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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.08.2023

Die Rolle des abwesenden Vaters steht markant im Mittelpunkt.

Vatermal
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Anklagend und abrechnend, aber auch verzeihend dem abwesenden Vater gegenüber, still kritisierend der menschlichen Kälte und Vorurteilung in der BRD gegenüber – so präsentiert sich dieses emotional verfasste ...

Anklagend und abrechnend, aber auch verzeihend dem abwesenden Vater gegenüber, still kritisierend der menschlichen Kälte und Vorurteilung in der BRD gegenüber – so präsentiert sich dieses emotional verfasste Buch. In Deutschland geboren, doch erst mit 18 Jahren nachweislich als Deutscher per Ausweispapieren dokumentiert – die Schilderung eines jungen, schwierigen Lebensweges auf der Suche nach Heimat, nach zu Hause, nach Identität durch den Verlust türkischer Wurzeln. In einem Krankenhauszimmer liegend, mit einer Autoimmunschwäche kämpfend, erzählt Arda in Rückbesinnung über sein bisheriges wenig harmonisches Leben und das seiner Schwester und Mutter, die als Jugendliche nach drei Jahren aus der Türkei zu ihren Eltern emigrierte. Das Wort VATERMAL existiert im Deutschen nicht, wohl aber das Wort Muttermal als gutartige Veränderung in der Haut. Pustet Arda nun das VATERMAL in seinem Gesicht an seiner Fingerkuppe klebend einfach weg, gibt dieses Bild viel Spielraum für Interpretationen. Das Cover zeigt auf schwarzem Grund blutig rote Pfeilspitzen den ebenso roten Buchtitel begleitend. Der in Pink gehaltene Autorenname schreit und beißt sich farblich. Auch diese sicherlich bewusst ausgesuchte Farbwahl lässt Freiraum zum Nachdenken.

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Veröffentlicht am 24.07.2023

Was für ein realistisch beschriebenes, digitales Löschprojekt!

Zeiten der Langeweile
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In drei Teilen wird ein Prozess des vollkommenen Verschwindens beschrieben, vielleicht auf der Suche nach mehr Freiheit. Während es im ersten Teil um die Abgabe ihrer Doktorarbeit und um die Beendigung ...

In drei Teilen wird ein Prozess des vollkommenen Verschwindens beschrieben, vielleicht auf der Suche nach mehr Freiheit. Während es im ersten Teil um die Abgabe ihrer Doktorarbeit und um die Beendigung ihrer zwei Online-Seminare geht neben dem teils mühsamem Löschen sämtlicher ihrer Accounts und von Datenvolumen im Netz von Google bis zur Arbeitslosenmeldung in Berlin. Mit dem Recht auf Vergessen werden weg von digitaler Ausbeutung und Manipulation führt der Weg hier nicht zu Selbstfindung, sondern eher zu tiefer Einsamkeit und Entfremdung, zu einem Ausstieg aus unserer westlichen Zivilisation. Im zweiten Teil werden Streaming Dienste sowie Accounts bei Amazon Prime, Mubi und Netflix gekündigt, das Smartphone durch ein Dumbphone ersetzt und einschneidende, technische Veränderungen und der Wegfall von Apps verändern massiv den Alltag. Folgende neue Drop-out-Regeln gelten:
Ich lese jeden Tag hundert Seiten. Alles, was Seitenzahlen hatte, zählt.
Ich darf jeden Tag einen Film oder drei Folgen einer Serie auf DVD schauen. Mehr nicht.
Ich mache täglich dreißig Minuten Sport. Das kann alles von HIIT bis Yoga sein.
Überlegungen zu strenger werdenden Gesetzen zum Datenschutz, zu der gefühlten Auflösung vom Recht am eigenen Bild in öffentlichen Räumen, die früher nur für Personen des öffentlichen Lebens gegolten hatte oder zur Verletzung persönlicher Rechte auf Blogs oder Social-Media-Plattformen werden angeschnitten. Während es zunächst um den Ausstieg aus der digitalen Welt geht mit möglichst wenig sozialer Interaktion, geht es im dritten Teil um grundsätzliche Lebensfragen, um strahlungsfreie Zonen, um den herben Verlust von ausgewählten Freundschaften bis zu dem Moment tiefer Ratlosigkeit und Erschöpfung.
Die Benutzung zu vieler englischer Begriffe wie AMP, Unabomber, tradwife, Memes, Sub-Reddit, Flashmob etc. hat meinen Lesefluss sehr beeinträchtigt. Leser:innen älteren Jahrgangs könnten davon abgeschreckt werden.

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Veröffentlicht am 13.07.2023

Wenn das eigene Leben eine Lüge ist, verliert man sich.

Seaside Hideaway – Unsafe
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Das Cover überzeugt mit einer Wasserfarben Technik – nass in nass – in blau bis schwarz-Tönen gehalten, mit klaren Lichtpunkten in warmen Tönen gehalten. Sogar locker verteilte Flitter in Gold darüber ...

Das Cover überzeugt mit einer Wasserfarben Technik – nass in nass – in blau bis schwarz-Tönen gehalten, mit klaren Lichtpunkten in warmen Tönen gehalten. Sogar locker verteilte Flitter in Gold darüber belebt dieses kreative Werk – sehr künstlerisch ansprechend. Wohl einzustufen als Jugendbuch, spricht es auch Themen wie z.B. die Adoption bei Jackson Scott und den damit verbundenen Fragen nach den leiblichen Eltern auch für Erwachsene an. Überhaupt ist das Finden der eigenen bzw. der neuen Identität auch im amerikanischen Zeugenschutzprogramm wie hier bei Nevah und ihrer Familie an neuem Ort, mit neuem Namen mit schnellster Umsetzung ein großes Problem, denn zu deren Schutz darf die Wahrheit über übles Vorausgegangenes nicht ausgeplaudert werden. Wenn man in das bisherige alte Leben nicht zurückkehren kann, tatsächlich gezwungen ist, ein neuer Mensch zu werden, findet sich so mancher in überhöhtem Alkoholkonsum, in Panikattacken, Heimweh, Alpträumen oder Isolation wieder. Neben diesen Themen werden Umweltschutzgedanken, nachhaltiges Leben in Vereinbarkeit mit Wirtschaftswachstum angerissen. Insgesamt fehlt es inhaltlich an kreativen Überraschungen neben dem anonymen Instagram-Account oder der Biofarmerin Blake als neue Freundin von Nevah. Die Suche nach der Wahrheit und ihre Offenlegung ohne Lügerei, ohne Vertrauen scheint nicht leicht zu sein – regt sicher viele zum Nachdenken an!

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Veröffentlicht am 09.07.2023

Ein Kopfsprung vom Sieben Meter Turm im Freibad – aus Mut oder Verzweiflung?

Seemann vom Siebener
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Scheinbare Idylle in einem kleinstädtischen Pfälzer Freizeitbad alter Kategorie mit einer bunten Anzahl verschiedenster, facettenreicher Charakteren, von sehr alt und dement bis jugendlich und psychisch ...

Scheinbare Idylle in einem kleinstädtischen Pfälzer Freizeitbad alter Kategorie mit einer bunten Anzahl verschiedenster, facettenreicher Charakteren, von sehr alt und dement bis jugendlich und psychisch gestört. Das Ottersweiler Freibad wird am letzten Freitag der Sommerferien zum Spätsommersehnsuchtstag. Wie in einem Puzzle werden Erinnerungen, Gedanken, Beziehungen untereinander über Ehe, Freundschaft, Trauer und Tod in bildhafter, teils humorvoller, direkter Art beschrieben. Während der erste Teil etwas langatmig aktionslos in seiner Beschreibung der Örtlichkeit, der beteiligten, sympathischen Figuren und einem schattenhaft angedeutetem Übel dahinrinnt, entwickelt sich in zwei weiteren Kapiteln - auch mit Dialekt - eine lebhafte, authentisch empfundene Geschichte, jedoch mit manch filigran angedeuteten, dennoch offenen Enden. Dass Josefine in Alis Sandkastenbauwerk die Zitadelle von Akkon erkennt oder Melanie die Dose mit Reizgas aus ihrer Tasche hervorholt, halte ich für bildlich überzogen. Insgesamt mögen hier manchen Leser Fantasie und auch etwas tiefer gehendes Nachdenken über die Suche nach dem Glück beschleichen.

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Veröffentlicht am 24.06.2023

Ein mühsamer Neuanfang zu mehr persönlicher Freiheit.

Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe
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Eine Geschichte über den Lebensweg einer Frau, angefüllt mit vielen Gefühlen und wichtigen, nachklingenden Entscheidungen, aufgereiht in scheinbar wahllos aneinander gereihten, kurzen Kapiteln, wiederholt ...

Eine Geschichte über den Lebensweg einer Frau, angefüllt mit vielen Gefühlen und wichtigen, nachklingenden Entscheidungen, aufgereiht in scheinbar wahllos aneinander gereihten, kurzen Kapiteln, wiederholt auf einzelne Episoden ihres Lebens erneut eingehend. Als alleinerziehende Mutter, die sich stets vor allem nach mehr Freiheit sehnt, jedoch keine Veränderungen in ihrer Solitude mag, so stellt sich die Hauptfigur vor. Vieles ist im Umbruch in ihrem Leben. Diese sehr gut nachvollziehbaren Gefühle von Abschied, verlassen zu werden von ihren Zwillingen und dem notwendigen Auszug aus der zu teuren Wohnung stehen im Raum. Die Problematik eines geordneten Neuanfangs trotz Überforderung nicht nur beim Ausmisten all der Erinnerungen kommt nachvollziehbar an. Selbst das sehr intime Thema wie Abtreibung fördert die detaillierte Selbstbefragung hervor. Wichtige Entscheidungen, was zu behalten immer noch wichtig ist und warum, ist nachvollziehbar aufgeführt in einem Schreibstil in der Ich-Form, quasi als schriftlich festgehaltene Gedankengänge, z. B. zum Vergessen, zu diversen Ängsten und vor allem über die neue Freiheit nach dem behüteten Erwachsenwerden der Zwillinge. Insgesamt kommen alle Figuren sympathisch daher, die Probleme allein erziehender, berufstätiger Mütter werden klar einbezogen. Der Buchtitel ist inhaltlich eigentlich ein Widerspruch in sich. Warum wurde er gewählt? Das Cover mit Hund und herbstlichem Laub passt gut zum abschließenden Lebensabschnitt der Hauptfigur. Ein leiser Roman zum Nachempfinden.

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