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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.02.2024

Eine besondere Ausdrucksform

fancy immigrantin
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Fancy Immigrantin. Was ist eine Fancy Immigrantin? Hatice Açıkgöz unterscheidet zwischen Fancies, Menschen mit Migrationshintergrund; und Basics, der (weißen) Dominanzgesellschaft angehörig, manche davon ...

Fancy Immigrantin. Was ist eine Fancy Immigrantin? Hatice Açıkgöz unterscheidet zwischen Fancies, Menschen mit Migrationshintergrund; und Basics, der (weißen) Dominanzgesellschaft angehörig, manche davon fähig zu lernen (auch von diesem Buch), andere (wie die AfDoofies) eher nicht.
Açıkgöz Tagebuch liest sich nur insofern chronologisch, als dass sie darin prägende Ereignisse/Erlebnisse/Erfahrungen aus ihrem Leben aufgereiht hat. Deutsche Kulturübernahme à la Wallah, Bodyshaming, Hanau, unterstellte Identitätsdefizite aus der eigenen Community, Halle. Aus einer mehrfachen Marginalisierung heraus schreibt sie dieses poetische Tagebuch, das sie – anders als ihre anderen Werke – politisch verstanden wissen möchte.
Nicht nur ein poetisches, nicht nur ein politisches, sondern auch ein persönliches Tagebuch, dessen letzte Seite beim Zuklappen aussieht, als würde sie mir winken und viel Glück wünschen dabei, über das Gelesene nachzudenken.

Veröffentlicht am 25.12.2023

Eine Welt ohne Männer?

Die andere Hälfte der Welt
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Als Dr. Amanda Maclean im Krankenhaus drei Männer mit Fieber behandelt, die alle kurz nacheinander sterben, ist ihr schnell klar, dass sie es mit dem Beginn einer Pandemie zu tun hat. Ihre bedrohliche ...

Als Dr. Amanda Maclean im Krankenhaus drei Männer mit Fieber behandelt, die alle kurz nacheinander sterben, ist ihr schnell klar, dass sie es mit dem Beginn einer Pandemie zu tun hat. Ihre bedrohliche Entdeckung teilt sie der Gesundheitsbehörde mit, doch Amandas Warnung bleibt ungehört, und dann ist es zu spät. Das Virus, das nur Männer befällt, durchdringt innerhalb kürzester Zeit die schottische Bevölkerung und breitet sich über die Landesgrenzen hinaus aufs Festland und auf der ganzen Welt aus.
Die folgenden Wochen und Monate werden von Angst, Tod und Trauer beherrscht. Die Zivilisation versinkt im Chaos, und doch waren Frauen für sich nie so sicher, denn sie können zwar (Über-)Trägerinnen des Virus sein, selbst aber nicht daran sterben. Auf der Suche nach abgelegenen Orten, an denen Männer die tödliche Pandemie auszusitzen vermögen, brächten sie sich in Lebensgefahr, wenn sie Frauen zu nahe kämen. Vergewaltigungen und Plünderungen, wie sie es sonst gäbe, bleiben so aus. Doch auch wenn die Frauen nicht am Virus sterben können, so haben sie Väter, Brüder, Partner, Söhne und Enkel, die sie durch das Virus verlieren können.
In Episoden wird die Pandemie aus der Sicht verschiedener Frauen erzählt. Frauen, die bereits wissen, dass ihre Männer und Jungen erkranken werden. Jede dieser Frauen durchlebt auf ihre Weise einen Verlust. Und nach der Zeit der Trauer gilt es, die Zivilisation wieder aufzubauen. Frauen müssen männlich konnotierte Rollen und Berufe übernehmen, alle müssen einen staatlich verortneten Beitrag leisten.

Bei dieser gesellschaftlichen Dystopie komme ich gar nicht umhin, Parallelen zur Covid-Pandemie zu ziehen. Doch genauso denke ich an die Frauen im und zum Ende des Zweiten Weltkrieges, die ob der vielen im Krieg gebliebenen Soldaten, welche die Wirtschaft am Leben und das Land wiederaufbauen mussten. Ein interessantes Gedankenspiel, diese männervernichtende Pandemie.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich zeitweise Probleme dabei hatte, mir all die Frauen und ihre Beziehungsgeflechte zu merken. Manche Stelle hätte gekürzt werden können, bei manchen Charakteren hätte ich gerne länger verweilt. Auf jeden Fall gibt es von mir eine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 25.12.2023

Lovestory & Die Sims

Today I’ll Talk to Him (1)
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Layla und Asher sind ein Liebespaar, leider nur virtuell auf dem PC. Denn Layla ist viel zu schüchtern, um Asher im richtigen Leben anzusprechen, und so streamt sie hinter einer Maske ihre Lovestory als ...

Layla und Asher sind ein Liebespaar, leider nur virtuell auf dem PC. Denn Layla ist viel zu schüchtern, um Asher im richtigen Leben anzusprechen, und so streamt sie hinter einer Maske ihre Lovestory als Sims einer kleinen Fanbase im Internet.
Und dann ist die Highschool geschafft. Layla startet einen Neuanfang mit ihrem Studiumj in Spieleentwicklung & Gamedesign am College in einem verschlafenen Ort namens Harpersville. Doch schon nach wenigen Tagen merkt sie, dass auch Asher in Harpersville studiert, obwohl er doch eigentlich in New York sein sollte. Den ersten Schock teilt auch ihre Sims-Community, der sie im nächsten Stream vom Wiedersehen mit Asher erzählt, aber recht schnell kommen ihre Follower auf die Idee, dass Layla den Neuanfang nutzen könnte, um Asher endlich näher zu kommen und ihre Fortschritte in Sims zu streamen. Layla, die davon träumt, mit ihren Streams irgendwann so bekannt zu werden, dass sie davon leben könnte, sieht in der Idee die Möglichkeit, zwei Lebensziele zu realisieren und nimmt die Herausforderung an in Form von kleinen Challenges. Glücklicherweise wird Layla einer AG zugeteilt, die sie so nah an Ashers Volleyballteam bringt, dass sich Projekt „Today I'll talk to him“ wirklich realisieren lassen könnte. Wäre da nicht diese unglaublich grummelige Henry, der ebenfalls zum Volleyballteam gehört und nicht nur in Asher einen Antagonisten sieht, sondern in Layla gleich mit.

Normalerweise mache ich einen Bogen um so arg liebeslastige Jugendbücher (sagt die Person, die kurz zuvor Tokioregen rezensiert hat, haha), aber da ich eh noch fürs Weihnachtsgeschäft was aus dem Bereich Young/New Adult lesen wollte, und mich der Gaming-Hintergrund der Protagonistin angesprochen hat, gab ich dem Buch eine Chance. Gerade, weil in manchen Ecken den Gaming-Community Mädchen und Frauen noch immer eher belächelt als ernstgenommen werden. Die Geschichte ist auf jeden Fall ganz süß, wobei mir Layla manchmal ein wenig zu verplant war. Eine nette Schmöker-Schmonzette für zwischendurch!

Veröffentlicht am 07.08.2023

Wenn in Europa das geglaube Glück wohnt...

Barfuß in Deutschland
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Nach dem Tod ihrer Mutter träumt Mutoni von einem Leben in Europa. In Ruanda hält sie nichts mehr, nachdem ihre Schwester überstürzt nach Dubai aufgebrochen ist, um ihrerseits ein besseres Leben zu finden.
Durch ...

Nach dem Tod ihrer Mutter träumt Mutoni von einem Leben in Europa. In Ruanda hält sie nichts mehr, nachdem ihre Schwester überstürzt nach Dubai aufgebrochen ist, um ihrerseits ein besseres Leben zu finden.
Durch eine frühere Freundin wird Mutoni ein Kontakt mit einem wohlhabenden Mann in Deutschland vermittelt. In dem Glauben, dass Sebastian ihr Freund wird und ihr ein gutes Leben ermöglichen wird, macht Mutoni sich in den deutschen Winter auf. Kälter als das Wetter ist die gewaltvolle und ausbeuterische Situation, die Mutoni erwartet.
Sie kann sich aus ihrer Zwangslage befreien, irrt barfuß durch Hamburg und findet wie durch ein Wunder eine unerwartete Hilfe. Nur weit weg von Hamburg will sie und die schlimmen Erlebnisse vergessen. Mit der Zeit kommt Mutoni in Deutschland an, lernt Menschen und Kultur kennen. Es sieht aus, als könnten ihre Wunden heilen. Allerdings erkennt Mutoni, dass die Leute gewisse Ressentiments gegen sie haben. Der jungen Frau, die in Ruanda studiert hat und als gebildet gilt, wird in Deutschland lediglich ein Pflegejob zugetraut. Mutoni kommt an den Punkt, an dem sie sich fragt, ob Europa wirklich das Paradies ist, für das sie es gehalten hat.

So richtig weiß ich nicht, was ich im Nachgang von diesem Buch halten soll, obwohl ich es schon gut fand. Für mich kommt Mutoni vom Regen in die Taufe, was daran liegt, dass sich sich Mutonis Vorsicht zu Naivität wandelt, je näher ihre Reise nach Europa rückt. Die helfenden Hände, denen sie sich anvertraut, wägen mal mehr, mal weniger offensichtlich immer auch die Investition für ihre Bemühungen ab. Aus der Gesamtsumme dessen, was Mutoni widerfährt, zieht sie das möglichst Positive, das sie nach der letzten Seite, dem Fokus der Leser:innen entrückt, hoffentlich glücklich macht.

Veröffentlicht am 07.08.2023

Dieses Buch ist so wichtig!

Wir doch nicht
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Mathilda lebt in einer Zeit neuer politischer Umbrüche in Hamburg. Eine aufstrebende Partei setzt sich für traditionelle Werte ein, die das Patriarchat neu stärkt. Als diese Partei an die Macht gelangt, ...

Mathilda lebt in einer Zeit neuer politischer Umbrüche in Hamburg. Eine aufstrebende Partei setzt sich für traditionelle Werte ein, die das Patriarchat neu stärkt. Als diese Partei an die Macht gelangt, ist eine der ersten Gesetzesänderungen auf ihrer Agenda, Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch per lebenslanger Haftstrafe zu verbieten.
Die Entscheidungsgewalt über ihren Körper versucht sich die Mittdreißigerin Mathilda im Badezimmer mit einem Kleiderbügel zurückzuholen. Sie weiß, dass sie für das, was sie tut, im Gefängnis landen kann, zumal sie auch schon unter besonderer Beobachtung der örtlichen Behörden steht – denn in ihrem Alter noch kein Kind zu haben steht den Werten der neuen Regierung gegenüber. Mathildas Mutter hat das Land längst verlassen, und mittlerweile wünscht Mathilda sich, sie hätte ihre Warnungen nicht achtlos beiseiteschieben sollen. Für ihren Mann Finn entwickelt Mathilda zunehmend Abscheu, denn er sieht in der Kontrolle der Frauen und Kinder, welche die neue Regierung anstrebt, eine Karrieremöglichkeit. Um seine beruflichen Ziele zu erreichen, steht ihm die Kinderlosigkeit allerdings im Weg. Doch dann entzünden sich Mathildas innere Verletzungen, und sie zieht ungewollte Aufmerksamkeit auf sich, die sie das Leben kosten kann.

In den USA ist am 25. Juni 2022 mit dem Kippen des Urteils Roe v. Wade das seit 1973 bestehende Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch in vielen Bundesstaaten stark eingeschränkt worden. Aktueller könnte dieses Buch daher nicht sein. “Wir doch nicht” schreit in einer wichtigen literarische Sprache, denn Freiheit nutzt sich ab, wenn sie nicht genutzt wird – also lest dieses Buch und gebt es weiter!