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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.08.2023

Mutiger autobiografischer Manga

Meine lesbische Erfahrung mit Einsamkeit
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Kurz nach Abschluss der Oberschule beginnt Kabi Nagatas große Lebenskrise, an der sie uns mutig mit diesem Manga teilhaben lässt. Der Manga wurde zunächst anonym im Internet geteilt, bevor er gedruckt ...

Kurz nach Abschluss der Oberschule beginnt Kabi Nagatas große Lebenskrise, an der sie uns mutig mit diesem Manga teilhaben lässt. Der Manga wurde zunächst anonym im Internet geteilt, bevor er gedruckt wurde und seinen Weg auch nach Deutschland gefunden hat.
Nagata besucht die Uni nicht lange, bevor sie merkt, dass es für sie nicht der richtige Weg ist. Sie findet hier und da für eine Weile wechselnde Jobs, hält sie aber nie lange, weil sie sich nicht gut fühlt und der Arbeit fernbleibt. Nagata driftet durchs Leben und ist bald völlig richtungslos.
Sie versucht über sich zu recherchieren, herauszufinden was mit ihr nicht stimmt. Psychisch geht es ihr so schlecht, dass sich eine kahle Stelle an ihrem Kopf bildet, weil sie sich immer die Haare herauszieht, wenn sie nervös ist. Diese Stelle macht ihr auch große Sorgen, als sie schon den Mut aufbringt, sich mit ihrer Einsamkeit auf unkonventionelle Weise auseinanderzusetzen. Sie hat vor, eine queere Escort zu buchen und sich mit ihr in einem Lovehotel zu treffen. Aber ist das die Lösung zu ihren Problemen?

Ein sehr offener Manga mit ernsthaften Themen, der mich durch sein Cover und natürlich den ungewöhnlichen Titel direkt angezogen hat. Die rosa Farbe des Covers begleitet Leser:innen übrigens durch den gesamten Inhalt der Geschichte und ist eine interessante Abwechslung zum sonst üblichen Schwarzweiß.

Ich bin auf jeden Fall neugierig auf weitere Manga der, soweit mir bekannt, weiterhin anonymen Mangaka.

Veröffentlicht am 06.08.2023

#Tabuthema

Point of View
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Lucas hat ein ziemliches Problem. Er hat seinen Laptop und sein Smartphone geschrottet. Beides ist so von Viren verseucht, dass sich die Geräte nicht mehr einschalten lassen. Bei Gen Z schon eine kleine ...

Lucas hat ein ziemliches Problem. Er hat seinen Laptop und sein Smartphone geschrottet. Beides ist so von Viren verseucht, dass sich die Geräte nicht mehr einschalten lassen. Bei Gen Z schon eine kleine Katastrophe, aber bei Lucas wiegt das Problem schwerwiegender: Mit dem Verlust der Geräte ist ihm das Tor zu seinem emotionalen Druckventil genommen worden. Lucas digitaler Rückzugsort sind nämlich P0rnoseiten im Netz, auf denen er stundenlang bis spät in die Nacht nach dem Moment des allerersten Kicks sucht, den er mit 11 Jahren zuerst auf diesen Seiten erlebt hat. Aber nicht nur, dass er diese Seiten im Netz nicht mehr besuchen kann, nun drohen seine Netzaktivitäten auch aufzufliegen, denn sein Vater als IT-Fachmann besteht darauf, dass er die Geräte wieder zum Laufen bekommt. Lucas fürchtet nicht nur gewaltige Schwierigkeiten, sondern auch was seine Eltern über ihn denken werden, wenn sie den Inhalt seiner Festplatte zu Gesicht bekommen...

Dieser emotionale Jugendroman nimmt sich eines absolut tabuisierten Themas an und verdient deshalb wesentlich größere Resonanz. Durch den kostenlosen Zugang zu visuellem Material, der Unwissenheit der Eltern darüber, was ihre Kinder eigentlich so am Smartphone oder Computer treiben werden die meist männlichen Konsumenten immer jünger. Heute sehen sich P0rnos schon Kinder an, meist in einem Alter, in dem sie noch nicht einmal eine andere Person geküsst haben. So sind diese Filme häufig der erste Zugang zu Sexualität. Die sexuelle Sozialisation durch den Konsum solcher Medien führt zu großer Unsicherheit.
So ergeht es auch Lucas im Roman. Durch das ihm vermittelte Frauenbild weiß er nicht, wie er sich den Mädchen, die er mag, nähern soll. Lucas' Leidensdruck wird so groß, dass er sich immer mehr zurückzieht, dass am Ende nur professionelle Hilfe als Ausweg scheint.

Dieses Buch sollte als Lektüre im Unterricht behandelt werden!

Veröffentlicht am 06.08.2023

Eine Hymne ans Frausein

Die weibliche Kraft kehrt zurück
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Normalerweise lese ich keine Bücher aus dem Bereich Esoterik, allerdings hat mich der Klappentext derart angesprochen, dass ich diesem Buch eine Chance geben wollte. Weil ich vermutlich nicht zur üblichen ...

Normalerweise lese ich keine Bücher aus dem Bereich Esoterik, allerdings hat mich der Klappentext derart angesprochen, dass ich diesem Buch eine Chance geben wollte. Weil ich vermutlich nicht zur üblichen Zielgruppe dieser Lektüre gehöre, habe ich mich mit manchen Passagen ein wenig schwergetan, die mir persönlich ein wenig zu weltfremd schienen. Von diesem Punkt abgesehen, habe ich mich von diesem Buch durchaus abgeholt gefühlt und konnte einige Aha-Effekte verbuchen.
Jutta Westfalens Buch hat eine empowernde Wirkung, führt weg von dem internalisierten Gefühl einer defizitären Weiblichkeit hin zu einer Stärkung der weiblichen Urkraft. Was dieses Buch für mich dabei so lesenswert gemacht hat, ist dass es angereichert ist mit archaischem Hintergrundwissen, z.B. über neolithische Frauenkulturen, in denen Mutterschaft sich soweit kulturell herausgebildet hat, dass in verschiedenen geografisch weit voneinander getrennten Gebieten Figuren wie die “Venus von Willendorf” gefunden wurden; Götterbilder, aus denen ägyptische Gottheiten und schließlich die Marienbilder entstanden sind; über die frühere Bedeutung des Mondkalenders, der in seinen 13 Zyklen an der Mensis der Frau angepasst ist.

Dieses Buch ist sicherlich nicht für jede Person etwas, wer sich jedoch darauf einlassen kann, wird ein gewisses Maß an Stärkung der eigenen Weiblichkeit und einen Zuspruch für die eigene Intuition daraus mitnehmen können.

Veröffentlicht am 06.08.2023

Eine virtuelle Welt und Quests im realen Leben

Erebos
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Von einem auf den anderen Tag sind Nicks Freunde Colin und Jamie sehr seltsam. Haben keine Zeit mehr, tun geheimnisvoll und sind kurz angebunden. Zeitgleich gibt es ein Gerücht über eine CD, die in der ...

Von einem auf den anderen Tag sind Nicks Freunde Colin und Jamie sehr seltsam. Haben keine Zeit mehr, tun geheimnisvoll und sind kurz angebunden. Zeitgleich gibt es ein Gerücht über eine CD, die in der Londoner Highschool die Runde machen soll. Alleine um herauszufinden, was es damit auf sich hat, will Nick unbedingt an eine dieser CDs gelangen und sehen, was sich darauf befindet. Allerdings muss man eingeladen werden. Dann wird Nick angesprochen und kriegt die Gelegenheit dazu, nachdem er in die Regeln eingewilligt hat, sie sich allein anzusehen und niemals darüber zu sprechen.
Nun hat er Zugang zu der Welt von Erebos, einem Computerspiel, das schon nach kurzer Zeit süchtig macht, weil es die Grenzen von Spiel und Realität sprengt. Nick verfällt dem Spiel, vernachlässigt das Basketballtraining und verliert sein Interesse an diesem besonderen Mädchen an seiner Schule. Nick stellt fest, dass er zeitweise Erebos nur weiterspielen kann, wenn er in der realen Welt Aufgaben erledigt. Hat er diese Aufträge erfüllt, lässt ihn das Spiel wieder in die ersehnte digitale Welt. Diese scheinen ihm ziemlich sinnlos, doch eines Tages erhält er eine Aufgabe, die sein Gewissen auf die härteste Probe.

Warum habe ich so lange gewartet dieses Jugendbuch zu lesen? Von sooo vielen Leuten wurde es mir empfohlen, und endlich konnte auch ich meine Sucht stillen – denn schon nach kurzer Zeit war auch ich dem Sog verfallen und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Ich fand es unglaublich spannend! Genau wie Nick fragt man sich, welche:r seiner Mitschüler:innen sich wohl hinter welchem Spielecharakter verbirgt und was das Spiel mit seinen ominösen Aufträgen außerhalb der virtuellen Welt für einen Zweck verfolgt. Auch, wenn das ein einigermaßen dickes Buch ist mit seinen fast 500 Seiten, kann ich mir gut vorstellen, dass sonst eher lesescheue Gamer:innen darin einen ungeahnten Spaß finden können!

Veröffentlicht am 06.08.2023

Definitiv kein Wohlfühlbuch, aber eines, das auf seine Weise bereichert

Mittnachtstraße
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Malte ist ausgebrannt; von seinem Job als freischaffender Journalist, von der Verantwortung in der Pandemie und vor allem vom plötzlichen Auftauchen seines Vaters, zu dem er schon seit Jahren keinen Kontakt ...

Malte ist ausgebrannt; von seinem Job als freischaffender Journalist, von der Verantwortung in der Pandemie und vor allem vom plötzlichen Auftauchen seines Vaters, zu dem er schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Die aufgebrochenen Wunden der Vergangenheit bringen das Fass zum Überlaufen, so dass Malte nun gar keinem mehr gerecht wird. Seine Ehe steht auf der Kippe und sein pubertierender Sohn schimpft den Vater in seinem Aktivismus eines Millenials sowieso nur noch einen heuchlerischen Boomer. Zu allem Überfluss baut sein mittlerweile dementer Vater eine so grandiose Scheiße, aus der Malte nur mit einem Deal rauskommt, unter dem sein Gewissen aber zunehmend leidet. So zieht Malte sich mehr und mehr zurück und sucht sich als Exil ausgerechnet den verhasstesten Ort in Stuttgart aus – die urdeutsche Kleingartenkolonie “Weichenherz”, dem früheren Rückzugsort seines Vaters. Gerade dort kommt Malte nicht umhin, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, wo er seinen Vater verdammt, gleichzeitig aber erkennt, dass er ihm ähnlicher ist als er will.
Während er ein altes Übel wieder gutzumachen versucht, erkennt Malte, dass die Verantwortung, die er übernehmen muss, über seine eigene Generation hinausgeht.

Wie in seinem vorigen Roman “Fake” brilliert Frank Rudkoffsky erneut mit einem tiefgreifenden Thema, dem er mit Sarkasmus und Wortwitz die Schwere ein wenig nimmt. Seine Figuren zieht er dabei bis auf die Moral aus, so dass sie nackt und angreifbar vor dem:der Leser:in stehen. Es ist eine Geschichte über aufgestockten Schmerz, Wut und toxische männliche Verhaltensweisen, worin sich so manche:r bestimmt wird wiederfinden können. Dies ist definitiv kein Wohlfühlbuch, aber eines, das auf seine Weise bereichert.