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Chrihart

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Veröffentlicht am 16.04.2024

Ein atemlos erzähltes und sehr gelungenes Buch über die Abgehängten dieser Welt

Mein Name ist Estela
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In dem Roman mit dem Titel „Mein Name ist Estela“ von der chilenischen Autorin Alia Trabucco Zerán, erschienen im Hanser Berlin Verlag, sitzt die Hausangestellte Estela García, auch Lita genannt, vermutlich ...

In dem Roman mit dem Titel „Mein Name ist Estela“ von der chilenischen Autorin Alia Trabucco Zerán, erschienen im Hanser Berlin Verlag, sitzt die Hausangestellte Estela García, auch Lita genannt, vermutlich in Untersuchungshaft. Sie spricht über die Umstände, die zu allem geführt haben. Das Mädchen ist tot, das sie sieben Jahre betreut hat. Die Erzählstimme ist ungewöhnlich. Dabei wird klar, dass Estela ihre Arbeit durch Sachzwänge nicht einfach so hätte kündigen können. Sie ist von der Insel Chiloé nach Santiago gekommen, um die arme und kranke Mutter finanziell zu unterstützen. Dafür muss sie sechs Tage in der Woche in der Villa schuften, die sie ebenfalls bewohnt. Vielmehr ein Zimmerchen neben der Küche mit Schiebetür. An ihrem freien Tag ist sie so ausgelaugt, dass sie den ganzen Tag im Bett bleiben muss.

Das bedeutet Null Privatsphäre, kein eigenes Leben. Die beiden Arbeitgeber sind nur mit sich selbst beschäftigt und laufen der Zeit hinterher, ohne ebenfalls selbst zu leben. Ein leeres Leben, in das Lita hineingezogen wird. Der Schreibstil ist sensationell. Die Spannung ist sofort da und man möchte wissen, wie die Tochter des Hauses, Julia, gestorben ist. Das erfolgreiche und wohlhabende Paar, bestehend aus der tablettenabhängigen Anwältin Mara und dem zynischen Arzt Cristobal, ist extrem gefühlskalt und sieht Julia eher als ein Projekt, das nach Fortschritt beurteilt wird und das anderen als eigene Leistung vorgeführt wird. Diese bricht sich selbst einen Finger, damit sie nicht Klavier spielen muss. Drei Wochen Gips bedeuten, drei Wochen nicht üben zu müssen. Was für eine überzogene Reaktion. Das Kind wird immer aufsässiger, tyrannischer und selbstzerstörerischer. Die Eltern üben zu starken Druck aus, das wird überdeutlich.

Die streunende Hündin Yany, die Lita ins Herz schließt, betritt die Bühne und wird von einer Ratte gebissen und beißt wiederum die Tochter des Hauses. Eine tragische Kettenreaktion. Wie so vieles. Es folgt eins auf das andere, wie beim Dominoeffekt. Nach einem Überfall im Haus werden Alarmanlage und Elektrozaun installiert. Nicht nur im Haus selbst spitzen sich die Ereignisse zu, sondern auch im Viertel. Die Armen gehen auf die Straße und protestieren gegen die Ungerechtigkeiten, die Ungleichheit, gegen die Obrigkeit. Es läuft darüber etwas im Fernsehen, der immer läuft. Die reiche Familie hat Angst. Angst führt zu Kurzschlussreaktionen. In fast allem zeigt sich die unfassbare Ungerechtigkeit, mit der die Familie entscheidet, dabei die Verluste anderer in Kauf nimmt. Die Erzählung Estelas hebt sich aber die ganze Auflösung bis zum Schluss auf.

Fazit: Ich habe mitgefiebert und auch gelitten. Das Buch ist keine einfache Kost. Man kann so viel Unrecht und Tragik kaum aushalten. Und die Duldsamkeit kaum ertragen. Aber der Roman fesselt trotz alledem oder gerade deswegen. Ein atemlos erzähltes und sehr gelungenes Buch über die Abgehängten dieser Welt. 5 Sterne!

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Veröffentlicht am 29.03.2024

Gelungener Auftakt zur Kinderkrimi-Reihe

Neue Heimat 1404
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Das Cover des Buchs "Neue Heimat 1404" von Frauke Angel, erschienen im Tulipan Verlag, ist mir positiv aufgefallen und vor allem die Hauptfigur mit dem Wuschelkopf und dem roten Pulli. Eine rote Zora, ...

Das Cover des Buchs "Neue Heimat 1404" von Frauke Angel, erschienen im Tulipan Verlag, ist mir positiv aufgefallen und vor allem die Hauptfigur mit dem Wuschelkopf und dem roten Pulli. Eine rote Zora, die sofort eine Bande um sich scharrt. Das Buch ist ein wunderbarer Krimi im sozialen Brennpunkt. Die Hauptfigur zieht erst dorthin und muss sich einleben und neue Freunde finden: den Panda, die Zwillinge und das Pufferjackenmädchen. Sie sind alles liebenswerte Figuren und man begleitet die Kinder gerne beim Ermitteln. Sie finden heraus, wer im Wohnturm die ganzen Sachen entwendet.

Die Figuren sind eigenwillig und spannend kreiert. Das Buch ist flüssig zu lesen und humorvoll geschrieben. Das Buch liest sich gut und die Geschichte kommt in Schwung. Ich mag die Figuren und, wie sie miteinander agieren. Ich persönlich finde die Genderei ja sehr löblich, aber der Lesefluss im Roman wird während der Stelle, in der Enna und das Pufferjackenmädchen Nachrichten austauschen, gestört. Und mal ehrlich, wie authentisch sind die pädagogisch richtigen Formulierungen wirklich?

Das Buch ist dennoch sehr gelungen! Ganz nebenbei wird Verständnis für das Tourette-Syndrom geweckt. Die Kinder finden sich zu einer Gruppe zusammen und wollen Ennas verschwundenes Rad wiederfinden. Die Kinder sind nicht auf den Kopf gefallen und wissen sich zu helfen. Heimat ist nicht unbedingt ein Ort, sondern viel mehr ein Gefühl, das man hat, wenn man sich sicher und geborgen fühlt. Dieses Gefühl stellt sich ein, wenn man Menschen vertrauen kann und ein Ort einem vertraut vorkommt. Durch die Menschen, die sich an diesem Ort aufhalten. Das erlebt Enna, die mit Mutter Stella nach deren Trennung umziehen muss.

Fazit: Echte Freunde sind Gold wert! Enna, die zuvor keine Freunde gefunden hat, findet sie dort, wo sie diese niemals vermutet hätte. Eine hoffnungsvolle Geschichte, die Spaß macht und einem das ein oder andere Lächeln entlockt.

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Veröffentlicht am 03.03.2024

Illies erklärt den morbiden Zauber der Romantik

Zauber der Stille
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Ein erhellendes Buch über den Maler Caspar David Friedrich

Das Thema Tod – er verlor vorzeitig Bruder, Schwester, Vater, eines seiner Kinder sowie einen engen Künstlerfreund – zieht sich wie ein roter ...

Ein erhellendes Buch über den Maler Caspar David Friedrich

Das Thema Tod – er verlor vorzeitig Bruder, Schwester, Vater, eines seiner Kinder sowie einen engen Künstlerfreund – zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben und die Gemälde des Malers Caspar David Friedrich (*1774 Greifswald– 1840 Dresden), den ich nicht zu meinen Lieblingsmalern zählen würde. Allerdings gelingt es Florian Illies in seinem Buch Zauber der Stille, bei Fischer erschienen, dass ich dem Maler der Romantik meine gesteigerte Aufmerksamkeit schenke. Dass er mir den Mann mit dem Hang zur Melancholie näher bringt. Da ich die vorigen Bücher 1913 und Liebe in Zeiten des Hasses verschlungen habe, widme ich mich auch diesem Werk aus der Feder Illies und noch einigen Nachforschungen. Das Buch liest sich wie ein literarisches Kaleidoskop. Die Ereignisse sind nach Themen zusammengestellt und nicht chronologisch geordnet.

Der Tod seiner Schwester und der des Vaters treffen Friedrich schwer. Unter dem Eindruck des Schmerzes entstehen die Bilder: Der Mönch am Meer und Abtei im Eichwald. Heinrich von Kleist bespricht die beiden Bilder wohlwollend und macht so diese einem breiteren Publikum bekannt. Illies nennt das Bild Mönch am Meer das kühnste Bild Friedrichs überhaupt. Nach vielen Monaten Arbeit hat Friedrich es auf das Wesentliche reduziert. Man sieht viel Meer und noch mehr Himmel und winzig klein eine Gestalt. Damit will der streng gläubige Friedrich sein Zweifeln an Gott und die Hilflosigkeit des Menschen künstlerisch darstellen. Der Autor sieht in dem Bild gar den Anfang der abstrakten Malerei.

Auch wenn die starken Traueremotionen in den intuitiv gemalt wirkenden Bildern Friedrichs vermehrt Niederschlag finden, hat Friedrich seine Bilder geometrisch konstruiert. Alles, was er in der Natur entdeckt, zeichnet er naturgetreu und verwendet es in seinen collagenartig zusammengesetzten Gemälden nur als gestalterisches Element. Als Napoleon anrückt, geht Friedrich in die Wälder und beginnt, akribisch Tannennadeln zu zeichnen, um die Ereignisse gedanklich mit dem Stift verarbeiten zu können. Trotz aller Zweifel sieht Friedrich in jedem Stein und Ast Gott. Deshalb existiert vielleicht neben der Schwermut auch immer wieder eine erstaunliche Leichtigkeit, die der Maler in den Bildern mit viel Himmel ausdrückt. Eine Verklärtheit wird dort sichtbar, die zu den düsteren Nebelbildern kaum passt.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – dieses Goethe-Zitat kann die Gefühle von Menschen, die an bipolarer Störung erkrankt sind, beschreiben. Früher wurde die Krankheit als manisch-depressiv bezeichnet. Vielleicht ist Friedrich so einer, aber auch zudem ein guter Dokumentarist der Atmosphäre, die nach dem Jahr ohne Sommer herrschte, den Klimaforscher später auf den Ausbruch des Vulkans Tambor im heutigen Indonesien zurückführen. In dem aufgrund dessen kalten, trüben und nassen Folgejahr 1818 heiratet er die viel jüngere Line Bommer, die Tochter eines Blaufärbers. Im Sommer 1818 unternehmen die beiden ihre Hochzeitsreise mit dem Boot, die er bildlich verewigt und die mit diesem Gemälde auf dem Cover des Buches abgebildet ist.

Aufgeteilt ist das Buch in vier Bereiche, und zwar in die der Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Es geht am Anfang um das Begeisterungsfeuer Friedrichs, das ihn als Maler antreibt. Und vor allem um die Liebe zum Wasser und den Booten, um die erste Bootstour mit seiner Frau Line, aber auch um den Unfall, bei dem der Bruder ihn, als er klein war, rettete und dabei selbst ertrank. Dieses Ereignis wird als eine Ursache für Friedrichs Depressionen benannt. Man nimmt heute verstärkt an, dass belastende Lebensereignisse, wie Trauerfälle, bei einer Veranlagung zu einer Depression führen können. Und der Vorfall wäre eine Erklärung von vielen für die düstere Stimmung und die Todessehnsucht auf einigen seiner Bilder.

Es bereitet sehr viel Vergnügen, das Buch zu lesen, auch weil der große Maler als verletzlicher Mensch beschrieben wird. Das erzeugt Nähe und Verständnis. Illies hat ein einfühlsames Porträt über Friedrich geschaffen. Der Leser lernt einen sensiblen Maler kennen, der sich oft unverstanden gefühlt haben muss, obwohl er als Pionier seiner Zeit weit voraus gewesen ist.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Kaltblütiger Mord und abgeschnitten von der Welt

Schneesturm
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Düsterer Thriller mit einer Inselpolizistin, die über sich hinaus wächst

Schneesturm von Tríona Walsh, bei Fischer erschienen, spielt auf Inishmore, einer irischen Insel. Auf den ersten Seiten wird der ...

Düsterer Thriller mit einer Inselpolizistin, die über sich hinaus wächst

Schneesturm von Tríona Walsh, bei Fischer erschienen, spielt auf Inishmore, einer irischen Insel. Auf den ersten Seiten wird der Mord beschrieben und doch weiß man so gut wie nichts darüber. Szenenwechsel. Freunde, die sich jahrelang nicht gesehen haben, werden bei ihrem erneuten Treffen aufgrund eines Schneesturms von der Außenwelt abgeschnitten. Sie treffen sich zum zehnten Todestag von Cillian, der bei einer Bootstour ums Leben gekommen ist. Cara ist Polizistin und die Witwe. Seamus, der Bruder des Toten, ist Drehbuchautor in Kalifornien geworden. Daithi gehört der Pub im Ort. Maura ist die Grundschullehrerin der Insel, sie ist die ehemalige Freundin von Seamus. Der Eventmanager Ferdy und seine Frau Sorcha leben mittlerweile in London. Doch das Treffen steht unter keinem guten Stern.

Cara erreicht ein anonymer Anruf: eine Leiche schwimmt im Becken des Serpent´s Liar. Was für eine dramatische Szene! Ein krasser und gelungener Auftakt, als Cara mit Daithi versucht, die Leiche zu bergen. Es wird immer extremer. Das Wetter, die Stimmung zwischen den Freunden und auch die Ermittlungen. Cara folgt den Spuren des Mörders zeitweise in total durchnässter Kleidung. Dann taucht ein Zeuge auf. Und eine Nachricht des Mörders. Die Spannung nimmt zu und ich habe das Buch nicht aus der Hand legen können. Sind die Freunde ebenfalls in Gefahr? Zwar sind nicht alle Handlungen nachvollziehbar, aber die Figuren handeln oft unter Druck oder erschwerten Bedingungen, also damit auch für mich glaubhaft.

Die Autorin stimmt in eine sehr kalte und düstere Atmosphäre ein. Nicht nur wetterbedingt. Die Jugendfreunde haben sich lange nicht gesehen und entfremdet. Alle sind immer noch von dem damaligen Verlust gezeichnet. Es gibt Wortgefechte und Tränen. Alle benehmen sich verdächtig, jeder hat etwas zu verbergen. Cara fallen die Ermittlungen, besonders im Freundeskreis, nicht leicht. Erneut stirbt jemand. Cara kann es nicht verhindern und fühlt sich schuldig. Als Leser tappt man lange im Dunkeln, wer der Täter ist. Und was hat es mit dem Paket auf sich, das der Mörder bei ihnen sucht?

Im letzten Teil kommen endlich alle Geheimnisse der Freunde ans Licht und die Ereignisse überschlagen sich. Cara, die ja eigentlich nur eine Dorfpolizistin ist, wächst über sich hinaus und überrascht auch die Leser. Sie klärt alles restlos auf. Das Buch bleibt bis zum fulminanten Finale mit Todesfolgen extrem spannend. Für mich war das Motiv des Mörders am Ende nicht stark genug. Aber die Menschen begehen ja bekannterweise wegen kleinerer Dinge einen Mord, deshalb ist das vermutlich Geschmackssache. Insgesamt eher ein ruhiger Thriller, der die Spannung kontinuierlich aufbaut und erst am Schluss so richtig Fahrt aufnimmt.

Fazit: Die Debütautorin punktet mit atemberaubenden Naturbeschreibungen und einer überzeugend düsteren Atmosphäre, in der die Handlung wie ein Kammerspiel mit den nur wenigen Protagonisten eingebettet ist. Für mich eine Autorin, von der man sicher noch hören wird.

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Veröffentlicht am 19.11.2023

Mörderische Geschichte im Graphischen Viertel

Die Bibliothek im Nebel
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Der Autor Kai Meyer beschreibt in „Die Bibliothek im Nebel“, erschienen bei Knaur, die Geschichte in großen Zeitabständen. Die 11-jährige Liette findet zurückgelassene Koffer, ein verschlossenes Buch und ...

Der Autor Kai Meyer beschreibt in „Die Bibliothek im Nebel“, erschienen bei Knaur, die Geschichte in großen Zeitabständen. Die 11-jährige Liette findet zurückgelassene Koffer, ein verschlossenes Buch und eine Mondsteinkette der Kalinins auf dem Dachboden des Hotels ihres Onkels an der Côte d’Azur, dann entdeckt sie die verlassene Villa der Eisenhuths ganz in der Nähe des Hotels. Dort gibt es diese geheimnisvolle Bibliothek. Liette will zeitlebens mehr darüber erfahren, auch weil sie die benachbarte Villa samt Bibliothek kaufen will. Sie bringt als erwachsene Frau den Ganoven Thomas Jansen dazu, mit ihr das Rätsel der Erben der Villa entschlüsseln zu wollen. Ich habe atemlos die Figuren begleitet. Ich kann mir alles gut vorstellen und mich in die Situationen sehr gut hineinversetzen. Je mehr ich lese, desto mehr fügen sich die Puzzleteile zusammen und neue Fragen drängen sich auf.

Der junge Bibliothekar Artur Kalinin erzählt als Ich-Erzähler davon, dass seine Cousine Ofeliya verschleppt und seine Tante und sein Onkel vermutlich getötet worden sind. Sie sind seine Familie, die ihn nach dem Tod seiner leiblichen Mutter aufgenommen haben. Es sind gefährliche Zeiten in St. Petersburg, während der Revolution. Nur mit der Hilfe seines Freundes Spiridon kann er mit ein paar Habseligkeiten und einem Manuskript auf ein Schiff entkommen und will seiner großen Liebe, der Malerin Mara, über die Ostsee nach Leipzig folgen, die allerdings einem anderen versprochen ist. Einem der Eisenhuth-Söhne. Die Eisenhuths aus Leipzig sind ebenfalls eine reiche Verlegerfamilie und haben ihre Urlaube wie die Kalinins an der französischen Mittelmeerküste verbracht. Arturs Ziel ist also das Graphische Viertel in Leipzig, von dem ihm Mara vorgeschwärmt hat. Aber es herrschen in Deutschland Krieg und Hunger.

Die raffiniert erzählte Geschichte in der Geschichte ist ein gut recherchiertes Zeitporträt und zugleich eine Hommage an die Buchdruckkunst - Heyms bedrückende Schattengedichte über den Untergang „Umbra vitae“ erschienen nicht 1917 bei Eisenhuths, sondern 1912 bei Rowohlt, aber in Leipzig. Die hochspannende und auch abgründige Geschichte folgt Liette und Thomas bei ihrer Recherche, die sie in die eine oder andere Gegend führt. Was oder wer ist der Schatten? Was will dieser vertuschen bzw. verhindern, das die beiden herausfinden können? Warum ist es nach so langer Zeit noch wichtig, Spuren zu verwischen? Das Buch ist eine unwiderstehliche Mischung aus Liebesroman, historischem Roman und abgründigem Krimi.

Alle möglichen Figuren wirken geheimnisvoll, wenn nicht gefährlich. Artur kommt mir vor, wie der arglose Neffe in Arsen und Spitzenhäubchen, der entdecken muss, dass seine geliebte Familie auf die eine oder andere Weise aus Mördern besteht. Ehrlich gesagt waren es dann doch zu viele Leichen für mich. Aber das ist sicher Geschmackssache. Alles in allem ein Buch, das einen bis zum Schluss stark fesselt und atemlos nach dem Ende fiebern lässt. Im letzten Kapitel tritt noch einmal Grigori auf, den Leser womöglich aus Meyers vorherigem Buch „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ kennen, am Ende kehrt man mit ihm ins heute historische Graphische Viertel zurück. Es beginnt damit schon die nächste Geschichte. Es schließt sich ein Kreislauf der unendlichen Geschichten und Märchen, die in der Buchstadt übersetzt, gesetzt, gedruckt, gebunden und verkauft wurden.

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