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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.08.2019

Mehr Selbsttherapie als Literatur

Wie kommt der Krieg ins Kind
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Die Autorin macht sich auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte. Ausgehend von einer Akte, die bei der Aufnahme ihrer Mutter 1945 in das Arbeitslager Potulitz angelegt wurde, forscht sie über Bildern, ...

Die Autorin macht sich auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte. Ausgehend von einer Akte, die bei der Aufnahme ihrer Mutter 1945 in das Arbeitslager Potulitz angelegt wurde, forscht sie über Bildern, alten Briefen, Unterlagen und Sonstigem nach dem Leben ihrer Vorfahren.
Ich gebe es gleich zu Beginn zu: Ich habe das Buch nicht bis zum Ende gelesen. Das, was Andere so gut daran fanden, ging mir nur noch auf den Wecker. Die Autorin wechselt ständig zwischen erzählenden Abschnitten über die Vergangenheit ihrer Familie, den reinen Fakten der damaligen Zeit und ihren eigenen Gedanken und Empfindungen. Während die Fakten weitgehend objektiv und nüchtern berichtet werden, werden ihre Familienerinnerungen und Reflexionen beinahe pathetisch, sodass es gelegentlich fast schon ins Esoterische abdriftet. Beispielsweise als sie am Computer alte Photographien ihrer Verwandten betrachtet: "Ich zoome ihre Gesichter heran, betrachte ihre Hände, ... und schaue ihnen unverschämt lange in die Augen. ... Bis eben lächelten sie versunken, jetzt reißen sie alarmiert die Augen auf, als hätte ich sie im Schlaf gestört, hätte sie geweckt. Eine Fremde ist in ihren Kreis getreten. Wer ist sie? Was will sie von uns? Ich bin eingetreten, ohne anzuklopfen, ohne abzuwarten, ob sie mich auch hereinbitten. Beschämt schließe ich die Augen." Zudem stellt sie sich Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten gibt, da die Menschen, die sie betreffen, nicht mehr leben: "Das Bedrohliche, das sie in meinem Buch sah, worin bestand es? Ließ es sich bannen, unschädlich machen? Musste das Ganze Buch verschwinden? Wären Passagen zu retten, andere aufzugeben, zu schwärzen?". Daraus entstehen Mutmaßungen und Phantasiegebilde, die mich als Leserin eher unzufrieden zurückließen.
Ich habe keine Zweifel daran, dass Susanne Fritz sich intensiv mit dieser Zeit auseinandergesetzt hat und der eher objektive Teil den Fakten entspricht, sodass es in dieser Hinsicht sicherlich ein wichtiger Beitrag ist gegen das Vergessen. Doch die Verknüpfung ihrer Familiengeschichte damit war für mich schlicht nervend. Ich empfand es als eine persönliche Aufarbeitung, die für sie vermutlich hilfreich, aber für mich als Aussenstehende nicht lesenswert war. Deutlich interessanter und daher empfehlen kann ich hingegen Frank Maria Reifenberg "Wo die Freiheit wächst", wenn es auch nicht ganz das gleiche Thema betrifft.

Veröffentlicht am 14.01.2019

Das Beste an dem Buch ist wohl der Titel

Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte
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Von einem Tag auf den anderen ist die 30jährige Ruth von ihrem Freund verlassen worden, was ihr natürlich schwer zusetzt. Als sie von ihrer Mutter gefragt wird, ob sie für ein Jahr wieder in ihrem Elternhaus ...

Von einem Tag auf den anderen ist die 30jährige Ruth von ihrem Freund verlassen worden, was ihr natürlich schwer zusetzt. Als sie von ihrer Mutter gefragt wird, ob sie für ein Jahr wieder in ihrem Elternhaus wohnen würde, um sich um ihren demenzkranken Mann, Ruths Vater, zu kümmern, stimmt Ruth zu und schreibt während dieser Zeit Tagebuch.
Der Titel des Buches suggeriert eine in gewissem Sinn humorvolle Auseinandersetzung bzw. Darstellung des Zusammenlebens mit einem demenzkranken Menschen, was die den Klappentexten angefügten Kritikauszüge bestätigen. Doch davon wie auch von der angekündigten gefühlvollen Geschichte ist leider in diesem Buch wenig zu finden (ob ein anderes gemeint war ?). In den ersten zwei Drittel gibt es mehrere Einträge pro Monat, zeitweise sogar täglich, während ab August nur noch einmal im Monat das Geschehene zusammengefasst wird. Größtenteils ist das Beschriebene derart lapidar, dass man wirklich nur noch quer zu lesen braucht, um der Geschichte zu folgen.
Obwohl Ruth als Ich-Erzählerin noch schwer mit der Trennung von ihrem Freund zu kämpfen hat und ihr auch die Krankheit ihres Vaters nahe geht, wird dies im Text praktisch nicht vermittelt. Er ist fast völlig emotionslos und so sachlich geschrieben, dass es mehr den Eindruck macht, als wäre dies ein Beitrag für ein Fachbuch. Auch die wenigen amüsanten Szenen werden durch die Erzählweise derart nüchtern dargestellt, dass es kaum für einen Schmunzler reicht.
Und zuguterletzt gibt es noch Sätze, die solch gruslige Vergleiche bieten, dass sich mir beinahe die Fußnägel hochrollten "Meine Angst war wie Bratwurst: Sie machte mich gleich ein bisschen weniger betrunken." Ab und zu gelingen der Autorin zwar einige lesenswerte Formulierungen, doch zu mehr als zwei Sternen reicht das nicht.
Alles in allem eine Lektüre, die sich nicht lohnt. Es gibt Besseres, deutlich Besseres.

Veröffentlicht am 06.12.2018

Von Yoko Ogawa gibt es deutlich Besseres

Zärtliche Klagen
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Dies ist einer der älteren Romane der Autorin - und leider keiner der Besseren. Es geht um eine sich sanft entwickelnde Dreiecksbeziehung, in der jeder der Drei eine große Last der Vergangenheit zu tragen ...

Dies ist einer der älteren Romane der Autorin - und leider keiner der Besseren. Es geht um eine sich sanft entwickelnde Dreiecksbeziehung, in der jeder der Drei eine große Last der Vergangenheit zu tragen hat. Die Ich-Erzählerin Ruriko hat endlich ihren seit Jahren untreuen und auch gewalttätigen Ehemann verlassen und sucht Unterschlupf in einer einsamen Gegend, wo das Landhaus ihrer Familie steht. Dort trifft sie auf Nitta und Kaoru, die in einem Nachbarhaus Cembalos bauen. Die Drei freunden sich an und Ruriko verliebt sich in Nitta. Trotz der Affäre, die die Beiden beginnen, besteht weiterhin eine besondere und enge Beziehung zwischen Nitta und Kaoru, die Ruriko keine Ruhe lässt.
Auch in diesem Buch kommt die so typisch poetische Sprache der Autorin deutlich zum Vorschein, doch allein dadurch entsteht leider noch kein guter Roman. Bedauerlicherweise sind die Figuren dieser Geschichte derart widersprüchlich und zum Teil auch oberflächlich dargestellt, dass ich immer wieder die Lust verloren habe, weiterzulesen. Insbesondere Ruriko, die die Hauptfigur darstellt, legt ein solch törichtes Verhalten an den Tag, dass ich nur noch den Kopf schütteln konnte. Natürlich kann eine Frau um die Vierzig, die frisch verliebt ist, sich verhalten wie ein Teenager, doch ihre Reaktionen sind selbst für eine Jugendliche kaum nachzuvollziehen. Oder weshalb sie sich immer wieder von ihrem Mann schlagen ließ ohne sich zu wehren - es gibt keine Erklärungen, weshalb sie es erduldete.
Die anderen Figuren, insbesondere Nitta und Kaoru, werden trotz ihrer Bedeutung für die Geschichte nur oberflächlich dargestellt. Ich habe leider noch immer nicht verstanden, was die Ursachen für Nittas Flucht waren oder was Kaoru bei Nitta hielt. Und nein, ich muss in einem Buch nicht alles verstehen, aber zumindest möchte ich die Hauptfiguren besser kennenlernen, was mir hier bedauerlicherweise nicht gelungen ist.
Schade, von diesem Buch hatte ich mir mehr versprochen.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Depressive Selbstreflexion ohne Ende

Niemand verschwindet einfach so
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"Sie haben ihren Bachelor am Barnard College gemacht. Sie waren fünf Jahre als Autorin bei CBS angestellt. Sie haben vor sechs Jahren Charles Riley geheiratet ... Sie haben keine Schulden. Sie haben Ihre ...

"Sie haben ihren Bachelor am Barnard College gemacht. Sie waren fünf Jahre als Autorin bei CBS angestellt. Sie haben vor sechs Jahren Charles Riley geheiratet ... Sie haben keine Schulden. Sie haben Ihre Steuererklärung immer rechtzeitig eingereicht. Sie haben keine verschreibungspfllichtigen Medikamente genommen, bevor Sie die Staaten verließen. Sie wohnten an der Upper West Side von Manhattan, in einem Haus, das der Columbia Universität gehört, wo Ihr Mann vor einem Jahr eine Festanstellung als Assistenzprofessor an der mathematischen Fakultät bekommen hat." Das ist das Leben von Elyria, die eines Tages ohne Ankündigung nach Neuseeland fliegt ohne jemanden zu informieren. Es ist ihr selbst nicht richtig klar, was der Grund für diesen Entschluss war, doch es muss etwas mit diesem Biest in ihr zu tun haben: " Natürlich würdest du (der Ehemann) sagen: 'Das stimmt nicht, du bist kein wildes Biest' und würdest mich zu trösten versuchen: 'Wir haben alle etwas Dunkles in uns', würdest du sagen; aber ich weiß, dass meine Dunkelheit dunkler ist und dass sich eine Horde tollwütiger wilder Biester darin verbirgt, ich bin nicht wie du, Ehemann, in meiner Dunkelheit gibt es keinen Lichtschalter, meine Dunkelheit ist eine Savanne in mondloser, sternloser Nacht, und alle meine wilden Biester rennen in vollem Tempo blind drauflos, aber das könnte ich beim besten Willen nicht zu dir sagen, denn wir haben im Grunde jahrelang nicht miteinander gesprochen, und deshalb habe ich eine Distanz aus Raum und Zeit zwischen uns geschaffen, damit unser Schweigen einen Sinn ergibt." Was dieses bzw. diese wilden Biester genau ausmacht, ist nur andeutungsweise zu erahnen, ebenso wie die Ursache für deren Existenz. Unverkennbar hängt es mit ihrer Familie zusammen, dem Tod ihrer Schwester und dem Alkoholismus ihrer Mutter, doch nichts wird so erzählt, dass man eindeutig Ursache und Wirkung erkennen könnte. Alles, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart befinden sich in einer Art schwebender Zustand und sobald jemand versucht, Elyria in die Gegenwart zu bringen, ergreift sie die Flucht und zieht weiter.
Ja, Catherine Lacey kann schreiben, sie bringt beeindruckende Bilder und Vergleiche in endlos langen Sätzen (teilweise über eine Seite) zu Papier, die allerdings immer nur um ein Thema kreisen: Elyria und die Suche nach ihrem Ich, ihren Gefühlen. Bei jedem äußeren Eindruck von außen entstehen Gedanken, die vom Hölzchen auf's Stöckchen kommen: "Ich lief ... hinter einem großen, kompaktem Mann her, der ausschritt, als wäre er der Präsident eines Landes namens Leben, und mir war, als wäre ich in Sicherheit, wenn ich irgendwie mit ihm zusammenhinge, also folgte ich ihm, ..., folgte ihm wie Entenjungen allem folgen, was sie anführt, egal, ob es ein Alligator, eine kleine Ziege oder eine elektrische Spielzeugkatze ist." Leider gibt es bei Elyria keine Entwicklung, weder zum Guten noch zum Schlechten, und so entspricht das Lesen größtenteils dem Folgen der recht wirren und depressiven Gedanken der Protagonistin. Was ich sehr bedauerlich finde, denn irgendwann las ich nur noch quer, was aber dazu führt, dass man wirklich gute Sätze nicht immer wahrnimmt (was ich beim nochmaligen Durchblättern feststellte - das ist auch das Gute am Rezensionen schreiben ).
Eine Autorin mit Potential, aber dieses Buch muss man nicht gelesen haben.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Toller Plot und klasse Setting machen noch kein gutes Buch

Aquila
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Eine junge Frau erwacht eingesperrt in ihrer WG-Wohnung, zwei volle Tage fehlen in ihrer Erinnerung und im Bad liegt ein zerrissenes, blutiges Männer-T-Shirt. Kein schlechter Beginn für einen spannenden ...

Eine junge Frau erwacht eingesperrt in ihrer WG-Wohnung, zwei volle Tage fehlen in ihrer Erinnerung und im Bad liegt ein zerrissenes, blutiges Männer-T-Shirt. Kein schlechter Beginn für einen spannenden Krimithriller, der dazu noch vor dem Hintergrund der schönen Stadt Siena spielt, die mit jeder Menge schmaler Gassen und geheimer Gänge aufwarten kann. Doch leider leider werden die Möglichkeiten nicht genutzt, die sich aus diesen Grundlagen entwickeln lassen könnten.
Die Hauptfigur Nika, 19 Jahre jung und eine deutsche Austauschstudentin, die kaum der italienischen Sprache mächtig ist, widmet sich statt der aktiven Suche nach den Hintergründen ihrer Teilamnesie mehr ihren eigenen Befindlichkeiten: ängstlich, furchtsam und voller Heimweh. Irgendwann ging es mir wirklich auf die Nerven, immer wieder davon zu lesen, wie ihr die fehlenden Erinnerungen zu schaffen machen. Spätestens beim dritten Mal haben es wohl Alle verstanden, wie schlimm sie dran ist, da bin ich mir sicher. Keine Frage, die Geschichte ist grundsätzlich spanned. Aber da Nika sich nur mit vielen Mühen aufraffen kann, etwas zu unternehmen und stattdessen lieber ihr Schicksal beklagt, zieht sich das Ganze recht zäh dahin. Die anfänglich entdeckten Details, von denen es bedauerlicherweise viel zu wenige gibt, die zur Spannung und sicherlich auch zur Lösung beitragen sollen, erfüllen ihren Zweck, doch auch nicht mehr. Und was man über deren Hintergründe erfährt (die grausamen Zeichnungen, die spezielle Münze ...), ist viel zu dürftig; hier hätte sicherlich Vieles ausgeschmückt werden können.
Dennoch: Die Geschichte blieb immer noch spannend, wobei ich mich aber dabei erwischte, teilweise quer zu lesen - noch mehr Selbstmitleid konnte ich einfach nicht mehr ertragen Doch dann wurde es zum Ende hin nochmal packend, bis - die Auflösung kam. Schon der erste Teil hörte sich mehr nach einer Splatterparodie an, wäre aber wohl noch gerade so gegangen, doch der tatsächliche Schluss: Um Himmels Willen, liebe Frau Poznanski, was war denn da mit Ihnen los? War Ihnen Alles egal? Glaubwürdigkeit hin oder her?
Dass überdies noch eine Liebesromanze miteingebaut werden musste, fand ich völlig unnötig, aber Schwamm drüber. Doch so ein Ende, das hätte nun wirklich nicht sein müssen.
Ich bin mir sicher, es gibt richtig gute Bücher von Ursula Poznanski - 'Aquila' gehört jedoch nicht dazu!