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Veröffentlicht am 24.11.2023

Wieviel kosten Glück und Liebe?

Die kleinen Lügen der Ivy Lin
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Willst Du glücklich sein? Und wenn ja, zu welchem Preis?
Doch vor allem: Was bedeutet Glück für Dich?
Ivy Lin kann die Frage ganz klar für sich beantworten: Sie möchte die ärmlichen Verhältnisse ihrer ...

Willst Du glücklich sein? Und wenn ja, zu welchem Preis?
Doch vor allem: Was bedeutet Glück für Dich?
Ivy Lin kann die Frage ganz klar für sich beantworten: Sie möchte die ärmlichen Verhältnisse ihrer Familie verlassen, ein sorgloses Leben führen – und auch die romantische Liebe darf nicht zu kurz kommen. Das Objekt ihrer Begierde ist dabei Gideon Speyer, aus sogenanntem guten, wohlhabende Hause stammend, distinguiert in Auftreten und Erscheinung und – nicht ganz unerheblich – für Ivys Geschmack äußerst attraktiv.
Nachdem Ivy noch in der Schulzeit das graue Entlein für Gideon war, scheinen sich ihre Chancen bei dem Millionär einige Jahre später erheblich zu verbessern. Verkuppelt von Gideons Schwester ist plötzlich eine gemeinsame Zukunft denkbar, doch vieles bleibt ungeklärt und mehr Illusion und schöner Schein als der große Traum und all die Sehnsüchte, die Ivy ein Leben lang begleitet haben. Und dann taucht in Form ihres ehemaligen Schulfreundes und Nachbarsjungen Roux auch noch die Vergangenheit in Ivys neuem, wohlgeordnetem Leben auf. Und für Ivy steht wieder einmal alles auf dem Spiel – auch ihre Moral und die Grenzen, die sie zu überschreiten bereit ist.
Die Erzählung um die junge Aufsteigerin Ivy Lin, die als Tochter chinesischer Einwanderer in den USA ihr Glück zu erzwingen versucht, ist so vieles: Krimi, Pageturner und Studie einer Gesellschaft, die diejenigen Zugänge und Aufstieg verwehrt, die „fremd und anders“ sind und sich von Herkunft, Tradition und Werten unterscheiden zu den bisherigen Inhaber sozialer (Macht-) Positionen. Doch vor allem ist der Roman für mich ein fesselndes Leseerlebnis, die Entdeckung einer aufstrebenden Autorin und ein Versprechen auf weitere Werke, die mit feinem Blick Gesellschaftsstudie und -kritik sowie hochkarätige Unterhaltung miteinander zu verbinden verstehen.

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Veröffentlicht am 28.10.2023

Ein Meisterwerk über Kunst und Schönheit in dunklen Zeiten

Lichtspiel
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Mit Fokus, Schärfe und einer Brennweite, die den Einzelnen hervortreten lässt – Daniel Kehlmann ist mit „Lichtspiel“ großer Roman und Pageturner zugleich gelungen. Obwohl das Sujet so schwer ist. Und die ...

Mit Fokus, Schärfe und einer Brennweite, die den Einzelnen hervortreten lässt – Daniel Kehlmann ist mit „Lichtspiel“ großer Roman und Pageturner zugleich gelungen. Obwohl das Sujet so schwer ist. Und die Geschichte selbst dafür umso faszinierender.
Denn Hauptdarsteller seiner Erzählung ist der Österreicher G. W. Pabst, eine historische Figur und zugleich Ausgangspunkt von Kehlmanns ganz eigener „Dichtung und Wahrheit“. An den Fersen des großen Regisseurs entrollt sich dann die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der fortschreitenden Zerstörung von Freiheit, Leben, Mensch und Menschlichkeit sowie die Frage, in welchem Verhältnis Kunst und Macht zueinanderstehen. Und ob und in wieweit Wunsch oder Drang nach einem unabhängigen kulturellen Schaffen in einem System der Unterdrückung ihre Berechtigung finden.
Und in genau diesem Spannungsverhältnis befindet sich Pabst als er zurück nach Österreich kehrt, inzwischen angeschlossen an das „Großdeutsche Reich“ – und es mit seiner Familie nicht mehr vermag, die inzwischen sogenannte „Ostmark“ wieder zu verlassen. Wie geht es nun weiter mit den großen Ambitionen eines ehemals auch großen Regisseurs, der Greta Garbo ins Rampenlicht führte und doch selbst an seinem Fluchtpunkt Hollywood klein und unbedeutend zu werden drohte?
Die Antwort darauf ist für Pabst eindeutig: Die Kunst selbst will er auf den Thron heben! Ein Meisterwerk nach dem anderen schaffen. Und das Regime, das ihm das ermöglicht, unter besten Bedingungen? Bedingt seine Filme, findet sich in einer jeden Szene, in jeder Einstellung wieder und soll, wenn es nach Pabst selbst ginge, doch nur Mittelgeber sein.
Ein schier unlösbarer Konflikt, ein Patt, eine innere Zerrissenheit, der so viele Menschen und auch Künstler*innen im sogenannten Dritten Reich ausgesetzt waren. Die Folgen, die sind für jeden individuell, ganz eigen, doch kollektiv nähern sich Ethik und Moral dem Abgrund, verschwimmen die Grenzen von Recht und Unrecht, und die „Freiheit der Kunst“ sind nur mehr Worte. Leer.
Reich gefüllt und voll von Ideen, Inspirationen und einer Sprache, so präzise und klingend zugleich, ist dagegen das Meisterwerk, das Kehlmann zu schaffen vermag. Und sein „Lichtspiel“ entfaltet sich wie ein Film vor den Augen der Leser, lässt Wörter und Text vor den Augen verschwimmen und leuchtende Bilder und Figuren vor einem scharfen Hintergrund entstehen. Und diese noch lange nachwirken – in Geist, Herz und Verstand seiner begeisterten Zuschauer.

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Veröffentlicht am 25.09.2023

Das Leiden einer jungen Schreiberin

Nichts in den Pflanzen
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Jung, frech und ungeschönt ungeschminkt – Nora Haddada gibt uns mit „Nichts in den Pflanzen“ einen Ein- und Tiefblick in die Kunstszene Deutschlands und das Hamsterrad der Kulturschaffenden und derer, ...

Jung, frech und ungeschönt ungeschminkt – Nora Haddada gibt uns mit „Nichts in den Pflanzen“ einen Ein- und Tiefblick in die Kunstszene Deutschlands und das Hamsterrad der Kulturschaffenden und derer, die in der Startposition stehen. Das Ergebnis und der Weg dahin sind ebenso amüsant, unterhaltsam wie tief ernüchternd und ein Abgesang auf den Glauben, dass Kreativität und Genialität Nährboden und Goldgrube zugleich sind.
Ihrer Protagonistin haben Leben, Neid und Missgunst und vor allem Leistungsdruck von innen und außen da auch gleich doppelt und dreifach mitgespielt. Was daraus folgt ist nicht nur folgerichtig, sondern auch der Alptraum eines jeden Schaffenden:
Eine Schreibblockade hat Leila fest im Griff! Und der Abgabetermin ihres Drehbuchs rückt näher und näher – und ihr Freund Leon wird erfolgreicher und erfolgreicher. Eine sehr schlechte Kombination, die Leila fast zum Wahnsinn treibt und sie zu äußersten Mitteln greifen lässt, um ihr Schreiben und ihren Flow gleich dazu wiederzufinden. Doch die Nebenwirkungen all dieser Bemühungen und Einfälle, die selbst nur so vor Kreativität strotzen, sind zahlreich – ebenso wie die Negronis und Espresso Martini, die in langen Partynächten durch Leilas Kehle rinnen.
Und wie die Ratte im Labyrinth oder die unbekannte Fliegenart, die sich in Leilas Computer, Wohnung und Gedanken einnistet, sucht auch Leilas verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrer Lage und dem fehlenden Ende ihres Kammerspiels, das sich nach einem kurzen Aufleuchten ihr einfach nicht mehr zeigen mag.
Und hier gelingt Haddada ein großer Coup, ebenso verborgen beim ersten Lesen, der sich in seiner Selbstreferenz jedoch nach und nach in den Gedanken der Leser entblättert, wie das Herz einer Artischocke, nur zu erahnen unter ihrer Vielzahl an Blättern. Was bleibt sind ein Feuerwerk an Dialogen und Einfällen, ein tiefer Einblick in die Seele eines Kunstbetriebs, der einem Überlebenskampf zu gleichen scheint, und eine Geschichte, so wunderbar und verstörend zugleich. Und eine klare Leseempfehlung von meiner Seite.

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Veröffentlicht am 15.09.2023

Wenn Liebe und Zuneigung ein Herz wachsen lassen

Das dritte Licht
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Es fehlt – an Zuneigung, Aufmerksamkeit und auch Geld. Die Verhältnisse, in welchen die junge Ich-Erzählerin im Irland des vergangenen Jahrhunderts aufwächst, sind von Mangel gezeichnet. Das Mädchen und ...

Es fehlt – an Zuneigung, Aufmerksamkeit und auch Geld. Die Verhältnisse, in welchen die junge Ich-Erzählerin im Irland des vergangenen Jahrhunderts aufwächst, sind von Mangel gezeichnet. Das Mädchen und ihre Geschwister erscheinen weitestgehend sich selbst überlassen zu sein, Talente, Fähigkeiten und Bedürfnisse finden keine Nahrung, um zu wachsen und erblühen.
Doch für einen Sommer ist alles anders. Das Mädchen wird zu ihrer Tante und ihrem Onkel nach Wexford geschickt, zur Entlastung der erschöpften, hochschwangeren Mutter und aus den Augen des Vaters, der vor allem mit seinen eigenen Leben beschäftigt zu sein scheint.
Und dann, im tiefsten Nirgendwo, öffnet sich die Tür zu einem Paradies: Die Verwandten kümmern sich liebevoll um das Kind und geben ihm all das im Überfluss, was bisher so schmerzlich gefehlt hat und dringend notwendig war. Die kleine Nichte blüht unter der Aufmerksamkeit und tiefen Hingabe der Kinsellas auf und macht in nur wenigen Wochen eine bemerkenswerte Entwicklung durch. Doch ein Sommer kann nicht ewig wehren.
Claire Keegan gelingt es mit nur wenigen Worten und auf nicht einmal 100 Seiten eine Atmosphäre zu schaffen, welche die Leser tief in das ländliche Irland seiner Zeit und das Herzen eines Kindes zieht, das mit seiner Neugierde, Lebensfreude und Suche nach Schutz und Liebe eine Vielzahl an Gefühlen anzusprechen vermag. Die Sprache selbst, poetisch und sorgsam gewählt, ist reduziert und zugleich reich an Bildern und Symbolen und von einer Intensität, die sie bis in die Tiefe von Handlung und Figuren vordringen lässt.
Das Büchlein nach diesem eindringlichen Leseerlebnis wieder aus der Hand zu legen, fiel nicht leicht – zu sehr habe ich mitgelitten mit der kleinen Protagonistin und bin mit ihr gemeinsam durch die reiche grüne Landschaft und die Zeit eines unbeschwerten Sommers geschritten. Was bleibt, ist das Wissen um ein Werk von hoher literarischer Qualität und die Hoffnung für Kinder wie das kleine Mädchen, die so viel mehr verdienen als ihnen gegeben wird.

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Veröffentlicht am 02.09.2023

Wege, die zu Irrwegen werden, und eine schier unglaubliche Geschichte

Die Lügnerin
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Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht! Das gilt für die sich selbst als Clara bezeichnende Erzählerin des neuen Romans von Friedemann Karig nicht, denn sie hat die Lüge zur Perfektion erhoben. Und ihre ...

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht! Das gilt für die sich selbst als Clara bezeichnende Erzählerin des neuen Romans von Friedemann Karig nicht, denn sie hat die Lüge zur Perfektion erhoben. Und ihre Geschichten hat Clara so mit der Wahrheit verwoben, das sie sich von dieser kaum noch extrahieren lassen – weder von ihr selbst, noch vom Schicksal.
Denn alles, was Clara erzählt, wird wahr. Zumindest drängt sich ihr diese Befürchtung nach und nach auf, erschreckt sie und bringt ihre Welt ins Wanken – eine Welt, die bereits auf Lug und Betrug aufgebaut ist. Als Astrologin einer Telefonhotline vermag Clara es, die geheimsten Sehnsüchte, Ängste und Träume ihrer Kund*innen aufzuspüren und sie mit dem zu füttern, wonach sie gieren: die Hoffnung auf ein besseres Leben und eine Gerechtigkeit, die abschließend belohnt und bestraft.
Eingerichtet und geborgen in einem Kokon von Geschichten und Prophezeiungen geschieht es dann: Claras Vorhersagen treten ein! Immer wieder. Und auf eine schier unglaubliche Weise. Sie scheinen der Schlüssel zum Paradies zu sein, zu einem Geldsegen, der Sorgen vergessen lässt und Clara all die Türen öffnet, die ihr bisher verschlossen waren.
Diesen Garten der Möglichkeiten erkennt auch Siri, Claras ehemalige Kundin und nun goldschwer und steinreich. Gemeinsam machen sich sich auf, um das Schicksal zu verstehen und es zu ihrem Vorteil zu nutzen.
So glauben wir als Leser zumindest – und so scheint es zu sein. Vermutlich. Vielleicht. Oder? Denn eine weitere Erzähleben bringt sowohl Verstehen als auch neue Zweifel, Spannung und einen weiteren Handlungsstrang. Denn wir erleben die Geschehnisse in einer Rückschau, vorgetragen einer Beraterin in einer teuren Privatklinik. Kann sie Licht ins Dunkel bringen und das Unerklärliche aufklären?
Friedemann Karigs „Die Lügnerin“ führt die Leser auf Wege und Fährten, die zu Irrwegen werden und schließlich Verstehen, Erleuchtung und die große Täuschung nebeneinanderstellen. Die Schritte dahin sind ebenso geistreich wie unterhaltsam, voll Witz und mit zunehmender Spannung. Und ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich die Lektüre nicht sehr genossen habe.

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