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Veröffentlicht am 13.05.2024

Menschliche Marionetten

Der Plot
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Max Delius ist ein erfolgloser Autor; seine Frau verlässt ihn. Doch dann erhält er einen ungewöhnlichen, sehr gut bezahlten Auftrag: Auf der Grundlage eines ihm überlassenen fertigen Plots soll er einen ...

Max Delius ist ein erfolgloser Autor; seine Frau verlässt ihn. Doch dann erhält er einen ungewöhnlichen, sehr gut bezahlten Auftrag: Auf der Grundlage eines ihm überlassenen fertigen Plots soll er einen detailreichen Thriller verfassen. Doch dann sterben die Mordopfer nicht nur in seiner Geschichte, sondern ihre realen Pendants kommen auf genau dieselbe Weise ums Leben und Max wird selbst immer tiefer in das aberwitzige Geschehen hineingezogen.

"Der Plot" ist der erste Thriller des niederländischen Architekten und Autors Frank Eldering, der mir bereits durch seine später erschienende spannende Confluentes-Trilogie - um gut recherchierte kirchliche Geheimnisse und ihre Bewahrung bzw. Aufdeckung - bekannt ist.

Auch diesem Buch liegt bereits eine Idee zugrunde, die aus real existierenden (geheimen) Forschungsprogrammen entstanden ist, die der Autor im Anhang anführt. Dass diese Forschungen und Ergebnisse tatsächlich real sind, ist für mich zusätzlich grauenhaft und besorgniserregend...

Aufgeteilt ist "Der Plot" in sechs Teile und zahlreiche kurze Kapitel, die schnell und leicht zu lesen sind. Eine hohe Spannungskurve und die angenehme Schreibweise machen das Buch zu einem echten Page-Turner, in dem ich mir immer wieder die Frage stellte, wie die Geschichte nur weiter- und befriedigend zu Ende gehen sollte - neben dem zusätzlichen Nervenkitzel, dass die beschriebenen Manipulationen am Menschen tatsächlich möglich sein sollen. Besonders gut gefiel mir, dass der Autor im letzten Abschnitt eine Gerichtsverhandlung über den wirklich außergewöhnlichen und neuartigen Fall konstruiert hat, deren Ausgang ein positives Ende schaffte. Und wenngleich der Fall selbst abgeschlossen und ohne weitere Fragen endet, schafft Eldering ein offenes Ende, was zugleich auch die weiterhin real existierenden Forschungen und Entwicklungen symbolisiert.

Die im Mittelpunkt stehenden Figuren Max und seine frühere Geliebte Chiara, eine Journalistin, sind authentisch und nachvollziehbar ausgearbeitet; ihre Widersacher, der über Leichen gehende Wissenschaftler Wladimir Voronin und seine brutalen Handlanger sowie die ermittelnde Polizei, erscheinen einigermaßen klischeehaft, was jedoch nicht weiter stört. Gerne hätte ich noch mehr erfahren über die "human dignity watch", einer Organisation für Menschenrechte, die nicht nur in diesem Buch eine wichtige Rolle spielt.

Die Schauplätze der Handlung (Wiesbaden und der Rheingau-Taunus sowie Stockholm) sind eher untergeordnet und wären durchaus austauschbar.

Meiner Meinung nach verdient die diesem Werk zugrundeliegende Idee und ihre vorliegende Ausarbeitung unbedingt mehr Aufmerksamkeit und ich möchte den "Plot" gerne weiterempfehlen!

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Veröffentlicht am 18.03.2024

Die Veränderte Rolle der Frau in der Mutterschaft

Liebesmühe
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Sie hat ein Kind geboren, doch anstatt vor Mutterliebe zu zerfließen und voller Glück ihre neue Rolle anzunehmen, fällt sie in eine postpartale Depression und fühlt sie sich verloren, radikal fremdbestimmt ...

Sie hat ein Kind geboren, doch anstatt vor Mutterliebe zu zerfließen und voller Glück ihre neue Rolle anzunehmen, fällt sie in eine postpartale Depression und fühlt sie sich verloren, radikal fremdbestimmt und abgeschnitten von der Welt und ihrem alten Leben. Die emanzipierte Frau und Wissenschaftlerin verschwindet zugunsten überholter Vorstellungen von Mutterschaft und sucht den Fehler immer nur bei sich selbst.

Christina Wessely ist Historikerin, Essayistin und Professorin für Kulturgeschichte des Wissens und widmet sich in "Liebesmühe" den Aporien zeitgenössischer Mutterschaft. Dabei erzählt sie schonungslos und ehrlich von den Problemen, dem Leiden, den zermürbenden Gedanken sowie der Differenz zwischen dem, was sein sollte und der Realität und bringt dem Leser / der Leserin die Erkrankung der postpartalen Depression näher.

In "Liebesmühe" hat die Autorin auch eigene Erfahrungen verarbeitet, dennoch schreibt sie nicht in der Ich-Form, sondern in der 3. Person. Es gibt überhaupt keine Namen, sondern wird nur von "ihr" gesprochen, dem "Vater des Kindes", "der Freundin". Dieser Erzählstil schafft eine gewisse Distanz zu den Figuren und schafft gleichzeitig eine Verallgemeinerung.
Insgesamt ist der Stil sehr sachlich, knapp und reflektiert und liest sich - auch durch die wissenschaftlichen Bezüge wie der Geschichte der Mutterschaft im allgemeinen - teilweise wie ein Sachbuch. Trotzdem empfand ich die Lektüre als ungemein fesselnd. hochemotional und zum Nachdenken anregend. Viele Abschnitte wollte ich am liebsten kopieren und weitergeben, um die zahlreichen Widersprüche im modernen Muttersein aufzudecken.

Das offenbare Zerbrechen an der veränderten Situation bis hin zu Gedanken an (erweiterten) Suizid sind teilweise nur schwer zu ertragen; immerhin bietet die Überwindung der Depression ein versöhnliches Happy-End.

Die wichtigste Aussage dieses Essays liegt darin, dass die sozialen Erwartungen, auf die eine Mutter überall trifft, eben nicht naturgegeben sind und von Müttern erduldet werden müssen, sondern dass Hilfe und Lösungen möglich sind.

Wessely hat ein ganz wichtiges Buch geschrieben, dass ich gerne jedem, egal ob Mann oder Frau, ans Herz legen möchte, Mutterschaft geht uns letztlich ALLE an!

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Veröffentlicht am 17.03.2024

Zwischen True Crime und Hafenliebe

Tatort Hafen - Tod an den Landungsbrücken
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Der Barkassenkapitän Dominic Lutteroth wird tot auf seinem an den Landungsbrücken liegenden Ausflugsdampfer aufgefunden. Das mediale Interesse ist groß und die erfahrene Hauptkommissarin Jonna Jacobi wird ...

Der Barkassenkapitän Dominic Lutteroth wird tot auf seinem an den Landungsbrücken liegenden Ausflugsdampfer aufgefunden. Das mediale Interesse ist groß und die erfahrene Hauptkommissarin Jonna Jacobi wird mit den Ermittlungen betraut; unterstützt wird sie dabei von dem Wasserschutzpolizisten Tom Bendixen, der "seinen" Hafen kennt wie kein zweiter. Mit im Boot ist auch die Psychologin Charlotte Severin vom Opferschutz, die die Witwe unterstützen soll, jedoch auch eigene Probleme mit dem plötzlich wieder aufgetauchten gewalttätigen Vater ihrer Tochter hat ....

Hinter "Kästner & Kästner" verbergen sich die Eheleute Angélique und Andreas Kästner; Angélique eine promovierte Psychologin und erfahrene Autorin zahlreicher Bücher, Andreas ehemaliger Hauptkommissar der Hamburger Wasserschutzpolizei. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse sind in dem fast wie eine True Crime Story anmutenden Kriminalroman "Tod an den Landungsbrücken" eingegangen und die Liebe der Autoren zum Microkosmos des Hamburger Hafens spricht aus jeder Zeile. Gerade die detaillierten Insiderkenntnisse machen dieses Buch zu etwas ganz besonderem und heben es angenehm von der Masse der zahlreichen Regionalkrimis ab.

Beginnend mit dem Mord am klassischen Barkassenkapitän spannt sich ein gefälliger Spannungsbogen über das gesamte Buch, um schließlich nach einem actionreichen Showdown eine logische und nachvollziehbare Auflösung zu finden. Fleißige Polizeiarbeit, zahlreiche Wendungen, frustrierende Sackgassen und immer neue Erkenntnisse lassen den Leser miträtseln, doch lange Zeit hatte ich überhaupt keine Idee, wie sich die losen Enden sinnvoll verbinden lassen sollten, so dass die Spannung stetig wuchs.

Der angenehme Schreibstil machte das Lesen zu einem Vergnügen, das obendrein noch sehr lehrreich war, denn es gab viel über die Arbeit der Wasserschutzpolizei zu erfahren und Fachausdrücke (z. B. "ausklarieren" als das Erledigen von Formalitäten beim Auslaufen aus einem Hafen) oder sprachliche Besonderheiten (Polizisten als "Schmiermichel" ) zu entdecken, die selbstverständlich erklärt wurden. Somit fühlte ich mich beim Lesen nicht nur aufgrund der genauen, mit viel Kenntnis und Liebe vorgetragenen Beschreibungen der Geschehnisse, sondern auch der Sprache, voll im Hafen zuhause.

Die Hauptfiguren Jonna, Tom und Charlotte werden aufs Genaueste geschrieben; sie alle waren mir sympathisch und wirkten in ihrer Arbeit, aber auch ihren privaten und beruflichen Problemen sehr authentisch, so dass ich gerne mit ihnen mitfieberte. Aber auch die Ausarbeitung der Nebenfiguren - allen voran der außergewöhnliche, tolle Kollege Toms, genannt Quetsche, oder die widerwärtige Chefin und Gegenspielerin Jonnas, ist überaus gelungen und ich hatte während des Lesens ein bildreiches Kopfkino.

Abgerundet wird der Krimi durch zwei Karten vorne und hinten im Buch, so dass sich die Wege der Handelnden gut nachverfolgen lassen.

Die Entwicklung der Polizisten ist - im Gegensatz zu dem hier geschilderten Fall - nicht abgeschlossen und verspricht noch einiges an Dramen, so dass ich den zweiten Band dieser Dilogie, der für Dezember 2024 angekündigt ist, sehnlichst erwarte.

"Tod an den Landungsbrücken" sticht aus dem Gros der (regionalen) Kriminalromane heraus - ein Muss für jeden Hamburg-Fan und allen Lesern, die sich über die Schilderung nicht alltäglicher Aufgaben der Polizei wie denen der WSP, freuen, wärmstens zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 17.12.2023

Der Traum von Tanz und Freiheit

Lindy Girls
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Die Choreografin Wally, begeistert vom Swing aus den USA, gründet eine Tanzgruppe, mit der sie - entgegen den marionettenhaften Revuegirls - neue Wege gehen will. Ihre Tänzerinnen findet sie mit Berliner ...

Die Choreografin Wally, begeistert vom Swing aus den USA, gründet eine Tanzgruppe, mit der sie - entgegen den marionettenhaften Revuegirls - neue Wege gehen will. Ihre Tänzerinnen findet sie mit Berliner Mädchen aus allen Gesellschaftsschichten. Doch die "Lindy Girls" drohen zu scheitern, weil die Männer die Frauen nicht ernst nehmen.

Die Berliner Roman-Autorin Anne Stern hat wieder einmal hervorragend recherchiert und präsentiert ihren Leser*Innen einen Roman, der die goldenen 20er Jahre aufleben lässt. Durch die geschickt gewählten Figuren aus allen Gesellschaftsschichten zeichnet Anne Stern ein lebendiges und einprägsames Bild der Zeit, die geprägt war durch die Nachwirkungen des Erstes Weltkrieges , harter Arbeit und viel Elend, dem Aufkommen der Nazis, und viel Brutalität, aber auch den kleinen und großen Fluchten in Alkohol und Tanz und wilden Feiern. Ein besonderes Augenmerk legt die Autorin auch hier wieder auf die Frauenschicksale. die von den Männern dominiert wurden und denen es nahezu unmöglich war, ihren eigenen selbstbestimmten Weg zu gehen und unabhängig zu bleiben; und so ist der Ruf nach Freiheit ein zentrales Thema.

Dass auch das Thema "Liebe" eine Rolle spielt, macht diesen Roman keinesfalls kitschig, sondern verdeutlich dagegen das soziale Umfeld und die Machtverhältnisse.

Die Figuren - in den Hauptrollen fast ausschließlich weiblich und starke Frauen - sind großartig charakterisiert; mehrdimensional und viel Liebe und Intensität von der Autorin angelegt. Die ständigen Perspektivwechsel ergaben ein stimmiges Gesamtbild, dessen Vielfalt durch den Tanz geeint wurde.

Besonders hervorzuheben ist der ausdrucksstarke Schreibstil von Anne Stern. Flüssig, leicht und dabei intensiv, mit wunderschöner Sprache ist es dieser Roman wieder ein Lesegenuss, der mitten hinein in diese spannende Zeit in Berlin führt - und genauso temporeich wie die wilden 1920er scheint.

Dass Stern sich in Berlin gut auskennt, wird ebenfalls deutlich; wir begleiten ihre Figuren zu zahlreichen bekannten Orten und lernen das historische Berlin kennen.

Eine Playlist darf bei diesem temporeichen Roman über den modernen Swing und den Lindy Hop natürlich nicht fehlen.

Mir sind Wally, Alice, Thea und Gila schnell ans Herz gewachsen und ich durfte mit ihnen träumen und leiden, leben und lieben.
Mehr davon!

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Veröffentlicht am 07.11.2023

Ein unmögliches Verbrechen

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Bräutigam
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Am Tag vor seiner Hochzeit wird der reiche Sir Peter in seinem Arbeitszimmer unter einem Schrank begraben, während draußen die Gäste feiern. Da der Raum abgeschlossen ist und Sir Peter den Schlüssel in ...

Am Tag vor seiner Hochzeit wird der reiche Sir Peter in seinem Arbeitszimmer unter einem Schrank begraben, während draußen die Gäste feiern. Da der Raum abgeschlossen ist und Sir Peter den Schlüssel in seiner Hosentasche hat, glaubt die örtliche Polizei an einen Unfall. Für Judith Potts steht aber fest, dass es Mord gewesen sein muss und so beginnt sie, gemeinsam mit ihren Freundinnen Becks und Suzie, zu ermitteln ....

"Mrs Potts' Mordclub und der tote Bräutigam" ist bereits der zweite Krimi aus der Feder des britischen Roman- und Drehbuchautors Robert Thorogood, in dem drei toughe englische Damen auf eigene Faust ermitteln. Er lässt sich problemlos ohne Vorkenntnisse lesen.

Dieser zweite Band der "Mord ist Potts' Hobby"-Reihe ist ein typisches "Locked-Room-Mystery"", auch auch "Impossible Case" genannt, in dem die Frage nach der Methode der Durchführung des Verbrechens ( „Wie wurde das Verbrechen begangen?“) im Mittelpunkt steht Wie konnte der Mörder den Schrank umstoßen, der Sir Peter begrub, und dann aus dem verschlossenen Raum entkommen? Diese Frage stellt sich auch Mrs Potts, denn wenn das Wie geklärt ist, erschließt sich auch das Wer! Und da die - ignorante - Polizei nicht von ihrer Idee eines Unfalls ablassen will, beginnt Mrs Potts eben selbst nachzuforschen. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Verdächtigen: der Sohn Tristram, der mit seinem Vater im Clinch lag, die Schwester, deren Arbeit ohne Anerkennung blieb, die Ex-Frau, die mit einer erbärmlichen Unterstützung auskommen muss - und immer besteht die Frage danach, wie derjenige es hätte anstellen können.

Trotz der zahlreichen Wendungen und neuen Entwicklungen, bei denen der Leser miträtseln kann, bleibt die Spannungskurve erhalten und mündet schließlich in ein großes Show-Down, in dem Mrs. Pott sich selbst in Todes-Gefahr begibt. Die überraschende Aufklärung schließlich wirkt schlüssig, wenngleich auch ein wenig konstruiert, was aber bei dem Mysterium des verschlossenen Raumes auch zu erwarten war.

Die Handlung spielt in einem typisch englischen Kleinstädtchen an der Themse und beim Lesen hatte ich sofort ein idyllisches Bild vor Augen.

Die Figuren sind mit LIebe zum Detail entwickelt und bedienen die typischen Klischees ganz im Stile der alten englischen Krimis, in denen auch ein Augenzwinkern oder der britische Humor nicht zu kurz kommt. Gleich zu Beginn zog mich der Autor auf seine Seite mit der Szene einer in der Themse nacktbadenden Judith Potts, die auf einen aggressiven Schwan trifft und in der Folge den idyllischen Ausflug einer Familie aufmischt.....

Der leichte Schreibstil garantiert ein echtes Wohlfühl-Lesevergnügen, perfekt für einen verregneten Herbsttag oder -abend.

Mir haben Judith, Becks und Suzie viel Vergnügen bereitet und ich freue mich auf die folgenden Bände der Reihe.

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