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Veröffentlicht am 23.01.2024

Große Themen, kleiner Trank... ein ungewöhnlich, intensiver Blick auf die Liebe, das Leben und seine Herausforderungen

Wellness
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"Woher wissen wir, was wahr ist?" ist vielleicht die übergeordnete Frage der sich Nathan Hill in seinem Roman "Wellness" stellt. In diesem Fall bietet das Unternehmen Wellness eine Art Liebestrank, der ...


"Woher wissen wir, was wahr ist?" ist vielleicht die übergeordnete Frage der sich Nathan Hill in seinem Roman "Wellness" stellt. In diesem Fall bietet das Unternehmen Wellness eine Art Liebestrank, der die zwischenmenschlichen Beziehungen, Gedanken, Gefühle und Hormone beeinflussen und der Liebe wieder Auftrieb verleihen soll... doch ist es wirklich so einfach?

In kurz würde das Wort Eheroman dieses Buch am besten beschreiben. Es geht um Jack Baker und Elizabeth Augustine, die beide aus ganz unterschiedlichen Beweggründen 1993 nach Chicago kommen, recht nah beieinander wohnen, sich gegenseitig beobachten und fasziniert vom jeweils anderen sind. Sie studiert Psychologie. Er ist Künstler, fotografiert und lernt am Art Institute of Chicago. Durch eine zufällige Begegnung in einer Bar kommen sie sich sehr schnell näher, fast als seien sie Seelenverwandte. Es folgt ein gemeinsames Leben, ein Kind und eine Ehekrise, denn nach all den Jahren fühlt es sich für beide nicht mehr richtig an. Eigentlich wollen sie eine gemeinsame Eigentumswohnung beziehen, doch bereits bei der Planung, der Möglichkeit für zwei getrennte Schlafzimmer und bei dem damit verbundenen Gedanken an die Zukunft, gehen ihre Meinungen auseinander. Und dann ist da noch Toby, dessen Erziehung Elizabeth immer wieder überfordert, an ihre Grenzen stoßen und sich als Versagerin fühlen lässt. Immer häufiger stellen sich beide die Sinnfrage... ist ihre Ehe noch zu retten oder ist ihre Liebe bereits komplett erloschen?

"Jedes Paar hat eine Geschichte, die es sich selbst erzählt, eine Geschichte, die wie eine Maschine unter ihnen dahinschnurrt und sie durch alle möglichen Fährnisse und voran in die Zukunft treibt. Für Jack und Elizabeth handelte diese Geschichte von einer Liebe auf den ersten Blick, von zwei Träumern, die ihre andere Hälfte entdecken, von zwei Waisenkindern, die ein Zuhause fanden, von zwei Menschen, die einander verstanden - einander kapierten -, sofort und mit Leichtigkeit. Aber Geschichten haben nur Kraft, solange man sie glaubt..."

Wie sich an diesem Zitat vielleicht schon erahnen lässt steckt in diesem Buch noch viel mehr, als nur die Geschichte einer Ehe. Nathan Hill ergründet am Beispiel von Jack und Elizabeth die Wahrheit, sofern sich überhaupt von einer übergeordneten und nicht subjektiven Wahrheit sprechen lässt. Wir tauchen in ihre Familiengeschichten ein, lernen mittels Elizabeths Anstellung psychologische Studien über das Verhalten von Kindern und die Liebe kennen, driften ab in Traumata, die beider Leben belasten, und Erinnerungen, die sie begleiten, prägen und unbewusst einen viel größeren Einfluss auf ihr beider Leben nehmen. Es geht um den Glauben, die Hoffnung, Verschwörungstheorien, das Internet und den Einfluss von Algorithmen auf unsere Wahrnehmung, Verschwörungstheorien, alternative Heilbehandlungen, Placebos, zurechtgedrehte Wahrheiten und und und.
Und genau diese psychologische Auseinandersetzung mit der Wahrheit ist es, was diesen Roman so unglaublich faszinierend und lehrreich macht. Ich würde fast schon sagen, dass dieser Roman, sofern man es zulässt, Verständnis für andere (Welt-)Anschauungen schafft, Empathie und Offenheit fördert und einen selbst anders über eigene Erinnerungen und bedeutsame Erlebnisse des Lebens denken lässt, vielleicht sogar andere Perspektiven eröffnet.

"Im Lauf der Jahre habe ich festgestellt, dass die Menschen dazu tendieren, automatisch zu handeln und zu denken, aber wenn man sie drängt, zu erklären, warum sie etwas Bestimmtes tun oder sagen, füllen sie die Lücke und erfinden eine Geschichte. Und erstaunlicherweise glauben sie diese Geschichte."

Wenn Wahrheit nur eine Geschichte ist, die uns unser Leid verdrängen lässt, Schuldigkeit sucht, Hoffnung liefert, uns, durch ständige Wiederholungen der Erzählung, immer mehr daran glauben lässt, dass alles so geschehen ist, so gedacht wurde, andere aus den und den Gründen so handelten und wir den optimalen Weg aufgrund dessen gelaufen sind, gelebt haben oder eben jenes vorbestimmt ist, in wie weit ist es dann noch die Wahrheit? In wie weit können Studien überhaupt wirkliche und verlässliche Auskünfte geben? Die subjektive Wahrnehmung, das Nicht-begreifen-können des Ganzen, das auf Ausschnitte komprimierte Verständnis und die Ausprägungen der Gefühle, die sich nicht immer so leicht zuordnen lassen, wie wir hoffen... das alles erschafft in Form dieses Romans und bei weiterer Betrachtung ein großes Fragezeichen und zeitgleich ermöglicht es einen intensiven Austausch mit sich selbst, der Welt und ihren Möglichkeiten.

Der anfängliche Eindruck von Seelenverwandtschaft, Aufbruch und perfekten Leben, also das, was wir, wie Jack und Elizabeth, gerne öffentlich zu zeigen bereit sind und mit dem sie/wir uns gerne positionieren, fängt an, mit jedem weiteren Blick, jeder tiefgründigeren Frage zu bröckeln. Hills Nachforschungen, jedes weitere Kapitel eröffnet einen Blick auf Wunden, Schnitzer, Zuschreibungen und die Lebenswege seiner Protagonisten... sodass am Ende die blanke Wahrheit, ihre "kaputten" Leben und prägenden Traumata sichtbar werden. Und das ist tatsächlich ein Ritt, ein schrittweises Näherkommen und bei knapp 730 Seiten auch ein wenig Arbeit, die Hill sich, seinen Protagnisten und uns abverlangt. Zeitweise fällt es wirklich schwer, noch weitere Informationen aufzunehmen, weitere Anekdoten kennenzulernen und zuordnen zu können. Sehr lange hatte ich auch das Gefühl diesen beiden Menschen kaum näherzukommen. Zahlreiche rote Fäden werden aufgegriffen, Vergangenes erzählt, Studien angeführt, fallen gelassen, bis am Ende alles, fast schon magisch, ein komplettes Bild ergibt und viel mehr offenbart, als mir beim Lesen direkt bewusst war. Und obwohl ich schon anfangs dachte, dass ich dieses Buch mag, so hat es mich, fernab dieser ganzen interessanten Fakten und psychologischen Gedanken, doch erst am Ende so richtig abgeholt und begeistern können. Der weitere Denkprozess im Nachhinein, die Möglichkeit schonungslos mit seinem eigenen Leben zu beschäftigen ist dabei nicht zu verachten. Ein wirklich großes Buch, eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Sein und Tun, sowie eine fast schon traurige, augenöffnende Wahrheit, sofern diese dann auch die Wahrheit, Gewissheit und keine weitere Simulation ist.

"Gewissheit war nur die Geschichte, die der Verstand erdachte, um sich gegen den Schmerz des Lebens zu verteidigen. Was quasi per Definition bedeutete, dass Gewissheit ein Weg war, dem Leben auszuweichen. Man konnte sich für die Gewissheit entscheiden, oder man konnte sich entscheiden, lebendig zu sein."

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Veröffentlicht am 05.10.2023

ein sehr informatives, aufrüttelndes Buch

Tasmanien
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Für mich ist es immer wieder spannend autofiktionale Romane von Autorinnen zu lesen, die mir bereits durch frühere Werke aufgefallen sind - sei es als eine Form der Ergänzung oder um herauszufinden wie ...

Für mich ist es immer wieder spannend autofiktionale Romane von Autorinnen zu lesen, die mir bereits durch frühere Werke aufgefallen sind - sei es als eine Form der Ergänzung oder um herauszufinden wie sympathisch mir jemand ist bzw. ob sich mein bestehender Eindruck bestätigt. Und so freute ich mich sehr auf die Übersetzung von Paolo Giordanos Roman "Tasmanien"; aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, zumal mir neben "Den Himmel stürmen", "Die Einsamkeit der Primzahlen" auch "Der menschliche Körper" noch sehr positiv in Erinnerung geblieben ist. In diesem Buch lernen wir nun einen suchenden, vielleicht sogar verlorenen Paolo kennen, der gefangen in einer gewissen Trostlosigkeit durch die Welt irrt, während die komplexen Probleme der heutigen Zeit immer mehr Aufmerksamkeit erfordern, gar Taten einfordern. Doch ist er überhaupt bereit dazu?

Paolo läuft davon, versucht sich seinen persönlichen Problemen, seiner kriselnden Ehe und ihren gemeinsamen Zukunftsplänen zu entziehen. Er befindet sich auf der Suche nach Freunden und Ablenkung weit entfernt von seiner Frau. Er stürzt sich in Diskussionen über klimatische Veränderungen, berichtet aus verschiedenen Orten und Ländern, besucht Klimakonferenzen, lehrt an einer Hochschule, hält sich als Journalist über Wasser und sucht dabei stets nach Lösungen und Anzeichen für Veränderungen und drohende Kipppunkte... vielleicht um wenigstens hier eine vage Version einer Zukunft zu finden. Und so sinniert er mit Studenten über die Globalisierung, mit Professoren und Bekannten über Wolkenformationen, unterhält sich mit einer Kriegsreporterin über den internationalen Terrorismus, berichtet vom Bau und der Geschichte der Bombe, sowie Nuklearwaffen und deren Auswirkungen u.a. am Beispiel von Hiroshima. Der Mensch - eine tickende Zeitbombe, damals, wie heute. Vielleicht müsse man die Menschheit daran erinnern, dass alles von ihr abhängt, die Auslöschung der Menschheit keine dystopische Fantasie ist, sondern eine plausible Tatsache. Wir müssten viel mehr öffentlich darüber diskutieren, einlenken und nicht nur an uns und das Jetzt denken.
"[Du] glaubst ernsthaft daran, dass wir uns angesichts der Möglichkeit unserer Auslöschung so viel anders verhalten würden?" Wahrscheinlich nicht bzw. wie würde man sich denn passender Weise verhalten, wenn man auch so schon kaum für seine Positionen eintritt? Was tun, wenn ausgerechnet ein Freund eine falsche Denkweise an den Tag legt? Was, wenn wir wirklich mit voller Kraft dem Abgrund entgegensteuern und die Welt aus den Fugen gerät? Auswandern vielleicht? In diesem Roman scheint Tasmanien aufgrund seiner Lage ein guter Ort für Einzelne zu sein, doch was ist mit den anderen? Lauern die Gefahren nicht ständig überall?

"Und wohin führt uns deine Überlegung? [...]
Ich weiß es nicht. Vielleicht zu der Idee, dass auch die intelligentesten Menschen auf der Welt - denn es besteht kein Zweifel, dass diese Physiker [,die die Atombombe erfanden.] das waren - in Wirklichkeit nichts von der Gegenwart verstehen. Als ob man von der Gegenwart nur... überrannt werden könnte."

Ich wünschte nun, dieser Roman enthielte DIE Lösung für all die Probleme der heutigen Zeit, und man könnte sich an Giordano ein Beispiel nehmen, doch "Tasmanien" ist mehr so ein vorgehaltener Spiegel. Wir wissen vieles, sollten durch Entwicklungen, Gespräche mit Experten und unsere Geschichte einiges gelernt haben, machen uns sehr viele Gedanken, suchen nach Lösungen und steuern doch häufig nur von einem Dilemma zum Nächsten. Oder greifen in entscheidenden Momenten nicht ein, sind wie gelähmt, schauen nur zu oder laufen gar weg, um nicht negativ aufzufallen oder jemanden zu enttäuschen und doch sind wir am Ende mehr oder weniger allein. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, dass wir versuchen alles zu überblicken und dabei das Wesentliche aus den Augen verlieren?

Eines der größten aktuellen, globalen Probleme der Menschheit ist neben der fehlenden Empathie und dem wachsenden Egoismus, unbestritten der Klimawandel. Giordano beschäftigt sich sehr intensiv damit und lässt uns als Leser
innen gerade hier an seinen Erfahrungen, Gesprächen und Gedanken über die heutigen Katastrophen teilhaben.
Anfangs war ich wirklich überrascht wie klimalastig dieser Roman ist und gleichzeitig schaffte Giordano es mich binnen kürzester Zeit genau dafür zu begeistern. Ich googelte nach Wolkenformationen und Pflanzen, Phänomene oder Klimakonferenzen und machte mir Gedanken über die Auswirkungen der Globalisierung und den Einfluss der Nachrichten auf uns Menschen. Das beschriebene Schicksal eines seiner Studenten hat mich dabei sehr getroffen und mich lange über die Frage "Ist es möglich [...], dass ein Wissensgebiet Oberhand über dich gewinnt?" grübeln lassen.
Diese entstehenden Gedanken und Erklärungen sind eindrucksvoll und gleichzeitig so gewaltig, überfordernd. Genau dies zeigt Giordano auch an seiner Figur in diesem Roman.
Ich kann nicht sagen ob er mir dadurch nun sympathischer oder unsympathischer geworden ist. Einerseits hätte ich mir bei vielen Problemen oder in einigen der beschriebenen Situationen etwas mehr Einsatz, Stärke und Positionierung erhofft. Andererseits entspricht das Beschriebene der heutigen Zeit, unserem eigenen Verhalten und dem Versuch Dilemmas zu umgehen in der Hoffnung, dass sich alles schon wieder zurechtrüttelt. Und das in einer Welt, die ganz viele Baustellen unterschiedlichster Themen bereithält. Insbesondere die Wolkenthematiken, Tasmanien - der 'Ort des letzten Auswegs' - und die Folgen der Globalisierung; das Ausbreiten von Pflanzen in der Welt, der Zufall, dass Hiroshima Ziel der Atombombe wurde und und und haben mich an diesem Buch sehr fasziniert und so hallt auch noch Wochen nach dem Lesen dieses Buch zumindest in Fragmenten in mir nach. Giordano als Figur verblasste etwas, aber im Vergleich zu den Problemen der Welt, ist das vielleicht das kleinste Problem.
"Tasmanien" ist ein sehr interessanter, informativer und aktueller Roman, den ich gerne vielen empfehlen würde und zeitgleich ist es mir bewusst, dass dieses stets mitschwingende, verstärkende Gefühl der Verlorenheit und Überforderung nicht gerade ein angenehmes Lesevergnügen bietet.

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Ein Brief voller Emotionen, Leben, Liebe und Vermissen?!

Vatermal
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Bei "Vatermal" von Necati Öziri kann man bereits nach den ersten Zeilen erahnen, dass es sich um einen intensiven und emotionalen Roman handelt. Und irgendwie wusste ich es bereits da, dass dieses Buch ...

Bei "Vatermal" von Necati Öziri kann man bereits nach den ersten Zeilen erahnen, dass es sich um einen intensiven und emotionalen Roman handelt. Und irgendwie wusste ich es bereits da, dass dieses Buch eins meiner liebsten in diesem Jahr werden würde, denn hier vereint sich für mich etwas sehr persönliches mit einer interessanten Familienkonstellation und Migrationsgeschichte.

"Wunden schmerzen selten im Moment ihrer Entstehung. Meistens spürt man das Pochen im Kiefer und das Brennen über der Augenbraue erst, wenn die Prügelei längst vorbei ist [...] und der Körper die Ruhe hat, sich dem zu widmen, was passiert ist. Genauso ist es mit dem Sprechen. Wir können erst erzählen, wenn wir uns gerettet haben und die Wunden zu heilen beginnen."

...oder das Ende naht. Arda weiß nicht, wie lange er noch leben wird. Er liegt auf der Intensivstation. Sein Immunsystem greift seinen Körper an, sieht jedes Organ wie einen Fremdkörper. Ein Fremdkörper... so muss man sich sicherlich auch fühlen, wenn man nach Deutschland immigriert. Zeiten der Ungewissheit, die Einbürgerung, Gedanken zwischen alter und neuer Heimat. Arda nimmt die Leserinnen mit durch sein Leben, erzählt von verschiedenen Ereignissen und Lebensabschnitten, von seinen Eltern in der Heimat, Geburtstagen im Ausländeramt, seinen Freunden, Polizeikontrollen, seiner Familie, die mit ganz anderen Träumen und Wünschen nach Deutschland kam. Beziehungsweise, eigentlich möchte er es nur einem erzählen... seinem Vater. Wahrscheinlich hatte damals niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet er wieder zurück geht und Ümran mit ihren zwei Kindern Aylin und Arda in Deutschland zurücklässt.
Wie fühlt es sich an nach Deutschland zu kommen, ohne Vater aufzuwachsen und ihn maximal von Geschichten anderer zu kennen? Was würde man ihm von sich erzählen? Und wie geht man damit um, wenn man im Krankenhaus liegt, plötzlich mit seinem eigenen Tod konfrontiert wird und tagtäglich in ein Buch "Mein Name ist Arda Kaya, und es geht mir gut." kritzeln muss?

"Hast du dir auch schon mal vorgestellt, dass ich tot bin? Du weißt natürlich nicht, dass ich jetzt gerade hier liege. Nur für den Fall also, dass du nächstes Jahr wider Erwarten auf die Idee kommen solltest, den Hörer doch noch in die Hand zu nehmen oder vor meiner Tür aufzutauchen, nur um dann festzustellen, dass du leider zu spät bist, werde ich es dir hier aufschreiben. Du sollst wissen, wer ich gewesen bin."

Schon allein die Gedanken an diese Geschichte erzeugen bei mir eine Gänsehaut. Es ist kein Buch, dass einfach so spurlos an einem vorbeizieht und ich glaube, ein jede
r könnte hier so einige Berührungspunkte mit Arda und seiner Familie haben, sei es durch eine eigene Migrationsgeschichte oder, wie bei mir, der fehlenden Vaterfigur, eine schwierige Kindheit, verschiedenste Erinnerungen in der Schule, mit Ämtern oder oder... was alles noch einmal viel intensiver erleben lässt und emotional aufwühlt. Seit diesem Roman frage ich mich z.B. ständig was ich meinem Vater wohl erzählen würde, welche Momente mir im Leben besonders wichtig erscheinen oder besonders schmerzhaft waren. Was würde ich tun, wenn man mir sagen würde, das alles hier wäre bald vorbei? Worauf bin ich stolz im Leben? Worauf nun so gar nicht? Was würde ich ihm vorwerfen? Wie hat sich mein Aufwachsen von dem Aufwachsen in einer 'vollständigen' Familie unterschieden? Hat(te) dies sogar Vorteile? Wahrscheinlich gibt es auf diese vielen Fragen keine wirklich richtigen Antworten und auch Öziris Protagonist rettet sich quasi nur mit der Vorstellung etwas von sich zu hinterlassen - Die Idee des Aufschreibens; eines Briefes ohne zu wissen, ob dieser seinen Empfänger jemals erreichen wird.
Es sind diese vielen, aneinandergereihten Momente und Szenen, die die Leserinnen in ein regelrechtes Gefühlschaos stürzen; zwischen lachen, trauern, weinen, fassungslos und wütend zuschauen oder mit dem Kopf schütteln. Öziri greift dabei nicht dieses doch sehr gängige Schläger-Gangsterklischee über Migranten auf, sondern vermittelt den Leserinnen eine Welt, die nicht rund läuft, in all ihren Facetten den Protagonisten Steine in den Weg wirft und sie dennoch niemals zur Aufgabe zwingt, vielleicht sogar am Ende noch ein wenig hoffen lässt. Dieser Roman ist für mich eine Art Herzensbuch geworden und gerade durch diese mögliche Auseinandersetzung mit dem (eigenen) Leben, anderen Lebensrealitäten und dieser sehr klaren, nahbaren und gefühlvollen Erzählung etwas, das man nicht so leicht und schnell wieder vergessen kann. Vielleicht ist ein Buch für alle die "Dschinns" liebten, nur dass "Vatermal" weniger krampfhaft aktuell sein und unbedingt gefallen will. Öziri überzeugt mehr mit Gefühl, Empathie und 'Echtheit'. Und das ist bei diesem Thema schon etwas ganz besonderes. Eine wirklich große Leseempfehlung von mir!

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Veröffentlicht am 26.07.2023

Alle Augen sind auf dich gerichtet... wo versteckst du dich? "Go Zero"!

Going Zero
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Was heißt es in der heutigen Zeit abzutauchen? Geht das überhaupt noch? Schließlich ist heutzutage fast alles miteinander vernetzt und ein jeder hinterlässt ständig Spuren - digitale, wie reale. Und wenn ...

Was heißt es in der heutigen Zeit abzutauchen? Geht das überhaupt noch? Schließlich ist heutzutage fast alles miteinander vernetzt und ein jeder hinterlässt ständig Spuren - digitale, wie reale. Und wenn nicht das, so sind es doch unsere typischen und immer gleichen Verhaltensmuster, die uns früher oder später in die Quere kommen. In Anthony McCartens Roman "Going Zero" werden zehn vorab ausgewählte Menschen mit der Aufgabe konfrontiert zu verschwinden, sich innerhalb von zwei Stunden spurlos in Luft aufzulösen und das für ganze 30 Tage, während das Team von Fusion nach ihnen sucht. In einem groß angelegten Betatest, einem Projekt der US-Geheimdienste und dem Team um Cy Baxter, der mit WorldShare bereits Unmengen an Daten über seine Nutzer sammelte, möchte man beweisen wie schnell, einfach und sicher es möglich ist gesuchte Menschen/Täter/Verdächtige aus dem Verkehr zu ziehen. So zumindest das ursprüngliche Ziel von Fusion, die Welt und das Leben der Menschen sicherer zu machen und die Freiheit zu überwachen und gleichzeitig zu schützen.



"herzlichen Glückwunsch! Sie wurden als potenzielle Teilnehmerin am >Going Zero<-Betatest der Fusion-Initiative ausgewählt, eines Gemeinschaftsprojekts von WorldShare und der Bundesregierung. Der >Going Zero<-Betatest beginnt offiziell am 1.Mai um 12 Uhr mittags. Dann erhalten Sie und die neun anderen per Losverfahren ermittelten Kandidat:innen unter der von Ihnen bei Ihrer Bewerbung hinterlegten Nummer eine Textnachricht mit der Anweisung >Go Zero!<.

Um 2 Uhr nachmittags desselben Tages werden Ihr Name, Ihr Foto und Ihre Adresse der Taskforce der Fusion-Initiative in er Fusion-Zentrale in Washington D.C. übermittelt."



Und damit beginnt für die zehn sogenannten Zeros das Katz-und-Maus-Spiel, bei dem für die Sieger drei Millionen Dollar Preisgeld winken bzw. ein sehr lukrativer Deal zwischen Fusion und der CIA bei dem es um viel mehr als um Sicherheit und Daten geht. Kaitlyn Day, eine fast 33 Jahre alte Bibliothekarin aus Boston ist eine von ihnen und fällt im Vergleich mit den anderen Teilnehmer
innen, die viel mehr Ahnung von Technik, Sicherheitsmechanismen und Co haben, aus dem Rahmen und in Cys Visier. Doch sie stellt sich geschickter an als erwartet, legt gezielt Hinweise, verstellt sich und ihren Gang um ja nicht von Überwachungskameras entlarvt zu werden. Und während die neun anderen 'Experten' einer nach dem anderen gefunden werden, ist es am Ende nur noch Kaitlyn, die sie alle an der Nase herumführt und zielgerichtet durchs Land irrt.



“Fast in Kanada angekommen, wird sie sich vorstellen, dass sie das Preisgeld schon in der Tasche hat, eine reiche Frau ist. Und das trotz ihrer gesundheitlichen Probleme. Die Kandidatin, die theoretisch als erste hätte geschnappt werden müssen. Da sieht man es wieder mal. Wie der erste Eindruck täuschen kann!”



Vielleicht sogar noch der zweite oder dritte Eindruck, denn was die Detektive bis dahin noch nicht wissen, es geht Kaitlyn um viel mehr als um das Preisgeld. Sie braucht ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.



Was für eine aufregende Geschichte und Verfolgungsjagd. Und das so ganz ohne einen rätselhaften Mordfall mit grausig verstümmelter Leiche im Keller. Anthony McCarten hat mit "Going Zero" einen topaktuellen und unheimlich klugen Roman erschaffen, der nicht nur zeigt, wie leichtfertig wir häufig mit unseren Daten umgehen und wie gläsern wir werden, sobald wir uns sicher fühlen oder unser Umfeld regelmäßig technische Geräte nutzt, sondern auch wie verrückt und aufwändig es ist, sich in einer hochtechnologischen Welt der Überwachung zu entziehen, während auf der anderen Seite des Bildschirms Menschen sitzen, die immer mehr Daten gewinnen wollen um damit Macht auszuüben. Und so bin ich dann durch die Seiten geflogen, habe mit Kaitlyn Day bis zum bitteren Ende gefiebert, war häufig überrascht über die plötzlichen Wendungen, ihr Entkommen bei den unzähligen Beinahzugriffen und ihr großes Ziel.

McCarten spielt hier sehr eindrucksvoll mit dem "uralten Dilemma von Recht und Unrecht, dem Gemeinwohl, Freiheit des Einzelnen kontra Sicherheit des Ganzen" und natürlich auch der Macht der Überwachung, die teilweise in einigen Ländern schon heute so möglich ist, wenn nicht sogar ausgeübt wird. Und das fand ich, obwohl ich schon recht vorsichtig bin, was meine Daten angeht, teilweise doch sehr erschreckend. Vielleicht ist dieses Buch daher auch so ein bisschen Augen öffnend und sensibilisierend im Umgang mit den eigenen Daten und lässt natürlich sehr lange darüber nachdenken, wie man wohl selbst dieses Versteckspiel angehen würde. Ohne nun mehr über den Handlungshergang zu verraten, für mich war es ein sehr tolles Leseerlebnis, die letzten Wendungen am Ende waren ein wenig drüber, aber das sei im ganzen Rausch von Spannung, Aufatmen und Mitfiebern voll und ganz verziehen. Ein überraschender Lesetipp für alle technikaffinen Menschen und Spannungsliebhaber*innen, die auch mal ohne Gemetzel auskommen.

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Veröffentlicht am 15.06.2023

Über das Schreiben, das Leben, die Veränderung...

Wir hätten uns alles gesagt
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An dieser Stelle könnte ich mich kurz fassen, denn seit dem ich Judith Hermann bei einer Lesung zu ihrem Roman "Daheim" erlebt habe, bin ich ein großer Fan. Einige Gedanken über das Schreiben und sie als ...

An dieser Stelle könnte ich mich kurz fassen, denn seit dem ich Judith Hermann bei einer Lesung zu ihrem Roman "Daheim" erlebt habe, bin ich ein großer Fan. Einige Gedanken über das Schreiben und sie als Person begleiten mich seit dem und haben mir einen anderen Blick auf Literatur gegeben. Und so ist "Wir hätten uns alles gesagt" für mich mal wieder ein ganz besonderes Buch. In ihm habe ich sehr viel von dem, was sie damals schon berichtete, wiedergefunden. Hermann erzählt teilweise sehr persönlich von ihrem Schreiben, Leben und ihren Romanen. Ich würde gar sagen, dass dieses Buch eine Art Klammer um ihre literarische Arbeit bildet und uns Leser*innen mit durch die Zeit nimmt, animiert noch einmal "Lettipark", "Sommerhaus, später", "Aller Liebe Anfang", "Alice", "Nichts als Gespenster", sowie "Daheim" aus dem Regal zu ziehen, darin zu blättern und teilweise einzelne Passagen mit einem ganz anderen Blick zu entdecken. "Ich kann leichter über dieses und jenes schreiben, wenn es zu Ende gegangen ist, wenn ich weiß, dass es zu Ende gehen wird. [...] In >Sommerhaus, später< habe ich geschrieben, Glück sei immer der Moment davor. Heute würde ich schreiben, Glück ist immer der Moment danach - der Moment, in dem du das vermeintliche Glück überstanden hast [...]Glück als solches erkannt und wieder verloren, losgelassen und verworfen hast. Das [...] ist es, wohin ich schreibend gelangt bin, und sicher meint das, ob davor oder danach, letztlich schlicht ein und dasselbe." Mit der Zeit ändert sich vieles, nicht nur der Umgang mit dem Leben, auch die Gedanken werden größer und tiefer, so entwickeln sich auch Hermanns Ansichten über Freundschaft, Freiheit, den Möglichkeiten des Schreibens und vielleicht sogar der Selbstverwirklichung. Ihre Beziehung zu ihrer Familie, einer früheren Freundin Ada und Dr. Dreehüs, dem Analytiker, spielen hier eine große Rolle, ähnlich weitere Begegnungen und Situationen, in denen sie gewachsen und vorangekommen ist, die vielleicht. sogar ihr Leben geprägt haben. Es ist ein sehr ehrliches Buch und doch hält sie nach wie vor eine gewisse Magie das Ungewissen aufrecht, ein Zauber, der mich mal wieder sehr fasziniert und neugierig machte und ich hoffe, dass dieses Buch nicht das letzte ist, das aus ihrer Feder stammt.

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