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Veröffentlicht am 30.07.2023

Aufbruch zu neuen Abenteuern!

Das Auge des Zoltars
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Jennifer Strange und die Zauberagentur KAZAM gehen in die dritte Runde: Der mächtige Shandar verlangt von Jennifer ihm ein legendäres magisches Artefakt zu beschaffen im Austausch gegen das Leben der letzten ...

Jennifer Strange und die Zauberagentur KAZAM gehen in die dritte Runde: Der mächtige Shandar verlangt von Jennifer ihm ein legendäres magisches Artefakt zu beschaffen im Austausch gegen das Leben der letzten zwei Drachen, die Shandar aus einem alten Geschäft heraus vom Antlitz der Erde tilgen will, um einer Strafzahlung zu entgehen. Dazu muss sie sich in das Cambrische Empire begeben, das in den Ununited Kingdoms für Gefahr durch Gesetzlosigkeit, marodierende Banden und wenigstens 14 Tierarten, mit deren Begegnung ein rascher Tod verbunden ist, berüchtigt ist. Zuvor stattet Jennifer zaubertechnische Hofberaterin König Snodd und Königin Mimosa im Palast einen Besuch ab und bekommt von der Königin deren verzogene Erstgeborene zu Erziehungszwecken aufgebrummt. Mit Prinzessin Shazine und dem jungen Zauberer Perkins macht sie sich auf ins Cambrische Empire, wo die kleine Gruppe auf jede Menge interessanter Charaktere und einige statistische Tode trifft - denn schließlich will der Trupp es wieder lebend aus dem gefährlichen Königreich schaffen.

Eine zauberhafte Fortsetzung von Jennifer Stranges Abenteuern mit einem unerwarteten Showdown, das Lust darauf macht zu erfahren wie die Geschichte weitergeht. Leider muss man auf einen vierten Band bisher warten. Aber ernsthaft: Das Warten lohnt sich! Jasper Fforde ist ein Autor, den ich für seinen skurrilen Einfallsreichtum und seinenteils bizarren Humor absolut schätze. Besonders die anfangs nutzlose Prinzessin zeigt im Laufe der Geschichte derart ungeahnte Talente, dass ich aus dem Grinsen nicht mehr rauskam!

Veröffentlicht am 30.07.2023

„Gewalt hat keine keine Klasse, keine Religion und keine Nationalität, sie hat im überwiegenden Fall jedoch ein Geschlecht.“

Wenn Männer mir die Welt erklären
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Man kann von feministischer Literatur halten, was man will, aber dieses Buch hat für mich eine augenöffnende Wirkung. In diesem Buch siedeln sich zusammengetragene Essays aus einem Spektrum zwischen männerverordneter ...

Man kann von feministischer Literatur halten, was man will, aber dieses Buch hat für mich eine augenöffnende Wirkung. In diesem Buch siedeln sich zusammengetragene Essays aus einem Spektrum zwischen männerverordneter Sprach- und Machtlosigkeit, Misogynie und offener Gewalt gegen Frauen an, die aus Rebecca Solnits Feder nahezu alle auf TomDispatch erschienen sind.
Es geht nicht ausschließlich um Mansplaining. Dieses Buch geht weiter in die Tiefe als der rein verbal zur Schau gestellte Überlegenheitsanspruch von „Männern, die mir die Welt erklären“. Es werden vielfältige Arten dargestellt wie Männer Frauen den Raum nehmen gehört und respektiert zu werden, zu sprechen sowie zu partizipieren. Zum geschlechterspezifischen Machtanspruch werden anhand von Beispielen aus den Medien auch körperliche Übergriffe von Männern gegen Frauen herangezogen, denn Gewalt ein drastrisches autotoritäres Kontrollmittel. 93% der Gefängnisinsassen in den USA sind männlichen Geschlechts, was auf die Gewaltbereitschaft zumindest annähernd hindeutet. Auch Frauen begehen schlimme Verbrechen, und Solnit ist es wichtig zu betonen, dass auch wenn viele Gewaltverbrechen von Männern begangen werden, nicht alle Männer gewalttätig sind.

„Gewalt hat keine keine Klasse, keine Religion und keine Nationalität, sie hat im überwiegenden Fall jedoch ein Geschlecht.“

Im Mittelteil befindet sich ein Essay zu Virginia Woolf, durch den ich mich ohne die anfängliche Begeisterung gehangelt habe, vielleicht deshalb, weil ich mich mit dieser Autorin noch nie beschäftigt habe und entsprechend nichts von ihr kenne. Ich fand das Buch insgesamt sehr aufschlussreich und trotz seines überschaubaren Umfangs gehaltvoll, denn ein Name/Ereignis und eine Jahreszahl hat mich bei speziellen Erwähnungen im Buch noch darüberhinaus im Internet vertiefend begleitet.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Eine Geschichte über die Momente kleinen Glücks

Kirschblüten und rote Bohnen
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Tag für Tag arbeitet der Ex-Häftling Sentaro im Doraharu, einem Imbiss für Dorayaki, kleine mit Bohnenpaste gefüllte Pfannküchlein. Er schuldet der Besitzerin noch Geld und sieht daher kein Vorankommen ...

Tag für Tag arbeitet der Ex-Häftling Sentaro im Doraharu, einem Imbiss für Dorayaki, kleine mit Bohnenpaste gefüllte Pfannküchlein. Er schuldet der Besitzerin noch Geld und sieht daher kein Vorankommen in seinem Leben, obwohl ihm die Arbeit im Imbiss unter dem Kirschbaum keinen Spaß macht. Als eines Tages die alte Tokue vor seinem Imbiss auftaucht und die ausgeschriebene Aushilfsstelle für sehr viel weniger Geld antreten würde, hat Sentaro zunächst Zweifel wegen des hohen Alters der Frau und ihren merkwürdig verstümmelten Fingern, gibt ihrer Hartnäckigkeit unbedingt dort arbeiten zu wollen jedoch nach. Sie führt in in die Kunst ein das Bohnenmus herzustellen, das er bisher aus Fertigkanistern aufbereitet hat. Das Geschäft mit den Dorayaki floriert bald sehr gut, und unter den vielen Schulmädchen, die Gäste des Imbisses sind, freundet sich die junge Wakana mit den Mitarbeitern des Doraharu an. So finden drei Einzelgänger zusammen und verästeln ihre Geschichten. Von der Besitzerin des Imbisses wird Sentaro bei einem ihrer Besuche dazu aufgefordert, Tokue zu entlassen, die die Finger der alten Frau auf eine Lepraerkrankung zurückführt. Tokue, die bereits über 80 Jahre alt ist, kommt Sentaro zuvor und kündigt, da sich Erschöpfungserscheinungen bei ihr bemerkbar machen. Der Einladung Tokues folgend machen sich Sentaro und Wakana auf den Weg zu ihr, die in einem Sanatorium für gesundete Patienten des Aussatzes lebt. Aus ihrer Geschichte, die sie den beiden während des Besuches offenbart, geht hervor, dass an Lepra erkrankte Japaner jahrzehntelang weggesperrt wurden und ihre Familien nie wieder sahen. Tokue, die als junges Mädchen erkrankte und bei ihrer Freisetzung zur Außenwelt gar keinen Bezug hat, ist Sentaro für die Erfahrung dankbar, die sie bei ihm machen durfte, während sie mit ihm zusammen gearbeitet hat. Für die Freundschaft, die sich daraus ergeben hat, wird sie ihr Leben lang dankbar sein.

Dieses Buch ist nicht nur eine wirklich schöne Geschichte, die Durian Sukegawa geschaffen hat, man erfährt auch aus der japanischen Historie ein wenig in Bezug darauf, wie seitens der Regierung mit derart erkrankten Mitmenschen umgegangen wurde. Ich mag es sehr, wenn mich über die schönen Stunden der Muße hinaus ein Buch es schafft mich dazu zu bewegen mich weiterführend über kulturelle und geschichtliche Hintergründe zu informieren.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Bewegende Geschichte, starke Frau, völlig fremde Welt

Unorthodox
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Deborah wächst in Brooklyn auf, genauer: Williamsburg. Noch genauer: In der ultraorthodoxen Gemeinde der Chassiden, einer jüdischen Glaubensgemeinschaft, die im 18. Jhd. in der Ukraine und Europa weit ...

Deborah wächst in Brooklyn auf, genauer: Williamsburg. Noch genauer: In der ultraorthodoxen Gemeinde der Chassiden, einer jüdischen Glaubensgemeinschaft, die im 18. Jhd. in der Ukraine und Europa weit verbreitet war und seit ihrer fast völligen Auslöschung während des Nationalsozialismus in dem New Yorker Stadtteil angesiedelt ist. Jene Gemeinschaft hat sich als Folge des Holocausts von Assimilation und Fortschritt losgesagt, und in dieser sämtlich von Glaubensregeln bestimmten Welt wächst Deborah auf. Das Mädchen wird von seinen Großeltern aufgezogen, der Vater ein „meschuggener“ Trinker, von der Mutter weiß Deborah gar nicht so genau, was sie eigentlich so schlimmes getan hat, um aus der chassidischen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Als Spross dieser Eltern schon früh der Verachtung von Verwandten preisgegeben, erkennt Deborah schon in Kinderjahren die Ungerechtigkeit, die speziell ihr als Mädchen zuteil wird, aber auch in vielen Regeln des täglichen Chassidenlebens findet sie viele Widersprüche. Trost und neue Weltsichten findet sie in englischsprachigen Büchern, die ihr als Jiddin eigentlich untersagt sind. Ihre Hoffnung ist die Freiheit einer erfüllten Ehe mit einem Mann, der nur annähernd so fortschrittlich denkt wie sie es insgeheim tut, denn Heirat ist die einzige Karriere, die ihr als chassidische Frau zugedacht ist. - Ohne den Spaß daran nehmen zu wollen die Geschichte selbst zu erlesen, sage ich nur so viel, dass sich ihre Hoffnung nicht erfüllt hat und sie die Glaubensgemeinschaft trotz Zukunftsängsten verlässt, um in einer offeneren Gesellschaft zu leben, über die sie nur wenig weiß.
„Unorthodox“ von Deborah Feldman ist ein Buch von einer Frau, die schon im zarten Alter ein Freigeist war und sich in eine Welt emanzipiert hat, auf die sie nicht vorbereitet war. Die Erfahrungen, an denen sie ihre Leser schonungslos teilhaben lässt wie das eheliche Sexualleben, Familienverästelungen, Glaubensrituale usw. lassen einen in völlig unbekanntes Territorium eintauchen. Ihre Geschichte über eine Gesellschaft, in die man als Außenstehender sogut wie keinen Einblick hat, ist so spannend, so offen und inspirierend, dass ich wie von einem Katapult losgelassen durch die Seiten geschossen bin.

Ich bin übrigens durch die Netflix-Miniserie aufmerksam geworden auf das Buch. Die Serie ist ziemlich gut, wenn auch in großen Teilen abgewandelt. Daran mochte ich vor allem, dass gut 1/3 des gesprochenen Dialogs auf Jiddisch war, was der Serie große Authentizität verliehen hat.
Deborah Feldmans zweites Buch, von dem ich gehört habe, dass es recht philosophisch und weniger erlebnisreich sein soll, habe ich mir bereits zugelegt.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Fernsehen war gestern, Streaming ist heute

Die Netflix-Revolution
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„Die Netflix Revolution“ zeigt den Werdegang der bewegten Bilder von den ersten Filmvorführungen ins goldene Zeitalter des Kinos und über das Fernsehen bis in die Möglichkeiten der heutigen Streaming-Dienste.

Für ...

„Die Netflix Revolution“ zeigt den Werdegang der bewegten Bilder von den ersten Filmvorführungen ins goldene Zeitalter des Kinos und über das Fernsehen bis in die Möglichkeiten der heutigen Streaming-Dienste.

Für jemanden wie mich, die noch mit linearem Fernsehen aufgewachsen ist und sogar noch das berühmte Testbild kennt, ist das von Oliver Schütte zusammengetragene Panorama des Films ein interessantes Werk, das dokumentiert, wie sich seit einigen Jahren die Art wie wir Serien und Filme sehen vollkommen verändert.
Man bekommt einen Überblick über Spezialisierung und Konkurrenz der verschiedenen TV-Sender anhand der US- und der heimischen deutschen Sender, wie die Streaming-Dienste aus (Versand-)Videotheken entstanden sind, über die Gründer und ihre Ideen/Intentionen und die Algorhythmen, die sie verwenden, um unser Konsumverhalten vorauszusagen.

Ich konnte mich tatsächlich sehr in vielen Aspekten, die in den Kapiteln zusammengetragen wurden, wiederfinden. Gemeinsam mit dem Privatfernsehen bin auch ich in die Welt geboren. Abends um sieben hat mich das Sandmännchen ins Bett geschickt. Meine Jugend war bestimmt mit den damit verbundenen Verpflichtungen pünktlich zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Sender einzuschalten, um meine Lieblingsserien zu verfolgen. Ich erinnere mich noch an das Gezeter, wenn der Herr der Fernbedienung hereinkommt und mitten in Sailor Moon umschaltet, um seinen Feierabend mit einem Sportprogramm einzuläuten und wie man sich in der ganzen Familie darauf einigen musste, welcher Film im Abendprogramm gesehen wird, weil es nun mal nur den einen Fernseher in der Wohnung gab.
Das Fernsehen hat sich vollkommen verändert und ist dezentralisiert geworden. Niemand muss sich mehr zu einer bestimmten Uhrzeit in seinem Wohnzimmer einfinden, um den Beginn eines Films nicht zu verpassen, die zeitliche Wegmarkierung von 20:15 Uhr läutet nicht mehr das Abendprogramm ein, man kann seine Serien gucken, wann und wo man ist und vor allem so viel davon auf einmal konsumieren, wie man möchte.
Das Buch war unheimlich interessant, da kann ich gerade so über die vielen orthographischen Flüchtigkeitsfehler hinwegsehen, die mich kontinuierlich im ersten Viertel begleitet haben. Diese Dokumentation hat mich zum nachdenken darüber gebracht wie die jüngeren Generationen das Fernsehen so wahrnehmen.