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Veröffentlicht am 06.08.2023

Dialektale Stolpersteine beim Lesen

Jeder geht für sich allein
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Momoko ist alt geworden. Mit 74 lebt sie allein in dem großen Haus, in dem ihre Familie einst lebte. Ihr Mann Shizo schon lange tot, die Kinder längst erwachsen. Sie hat immer die Einsamkeit geschätzt. ...

Momoko ist alt geworden. Mit 74 lebt sie allein in dem großen Haus, in dem ihre Familie einst lebte. Ihr Mann Shizo schon lange tot, die Kinder längst erwachsen. Sie hat immer die Einsamkeit geschätzt. Doch nun, im Alter, wird sie ihr zunehmend zur Last. Oft spricht Momoko mit sich selbst, im Dialekt ihrer provinzialischen Wurzeln. Dabei sinniert sie über ihr vergangenes Leben und setzt sich mit dem Alter auseinander.

Der nur etwa 100 Seiten lange Roman ist etwas zum Nachdenken. Es ist das kurze Porträt einer Frau, die auszog ihre Wurzeln hinter sich zu lassen, um am Ende doch genau dort wieder anzukommen.
Dennoch, muss ich sagen, habe ich mich mit diesen 100 Seiten unheimlich schwer getan. Für die originale Sprachfärbung des Romans, die so weit vom Hochjapanischen entfernt ist, dass jemand aus Tokyo Schwierigkeiten hätte, die Protagonistin zu verstehen, wurde im Deutschen ein vergleichbares Äquivalent gesucht. Die Schwierigkeiten, die ich mit diesem Buch hatte, waren genau darin begründet, und der Dialekt im Deutschen, der für Momokos Heimatsprache gewählt wurde, ist ebenso weit vom Hochdeutschen entfernt. Ich hatte Mühe gewisse Passagen nachzuvollziehen. Sie waren für mich wie unerwünschte Stolpersteine. Wenn es aber nur das gewesen wäre... Jedesmal beim Aufkommen des deutschen Dialekts wurde mein aufgebautes einer japanischen Momoko durch eine bäuerliche Hinterland-Deutsche ersetzt. Dieses „Rausreißen“ aus einem japanischen Roman war es, das für mich das Leseerlebnis ziemlich getrübt hat. An sich ein schöner Text, hatte ich aber doch immer wieder das Gefühl aus Japan nach Deutschland gezogen zu werden – etwas, das ich beim Lesen eine:r japanischen Autor:in eigentlich nicht will.
Die Mühe, die der Cass-Verlag in die Übersetzung dieses Buches gesteckt hat, konnte ich somit leider nicht würdigen.

Veröffentlicht am 04.08.2023

Blieb hinter meinen Erwartungen zurück

Tage in Tokio
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Zeit seines Lebens beschäftigt sich der Protagonist mit Japan. Seine Zeit ist gekommen und im Rahmen seiner akademischen Laufbahn kommt er endlich in sein heißgedddddliebtes Land.


Soweit, sogut, der ...

Zeit seines Lebens beschäftigt sich der Protagonist mit Japan. Seine Zeit ist gekommen und im Rahmen seiner akademischen Laufbahn kommt er endlich in sein heißgedddddliebtes Land.


Soweit, sogut, der Klappentext hatte mich. Der Inhalt des Buches hat mich leider schnell verloren. Mir war klar, dass es eine Reisebeschreibung aus deutscher Sicht sein würde – jedoch war dieser hier so fokussiert auf Dinge, die mich persönlich weniger interessieren. Der Teil mit der Beschreibung über japanische Teekeramik war eigentlich noch am interessantesten, war mir allerdings viel zu intensiv. Und dass ich am Ende eines Buches über Japan in eine westliche Sportart eintauchen musste, hat mir irgendwie den Rest gegeben.
Ich muss dazu sagen, ich konnte das Buch nicht weglegen in der Hoffnung, dass da doch noch mehr kommen müsse als ein wenig nachvollziehbarer Blick eines Gaijin auf ein Land, das er angeblich so sehr vergöttert hat. Auch waren mir die philosophischen Überlegungen zu viel Abschweifung. Von diesem Buch hatte ich mir mehr versprochen.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Kein Wiedersehen für uns, Houellebecq

Elementarteilchen
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Ich wollte auch mal etwas von ihm gelesen haben, dem man so einen literarischen Anspruch nachsagt. Nachdem ich „Elementarteilchen“ beendet habe, wird es wohl kein Wiedersehen mit einem Werk dieses Autors ...

Ich wollte auch mal etwas von ihm gelesen haben, dem man so einen literarischen Anspruch nachsagt. Nachdem ich „Elementarteilchen“ beendet habe, wird es wohl kein Wiedersehen mit einem Werk dieses Autors geben.

Das Kennenlernen der beiden Protagonisten hat mir keine guten Gefühle bereitet. Auch keine der guten schlechten, die während des Lesens einen Reflektionsprozess auslösen. Von dem einen war ich gelangweilt, von dem anderen verärgert. Die beiden Halbbrüder Michel und Bruno wachsen unterschiedlich auf; der eine gräbt sich in seine autistische Welt ein und widmet sich der Forschung in der Biologie, der andere verachtet seine Mutter Zeit seines Lebens für ihre Selbstsucht und sexuelle Obsession, müsste sich strenggenommen jedoch derselben Anklage stellen.
Während ich mich von Michels Kapiteln nicht angezogen gefühlt habe, da sie mir einfach zu theoretisch waren, hatte ich für Brunos Teil der Geschichte überwiegend nur Verachtung übrig. Konnte ich noch mit seiner schweren Kindheit und seinem Stand als Opfer der Grausamkeiten seiner Mitschüler noch sympathisieren, war damit spätestens bei seiner (post-)pubertären Sexbesessenheit und dem aus der Nichterfüllung dieser resultierenden Selbstmitleids Schluss, die mich nicht nur ein mal an die „Incel“-Kultur („involuntary celibates“) denken lassen musste.

Insgesamt war dieser Roman für mich verschwendete Zeit, und ich werde stark in mich gehen müssen, ob ich mich an einen weiteren Houellebecq wagen werde.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Konnte mich nicht damit anfreunden

Stille Tage
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In Kenzaburo Ōes „Stille Tage“ geht es um die junge Ma-chan, die sich während der Abwesenheit ihrer Eltern um ihre beiden Brüder I-Ah und O-chan kümmert. Ihr Vater, der sich von einer Krise im weit entfernten ...

In Kenzaburo Ōes „Stille Tage“ geht es um die junge Ma-chan, die sich während der Abwesenheit ihrer Eltern um ihre beiden Brüder I-Ah und O-chan kümmert. Ihr Vater, der sich von einer Krise im weit entfernten Kalifornien zu erholen versucht, und dessen Frau bürden ihrer Tochter eine große Verantwortung auf. Kann O-chan sich weitesgehend selbst beschäftigen und zeichnet sich im Roman eher durch dezente Abwesenheit aus, da er häufig zurückgezogen für die Aufnahme an der Oberschule lernt, bedarf der geistig behinderte Buder I-Ah besonderer Aufmerksamkeit durch die Schwester.

Japanliteratur.net resümiert über das Buch:
"Auch wenn gleich das erste Kapitel recht spannend einsteigt, enthält das Buch doch größtenteils sehr langatmige Passagen: Es wird viel, fast zu viel über alles reflektiert und auch zu viel diskutiert."

Und das ist auch mein Eindruck. Nachdem im ersten Kapitel Ma-chan einen Sittenstrolch überführt, über den in vorangegangenen Passagen diskutiert wird, und man befürchtet, es könnte ein Junge aus der Behindertenwerkstatt oder auch I-Ah selbst sein, nimmt der Grad der Spannung und Unterhaltung merklich ab. Irgendwann vor Seite 100 habe ich das Buch in einer seitenlangen Diskussion über einen Film abgebrochen, den die Geschwister gesehen haben und nun nicht nur untereinander diskutieren, sondern auch mit dem Onkel und dessen Frau, die sich den Film ebenfalls angesehen haben. Es war mir dann einfach zu ermüdend mich weiter damit zu befassen, zudem ich auch bereits vorher gemerkt habe, dass ich Passagen immer wieder doppelt lesen musste, weil ich sie zuvor gedankenverloren überflogen habe.

Das Buch wird im öffentlichen Bücherschrank hoffentlich jemand anderen glücklicher machen als mich, und vielleicht finde ich von dem Autor ja irgendwann ein Buch, das mir besser gefällt.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Vielleicht sind Anthologien einfach nichts für mich

Sternenlichtregen
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Ganz selten packt mich die Lust mal wieder Gedichte zwischendurch zu lesen. Als ich neulich beim Bookshopping auf die Lyriksammlung „Sternenlichtregen“ verschiedener norwegischer Dichter gestoßen bin, ...

Ganz selten packt mich die Lust mal wieder Gedichte zwischendurch zu lesen. Als ich neulich beim Bookshopping auf die Lyriksammlung „Sternenlichtregen“ verschiedener norwegischer Dichter gestoßen bin, war mir nach zugreifen. Einen klitzekleinen Bezug zu Norwegen habe ich auch, dort lebt nämlich mein Onkel, zu dem ich eigentlich gern mehr Kontakt hätte. Immer wenn ich an Norwegen denke, kommt mir der Onkel in den Sinn. Also habe ich sprichwörtlich nach den Sternen gegriffen. Die Phrase passt ganz gut, denn ich habe mit diesem Kauf leider ins Leere gegriffen. Keines der Gedichte hat mich zur Gänze berührt, auch wenn es ab und zu durchaus Zeilen gab, die ich gelungen fand, weil sie etwas in mir angeklungen haben. Schade, von diesem Bändchen hatte ich mir mehr versprochen.