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Veröffentlicht am 18.08.2023

Yoga mit Body Positivity

Every Body Yoga
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Schon beim Blick auf das Titel von Every Body Yoga von Jessamyn Stanley wird klar, dass es nicht nbedingt um anfängertaugliche Asanas für jedermann geht. Denn die Frau, die sich da in Dreiecksposition ...

Schon beim Blick auf das Titel von Every Body Yoga von Jessamyn Stanley wird klar, dass es nicht nbedingt um anfängertaugliche Asanas für jedermann geht. Denn die Frau, die sich da in Dreiecksposition durchstreckt entspricht so gar nicht den Frauen, die die Titelbilder von yogazeitschriften schmücken oder als Fitness-Influencerinnen auf ihren Youtube Kanälen den Sonnengruß üben. Sprich: Hier steht keine ätherische Blondine in Pastell, sondern eine schwarze Frau, die politisch korrekt als plus size curvy beschrieben wird, selbst aber kein Blatt vor den Mund nimmt und sagt: ich bin fett.

Schon mit ihrem schnoddrigen Stil, ihrer gnadenlosen Ehrlichkeit und klaren Ansprache ist die Autorin sympathisch. Und es ist großartig, dass sie den elephant in the room, oder eher im Yogastudio anspricht: Es ist nun mal nicht jede*r eine ätherische Blondine. Oder hat einen präpubertären Körper mit kaum vorhandenen Hüften. Nichte jede, die sich zum herabschauenden Hund beugt, blickt auf einen brettflachen Bauch. Und auch das Yogatraining verwandelt nicht unbedingt in eine Frau mit Tänzerinnenfigur, siehe Jessamyn. Tut trotzdem gut und sollte Spaß machen - aber bitte ohne kritische Seitenblicke und hämische Bemerkungen über die Dicken im Fitnessstudio!

Jessamyn Stanley hat ihr Buch für diejenigen geschrieben, die nicht weiß oder jung oder mit perfekter Figur gesegnet sind. Ihr Appell für mehr Body-Positivity ist auch eine Beschreibung des eigenen Lernwegs vom dicken kleinen Mädchen, das so gerne eine Cheerleaderin mit Ballerina-Figur gewesen wäre. Der Weg zur selbstbewussten Power-Frau war harte Arbeit, das wird beim Lesen deutlich.

Um Yoga geht es natürlich auch, wobei die Autorin sowohl verschiedene Yogaarten vorstellt als auch mit Abbildungen der Abläufe verschiedene Yoga-Flows etwa für Gelassenheit, für innere Stärke oder fürs Gleichgewicht vorstellt. Wer noch nie Yoga gemacht hat, dürfte auch angesichts der wenig elfenhaften Modelle Mut fassen, es einmal auszuprobieren. Und wer Yoga bereits kennt und selbst auch keine Size Zero Typ ist, kann nur sagen: danke, Jessamyn!

Veröffentlicht am 12.08.2023

Blick auf den Bataclan-Prozess

V13
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Emmanuel Carrere hat etwas gemacht, was eigentlich gar nicht so ungewöhnlich ist, sondern für Gerichtsreporter eigentlich selbstverständlich ist - einen großen Prozess von Anfang bis Ende zu begleiten, ...

Emmanuel Carrere hat etwas gemacht, was eigentlich gar nicht so ungewöhnlich ist, sondern für Gerichtsreporter eigentlich selbstverständlich ist - einen großen Prozess von Anfang bis Ende zu begleiten, Tag für Tag, sowohl an den Tagen spektakulärer Zeugenaussagen und der wichtigen Plädoyers, als auch in den Phasen, wo Prozessformalitäten eher für journalistische Durststrecken sorgen. Nun ist Carrere allerdings nicht Journalist, sondern Schriftsteller, der für die Zeitung "L´Observateur" einmal wöchentlich eine Kolumne vom Prozess um die islamistischen Terroranschläge vom 13. November 2015 unter anderem im Batclan geschrieben hat - auch das ein Unterschied zu Gerichtreportern, die tagesaktuell und schnell, ohne die Möglichkeit längerer Reflektion liefern müssen.

Für seine Gerichtsreportage, die wiederum ein Ausbau dieser Kolumnen ist, geht der Autor insofern anders vor als die Nachrichtenprofis der Gerichtsberichterstattung, die die Pflicht haben, unvoreingenommen zu berichten und bestimmte Standards zu beachten, etwa (zumindest in Deutschland) aufgrund der Unschuldsvermutung selbst dann als mutmaßlichen Täter zu bezeichnen, wenn ein Geständnis und eindeutige Beweise vorliegen. Carrere hingegen geht eher subjektiv an das Thema heran, schildert seine Gefühle und Empfindungen angesichts der Tat, aber auch der Zeugenaussagen und des Prozessverlaufs.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ein Mammutprozess, erst recht ein Prozess um einen Terroranschlag mit seinen erheblichen Sicherheitsmaßnahmen und seiner Abschottung, führt früher oder später zu einem ganz eigenen Biotop, einer kleinen Welt, in der alles um diesen einen Fall kreist und auf den Gerichtskorridoren Beobachter und Anwälte, Nebenkläger und regelmäßige Besucher treffen und miteinander ins Gespräch kommen. Wenn es so richtig lang wird, lassen sich womöglich sogar die Staatsanwälte blicken. Nur die Richter, die ja "unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen" urteilen müssen, mischen sich grundsätzlich nie unters Prozess-Volk.

In diesem Fall - da wird so manches Frankreich-Stereotyp gestreichelt - offenbar auch zur Fortsetzung nach der Verhandlung in einer Brasserie. Bei Journalisten gibt es dabei immer die Frage, ab wann zu viel Nähe Objektivität trübt und unprofessionell wird - erneut ist das im Fall von Carrere kein Thema.

Carrere schildert, wie er sich mit einigen der Nebenkläger anfreundet, aber auch, wie er mit den "kleinen Fischen" unter den Angeklagten durchaus Mitgefühl hat. Teils ist sein Buch ein Bericht über den Terroranschlag und seine Folgen für die Betroffenen, teils - da überwiegt dann wieder der Schriftsteller - eine Art Sehnsucht nach Katharsis, nach einer heilenden Wirkung des Verfahrens. Das Gemeinschaftsgefühl, dass im Laufe eines Verfahrens entstehen kann, gehört dazu, die Hoffnung, dass nicht nur Recht gesprochen wird, sondern auch Gerechtigkeit erfahren - und das ist dann wieder höchst subjektiv.

Nachvollziehbar und eindringlich schreibt Carrere darüber, wie Freunde und Abgehörige der Toten mit dem Verlust weiterleben müssen, die Traumata der Überlebenden, die schwierige Frage, wie Leid in eine Summe Entschädigungsgeld übersetzt werden kann. Die Hierarchie der Opfer - ganz vorne in der Aufmerksamkeit die vom Bataclan, die Toten aus den Terassencafés schon deutlich geringer beachtet, ist ein weiteres Thema Carreres. Und auch auf die schwierige Aufgabe von Strafverteidigern, die den meistgehassten Menschen des Landes zu einem fairen Prozess verhelfen müssen und die nur allzu oft mit den Taten ihrer Mandanten identifiziert werden, geht er ein. Da geht "V13" (kurz für Vendredi 13, also Freitag den 13., dem Tag der Anschläge) dann über die reine Prozessberichterstattung hinaus und regt zum Nachdenken über die Meta-Ebene so eines Verfahrens ein.

Veröffentlicht am 12.08.2023

Schützt der Verfassungsschutz Demokoratie?

Verfassungsschutz
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Spätestens seit der Causa Hans Georg-Maaßen dürften auch viele Menschen, die in der Vergangenheit wenig über die Arbeit des Verfassungsschutzes und die Auswirkungen auf sich selbst nachgedacht hatten, ...

Spätestens seit der Causa Hans Georg-Maaßen dürften auch viele Menschen, die in der Vergangenheit wenig über die Arbeit des Verfassungsschutzes und die Auswirkungen auf sich selbst nachgedacht hatten, ins Grübeln geraten sein: Der Chef des Dienstes, der verantwortlich ist für den Schutz der Verfassung und damit für das, was als freiheitlich-demokratische Grundordnung bezeichnet wird, rückte in seinen öffentlichen Äußerungen gefährlich nahe an jene heran, bei denen viele einen deutlichen Gegensatz zu den Werten sehen, die eben diese Grundordnung ausmachen. Der Chef des Verfassungsschutzes konnte keine "Hetzjagden auf Ausländer" nach einer Demo unter Teilnahme auch Rechtsextremer in Chemnitz sehen. Pressebilder, aber auch Äußerungen von Polizisten im Einsatz vor Ort, sprachen eine völlig andere Sprache..

In Ronen Steinkes Buch "Verfassungsschutz" geht es einerseits um den Fall Maaßen, der mit den Äußerungen zu den Vorkommnissen in Chemnitz ja noch lange nicht erledigt war. Mit kritischem Blick vergleicht der Autor das Bundesamt für Verfassungsschutz mit anderen Diensten der inneren Sicherheit in den Nachbarländern und zeichnet dabei so manchen deutschen Sonderweg auf. Ganz ehrlich: Auch mir war vorher nicht klar, wie weitreichend die Freiheiten des Verfassungsschutzes in der Ausspähung von Bürgern und Gruppen ist, die er für beobachtungswürdig hält. War ich naiv, davon auszugehen, dass ähnlich wie bei polizeilichen Abhörmaßnahmen stets auch ein richterlicher Beschluss vorliegen muss, ein Ermittlungsverfahren, klare Hinweise, dass es rechtlich zu rechtfertigen ist, in die Privatsphäre eines Verdächtigen einzudringen?

Das System der V-Leute wiederum dürfte spätestens seit allem, was über die Terrorzelle NSU bekannt wurde (und wir wissen noch lange nicht alles, wie diverse Untersuchungsausschüsse und Rechercheure erfahren mussten) , Unbehagen auslösen. Wenn der Staat ausgerechnet Szene-Mitglieder finanziert - wie kann man da sicher sein, wem deren wahre Loyalität gilt?

Die zentrale Frage des Buches ist nicht, ob Maßnahmen zum Schutz der Demokratie vor innerer Aushöhlung oder extremistischen Gruppen getroffen werden müssen - sondern wer dafür zuständig sein soll. Steinke verweist auf Beispiele in anderen Ländern, wo dies polizeiliche Zuständigkeiten sind, mit klar geregelten Befugnissen und Vorgehen. Das Verfahren in Deutschland scheint eher willkürlich zu sein, wenn etwa Anhänger der Klimaschutzbewegung ins Augenmerk der Verfassungsdienste geraten. Allein die Nachricht, hier werde beobachtet, könne legitimes deokratisches Engagement plötzlich mit Ängsten behaften, warnt Steinke. Zwar haben die Schüler und Studenten von heute vermutlich keine Ahnung mehr von den "Radikalenerlassen" früherer Jahrzehnte - aber wer seine Zukunft im Staatsdienst sieht, überlegt sich vielleicht doch, welcher Gruppe er oder sie sich anschließt, welche Demo besucht wird oder eben nicht. Und damit, so Steinke, gestalte der Verfassungsschutz durchaus Politik, ohne dafür das Mandat zu haben,

Die Forderung nach anderen Strukturen als bisher sind für mich schlüssig und nachvollziehbar. Dieses Buch hat mir wertvolle Einblicke und Denkansätze gegeben.

Veröffentlicht am 08.07.2023

Fluch der Vergangenheit

Düster ruht die See
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Eigentlich will Detective Inspector Ben Kitto in die Zukunft blicken - er wird schließlich demnächst Vater. In nunmehr sechsten Band von Kate Penrose um die Fälle des Ermittlers auf den Scilly-Inseln ...

Eigentlich will Detective Inspector Ben Kitto in die Zukunft blicken - er wird schließlich demnächst Vater. In nunmehr sechsten Band von Kate Penrose um die Fälle des Ermittlers auf den Scilly-Inseln vor Cornwell, "Düster ruht die See", geht es hingegen gleich zweimal um die Vergangenheit. Zum einen wird bei Bauarbeiten das Skelett eines unbekannten Toten auf der kleinen Heimatinsel Kittos gefunden. Zum anderen werden mehrere Menschen umgebracht, die an der Verhaftung eines brutaten Gangsterbosses beteiligt waren, der nun im Sterben liegt. Hat er einen Auftragmörder in Gang gesetzt? Und ist Kitto, der bei einem Undercoverjob einen entscheidenden Beitrag zur Festnahme des Mannes leistete, auf der Insel in Gefahr?

Ohne zu spoilern, sei eines verraten: Leserinnen und Leser wissen von Anfang an, wer die Morde begeht und warum. Sie erfahren die Handlung daher aus zwei Perspektiven, während die Ermittler im Nebel stochern und bis fast zum Schluss nicht ahnen, mit wem sie es zu tun haben. Unspannend ist das dennoch nicht, im Gegenteil. Es ist ein bißchen wie in einem Film, in dem man dem in Bedrängnis geratenden Protagonisten zurufen will: "Jetzt dreh dich doch endlich mal um!"

Auch der Konflikt um ein Bauprojekt und den unbekannten Toten, der auf einer kleinen Insel mit hundert ständigen Einwohnern irgendwie durch die Wahrnehmung geraten ist, stellt die Ermittler vor Herausforderungen. Erst ein weiterer Todesfall wird die Lösung näherbringen. Der Plot ist überzeugend, der Schreibstil angenehm. Wer die vorangegangenen Bände nicht kennt, kommt trotzdem gut klar.

Zwischen den Ermittlungen gibt es Diskussionen um den Namen des Kindes, Auseinandersetzungen mit cholerischen oder besorgten Vorgesetzten und eine Reihe teils exzentrischer Personen in diesem spannenden, aber auch unterhaltsamen Inselroman, der Lust auf die wilde Schönheit der Inseln im Südwesten Englands macht.

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Veröffentlicht am 02.07.2023

Überlebenskampf

Kerbholz
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Die privilegierte Kindheit dreier Geschwister einer englischen Managerfamilie findet ein jähes Ende, als die Eltern während eines Neusseeland-Urlaubs mit ihnen im Auto veruglücken. Der Wagen der Familie ...

Die privilegierte Kindheit dreier Geschwister einer englischen Managerfamilie findet ein jähes Ende, als die Eltern während eines Neusseeland-Urlaubs mit ihnen im Auto veruglücken. Der Wagen der Familie stürzt über eine Klippe in einen Fluss, der siebenjährige Tommy, die zwölfjährige Katherine und der 14-jährige Maurice überleben als einzige.

Ein Handy gibt es zum Unfallzeitpunkt im Jahr 1978 nicht - und vorerst vermisst niemand die Familie, die ihre Zelte in England abzubrechen und nach Neuseeland zu ziehen, wo der Vater aber erst in zehn Tagen an seiner neuen Arbeitsstelle erwartet wird. Bis dahin, das ist Maurice und Katherine schnell klar, wird niemand sie vermissen oder suchen. Um in der Wildnis zu überleben, sind sie ganz auf sich gestellt - und gründlich überfordert mit der Situation.

Das ist die dramatische Ausgangssituation von Carl Nixons Roman "Kerbholz". Im folgenden zeichnet sich dieser Roman allerdings weniger durch Action aus, als durch psychologische Spannung und einen Einblick in die Psyche der Figuren. Loyalität, Verbundenheit, Vertrauen, Entschlossenheit, Familienbande und Wahlfamilien, das sind nur einige der Themen dieses Buches, wobei Überleben und das Preis, das dafür gezahlt wird, ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Nixon erzählt die Handlung nicht linear und offenbart den Lesern frühzeitig, dass es zumindest nicht für alle der Kinder einen guten Ausgang geben wird: In der Gegenwart wird eine alte Frau in Großbritannien von der neuseeländischen Botschaft kontaktiert. Menschliche Überreste seien als die ihres Neffen identifiziert worden, zusammen mit anderen Fundstücken, unter anderem der Uhr ihres seit Jahrzehnten vermissten Schwagers.

Susan, die Tante der drei Kinder, hat nach dem Verschwinden von Schwester und Schwager, als sich erst nach und nach offenbarte, dass die Familie nicht in ihrem neuen Heim angekommen war, jahrelang nach den Vermissten gesucht. Ist der Knochenfund nun der Abschluss?

Während Nixon die Geschichte der Kinder von hinten nach vorne erzählt, von den Outlaws, die die Kinder zufällig finden und sowohl retten als auch als Arbeitskräfte missbrauchen, folgen die Leser Susan aus der Gegenwart in die Vergangenheit, auf ihre Recherchen nach dem Verbleib von Nichte und Neffen. Wann hörte die Suche auf, ist sie den Kindern jemals näher gekommen? der Knochenfund in Neuseeland wirft neue Fragen auf, denn er stammt von einem 17 bis 18 Jahre jungen Mann. Wie lange haben die Kinder überlebt? Wird Susan noch einmal am anderen Ende der Welt nach Antworten suchen?

Bei aller Dramatik setzt Nixon in seinem Buch nicht auf Nervenkitzel, sondern auf die vielschichtigen Verbindungen seiner Protagonisten, ein kompliziertes und ambivalentes Beziehungsgeflecht, auf die Veränderungen, die Menschen durchmachen, wenn sie völlig außerhalb ihres gewohnten Lebens und seiner Werte gestoßen werden. Atmosphärisch dichte Schilderungen des Outbacks und seiner Bewohner, spröder und unsentimental, haben mich hier beeindruckt. Der Titel des Buches macht neugierig und erschließt sich im Laufe des Buches. Nixon ist ein Autor, den ich noch nicht kannte und der mich angenehm überrascht hat, vom furiosen Einstieg bis zum nachdenklich machenden Ende des Romans.

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