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Veröffentlicht am 14.09.2023

Poetisches Lesehighlight

Das dritte Licht
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Selten hat mich ein Buch so berührt wie „Das dritte Licht“ von Claire Keegan. Die Autorin braucht keine 100 Seiten, um in ihrer Erzählung eine ganze Welt offenzulegen. Ein Mädchen, das die ganze Erzählung ...


Selten hat mich ein Buch so berührt wie „Das dritte Licht“ von Claire Keegan. Die Autorin braucht keine 100 Seiten, um in ihrer Erzählung eine ganze Welt offenzulegen. Ein Mädchen, das die ganze Erzählung über namenlos bleibt, wird von ihrem Vater an einem heißen Sommertag zu entfernten Verwandten gebracht – und erlebt dort ein ganz neues Bild von Familie.

„Dann, nach einer Weile, wird der Kuchen aufgeschnitten. Die Sahne ergießt sich über den warmen Teig, bildet Lachen.“ (S.17)
Wärme, Zuneigung und Überfluss werden dem Mädchen zuteil – ergießen sich bedingungslos über sie. Beim Lesen steigen unweigerlich Bilder und Fragen auf: Was bedeutet Familie eigentlich? Wie entsteht Bindung? Was brauchen wir im Leben?

Auf dem Buchumschlag steht ein Satz von Jeffery Eugenidis, den ich gerne zitieren möchte, denn ich finde, treffender kann man das Buch kaum beschreiben: „Herzzerreißend, jedes Wort steht am richtigen Platz, und alles ist voller Doppeldeutigkeiten.“

Wirklich beeindruckt bin ich vom Stil der Autorin, die mit so wenigen Worten eine so dichte, fast erdrückende Atmosphäre schafft. Ihre Auswahl - was wird erzählt, was bleibt offen – zwingt dazu Lücken im Kopf zu füllen. Eine große Leseempfehlung!


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Veröffentlicht am 24.08.2023

Herzerwärmende Vorlesegeschichte mit Waldbewohnern

Dachs Naseweiß Phantastische Geschichten aus dem Wunderlichen Wald
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Dachs Naseweiß – Phantastische Geschichten aus dem Wunderlichen Wald – ist eine wirklich niedliche und herzerwärmende Vorlesegeschichte für Kinder.

Für mich passt bei diesem Buch alles zusammen - die ...

Dachs Naseweiß – Phantastische Geschichten aus dem Wunderlichen Wald – ist eine wirklich niedliche und herzerwärmende Vorlesegeschichte für Kinder.

Für mich passt bei diesem Buch alles zusammen - die etwas verträumten, detailreichen Illustrationen von Verena Körting der einzelnen Waldbewohner und ihrer Behausungen und die durchdachten Texte von Christian Wunderlich. Beim Lesen bin ich auf viele schöne, zauberhafte Details gestoßen, wie z.B. das Glühwürmchen Glüh, das statt einer Lampe den Dachsbau erhellt, das Wort "Dachsmalstifte" statt Wachsmalstifte und viele weitere Wortspiele, die auch die erwachsenen Vorleser*innen zum Schmunzeln bringen. So zum Beispiel auch Hellobien – das von Bienen erfundene Fest in Anlehnung an Halloween. Durch die hohe Dichte an kleinen, sympathischen Details und Besonderheiten entsteht wirklich eine eigene Welt im „Wunderlichen“ Wald.

Gleich zu Beginn wird deutlich, dass Dachs Naseweiß seinen Papa Dachs verloren hat, ein Thema das im Buch auch später noch eine Rolle spielen wird. Insgesamt werden Emotionen und Gefühle sehr sensibel behandelt – so bietet das Buch auch die Möglichkeit, mit Kindern über eigene Gefühle zu Sprechen. Jedes der acht Kapitel behandelt ein anderes für Kinder sehr relevantes Thema: Anfangen, Träumen, Gewinnen, Lachen, Bleiben, Fürchten, Spielen und Weinen. Schön finde ich, dass dabei alle Gefühle gleichwertig nebeneinander stehen: Sie gehören alle zum Leben dazu.

Außerdem finden auch unterschiedliche Lebensmodelle abseits von Geschlechterklischees ganz selbstverständlich und unaufgeregt Platz in der Geschichte. So lebt z.B. die Baumeisterin Biba mit ihrer Frau Babi zusammen im Staudamm.

Die Kapitel haben eine gute Länge um sie als Gutenachtgeschichte zu nutzen und das Buch ist für meine Kinder (3&6 Jahre) auch zum gemeinsamen Vorlesen geeignet. Die Kapitel sind auch als eigenständige Geschichte lesbar, sodass man einzelne Geschichten, die gerade vielleicht besonders relevant sind, einfach wiederholen kann.

Für mich persönlich fällt immer auch die Haptik und Optik von Büchern ins Gewicht. Hier hätte ich mir ein mattes Cover anstelle des glänzenden Buchumschlags gewünscht. Auch über ein Bändchen freue ich mich gerade bei Vorlesebänden immer sehr. Wegen des wirklich schönen Inhalts empfehle ich dieses Buch jedoch gerne mit vollen fünf Sternen weiter.

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Faszinierende Antiheldin und schonungslose Gesellschaftskritik

Die Einladung
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Keine Einladung gilt für immer – erst Recht nicht für Alex. Emma Clines Protagonistin, ein ehemaliges Escort Girl, landet nach einem kurzen Schnupperbesuch im Leben der Reichen und Schönen, auf dem Boden ...

Keine Einladung gilt für immer – erst Recht nicht für Alex. Emma Clines Protagonistin, ein ehemaliges Escort Girl, landet nach einem kurzen Schnupperbesuch im Leben der Reichen und Schönen, auf dem Boden der Tatsachen. Nachdem sie seinen Wagen beschädigt hat, setzt der deutliche ältere Simon, sie vor die Tür seiner Villa in den Hamptons. Alex beschließt, sich bis zu Simons großer Party alleine durchzuschlagen und reißt die Leser:innen mit in eine soghafte Abwärtsspirale.

Ohne Plan, ohne Obdach, ohne Geld und mit schwindendem Schmerzmittelvorrat macht Alex sich auf den Weg und zeigt sich dabei manipulierend, oft grenzüberschreitend und ohne Reue. Die brennende Frage, warum Alex ist, wie sie ist, lässt Emma Cline dabei explizit unbeantwortet.

„Warum bist du so?“ fragte er. Und er fragte wirklich. Erwartete irgendeine Erklärung, irgendeine logische Gleichung - x war ihr passiert, irgendetwas Schlimmes, deshalb war y ihr Leben, und das leuchtete natürlich ein. Aber wie sollte, Alex erklären, dass es keinen Grund gab, dass ihr nie etwas Schlimmes widerfahren war. Es war alles ganz normal gewesen. (S. 147)

Mit dieser Figur gelingt Emma Cline eine faszinierende Antiheldin – es fällt schwer für Alex Sympathie zu entwickeln, viel mehr löst sie Gefühle wie Abscheu und Entsetzen, manchmal auch Mitleid aus. Interessanterweise führt dies aber nicht dazu, dass die Personen, denen Alex begegnet, positiver wahrgenommen werden. Im Gegenteil, die Interaktionen mit Alex ermöglichen einen schonungslosen und nüchternen Blick auf die Gesellschaft, der durch den klaren, schnörkellosen Schreibstil noch unterstrichen wird.

Wie natürlich es Alex scheint, sich den Bedürfnissen älterer Männer anzupassen, keine Reibungsflächen zu bieten, sich unsichtbar zu machen. Wie selbstverständlich alle Unannehmlichkeiten des Lebens an Personal „outgesourced “ werden, wie sehr die Kinder der Reichen sich selbst überlassen sind – fest verankerte patriarchalische Strukturen, Machtgefälle, Abhängigkeiten, Drogenkonsum – ohne je belehrend zu wirken, zeichnet der Roman ein Bild der Gegenwart und ist damit auch eine Einladung zum Nachdenken.

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Veröffentlicht am 09.08.2023

Auf geht’s in den Zirkus mit Zippel

Zippel macht Zirkus
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Juhuu, ein neues Zippel Buch! Nachdem wir Zippel, das Schlossgespenst, und Paul schon in zwei Bänden kennengelernt haben, war die Vorfreude auf ein neues Abenteuer hier riesengroß. Und dieses Mal geht ...

Juhuu, ein neues Zippel Buch! Nachdem wir Zippel, das Schlossgespenst, und Paul schon in zwei Bänden kennengelernt haben, war die Vorfreude auf ein neues Abenteuer hier riesengroß. Und dieses Mal geht es sogar in die weite Welt bis nach Italien, zum Zirkus Giacometti. Auch bekannte Charaktere, wie Frau Wilhelm und Quokel sind wieder dabei, worüber sich hier alle Zippel-Fans sehr gefreut haben.

Gleich das Cover macht große Lust auf die neue Geschichte, mit den vielen bunten Details und dem unverwechselbaren Stil von Alex Scheffler. Seine Illustrationen sprechen einfach für sich geben jedem Charakter das gewisse Etwas. Der bunte Zirkuswagen verspricht ein großes Abenteuer – wir haben hier direkt ein paar Kapitel auf einmal gelesen. Auch dieses Buch liest sich in gewohnter Zippel-Manier - RONGELDIWONG und KLONKERRABONKER - die in den Text eingebauten Geräusche und die typischen Zippel-Gedichtchen zusammen mit der direkten Ansprache der kleinen Leserinnen machen aus den Büchern einfach tolle Vorlesebücher. Meine Kinder sind 3 und fast 6 Jahre alt und die Kapitellängen passen für uns sehr gut um beim Vorlesen sinnvolle Unterbrechungen zu setzen (15 Kapitel + Schluss auf 137 Seiten). Außerdem sind genügend Illustrationen vorhanden, um auch den Dreijährigen interessiert zu halten.

Inhaltlich geht es immer spannend, aber nicht gruselig zu und es gibt natürlich auch etwas zu lachen. Kleine Wortwitze machen das Buch auch für erwachsene Vorleser
innen zum Vergnügen. Die beiden Vorgängerbände müssen nicht bekannt sein, um mit Zippel in den Zirkus zu reisen. Von uns also eine klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 09.08.2023

Vielschichtiger, als das Cover vermuten lässt

Bei euch ist es immer so unheimlich still
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"Bei euch ist es immer so unheimlich still" ist deutlich vielschichtiger, als ich es bei diesem Cover erwartet hätte. Blumen und Vögel ließen mich an eine seichtere, eher romantische Geschichte denken. ...

"Bei euch ist es immer so unheimlich still" ist deutlich vielschichtiger, als ich es bei diesem Cover erwartet hätte. Blumen und Vögel ließen mich an eine seichtere, eher romantische Geschichte denken. Autorin und Kurzbeschreibung konnten mich jedoch neugierig machen – zum Glück, denn mit Silvia und Evelyn begegnen mir zwei ganz unterschiedliche, sehr vielschichtige Protagonistinnen. Die Tochter, Silvia, im Jahr 1989 im unkonventionellen Berlin und die Mutter, Evelyn, 1950, kurz vor ihrer Hochzeit auf dem eher spießigen Land. Warum hat Silvia ihr Heimatdorf verlassen? Wie ist die junge Evelyn zu der etwas ungepflegten, alten Frau geworden, auf die Silvia, gerade selbst Mutter geworden, dann 1989 wieder trifft?

Seite für Seite entsteht ein Bild der beiden Frauen und werden ihre Gefühle, Motive und Beziehungen untereinander klarer. Durch viele Zeitsprünge begleitet das Buch Silvia durch ihre Kindheit und Evelyn in ihren ersten Jahren als Mutter, bis sich beide 1989 wiedertreffen. Auch Silvias Tante Betti und die Monika, die mit Silvia zur Schule ging und dann im Ort wohnen blieb, sind interessante Persönlichkeiten, anhand denen die Autorin ganz deutlich werden lässt das Außenwirkung und innere Gefühlswelt nicht immer übereinstimmen. Wie prägt uns unsere Kindheit und Vergangenheit? Welche Erinnerungen bleiben? Was steckt hinter der Fassade? Rund um diese Fragen dreht sich der Roman, der dabei flüssig und unterhaltsam zu lesen ist.

Von mir daher eine klare Leseempfehlung! Der Roman „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, Blaues Kleid“ von Alena Schröder, der auf der Zeitebene von Silvias Tochter Hanna spielt, ist nun ebenfalls auf meiner Wunschliste nach oben gerutscht.

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