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Veröffentlicht am 23.09.2023

Beeindruckender literarischer Text, der mich nicht immer ganz abholen konnte

Blutbuch
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Inhalt:
Die Hauptfigur Kim in diesem autofiktionalen Buch ist nonbinär und auf der Suche nach einer neuen, nicht heteronormativen Sprache und Form, um sich und den eigenen Körper zu beschreiben und gleichzeitig ...

Inhalt:
Die Hauptfigur Kim in diesem autofiktionalen Buch ist nonbinär und auf der Suche nach einer neuen, nicht heteronormativen Sprache und Form, um sich und den eigenen Körper zu beschreiben und gleichzeitig die Geschichte der eigenen Familie zu erzählen.
Alles dreht sich um eine Blutbuche, die damals für die Grossmeer (Grossmutter) der erzählenden Person gepflanzt worden ist und deren imposante Erscheinung die Familiengeschichte indirekt miterzählt. Hexen, derbe Sexszenen, eine sanfte Annäherung an die stets angsteinflössende und nun langsam dement werdende Oma und ganz viel Verletzlichkeit, Humor, Zeitsprünge und Szenenwechsel machen dieses Buch zu einem einzigartigen (eigenartigen?) fragmentarischen Stück Literatur.

Meine Meinung:
Melli hat auf ihrem Blog Mellis Buchleben eine Leserunde zu diesem Buch veranstaltet und Julia und ich durften mitlesen. Das Buch ist definitiv der ideale Stoff für eine Leserunde. Von Anfang an war klar, dass wir es mit einem literarischen Text, der zwar mit "Roman" untertitelt ist, aber aus zahlreichen Fragmenten besteht, zu tun haben. Kim de l'Horizon schreibt manchmal derb, machmal einfühlsam poetisch (was ich persönlich als grösste Stärke empfunden habe) und leider auch immer wieder sehr von oben herab und aufgesetzt/künstlich wirkend, was ich als ermüdend empfand.

Sprache und Aufbau:
Das fünfteilige Buch besteht aus verschiedenen Schichten von Erinnerungen, Fantasiegebilden und Träumen. Immer wieder wird auf die Kindheit/auf Kindheiten geblickt, die gewaltvolle Grossmutter, die ihre Härte aus ihrer eigenen Kindheit hat, Generationen von Generationen von Menschen (oft Frauen), welche ihr Leid weitergetragen haben, welche ihr Leid hat abstumpfen und hart werden lassen.
Eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über das Vorkommen von Blutbuchen in der Schweiz hat mich so gelangweilt, dass ich das Buch wohl abgebrochen hätte, wenn ich es alleine gelesen hätte. Dafür haben die letzten beiden Abschnitte mir sehr zugesagt und vor allem der zarte Versuch der Hauptfigur, sich mit der Grossmutter auszusöhnen, hat mich tief berührt.

Mein Fazit:
Sicher ist es für einige Leser*innen nicht ganz einfach, in dieses Buch hineinzufinden und wer gerne eine einigermassen chronologisch erzählte Geschichte lesen möchte, ist damit sicher auch falsch beraten. Ich habe es sehr schön gefunden, dieses Buch zu lesen, mir ein eigenes Bild zu machen mit Melli und Julia zu diskutieren und in die einzigartige, berührende Sprache einzutauchen. Obwohl ich einige Schwächen im Buch gesehen habe (Stichwort zu aufgesetzte/herablassende Erzählhaltung), anerkenne ich die literarische Qualität und Wichtigkeit dieses Textes. Macht euch doch gerne selber ein Bild.

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Veröffentlicht am 24.08.2023

Kleiner Kritik zum Trotz sehr unterhaltsam

Glückssterne über dem kleinen Café an der Mühle
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Inhalt:
Dottis Bistro wird immer bekannter und Gäste aus dem In- und Ausland machen sich auf nach Wümmerscheid-Sollensbach, um sich von der Qualität der ländlichen Küche zu überzeugen. Die Besitzerin Sophie ...

Inhalt:
Dottis Bistro wird immer bekannter und Gäste aus dem In- und Ausland machen sich auf nach Wümmerscheid-Sollensbach, um sich von der Qualität der ländlichen Küche zu überzeugen. Die Besitzerin Sophie strebt aber nach mehr und möchte für Dottis Bistro wortwörtlich die Sterne vom Gastrohimmel holen. Doch ist ihr Koch und Küchenchef Louis die geeignete Besetzung für den Posten? Und lassen sich durchwachte Nächte mit diesen hohen Ambitionen vereinbaren?

Meine Meinung:
Einmal mehr durfte ich zu Sophie von Metten nach Wümmerscheid-Sollensbach reisen und mich kulinarisch verwöhnen lassen. Das Autor*innenduo hat definitiv nicht zu viel versprochen und sogar einige Einblicke in die Sterneküche gewährt, was mir sehr gut gefallen hat. Auch zarte romantische Entwicklungen und mit einem Augenzwinkern erzählte Geschichten rund um den Lattenlurch, der für die grosse Bekanntheit der Region mitverantwortlich ist, haben mich bestens unterhalten.
Weniger gut gefallen hat mir, dass Sophie sich nach der Geburt ihrer Tochter zu einer ganz ekelhaft selbstgerechten Person entwickelt. Dies wird zwar - zum Glück - im weiteren Verlauf der Geschichte noch relativiert und Sophie sieht ein, dass sie sich falsch verhalten hat, aber es passt einfach so gar nicht zu ihrem Charakter. Ausserdem finden sich im Buch einige Kapitel, in denen frischgebackene Mütter sich damit quälen, ihr "altes" Gewicht wieder zu erreichen. Ich frage mich immer, warum es nötig ist, einem Körper, der gerade einen Menschen geschaffen hat, diese Zwänge überzustülpen. Es ist dabei auch komplett egal, wie humorvoll dieses Buch daherkommt, das hat in einer solchen Wohlfühlgeschichte eben genau nichts zu suchen.

Schreibstil und Aufbau:
Am Anfang dieses Buches wird vor allem das Familienleben der Familie von Metten mit ihrem kleinen Töchterchen portraitiert. Das hat mich persönlich nicht so interessiert und wirkte in meinen Augen aus den oben genannten Gründen auch nicht immer ganz rund erzählt. Als es Sophie und Peter aber nach und nach schaffen, ihren Alltag als Familie und die jeweilige Arbeit unter einen Hut zu bringen und sich in dieser nicht ganz einfachen Phase ihres Lebens auch Hilfe holen, wo sie diese benötigen - was ich übrigens sehr schön und realistisch dargestellt fand - wird die Geschichte immer runder. Man bemerkt, dass die Schreibenden sich wieder auf gewohntem Terrain bewegen und die Abstecher in die Küche werden mehr, spannender und vor allem mit viel Hintergrundwissen gespickt erzählt.
Wie in den Vorgängerbänden ergänzen übrigens wieder einige Rezepte die Bücher, das finde ich persönlich immer sehr charmant. Als besonderes Extra hat eine bekannte Sterneköchin nicht nur einen Gastauftritt im Buch, sondern auch noch eines ihrer Rezepte verraten.

Meine Empfehlung:
Meiner Kritik zum Trotz hat mich dieser Roman insgesamt sehr gut unterhalten und es freut mich, dass ich noch einen weiteren Band vor mir habe, der wieder zur Weihnachtszeit spielt und den ich mir im Spätherbst kaufen werde.

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Veröffentlicht am 01.08.2023

Nach langsamem Start sehr unterhaltsam

Das Schweigen des Lemming: Lemmings dritter Fall
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Inhalt:
Alles beginnt mit einem erhängten Pinguin im Tiergarten Schönbrunn, einem aufmüpfigen Vierergespann aus der Kunstakademie, einer Erpressung und einem eigenwilligen Maler. Wie es weitergeht? Mit ...

Inhalt:
Alles beginnt mit einem erhängten Pinguin im Tiergarten Schönbrunn, einem aufmüpfigen Vierergespann aus der Kunstakademie, einer Erpressung und einem eigenwilligen Maler. Wie es weitergeht? Mit viel Chaos, einem ermittelnden Lemming und vielen abenteuerlichen Verstrickungen. Wie es endet? Auf jeden Fall nicht mit einem Akkordeonkonzert...

Meine Meinung:
Gestern Abend (Nacht) habe ich mein letztes Juli-Buch beendet und mich wieder einmal einem Lemming-Krimi gewidmet und ich gebe es zu: der Einstieg ist mir sehr schwer gefallen und war mir einfach irgendwie ein wenig zu zäh. Das wurde aber nach und nach besser, ich habe mich köstlich über den Ermittler und seine Methoden amüsiert und fand die Verstrickungen zwischen Kunstwelt, Politik und Lemmings Privatleben spannend und intelligent erzählt. Besonders gut gefallen hat mir, wie sehr Lemming immer wieder im Dunkeln tappt und sich in der Kunstwelt zuerst einmal zurechtfinden muss. Durch seine Erfahrung als Ermittler und seine Kombinationsgabe schafft er es, sich immer wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu befinden und ausserdem wirkt der Ermittler ein wenig mehr in seinem Leben angekommen, was ihm sehr gut steht.
Nach den anfänglichen Längen hat sich dieser Lemming-Krimi zum bisher unterhaltsamsten entwickelt und ich bin schon gespannt auf die weiteren Bände der Reihe.

Meine Empfehlung:
Das Durchhalten lohnt sich, dieser Lemming-Krimi hat es in sich und ist vor allem ab dem zweiten Drittel an klugem Humor und kunstvollen Fettnäpfchen kaum mehr zu überbieten. Somit kann ich auch den dritten Band der Lemming-Reihe empfehlen.

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Veröffentlicht am 24.06.2023

Vampirgeschichte ohne Biss

Die nicht sterben
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Inhalt:
Die namenlose Protagonistin, eine junge Künstlerin, kehrt über die Sommermonate nach B. zurück und begegnet in der Villa ihrer Grosstante ihrer Familiengeschichte und der Geschichte ihrer Heimat ...

Inhalt:
Die namenlose Protagonistin, eine junge Künstlerin, kehrt über die Sommermonate nach B. zurück und begegnet in der Villa ihrer Grosstante ihrer Familiengeschichte und der Geschichte ihrer Heimat ganz neu. Kritisch setzt sie sich damit auseinander und kommt dabei immer wieder in Versuchung, einem heimlichen, ungezähmten Verlangen nachzugeben. Dieser Roman steckt voller Metaphern, Gesellschaftskritik und Geschichte. Wenn man sich darauf einlässt und mit detaillierten Schilderungen von Pfählungen umgehen kann, wird man mit einem beeindruckenden Hin und Her zwischen Traum und Wirklichkeit belohnt.

Meine Meinung:
Auf diese Geschichte muss man sich ein wenig einlassen, aber eine gute Freundin von mir kommt aus Rumänien, weshalb ich schnell auf "vertrautes" Terrain gestossen bin. Ihre Geschichten über ihre Heimat decken sich nämlich sehr mit Grigorceas Schilderungen. Korruption, resp. Erfindungsreichtum, wenn es um die Dehnbarkeit von Gesetzen geht, Armut, Ungleichbehandlungen sowie ein tief verankerter Konservativismus und Aberglaube beherrschen und beschäftigen die Menschen des Dorfes B. Als für eine Beerdigung ein Familiengrab geöffnet wird, dabei eine unschön zugerichtete Leiche zum Vorschein kommt und dieser Fund überregionales Aufsehen erregt, zeigt sich, wie tief Vorurteile und Machtmissbrauch in der Gesellschaft verankert wird. Die Protagonistin ist es letztendlich, welche am schonungslosesten mit dieser bitteren Realität konfrontiert wird und die der bis in die Neuzeit reichenden Ausstrahlung von Vlad (Dracula) dem Pfähler am nächsten kommt.
Genau dieser Dracula und die vermutete (und angekündigte) Vampirgeschichte ist leider nicht so spannend und gruselig, wie erwartet. So sehr die gesellschaftlichen Abgründe und Schilderungen der Pfählungen aufwühlen, so wenig hat mich der Fürst der Finsternis beeindrucken können, was leider sehr schade ist.

Meine Empfehlung:
Bildgewaltig, manchmal brutal und immer wieder sehr unterhaltsam? Auf jeden Fall. So richtig gruselig wird es aber nie und die zwar gekonnt zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmende Vampirthematik hat mir leider insgesamt zu wenig Hand und Fuss (respektive Biss ). Dennoch empfinde ich das Buch als sehr lesenswert und empfehle es gerne weiter.

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Veröffentlicht am 14.06.2023

Ein wenig langsam erzählt, toll aufgelöst

In Sachen Signora Brunetti
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Inhalt:
Commissario Brunetti ist entsetzt, als er mitten in der Nacht in einem leeren Bett erwacht und kurz darauf einen Anruf aus der Questura erhält. Seine Frau Paola ist festgenommen worden, nachdem ...

Inhalt:
Commissario Brunetti ist entsetzt, als er mitten in der Nacht in einem leeren Bett erwacht und kurz darauf einen Anruf aus der Questura erhält. Seine Frau Paola ist festgenommen worden, nachdem sie die Schaufensterscheibe eines Reisebüros mit einem Stein eingeworfen hat, um gegen die vermittelten Sexreisen zu protestieren. Vom moralischen Standpunkt her kann Brunetti sie verstehen. Dass er aber jetzt um seine Position fürchten muss und dass seine Frau nach einem scheinbar mit dem Vandalismus zusammenhängenden Leichenfund nun auch noch unter Mordverdacht gerät, passt ihm gar nicht, weshalb er alles daran setzt, den Fall schnellstmöglich aufzuklären.

Meine Meinung:
Es ist kein Geheimnis mehr, dass ich sehr gerne in den Brunetti-Krimis schmökere und die Ausflüge nach Venedig sehr geniesse. Beim Lesen dieses Krimis ist mir einmal mehr bewusst geworden, dass es mir wirklich gefällt, mit wie viel Respekt, Ehrlichkeit und Zuneigung die Ehe der Brunettis geführt wird. Auch hat mir Paola als immer lauter werdende Frau, deren Ansichten zur Religion und Gesellschaft sehr viel fortschrittlicher sind, als die ihres Mannes, in ihrer Rolle als wütende Rächerin sehr gut gefallen.
Weniger gut weggekommen ist Venedig. Die vielen schönen Beschreibungen der Orte und vor allem auch des Essens sind in diesem Buch definitiv zu kurz gekommen und auch plätschert die Geschichte für meinen Geschmack ein wenig gar sehr dahin. Die Auflösung hat es dann aber definitiv wieder in sich und ich finde es sehr beeindruckend, wie oft Donna Leon in ihren Krimis "Recht haben" gegen "Recht bekommen" ausspielt und dabei aufzeigt, wie fragil ein Justizsystem und damit auch eine Gesellschaft sein kann.

Meine Empfehlung:
Obwohl mir dieser Krimi ein wenig zu langsam war und ich den Venedig-Charme vermisst habe, hat mir vor allem Paola Brunetti als Figur sehr gut gefallen. Ausserdem steckt wieder sehr viel schriftstellerisches Können im Aufbau und der Auflösung und ich freue mich schon auf den nächsten Brunetti-Krimi.

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