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Veröffentlicht am 30.07.2023

Wenn in Europa das geglaube Glück wohnt...

Barfuß in Deutschland
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Nach dem Tod ihrer Mutter träumt Mutoni von einem Leben in Europa. In Ruanda hält sie nichts mehr, nachdem ihre Schwester überstürzt nach Dubai aufgebrochen ist, um ihrerseits ein besseres Leben zu finden.
Durch ...

Nach dem Tod ihrer Mutter träumt Mutoni von einem Leben in Europa. In Ruanda hält sie nichts mehr, nachdem ihre Schwester überstürzt nach Dubai aufgebrochen ist, um ihrerseits ein besseres Leben zu finden.
Durch eine frühere Freundin wird Mutoni ein Kontakt mit einem wohlhabenden Mann in Deutschland vermittelt. In dem Glauben, dass Sebastian ihr Freund wird und ihr ein gutes Leben ermöglichen wird, macht Mutoni sich in den deutschen Winter auf. Kälter als das Wetter ist die gewaltvolle und ausbeuterische Situation, die Mutoni erwartet.
Sie kann sich aus ihrer Zwangslage befreien, irrt barfuß durch Hamburg und findet wie durch ein Wunder eine unerwartete Hilfe. Nur weit weg von Hamburg will sie und die schlimmen Erlebnisse vergessen. Mit der Zeit kommt Mutoni in Deutschland an, lernt Menschen und Kultur kennen. Es sieht aus, als könnten ihre Wunden heilen. Allerdings erkennt Mutoni, dass die Leute gewisse Ressentiments gegen sie haben. Der jungen Frau, die in Ruanda studiert hat und als gebildet gilt, wird in Deutschland lediglich ein Pflegejob zugetraut. Mutoni kommt an den Punkt, an dem sie sich fragt, ob Europa wirklich das Paradies ist, für das sie es gehalten hat.

So richtig weiß ich nicht, was ich im Nachgang von diesem Buch halten soll, obwohl ich es schon gut fand. Für mich kommt Mutoni vom Regen in die Taufe, was daran liegt, dass sich sich Mutonis Vorsicht zu Naivität wandelt, je näher ihre Reise nach Europa rückt. Die helfenden Hände, denen sie sich anvertraut, wägen mal mehr, mal weniger offensichtlich immer auch die Investition für ihre Bemühungen ab. Aus der Gesamtsumme dessen, was Mutoni widerfährt, zieht sie das möglichst Positive, das sie nach der letzten Seite, dem Fokus der Leser:innen entrückt, hoffentlich glücklich macht.

Veröffentlicht am 29.03.2023

Abseits der Wege

Koller
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Eigentlich wollte Chris sich von dem Typen mit dem komischen Namen ja nur mit zur Ostsee nehmen lassen. Ein ganz simpler Ausflug an die Ostsee sollte es werden von Leipzig aus, doch mit Koller sind die ...

Eigentlich wollte Chris sich von dem Typen mit dem komischen Namen ja nur mit zur Ostsee nehmen lassen. Ein ganz simpler Ausflug an die Ostsee sollte es werden von Leipzig aus, doch mit Koller sind die Dinge nie so einfach wie sie sich planen lassen.
Koller und Chris fühlen schnell mehr füreinander, während sie in diesem klapprigen Polo II sitzen und einfach nur quatschen. Über Belangloses wie Relevantes. Dieses Knistern zwischen diesen beiden jungen Männern, die so verschieden sind, und sich doch so nahe fühlen, wird plötzlich unterbrochen, als Koller einen Hilferuf von einer Ex-Freundin erreicht. Nach Jahren bricht sie ihr Schweigen und schickt Koller auf einen Trip, der nicht nur das Ziel für Chris ändert, sondern auch Kollers Leben völlig umkrempelt. Ins hochwasserzerstörte Ahrtal führt die beiden der Weg, häufig auf Umwegen durch Felder, einige Runden im Kreisverkehr und so manche Umgehungsstraße – die Reiseroute wie eine Metapher aufs Leben.

Viele haben vor mir Büsings „Nordstadt“ gelesen; für mich jedoch war „Koller“ die erste Berührung mit dieser Autorin. Erst hat mich dieser verrückte Roadtrip der beiden Protagonisten ein wenig ratlos gemacht. Nach und nach lassen sich aber Parallelen aufs eigene Leben ziehen. Nicht in den Ereignissen, sondern in den Abweichungen von Geplantem, in Umwegen zu völlig anderen Zielen, zu einer Überraschung, mit der man am Ende aber auch irgendwie zufrieden ist. Und jetzt bleibt mir ja wohl nichts anderes, als der Faszination der Nordstadt bald mal nachzufühlen, oder?

Veröffentlicht am 04.03.2023

Nicht so gut wie früher

Der Bücherdrache
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Der Bücherdrache ist eine ähnlich sagenumwobene Kreatur wie der Schattenkönig, vielleicht etwas weniger bekannt, aber ähnlich „ormträchtig“.
Hildegunst von Mythenmetz taucht in einem Comicstreifen in einen ...

Der Bücherdrache ist eine ähnlich sagenumwobene Kreatur wie der Schattenkönig, vielleicht etwas weniger bekannt, aber ähnlich „ormträchtig“.
Hildegunst von Mythenmetz taucht in einem Comicstreifen in einen Traum ein und von dort (wie im Film „Inception“) in einige tiefere Lagen. Er trifft, es geht wie gewohnt als Text weiter, auf den Buchling Hildegunst Zwei. Buchlinge sind Bewohner der Ledernen Grotte der Untenwelt Buchhaims, ihre Aufgabe ist es sämtliche Werke des Autoren auswendig zu lernen, nach dem sie benannt sind. Hildegunst Zwei erzählt seinem autorischen Vorbild von seinem Abenteuer.

Der kleine Hildegunst Zwei hat eigentlich ganz schön viel auswendig zu lernen, da Hildegunst von Mythenmetz als langlebiger Lindwurm eine ganze Menge zu Papier gebracht hat, aber er lernt eine Gruppe von Klassikern kennen, die nur sehr wenig memorieren mussten, entsprechend viel Zeit haben und mit kleinen, unerfahrenen Buchlingen Unfug treiben. So kommt es, dass sie Hildegunst Zwei einen Streich spielen und ihn in den buchdurchtränkten Sumpf schicken, um dem berüchtigten Bücherdrachen eine bücherne Schuppe zu stehlen. Nach einer Wanderung trifft der junge Buchlign auch tatsächlich auf den Drachen, der ihm seine gaaaanze verdammte Lebensgeschichte erzählt, und hier liegt für mich der Knackpunkt des Buches. Aber dazu später. Der zunächst freundlich und sogar kumpelhaft wirkende Drache offenbart Hildegunst Zwei, dass er ihn aus dem Sumpf nicht entkommen lassen kann und leider töten muss, zunächst jedoch muss er als Drache im gesetzten Alter sein Mittagsschläfchen halten. Das ruft die Gruppe von unfugtreibenden Buchlingen auf den Plan, die sich um Hildegunst Zwei Sorgen gemacht haben, denn wie sich herausstellt, wussten sie gar nicht, dass es den Drachen wirklich gibt. Mit einem waghalsigen Plan gelingt es der Gruppe zu entkommen, und dabei finden sie etwas sehr erstaunliches über ihre eigene Gattung heraus.

Walter Moers schreibt, finde ich, wie gewohnt gewitzt, spannend und mit einer Skurrilität, die oftmals ihresgleichen sucht. Als Fan seiner früheren Bücher, „Die Stadt der Träumenden Bücher“, „Ensel und Krete“, „Rumo“ oder „Käpt'n Blaubär“ kommt es mir mittlerweile leider so vor, als ob Moers zum Chronisten seiner eigenen ausgedachten Welt Zamonien verkommt. Er ergießt sich in langen Beschreibungen zur Umgebung, vieles ist eine unnötige Aufzählung, die mich mit dem Fuß auftippeln lässt, ungeduldig wann es denn weitergeht. Seine früheren Werke waren wirklich spannend und ereignisgeladen, „Der Bücherdrache“ kann da leider genauso wenig wie „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ mithalten, letzteres war für mich der hohe Tiefpunkt seiner ewig langen Beschreibungen. Nichts desto trotz ist es ein gutes Buch, was für mich leider nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen kann.

Veröffentlicht am 04.03.2023

Ein Ausschnitt aus der Welt danach

Sendbo-o-te
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Man muss sich darauf vorbereiten eine andere Welt zu betreten, wenn man dieses Buch aufschlägt.
Yoshiro ist der Urgroßvater von Mumey und kümmert sich mit jeder Lebensfaser um den Jungen. Sie leben in ...

Man muss sich darauf vorbereiten eine andere Welt zu betreten, wenn man dieses Buch aufschlägt.
Yoshiro ist der Urgroßvater von Mumey und kümmert sich mit jeder Lebensfaser um den Jungen. Sie leben in einem veränderten Japan, das seine Grenzen geschlossen hat und keinen Kontakt mehr zur Außenwelt pflegt. Eine Katastrophe hat das Land verwüstet, ja sogar das Klima verändert. Gebiete sind kontaminiert und sollten besser nicht betreten werden. Tiere gibt es sogut wie keine mehr. Technik ist nunmehr nur noch so marginal vorhanden, dass man ein Japan aus dem frühen letzten Jahrhundert vor Augen hat. Die Überlebenden der Katastrophe werden älter als hundert Jahre bei junger Konstitution und können nicht mehr sterben, während diejenigen, die nach der Katastrophe geboren werden, schwächlich sind und kaum so lange leben, dass sie das Erwachsenenalter erreichen. Trotzdem sind diese Kinder mit einem Optimismus gesegnet, von dem Yoshiro nur träumen kann, und weise. Yoshiro ist immer besorgt und traurig über Mumeys Zustand.
Aber auch die Kultur hat sich verändert. Mann und Frau leben nicht mehr aus Liebe zusammen. Ihr Zusammenleben gleicht einer Zweckgemeinschaft zum Kinderkriegen, bis sich ihre Wege wieder trennen. Sprache ist etwas, das sich rasch ändert, und Wörter, die uns als Leser ganz geläufig sind – für die Protagonisten altmodische Relikte einer fernen Zeit.
Die Protagonisten sind austauschbar. Dieses Buch ist ein mögliches Szenario, das so aber auch anders hätte sein können. Die Autorin spielt mit den Möglichkeiten dieser Dystopie, deren Ursachen und Konsequenzen zu keinem Zeitpunkt konkret und direkt benannt werden.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich – nachdem ich das Buch gerade beendet habe – davon halten soll. Eventuell muss die Geschichte noch ein wenig nachreifen in mir. Eins jedoch kann ich sagen: Ursprünglich über Haruki Murakami mit der japanischen Literatur in Verbindung gekommen, komme ich wohl nicht umhin immer mit ihm zu vergleichen. Yoko Tadawa hat eine Geschichte ersponnen, die in ihrer Skurrilität durchaus mit Murakamis Welten mithalten kann, auch wenn sie sich etwas latenter offenbart. Die stille, lyrische, feine Satzbauten, die ich bei Yoko Ogawa schätzen gelernt habe, wird man bei Yoko Tawada vergeblich suchen. Sie hat aber einen eigenen nennenswerten Stil.

Veröffentlicht am 27.09.2023

Trotz Kritikpunkten ein sehr lesenswertes Buch!

Der letzte weiße Mann
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Anders wacht eines Morgens auf und erschreckt sich, als er seine Hand zum Nachttisch ausstreckt. Ein dunkelhäutiger Arm greift nach seinem Klugfon, als würde dieser Arm zu einem Fremden gehören. Anders ...

Anders wacht eines Morgens auf und erschreckt sich, als er seine Hand zum Nachttisch ausstreckt. Ein dunkelhäutiger Arm greift nach seinem Klugfon, als würde dieser Arm zu einem Fremden gehören. Anders hat sich verändert, ist von einem weißen zu einem schwarzen Mann geworden. Er schaut in den Spiegel und sieht einen Fremden. Auch von seinen Freunden wird er nicht mehr als der erkannt, der er ist. Einzig seine Freundin Oona hält zu ihm und ist ihm in seiner Aussätzigkeit eine Stütze. Von Bekannten wie Fremden wird Anders gleichermaßen gemieden, durch seine Hautfarbe ist er gleichzeitig sichtbar geworden für jene, die seine Dunkelhäutigkeit als Bedrohung wahrnehmen, und unsichtbar für alle, die den ursprünglichen Anders kannten.
In der ganzen Stadt gibt es weitere Fälle von spontaner Verwandlung. Genau wie Anders wachen morgens Menschen auf und haben dunkle Haut. Diese Veränderung wird als Bedrohung wahrgenommen. Die verbliebenen Weißen gründen Bürgerwehren, Geschäfte werden geplündert, Menschen trauen sich nicht mehr aus ihren Häusern. Wie sehr verändert sich die eigene Persönlichkeit durch eine solche Veränderung? Der einstmals weiße Anders bewegt sich seit seiner Veränderung zögerlicher, vorsichtiger durch die Welt, um nicht in den versteckten oder offenen Rassismus zu rennen, der ihm entgegenwabert. Von den Menschen in seiner Umgebung ist er zu der Bedrohung degradiert worden, die er nie war. Erst als die Majorität ins Gegenteil umschlägt und es mehr schwarze als weiße Menschen gibt, beruhigt sich zitternd die Situation wieder.

Ich bin bei diesem Buch etwas zwiegespalten. Der Grundgedanke der Idee hat mich zum Lesen verführt, der Schreibstil hingegen war für mich gewöhnungsbedürftig. Vor allem die in die Länge gezogenen Sätze fand ich recht anstrengend. Die Protagonist:innen des Buches bleiben ungewöhnlich distanziert. Ein wenig mehr Tiefe zum Aufbau einer emotionalen Bindung zu den Figuren wäre dem Buch sicher zugute gekommen, um das zu bewirken, was es vermutlich beabsichtigt hat – dass sich in diesem Perspektivwechsel jeder wiederfinden soll. Trotz der Kritikpunkte aber ein sehr lesenswertes Buch!