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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.11.2023

Mit Dürer unterwegs

Um 1500
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Wie der Titel bereits erkennen lässt, behandelt „Um 1500“ den Abschnitt des Mittelalters, in dem Albrecht Dürer lebte und nimmt sein Wirken als Ausgangspunkt für die Erkundung seiner Welt. In 50 Kapiteln ...

Wie der Titel bereits erkennen lässt, behandelt „Um 1500“ den Abschnitt des Mittelalters, in dem Albrecht Dürer lebte und nimmt sein Wirken als Ausgangspunkt für die Erkundung seiner Welt. In 50 Kapiteln erleben wir zwischen Geburt und Begräbnis zahlreiche Aspekte des Lebens, wie Kirche, Staat oder Haushalt.
Jedem Abschnitt ist eines von Dürers Werken vorangestellt, das im jeweiligen Kontext analysiert wird, bevor sich unser Blick dem Allgemeingültigen zuwendet. So erfahren wir beispielsweise zum Thema Geld, wie die Zahlung von Auftragsarbeiten vonstatten ging oder dass Münzen entzweigebrochen wurden, um kleinere Beträge zu zahlen.
Der Nachteil dieses Konzepts liegt darin, dass die Sicht aus Dürers Augen eine beschränkte bzw. auf gewisse Schichten, Länder oder Faktoren gerichtete war. Das ist schade, wird damit doch kaum ein Kontrast zu anderen Lebensweisen hergestellt.
Besonders interessant fand ich es, den Künstler selbst von seinen Reisen oder Alltäglichem berichten zu hören: „Ich hab mir selbs ein graw hor gefunden. Daz jst mir for lawtrer armüt gewagsen vnd daz jch mich also stenter [abmühe].“ Das schwergewichtige und hochwertige Geschichtsbuch hält also einige Entdeckungen bereit.

Veröffentlicht am 22.10.2023

Hip-Hop, ein Porträt

Hip-Hop. 100 Seiten
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In die 100-Seiten-Reihe von Reclam reiht sich nun auch dieser Titel über Hip-Hop ein. Wie der Name vermuten lässt, wird Wissen zu einem Thema auf 100 Seiten vermittelt. Die Seitenzählung beginnt hier ungewohnter ...

In die 100-Seiten-Reihe von Reclam reiht sich nun auch dieser Titel über Hip-Hop ein. Wie der Name vermuten lässt, wird Wissen zu einem Thema auf 100 Seiten vermittelt. Die Seitenzählung beginnt hier ungewohnter Weise erst auf Seite 7, damit auch wirklich keine thematische Seite fehlt. Fotos und Infografiken sind dem Konzept nach inbegriffen.
Wissen auf 100 Seiten zusammenfassen, ist eine Herausforderung. So ist es legitim, das Thema geographisch auf (die Ursprünge des Hip-Hops in den) USA und (seine Ableger in) Deutschland zu beschränken und nur deren Stars vorzustellen. Doch auch die Geschichte und Inhalte kommen nicht zu kurz, so dass ein rundes Gesamtbild entsteht.
Hört man dann noch in die dazugehörige Playlist rein, fällt es leicht, Worte in die Tat umzusetzen und mitzuwippen. „Hip-Hop löst eben das Glücksversprechen der Postmoderne ein: dass man Stile mischen und Kunstformen verunreinigen kann und daraus etwas Neues, Überraschendes entsteht.“
Ich hätte mir eine ausgewogenere Aufteilung gewünscht: An manchen Stellen hätte die persönliche Meinung des Autors (z.B. dass Texte im Schulunterricht analysiert werden sollten) zugunsten der Informationsvermittlung (z.B. fiel das Kapitel über Mode recht kurz aus) gekürzt werden können. Grundsätzlich hat das Büchlein aber sein Ziel erreicht: Ich habe auf unterhaltsame Weise mein Wissen erweitert und Inspiration erhalten, mich weiter mit diesem Musikstil zu beschäftigen.

Veröffentlicht am 24.09.2023

Lebensrückblick

Die Details
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Eine Frau mit Fieber lässt ihr Leben Revue passieren. Sie schildert Erlebnisse mit wichtigen Personen, wie der Freundin, dem Liebhaber, der Mutter. „Wenn ich Fieber habe oder verliebt bin, erscheint mir ...

Eine Frau mit Fieber lässt ihr Leben Revue passieren. Sie schildert Erlebnisse mit wichtigen Personen, wie der Freundin, dem Liebhaber, der Mutter. „Wenn ich Fieber habe oder verliebt bin, erscheint mir alles so klar, mein »Ich« weicht einem namenlosen Glück, einer Ganzheit, die Details sind unversehrt, miteinander verbunden und dennoch einzeln erkennbar.“
Trotz ihres Zustands (wir hören von den verschiedenen Empfindungen bei erhöhter Temperatur) findet die Ich-Erzählerin klare Worte, mit denen sie detailliert ihre Vergangenheit aufarbeitet. Die gewählten Wegbegleiter waren für sie prägend und stehen in der Geschichte im Mittelpunkt. Und doch stellt sie sich zurecht die Frage: „Wer wird eigentlich porträtiert?“ Denn natürlich lernen wir durch ihre Bewertung von bestimmten Handlungen viel über die Protagonistin selbst. Ihre Art zeigt sich in zarten Nuancen, von denen ich mir noch mehr gewünscht hätte.
„Die Details“ ist ein leiser Roman, der ohne große Effekte auskommt. Die Art der Figurenzeichnung über Erinnerungen und feine Beobachtungen ihrer Mitmenschen gefiel mir gut. Das besondere Detail war für mich die Auseinandersetzung mit Büchern und Schriftstellern.

Veröffentlicht am 22.09.2023

Das erwachsene Kind

Ent-Eltert euch!
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Der Ratgeber „Ent-Eltert euch!“ will Erwachsenen dabei helfen, ungesundes Verhalten zu reflektieren und so die Beziehung zu den Eltern oder innerhalb der Familie für sich angenehmer zu gestalten. „Entelterung ...

Der Ratgeber „Ent-Eltert euch!“ will Erwachsenen dabei helfen, ungesundes Verhalten zu reflektieren und so die Beziehung zu den Eltern oder innerhalb der Familie für sich angenehmer zu gestalten. „Entelterung bedeutet, die eigenen Eltern (oder primären Bezugspersonen) aus der Elternrolle zu entlassen und dich selbst aus der Kinderrolle.“
Das Buch ist verständlich geschrieben und nutzt die persönlich wirkende Du-Ansprache. In fünf Kapiteln werden die Dynamiken innerhalb von Familien aufgedeckt, beispielsweise wer welche Rolle einnimmt oder wodurch jemand getriggert wird.
Schwierig fand ich es, den Beispielen zu folgen, weil einzelne Figuren über das Buch verteilt immer wieder auftauchten („Wir treffen Ivana wieder auf Seite 209.“) und dann vorausgesetzt wurde, dass ich mich (im Beispiel 121 Seiten später) an deren Fall erinnern würde.
Als Methode zur eigentlichen Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation dient der Mentalog. Das bedeutet, dass realistische Dialoge mit den Eltern aufgeschrieben und Reaktionen vorweggenommen werden, um deutlich zu machen, wie man selbst aus dem Teufelskreis von Anschuldigungen entkommen kann. Es werden über das Buch hinweg immer wieder Reflexionsansätze vorgeschlagen, was mir gut gefallen hat. Es stellt eine Bereicherung bezüglich der Interaktion in der Familie dar.

Veröffentlicht am 17.09.2023

Vom Verschwinden

Zeiten der Langeweile
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Mila steigt aus aus dem Internet. Sie will es nicht mehr nutzen, und sie will nicht, dass Spuren ihrer früheren Präsenz weiter auffindbar sind. „Ich kam mir vor wie eine Heuchlerin: dauerhaft damit konfrontiert, ...

Mila steigt aus aus dem Internet. Sie will es nicht mehr nutzen, und sie will nicht, dass Spuren ihrer früheren Präsenz weiter auffindbar sind. „Ich kam mir vor wie eine Heuchlerin: dauerhaft damit konfrontiert, für eine Person zu bürgen, die ich einmal gewesen war, die jetzt aber nichts mehr mit mir zu tun hatte.“
„Zeiten der Langeweile“ wirkt wie ein Tatsachenbericht, in dem aus Ich-Perspektive der Ablauf eines Experiments geschildert wird. Wie ein solches fühlt es sich an, da die Hauptfigur einen ungewöhnlichen Versuch startet und ihr anfangs selbst nicht klar ist, welch weitreichende Folgen dieser mit sich bringt.
Auf mich wirkte die Entwicklung zunächst akribisch und schließlich manisch. Das ist gut für den Spannungsbogen, doch der Roman bleibt auf dem Niveau der Berichterstattung, während mir die Auseinandersetzung mit dem Zustand fehlt. Als Leserin bemerke ich eine Entfremdung von allem, was Milas Leben ausgemacht hat, und das war mehr als das Internet. Ich verstehe nicht, warum sie einen solchen Preis für ihren Offline-Gang in Kauf nimmt, wenn danach kaum etwas bleibt.
Was das Buch schafft, ist die Auseinandersetzung mit dem digitalen Leben und das Hinterfragen von inzwischen zur Normalität gewordenen Umständen. In Zeiten, wo „digital detox“ zum erstrebenswerten Ziel erklärt wird, bietet es gute Gedankenanstöße.