Stark angefangen, schwach nachgelassen
Ungebetene GästeDa die Autorin studierte Psychologin ist, wundert es nicht, dass sie ihren neuesten Roman zum Psychodrama macht. Sie stellt Unwahrheiten und Unausgesprochenes, Moral und Schuld in den Mittelpunkt der Geschichte. ...
Da die Autorin studierte Psychologin ist, wundert es nicht, dass sie ihren neuesten Roman zum Psychodrama macht. Sie stellt Unwahrheiten und Unausgesprochenes, Moral und Schuld in den Mittelpunkt der Geschichte. Aufhänger des Ganzen ist, dass eine junge israelische Mutter – Naomi -nur kurz nicht Obacht gibt auf ihren einjährigen Sohn, so dass dieser zum Hammer des auf dem Balkon tätigen arabischen Bauarbeiters greift und hinunter auf die Straße wirft, wo dann ein Halbwüchsiger erschlagen wird. Der Arbeiter wird als vermeintlicher Attentäter verhaftet und verurteilt, denn Naomi bezeugt nicht sogleich das wahre Geschehen. Mit ihrer Familie verzieht sie dann nach Lagos und hat dort Kontakte zu einer als Psychologin arbeitenden Landsmännin, der geheim gehaltenen Jugendfreundin ihres Mannes, und der israelischen Community.
Der erste der insgesamt drei Teile hat mich wirklich gepackt. Er gibt Gelegenheit, Naomis Verhalten als richtig oder falsch zu bewerten, je nach der eigenen Moralvorstellung. Interessant ist auch, wie die israelische Gesellschaft aufgebaut ist, in der die Araber auf einer unteren Stufe stehen und schnell als Sündenböcke herhalten müssen. Als sich das Setting dann aber mit dem zweiten und dritten Teil nach Nigeria verlagerte, ließ die Geschichte sehr stark nach. Alles wirkt nur noch künstlich aufgesetzt. Es werden zu viele Figuren eingeführt, die für das eigentliche Thema keinerlei Bedeutung haben und für die Fortentwicklung der Handlung überflüssig sind. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass jetzt nur noch krampfhaft Seiten geschunden werden sollten. Dass Naomi etwa stante pede Gefallen an einer nigerianischen Staatswissenschaftlerin fand, die dann in gewisser Weise von Naomi erlangtes Wissen kritisch preisgab, oder Naomis Mann nach siebzehn Jahren das sehr kurze Verhältnis mit seiner Jugendfreundin aufnahm, oder ein verwöhnter Zehnjähriger sich gegenüber seiner Mutter und seiner Psychologin als kleiner Tyrann aufspielt, ist einfach nur abgedroschen und trivial und mag von mir eher nicht gelesen werden.
Schade, stark angefangen, schwach nachgelassen.