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Veröffentlicht am 18.12.2023

Fehler im System

Glitsch
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Léon begibt sich mit seiner Freundin auf eine Kreuzfahrt. Als Kathrin verschwindet, häufen sich seltsame Ereignisse, die den Protagonisten während seiner Suche nach ihr beschäftigen.
Die Zeit, in der ...

Léon begibt sich mit seiner Freundin auf eine Kreuzfahrt. Als Kathrin verschwindet, häufen sich seltsame Ereignisse, die den Protagonisten während seiner Suche nach ihr beschäftigen.
Die Zeit, in der diese Geschichte angesiedelt ist, liegt wohl ein paar Jahre in der Zukunft, denn die Figuren sind sich der Zerstörung des Klimas bewusst, zu den Mahlzeiten wird zuvor Tierisches als Analog-Variante gereicht. Die detailreiche Darstellung lässt das Schiffsleben lebendig erscheinen; der Blick hinter die Kulissen offenbart ein fragwürdiges Mehrklassensystem, das Gäste jeglicher Couleur anziehen soll.
Mir gefällt, mit welchen sprachlichen Bildern der Autor Atmosphäre erzeugt. „Entweder hing alles zusammen wie die Bestandteile einer perfekt schnurrenden Maschine - oder die Welt zerfiel in lauter disparate Einzelteile, in Zahnräder, die nicht ineinandergriffen, einen widersprüchlichen Programmiercode, der immer dieselbe Schlaufen erzeugte.“
Das entstandene Rätsel zog mich in seinen Bann und hat mich mitfiebern lassen. Gerade die Analogie zu einem Fehler in einem Computerspiel hätte verschiedene Auflösungen zugelassen. Doch an diesem Punkt wurden meine Erwartungen nicht erfüllt, das Ende war für mich unbefriedigend.

Veröffentlicht am 03.12.2023

Vom Leben und Verlust

Die Schuhe meines Vaters
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Andreas Schäfer schreibt über seinen Vater, über ihre letzte Begegnung, dessen Leben und den Verlust, den er nach seinem Tod empfindet.
Der autobiografische Text ist in drei Teile eingeteilt. Zu Beginn ...

Andreas Schäfer schreibt über seinen Vater, über ihre letzte Begegnung, dessen Leben und den Verlust, den er nach seinem Tod empfindet.
Der autobiografische Text ist in drei Teile eingeteilt. Zu Beginn erleben wir die beiden gemeinsam, wie sie Rituale abspulen und über die bereits prekäre gesundheitliche Situation fast kein Wort verlieren. Schließlich landet der Vater im Krankenhaus, und der Sohn muss die schwere Entscheidung treffen, ob die Maschinen abgestellt werden sollen. Nach dem Tod setzt er sich mit dem Leben des Vaters auseinander, analytisch die Stationen abgehend, die ihn ausgemacht haben. Und schließlich begibt sich der Sohn selbst auf eine Reise, um auf den Spuren des Vaters zu wandeln.
„Kein Sohn will die Achtung vor dem eigenen Vater verlieren, und natürlich ist mit diesem Buch auch die sprachmagische Hoffnung verbunden, mithilfe neutraler Sätze die (falls noch vorhandenen) letzten Spuren der frühen Verächtlichkeit ihm gegenüber zu tilgen und ins rechte Sohnes-Verhältnis zurückzufinden.“ Im Vergleich mit anderen vergleichbaren Werken habe ich Schäfers Art eher als kühle, distanzierte Berichterstattung empfunden, die weniger seine Gefühle offenbart. Seine Sprache und Einteilung habe ich als ansprechend empfunden.

Veröffentlicht am 22.11.2023

Ein Lied von Hygge

Lieder aller Lebenslagen
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„Meine Nerven verkraften es nicht, wenn Zwangshygge und Konkurrenzkampf miteinander kollidieren.“ In der als Genossenschaft organisierten Wohneinheit soll alles harmonisch geregelt werden, doch manchmal ...

„Meine Nerven verkraften es nicht, wenn Zwangshygge und Konkurrenzkampf miteinander kollidieren.“ In der als Genossenschaft organisierten Wohneinheit soll alles harmonisch geregelt werden, doch manchmal brodelt es eben unter der Oberfläche.
„Lieder aller Lebenslagen“ ist nichtsdestotrotz ein hyggeliges Buch, so wie es das Zusammenleben der Bewohner schildert, die vielleicht mal sticheln, aber niemals wirklich bösartig agieren. Auch wenn ihnen der Zusammenhalt von ihrer „Anführerin“ vorgelebt wird, ergibt sich Gemeinschaft schließlich irgendwie von selbst.
Die Besonderheit ist, typisch für die Autorin, dass in den Handlungsfluss andere Texte eingebaut werden, in diesem Fall Horoskope und Lieder. Diese bilden eine schöne Abwechslung und spiegeln doch die Grundstimmung des Romans wider. Auch wenn die episodenhafte Beleuchtung der Figuren mich eher von oben auf das Geschehen blicken ließ, als mich mit ihnen mitzufiebern, habe ich mich doch gerne von der lyrischen Art der Darstellung verzaubern lassen.

Veröffentlicht am 19.11.2023

Düstere Zeiten

Als wir an Wunder glaubten
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In einem kleinen Ort in Norddeutschland herrscht in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg so etwas wie Aufbruchsstimmung, als die Maschinen kommen, die das Moor trockenlegen sollen. Und doch hängen die Anwohner ...

In einem kleinen Ort in Norddeutschland herrscht in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg so etwas wie Aufbruchsstimmung, als die Maschinen kommen, die das Moor trockenlegen sollen. Und doch hängen die Anwohner noch im Aberglauben alter Zeiten fest, wo es Moorgeister und Hexen gibt. „Schließlich war Krieg gewesen und die Sünden, die begangen worden waren, wogen so schwer, dass da nichts zu vergeben war. Der Teufel würde sie alle holen. Zwar sprach das keiner laut aus, aber viele dachten so.“
Im Laufe des Romans folgen wir unterschiedlichen Dorfbewohnern, wie dem Mädchen, das noch seinen Platz in der Welt sucht, oder der Frau, die als Hexe verschrien ist. Wir begegnen aber auch einem Mann, der aus dem Krieg zurückkehrt und aufgrund des Traumas sein Gedächtnis verloren hat. Die Zusammenführung dieser Handlungsstränge hat mir gut gefallen und einen Gänsehautmoment verschafft.
Die Sprecherin schafft es, den Situationen durch das Verstellen der Stimme oder die Aussprache des Plattdeutschen Authentizität zu verleihen. Auf Dauer war mir die Atmosphäre vielleicht etwas zu düster, doch fand ich es durchaus interessant, mittels Fiktion ein durchaus realistisches Phänomen der Zeit zu ergründen.

Veröffentlicht am 11.11.2023

Lübecker Gesellschaft

Unsereins
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„Unsereins“ ist ein Familienroman, bei dem nicht nur Familienmitglieder eine Rolle spielen, sondern jede Menge weitere Figuren in deren Dunstkreis eine eigene Entwicklung vollziehen, vom Dienstmädchen ...

„Unsereins“ ist ein Familienroman, bei dem nicht nur Familienmitglieder eine Rolle spielen, sondern jede Menge weitere Figuren in deren Dunstkreis eine eigene Entwicklung vollziehen, vom Dienstmädchen bis zum Wasserbaudirektor.
Es ist nur vom „kleinsten Staat des Deutschen Reiches“ die Rede, ohne dass die Stadt je benannt wird, in der der Roman spielt. Ortskundigen wird womöglich auch ohne die Karten, die den Vorsatz des Buches zieren, klar, dass es sich um Lübeck handelt. Die Handlung spielt in einem Zeitraum zwischen 1890 und 1906.
Bemerkenswert ist die dichte Erzählweise, die jedes noch so kleine Detail einer Situation in die Beschreibungen einfließen lässt. „Friedrich setzt sich mit einem Ruck auf, ohne an den Teller zu denken; der kippt nach vorne, die Möhren rutschen auf seine Hosenbeine, die Steppdecke, Erbsen kullern über den Bettvorleger.“ Für mich wirkte es oftmals, als würde ich durch ein Fenster zusehen. Ich hätte berichten können, welche Kleidung getragen, welche Gespräche geführt wurden. Der Blick in die Köpfe, das Nachempfinden der Gefühle, blieb mir jedoch meist verborgen.
Womöglich ist es meiner eigenen Überforderung dabei, die Figuren auseinanderzuhalten, zu schulden, dass ich den Roman nicht vollumfänglich lobpreisen kann. Die Machart, die Authentizität der Darstellung der Zeit und die Sprache haben mir hingegen sehr zugesagt.