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Veröffentlicht am 06.08.2023

Das Private ist politisch: Femizide in Deutschland

Femizide
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In den Medien werden Frauenmorde als Beziehungstaten oder Familientragödien bezeichnet. Doch es sind Femizide (vom engl. Femicide, abgeleitet von Homicide; zu dt. Mord), und sie sind ein gesellschaftliches ...

In den Medien werden Frauenmorde als Beziehungstaten oder Familientragödien bezeichnet. Doch es sind Femizide (vom engl. Femicide, abgeleitet von Homicide; zu dt. Mord), und sie sind ein gesellschaftliches Problem, für das die Autorinnen mit diesem Buch mehr Sichtbarkeit schaffen. Es handelt sich um strukturelle Gewaltverbrechen, bei denen nur Mädchen und Frauen aufgrund männlichen Dominanzverhaltens sterben, das ihnen nach dem Ende einer Beziehung kein eigenes und selbstbestimmtes Leben zugestehen will. Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes haben für die Recherche dieses Buches Sozialarbeiter:innen, Wissenschaftler:innen, Kriminolog:innen, Anwält:innen, Zeug:innen, Angehörige und Überlebende hinzugezogen.

Jeden zweiten Tag versucht in Deutschland ein (Ex-)Partner eine Frau zu töten. Jeden dritten Tag gelingt dies. Die Fälle, die Haentjes und Cruschwitz in diesem Buch besprechen, quetschen einem das Herz unerträglich schmerzhaft zusammen. Thematisiert werden nebst dieser Fälle auch die Schwierigkeiten, die Frauen (und ganz besonders Müttern) auf ihrem Weg einer Trennung gemacht werden, wie z.B. permanente Unterfinanzierung von Frauenhäusern, unzureichende Opferentschädigung oder die Unvereinbarkeit von Gewaltschutz und Umgangsrecht. Diverse Organisationen fordern ein neues Bewusstsein bei den Behörden für die Dynamik häuslicher Gewalt und mehr Prävention wie Täterarbeit oder Hochrisikomanagement, bei dem verschiedene Behörden zum Wohle der Frauen zusammenarbeiten.

Dieses Sachbuch ist schwer zu verdauen, und es ist nie leicht eine Rezension zu solch einem Buch zu schreiben. Dennoch will ich den Versuch wagen.
Als genannt wurde, dass fast ausschließlich etablierte Partnerschaften betroffen sind und für 39 % aller Täter das Tötungsdelikt die erste Gewalthandlung überhaupt ist, war klar, dass prinzipiell jede Frau betroffen sein kann. Es sind in den wenigsten Fällen Fremde, sondern die einem am nächsten stehende Person, die zum schlimmsten Feind werden kann. Natürlich steckt nicht in jedem Mann, in jedem Partner ein schlummernder Mörder, dennoch wird klar, dass man als Frau nie so gefährlich lebt wie in einer Partnerschaft. Femizide werden nicht jede betreffen (zum Glück), und dennoch ist es wichtig ein so gesamtgesellschaftliches Problem sichtbar zu machen. Femizide sind keine Privatangelegenheit von Ehemenschen, sondern ein Politikum.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn

My Roommate is a Cat 5
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Im 5. Band von “My Roommate is a cat” blickt Subaru in die Zukunft, während Haru sich der Vergangenheit widmet; Subaru bekommt von seinem Lektor die Aufforderung, die Bindung der Charaktere seiner Bücher ...

Im 5. Band von “My Roommate is a cat” blickt Subaru in die Zukunft, während Haru sich der Vergangenheit widmet; Subaru bekommt von seinem Lektor die Aufforderung, die Bindung der Charaktere seiner Bücher etwas mehr herauszuarbeiten – etwas, das dem misanthropischen und zurückgezogenen Autor sehr schwerfällt.
Derweil erfahren wir über Harus Vergangenheit etwas mehr und erfahren, wie sie trotz ihres Misstrauens stets auch Mitgefühl und Sorge für ihre Mitlebewesen behalten konnte. Haru fühlt auch mehr und mehr, dass das Zusammenleben mit Subaru ein sicherer Hafen für sie ist und sie diesem Menschen vertrauen kann. 🐈‍⬛

Ich habe ja schon bei den vorangegangenen Rezensionen geschrieben, wie sehr ich diesen Manga liebe, aber dieser Band war noch einmal etwas Besonderes durch seine Rückblende auf Harus Streunerleben. Da wird einem warm ums Herz!

Veröffentlicht am 06.08.2023

Freunde gehen durch dick und dünn (oder Ost und West)

Gertrude grenzenlos
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Als Gertrude neu in die Klasse kommt, fällt sie sofort auf. Sie schreibt mit einem Westfüller, trägt Westkleidung und riecht sogar nach Westwaschmittel. Gertrude wird neben Ina gesetzt, und die möchte ...

Als Gertrude neu in die Klasse kommt, fällt sie sofort auf. Sie schreibt mit einem Westfüller, trägt Westkleidung und riecht sogar nach Westwaschmittel. Gertrude wird neben Ina gesetzt, und die möchte sich gerne mit der Neuen anfreunden. Gertrude jedoch ist sehr zurückhaltend. Ist es, weil die Lehrerin sie schlecht behandelt? Tatsächlich öffnet sich Gertrude Ina ein wenig. Sie erfährt, dass Gertrudes Familie einen Ausreiseantrag gestellt hat, denn ihr Vater ist Dichter und darf seine Werke nicht mehr veröffentlichen, weil er den sozialistischen Staat kritisiert und Freiheit für alle gefordert hat. Für die DDR sind sie Staatsfeinde. Ina beginnt durch die tiefe Freundschaft zu Gertrude grundlegende Dinge zu hinterfragen. Als Ina ihrer Mutter erzählt, was für eine tolle neue Freundin sie gefunden hat, verbietet diese ihr auch noch den Umgang. Wie kann eine Freundschaft da bestehen?

Ich möchte von dieser Freundschaftsgeschichte mit Handlungsort in der DDR nicht zu viel verraten, aber dieses Kinderbuch ist einfach umwerfend! Ina ist eine lustige und loyale Protagonistin, es hat solchen Spaß gemacht die Geschichte aus ihrer Perspektive zu lesen! Der Einfallsreichtum, den sie an den Tag legt, um die Freundschaft mit Gertrude möglich zu machen, hat mir das Herz mehr als ein Mal höher schlagen lassen. Absolute Kinderbuchempfehlung meinerseits!

Veröffentlicht am 06.08.2023

Eine Geschichte, die traurig und wütend macht...

Nachtschwärmerin
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Kiara lebt mit ihrem älteren Bruder Marcus zusammen, seit ihre Mutter gerichtlich verfügt in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wurde. Ihr Vater ist seit einigen Jahren tot, daher sind die Geschwister ...

Kiara lebt mit ihrem älteren Bruder Marcus zusammen, seit ihre Mutter gerichtlich verfügt in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wurde. Ihr Vater ist seit einigen Jahren tot, daher sind die Geschwister auf sich allein gestellt. Um Geld zu verdienen, haben sie die Highschool abgebrochen. Eine Weile hat Marcus für sie beide gesorgt, bis er sich entschlossen hat seinem Traum nachzujagen und Kiara mit der Verantwortung aus fälliger Miete und gefülltem Kühlschrank alleinzulassen. Kiara ist verzweifelt auf der Suche nach einem Job, aber niemand will die Minderjährige einstellen. Mehr durch einen dummen Zufall als gewollt gerät sie in die Prostitution. Sie ist nicht glücklich, sieht es aber als Lösung ohne Umwege zu ihren finanziellen Problemen. Zu allem Überfluss verschwindet auch Nachbarin Dee und lässt deren 10-jährigen Sohn Trevor alleine zurück, dem Kiara sich fortan annimmt. Kiara verkauft ihren Körper also nicht mehr nur, um Miete und Lebensmittel für Marcus und sich zu beschaffen, sondern versucht auch, Trevor ein Leben zu bieten.

Kiara offenbart sich einem Freund, der ihr zunächst versucht bei ihrem „Job“ zu helfen, sie aber bald schon im Stich lässt. Kurz danach hat auch ihre beste Freundin Alé eine eigene Krise, die es ihr erschwert in der notwendigen Art und Weise für Kiara da zu sein. Vollkommen auf sich allein gestellt mit der ganzen Verantwortung, gerät sie allerdings auch in Verstrickungen mit der hiesigen Polizei, und das bedeutet, dass sie alles verlieren kann, wofür sie innerhalb der letzten Monate so hart gekämpft hat.


„Nachtschwärmerin“ könnte ich als weiße Frau ohne das Nachwort der Autorin vermutlich nicht ausreichend verstehen. „Wie viele schwarze Mädchen wurde ich mit Ermahnungen groß, ich solle meinen Bruder, meinen Dad und alle schwarzen Männer in meinem Umfeld schützen, mich um sie kümmern […] Dadurch lernte ich, dass meine eigene Sicherheit, mein eigener Körper und meine eigenen Träume zweitrangig waren“, schreibt sie darin. Geht es wirklich so vielen schwarzen Mädchen und Frauen so? Mit dem Hintergrund konnte ich verstehen, warum Kiara sich nicht einfach ein Busticket gekauft hat und so weit wie möglich vor ihren Problemen davongefahren ist, sondern die Probleme der anderen zu den ihren gemacht hat. Dieses Buch hat mich ein wenig aus meiner Blase geholt.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Ein schmales aber prägnantes Buch, das jede:r lesen sollte!

Das Ereignis
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Die Studentin Annie, 23-jährig zu dem Zeitpunkt, entdeckt dass sie schwanger ist. In Tagebucheinträgen von der Erkenntnis bis zur Abtreibung und Notizen mit 30-jährigem Abstand zum Ereignis lässt sie Leser:innen ...

Die Studentin Annie, 23-jährig zu dem Zeitpunkt, entdeckt dass sie schwanger ist. In Tagebucheinträgen von der Erkenntnis bis zur Abtreibung und Notizen mit 30-jährigem Abstand zum Ereignis lässt sie Leser:innen ihren Weg verfolgen. Sie weiß, wenn sie ein uneheliches Kind zur Welt bringt, wird sie fortan nicht nur gebranntmarkt sein, sondern auch alles bisher Erreichte verlieren, was sie als Kind aus Arbeiterklasse überwunden hat. Aber sie muss es erzählen, denn «Wenn ich diese Erfahrung nicht im Detail erzähle, trage ich dazu bei, die Lebenswirklichkeit von Frauen zu verschleiern, und mache mich zur Komplizin der männlichen Herrschaft über die Welt.»

Es ist ein autofiktionales Zeugnis, das jedoch für so viele Frauenbiografien der Länder Europas in den 1960er Jahren steht, in denen der Schwangerschaftsabbruch illegal ist (und bis in die Mitte der 70er Jahre bleibt).

Annie ist auf ihrem Weg allein, denn der Erzeuger des ungewollten Kindes zeigt ein absolutes Desinteresse an der Lage, an der er ja nun eine Teilschuld trägt. Die Studentin versucht jemanden zu finden, der die Schwangerschaft beenden kann, gleichzeitig überlegt sie sich Methoden, die sie selbst anwenden kann. Von den Ärzten jener Zeit erhält sie keine Hilfe in ihrem Sinne. Als sie eine sogenannte Engelmacherin endlich ausfindig macht, führt diese gegen eine vereinbarte Summe den Abbruch durch.

Die eindringliche Schilderung, welche auf den nächsten Seiten folgt, lässt sich mir die Nackenhaare aufstellen. Dem gegenüber steht die Aussage, «Ich hatte in der Toilette des Wohnheims gleichzeitig ein Leben und einen Tod zur Welt gebracht.» Diese plastische Erzählung im Wechsel mit der Poesie, die Annie Ernaux in „Das Ereignis“ schildert, sind eine schiere Achterbahnfahrt der Empfindungen. Es ist defininitiv kein leichtes Buch. Diese Lektüre lässt einen froh sein um die Rechte, die seitdem erstritten wurden. Gleichzeitig lässt sich in der Behandlung der Mitmenschen um die Annie jener Zeit noch immer Verhalten und Ansichten erkennen, das bis in unsere Gegenwart anhält und zeigt, das der Kampf um den weiblichen Körper noch immer anhält.