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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.11.2017

Für geduldige Leser

Der Fall Kallmann
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Wer bei diesem Buch einen spannenden Krimi oder gar Thriller erwartet, wird ziemlich enttäuscht sein. Zwar ist der Autor für kriminalistische Literatur bekannt, doch ,,Der Fall Kallmann“ ist eher ein ruhiger ...

Wer bei diesem Buch einen spannenden Krimi oder gar Thriller erwartet, wird ziemlich enttäuscht sein. Zwar ist der Autor für kriminalistische Literatur bekannt, doch ,,Der Fall Kallmann“ ist eher ein ruhiger Roman, ein literarisches Puzzle rund um den Tod des Lehrers Kallmann.
In einer Art Tagebuchform erzählen verschiedene beteiligte Personen aus der Ich-Perspektive, wie sie der Fall Kallmann beschäftigt.
Zunächst steht der Lehrer Leon Berger im Mittelpunkt. Er verlor seine Frau und seine Tochter bei einem Schiffsunglück und zieht, auf Anraten seiner früheren Studienkollegin Ludmilla, in die schwedische Kleinstadt K., um dort ein neues Leben zu beginnnen. Dort tritt er die Nachfolge des sehr beliebten, doch auch sehr exzentrischen Lehrers Eugen Kallmann an. Dieser war am Ende des letzten Schuljahres tot in einem verlassenen Haus aufgefunden worden. Ein Unglücksfall?
Als Leon Berger im Pult seines Vorgängers Tagebücher findet, die erkennen lassen, dass Kallmann sich mit alten und ungelösten Kriminalfällen beschäftigte und sogar behauptet, als Elfjähriger seine eigene Mutter ermordet zu haben, beginnt Berger zu recherchieren. Dabei wird er von Ludmilla Kovacs und seinem Kollegen Igor Masslind unterstützt, was die drei einander näher bringt.
Eine weitere involvierte Figur ist die fünfzehnjährige Schülerin Andrea Wester, die Leon Berger stark an seine verschollene Tochter erinnert. Andrea vermutet schon lange, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater ist. Auch ihre Suche hängt in irgendeiner Form mit Kallmann zusammen. Interessant ist, wie der Autor jeder Figur eine ganz eigene Sprache gibt. So sind die Kapitel aus Sicht des Lehrers Igor sehr intellektuell, fast schon gestelzt, während die Schülerin Andrea im jugendlichen Jargon erzählt. Dabei wirken alle Figuren authentisch und unverwechselbar. Die Geschichten der verschiedenen Figuren kreisen zwar um den Fall Kallmann, schweifen aber auch gelegentlich weit ab, sodass nicht der Kriminalfall im Mittelpunkt steht, sondern eher die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten. Für diese klärt sich ,,Der Fall Kallmann“ erst 20 Jahre später tatsächlich auf.
Für geduldige und literarisch interessierte Leser empfehlenswert.

Veröffentlicht am 05.10.2017

Tod eines Bestatters

Wildeule
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Bei ,,Wildeule“ handelt es sich um den 3. Band um die ehemalige Kommissarin Gesine Cordes, die nach dem Tod ihres kleinen Sohnes komplett aus ihrem alten Leben ausgestiegen ist und nun als Friedhofsgärtnerin ...


Bei ,,Wildeule“ handelt es sich um den 3. Band um die ehemalige Kommissarin Gesine Cordes, die nach dem Tod ihres kleinen Sohnes komplett aus ihrem alten Leben ausgestiegen ist und nun als Friedhofsgärtnerin arbeitet. Meinem Empfinden nach sollte man die Vorgängerbände kennen, um Gesines Verhalten ihren Mitmenschen gegenüber und ihre Reaktionen in bestimmten Situationen besser nachvollziehen zu können. Ihr kleiner Sohn war damals durch den Verzehr giftiger Pflanzen gestorben, was ihre Manie erklärt, ein Notizbuch zu führen, in das sie jegliche Giftpflanze und mögliche Gegenmittel akribisch einträgt.
In ihrer Arbeit auf dem Friedhof und in ihrer Freundschaft zum Bestatter Hannes van Deest findet sie Trost. Auch die Zwillingsmädchen Frida und Marta, die seit dem Tod ihrer Mutter oft bei ihrer Tante Gesine sind, geben ihr Kraft. Allerdings spielen die Mädchen in diesem Band eine eher untergeordnete Rolle.
Während einer recht merkwürdig anmutenden Beerdigung mit nur einem Besucher, aber außerst aufwändigem Blumenschmuck, fällt Gesine auf, dass der Sargdeckel nicht richtig verschlossen ist. Und statt der erwarteten Toten liegt der Bestatter Carsten Schellhorn tot im Sarg. Schellhorn ist der größte Konkurrent für Gesines Freund Hannes van Deest. Und Hannes macht sich durch verworrene Aussagen und durch sein plötzliches Verschwinden äußerst verdächtig. Gesine Cordes wird von der Ermittlerin Marina Olbert, mit der sie im letzten Band fast eine Art freundschaftlichen Frieden geschlossen hatte, sozusagen als Undercover-Ermittlerin in den Fall mit einbezogen. Dennoch ist der Umgang der beiden Frauen oft konfliktreich und schwierig. Und Gesine kann sich nicht gegen ein beginnendes Misstrauen ihrem besten Freund Hannes gegenüber erwehren.
Wie in den Vorgängerbänden auch ist der Krimi durch interessante Figuren und einen flüssigen Schreibstil geprägt. Allerdings wirkt das Hin und Her zwischen Gesine und Hannes dieses Mal etwas zu konstruiert und psychologisch überladen, was für mich das Lesevergnügen etwas geschmälert hat.

Veröffentlicht am 30.09.2017

Die Legende kehrt zurück

Durst
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Als eingefleischter Harry-Hole-Fan musste man ein paar Jahre ungeduldig auf den nunmehr 11. Fall warten. Nach dem letzten, starken Band ,,Koma“ fällt ,,Durst“ aber etwas enttäuschend aus.
Harry Hole hat ...

Als eingefleischter Harry-Hole-Fan musste man ein paar Jahre ungeduldig auf den nunmehr 11. Fall warten. Nach dem letzten, starken Band ,,Koma“ fällt ,,Durst“ aber etwas enttäuschend aus.
Harry Hole hat sich aus dem Polizeidienst zurückgezogen, hält an der Polizeihochschule Vorlesungen und genießt sein privates Glück mit seiner großen Liebe Rakel und deren Sohn Oleg, der als Polizeianwärter in Harrys Fußstapfen treten will. Noch immer gilt Hole in Polizeikreisen als wahre Legende, seine Vergangenheit sucht ihn aber in Alpträumen immer wieder heim.
Als eine junge Frau zu Tode gebissen aufgefunden wird und der Täter offenbar von ihrem Blut getrunken hat, holt Polizeipräsident Mikael Bellmann Harry Hole zurück. Kurz darauf verschwindet eine weitere junge Frau und Hole steigt in den ,,Vampiristenfall“ ein, zunächst widerwillig und nur, weil Bellmann ihn unter Druck gesetzt hat. Als der Täter dann aber offenbar bewusst Spuren hinterlässt, wird Harry Hole klar, dass er den Mörder kennt und seine absolute Berufung zur Mörderjagd erwacht.
Holes frühere Kollegin Katrine Bratt ist nun die Leiterin des Ermittlerteams, man trifft weitere ,,alte Bekannte“ wie Truls Berntsen und Bjørn Holm. Allerdings dauert es eine ganze Weile, bis Harry tatsächlich die Bühne betritt und bis dahin plätschert das Geschehen etwas dahin. Mit Holes Auftreten nimmt die Handlung allmählich Fahrt auf, man wird, wie bei Nesbø üblich, immer wieder geschickt auf falsche Fährten gelockt. Und man ahnt allmählich, dass der Täter in Harry Holes nächstem Umfeld zu suchen ist. So steigert sich die Spannung bis zu einem regelrechten Showdown am Ende. Insgesamt aber konnte mich dieser 11. Fall nicht so mitreißen und begeistern. Manche Dialoge wirken etwas hölzern und künstlich, manches wirkt überkonstruiert. Es scheint, als seien Harry Hole und sein Schöpfer etwas eingerostet. Schade!

Veröffentlicht am 16.09.2017

Ein Leben auf Messers Schneide

Der Preis, den man zahlt
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Spanien im Jahre 1936: Der Spion Lorenzo Falcó ist ein Abenteurer und Lebemann. Sein charismatisches Wesen und sein attraktives Äußere bescheren ihm viel Erfolg bei den Frauen, seine Risikobereitschaft ...

Spanien im Jahre 1936: Der Spion Lorenzo Falcó ist ein Abenteurer und Lebemann. Sein charismatisches Wesen und sein attraktives Äußere bescheren ihm viel Erfolg bei den Frauen, seine Risikobereitschaft und Skrupellosigkeit machen ihn zu einem äußerst erfolgreichen Spion. Im spanischen Bürgerkrieg kämpft er auf seiten der nationalistischen Falangisten und erhält den Auftrag, einen hochrangigen politischen Gefangenen, den Falange-Gründer Antonio Primo de Rivera, aus dem Gefängnis in Alicante zu befreien. Dabei werden ihm drei junge Leute zur Seite gestellt, brennend vor Tatendrang und leidenschaftlich von ihrer Sache überzeugt. Eine davon ist Eva Rengel. Sie passt eigentlich nicht in Falcós Beuteschema, übt aber durch ihren rätselhaften und starken Charakter eine große Anziehungskraft auf ihn aus. Bei der riskanten Befreiungsaktion geht es um Leben und Tod, alle Beteiligten müssen sich absolut auf den anderen verlassen können. Doch keiner weiß, ob er dem anderen wirklich trauen kann. Und plötzlich ändert sich Lorenzos Auftrag.
Lorenzo Falcó ist nicht unbedingt eine sympathische Figur. Er führt seine Aufträge befehlsgetreu und präzise, aber auch leidenschafts- und skrupellos aus. Nicht scheint sein Gewissen zu belasten. Dabei geht es sowohl um Mord als auch um Folter. Er handelt nicht aus politischer Überzeugung, er wirkt sogar eher desinteressiert an Politik. Sein Lebenselixier ist der Nervenkitzel, das Risiko, das Hochgefühl bei der Jagd. Peréz-Reverte versteht es, dieses ,,Gefühl totaler Freiheit und Ungebundenheit, ohne Vergangenheit und Zukunft“ (S. 149) dem Leser nahezubringen. Auch wenn manche Szenen sehr brutal geschildert werden, wird man als Leser von der Spannung mitgerissen. Etwas Hintergrundwissen zum Spanischen Bürgerkrieg und den beteiligten Parteien und Gruppierungen sollte man mitbringen, um sich von den vielen Abkürzungen und verschiedenen Personen nicht verwirren zu lassen.
Allerdings schafft es der Autor, durch seine detailgenauen Schilderungen und seine bildhafte Sprache, den historischen Hintergrund vor dem inneren Auge des Lesers zum Leben zu erwecken. Auf eine Fortsetzung darf man gespannt sein.

Veröffentlicht am 28.08.2017

Zu viel reingepackt

Kein guter Ort
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Orte können einen Menschen beeinflussen, im positiven wie auch im negativen Sinne. Das hat wahrscheinlich jeder schon einmal erlebt. In diesem Fall ist die Rabenschlucht ein solcher Ort, der die Menschen ...

Orte können einen Menschen beeinflussen, im positiven wie auch im negativen Sinne. Das hat wahrscheinlich jeder schon einmal erlebt. In diesem Fall ist die Rabenschlucht ein solcher Ort, der die Menschen das Fürchten lehrt. Der Deutschnorweger Arne Eriksen arbeitet als Psychiater an einer Klinik, u.a. für Suchtkranke. In der Nähe befindet sich die Rabenschlucht, in der vor zehn Jahren ein junges Mädchen vor den Augen seiner Schwester von einem unbekannten Täter umgebracht wurde. Bei dem Versuch, das Mädchen zu retten, ist auch der Vater der beiden Schwestern in die Schlucht gestürzt. Doch schon früher galt die Rabenschlucht als ein Unheil bringender, düsterer Ort. Arne Eriksens Neugier ist geweckt und er versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Tempo und Dynamik kommen auf, als seine Patientin Janne im Drogenrausch das alte Hotel in der Rabenschlucht aufsucht, ein altes Tagebuch findet und dort auf eine vermummte Gestalt trifft. Hat sie der Unbekannte wirklich bedroht oder hat sie sich die Gefahr in ihrem vernebelten Gehirn nur eingebildet?
Der Krimi ist durchaus spannend, allerdings werden für meinen Geschmack zu viele Handlungsfäden und zu viele Personen eingeführt, was die Geschichte zu wenig rund werden lässt. So wird zu Beginn das private Verhältnis zwischen Eriksen und der Polizistin Kari Bergland thematisiert, dann aber erst spät wieder aufgegriffen. Zwischendurch spielt die drogenabhängige Janne eine tragende Rolle. Sie wird von Kari Bergland im Zuge einer Ermittlung aufgegriffen, es stellt sich heraus, dass sie die Tochter ihres Chefs ist und nicht nur mit Drogenproblemen zu kämpfen hat. Kari vermittelt Janne an die Klinik, in der Arne Eriksen arbeitet, doch Janne ist nicht sofort willens, sich helfen zu lassen. Janne selbst wirkt äußerst schwierig und unsympathisch, ihre Freundschaft zu dem syrischen Flüchtling Saman eher aufgesetzt. Arne Eriksens Methoden der Bewusstseinserweiterung mithilfe von Trommelmusik oder Fliegenpilzen ist interessant, aber für die Lösung des Falls in meinen Augen zu wenig überzeugend.
,,Kein guter Ort“ ist unterhaltsam, mehr Konzentration auf das Wesentliche würde die Spannung aber sicherlich erhöhen.