durchwachsenen Nachbarschaft erzählt. Eine Nachbarschaft, die „Die Stimmlose“ immer mehr zu einem Teil von sich selbst macht. Auch wenn es zu Beginn keine Handlung zu geben scheint, merkt man bald, dass dies ein Irrtum ist.

Katja Danowski interpretiert dieses Schicksal, sowie das der Nachbarschaft dieser Exilantin nachdrücklich und nachdenklich. Es bleiben dadurch immer wieder einzelne Szenen im Gedächtnis haften und lassen es nicht los. Ihre scheinbare Emotionslosigkeit begreift man alsbald als Teil mehrerer tiefsitzenden Traumata, die „Die Stimmlose“ fest im Griff haben. Es scheint, als erzähle Layla AlAmmar ihre eigene Geschichte, doch stimmt dies nicht, sie wuchs in Sicherheit in Kuwait in der Heimat ihres Vaters auf und studierte kreatives Schreiben in Edinburgh, doch könnte solch ein Schicksal nicht jede treffen, ist es nicht eher Zufall, wem dieses Schicksal ereilt. Daher erzählt sie es exemplarisch, für all jene, die ihrem Schicksal keinen Ausdruck verleihen können...

Ein Hörbuch, das nachwirkt.

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