Beeindruckender literarischer Text, der mich nicht immer ganz abholen konnte
BlutbuchInhalt:
Die Hauptfigur Kim in diesem autofiktionalen Buch ist nonbinär und auf der Suche nach einer neuen, nicht heteronormativen Sprache und Form, um sich und den eigenen Körper zu beschreiben und gleichzeitig ...
Inhalt:
Die Hauptfigur Kim in diesem autofiktionalen Buch ist nonbinär und auf der Suche nach einer neuen, nicht heteronormativen Sprache und Form, um sich und den eigenen Körper zu beschreiben und gleichzeitig die Geschichte der eigenen Familie zu erzählen.
Alles dreht sich um eine Blutbuche, die damals für die Grossmeer (Grossmutter) der erzählenden Person gepflanzt worden ist und deren imposante Erscheinung die Familiengeschichte indirekt miterzählt. Hexen, derbe Sexszenen, eine sanfte Annäherung an die stets angsteinflössende und nun langsam dement werdende Oma und ganz viel Verletzlichkeit, Humor, Zeitsprünge und Szenenwechsel machen dieses Buch zu einem einzigartigen (eigenartigen?) fragmentarischen Stück Literatur.
Meine Meinung:
Melli hat auf ihrem Blog Mellis Buchleben eine Leserunde zu diesem Buch veranstaltet und Julia und ich durften mitlesen. Das Buch ist definitiv der ideale Stoff für eine Leserunde. Von Anfang an war klar, dass wir es mit einem literarischen Text, der zwar mit "Roman" untertitelt ist, aber aus zahlreichen Fragmenten besteht, zu tun haben. Kim de l'Horizon schreibt manchmal derb, machmal einfühlsam poetisch (was ich persönlich als grösste Stärke empfunden habe) und leider auch immer wieder sehr von oben herab und aufgesetzt/künstlich wirkend, was ich als ermüdend empfand.
Sprache und Aufbau:
Das fünfteilige Buch besteht aus verschiedenen Schichten von Erinnerungen, Fantasiegebilden und Träumen. Immer wieder wird auf die Kindheit/auf Kindheiten geblickt, die gewaltvolle Grossmutter, die ihre Härte aus ihrer eigenen Kindheit hat, Generationen von Generationen von Menschen (oft Frauen), welche ihr Leid weitergetragen haben, welche ihr Leid hat abstumpfen und hart werden lassen.
Eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über das Vorkommen von Blutbuchen in der Schweiz hat mich so gelangweilt, dass ich das Buch wohl abgebrochen hätte, wenn ich es alleine gelesen hätte. Dafür haben die letzten beiden Abschnitte mir sehr zugesagt und vor allem der zarte Versuch der Hauptfigur, sich mit der Grossmutter auszusöhnen, hat mich tief berührt.
Mein Fazit:
Sicher ist es für einige Leser*innen nicht ganz einfach, in dieses Buch hineinzufinden und wer gerne eine einigermassen chronologisch erzählte Geschichte lesen möchte, ist damit sicher auch falsch beraten. Ich habe es sehr schön gefunden, dieses Buch zu lesen, mir ein eigenes Bild zu machen mit Melli und Julia zu diskutieren und in die einzigartige, berührende Sprache einzutauchen. Obwohl ich einige Schwächen im Buch gesehen habe (Stichwort zu aufgesetzte/herablassende Erzählhaltung), anerkenne ich die literarische Qualität und Wichtigkeit dieses Textes. Macht euch doch gerne selber ein Bild.