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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.06.2025

Alles ein bisschen anders

Sturm überm Winkelhaus
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Sam zieht mit ihrer Mama und den zwei Brüdern in wenigen Tagen nach Gørja. Sams Mutter erträgt es nicht mehr, dass Sam an ihrer Schule geärgert wird. Überhaupt ist Sams Mutter sehr besorgt um ihre Kinder ...

Sam zieht mit ihrer Mama und den zwei Brüdern in wenigen Tagen nach Gørja. Sams Mutter erträgt es nicht mehr, dass Sam an ihrer Schule geärgert wird. Überhaupt ist Sams Mutter sehr besorgt um ihre Kinder und versucht immer alles richtig zu machen, damit sie bestmöglich aufwachsen. Ihr Wissen nimmt Sams Mutter aus dem Internet und aus Büchern. Jedenfalls zieht die kleine Familie nach Gørja, einen kleinen Ort mit einer kleinen Schule, ein paar Geschäften und einem Kiosk. Um diesen Ort drehen sich aber auch einige Legenden, denn vor vielen Jahren sind schon mal Kinder aus der Stadt verschwunden und nie wieder aufgetaucht.
In der Schule lernt Sam die schlagfertige Karla kennen und möchte so gerne mit ihr befreundet sein, denn Karla lässt sich nichts gefallen. Als Sams und Karlas Mitschüler Truls plötzlich verschwindet und nicht wieder auftaucht, vermuten die beiden Kinder sofort einen Zusammengang mit der Legende der zuvor verschwundenen Kinder. Derweil benimmt sich Sams Mutter immer seltsamer, doch das darf Karla und Sam nicht davon abhalten, Truls wiederfinden zu wollen.

In diesem Kinderbuch sind einfach alle irgendwie ein bisschen anders. Jeder auf seine Weise besonders. Trotz der Eigenheiten der vielen verschiedenen im Buch vorkommenden Personen schwingt immer irgendwie Wertschätzung für ihre Besonderheiten mit. Das mochte ich an dem Buch sehr, ebenso wie die Spannung um die Geheimnisse, die sich nach und nach um den Sturm überm Winkelhaus entspinnen.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Hat mich nicht voll überzeugt, obwohl der Klappentext interessant klang

Die Welt hat blaue Haare
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Luisa ist 17, mit Benno zusammen und todesgelangweilt. In der Schule beobachtet sie Dunja, von der sie so fasziniert ist, dass sie eine Geschichte über ihre Mitschülerin schreibt. In dieser Geschichte ...

Luisa ist 17, mit Benno zusammen und todesgelangweilt. In der Schule beobachtet sie Dunja, von der sie so fasziniert ist, dass sie eine Geschichte über ihre Mitschülerin schreibt. In dieser Geschichte ist Dunja die Welt, trägt weiße Kleidung und blaues Haar.
An einem Sommernachmittag mit der Familie am Grill liest Luisa ihre Geschichte vor; ihrem Onkel, der Tante, ihrem Cousin, ihrer Mutter und der Oma. In dieser Story ist Dunja leidenschaftlich und geheimnisvoll, gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise durch ein orientalisches Land.
Auch wenn Luisa für ihr Schreiben gelobt wird, befremdet der Plot ihre Familie. Ihre Mutter spricht sogar sich offen gegen Luisas Schreiberei aus, spekuliert sie doch, dass hinter dieser Erzählung mehr steckt – Neigungen, die sie keinesfalls bereit ist in ihrer Tochter hinzunehmen.
Mehr und mehr schreibt Luisa sich in eine Fiktion und stülpt ihre Fantasie zunehmend der Realität über.

Ich habe schon ein paar gute Rückmeldungen zu diesem Buch gelesen, aber so richtig kann ich mich nicht komplett anschließen. Der Roman ist ungewöhnlich, gar keine Frage, aber mich haben die beiden Erzählebenen eher verwirrt, zumal ich die Geschichte in der Geschichte nicht so ansprechend fand.
Die Familie der Protagonistin könnte in ihren Einzelteilen kaum mehr Konflikte an einen Tisch bringen und steckt einen Rahmen, in dem es sich als Jugendliche mit Kontrast zur Elterngeneration nur schwer frei atmen lässt. Ihr Onkel ist ein rassistischer Boomer, ihre Oma stramme Alkoholikerin und ihre Mutter verachtet Luisas Vorstellungskraft und „Andersartigkeit“. Lediglich ihr Cousin hebt sich von der Spießbürgerlichkeit und Intoleranz der Familie ab, der mit seinen Äußerungen feministischer und antirassistischer Perspektiven eine Wokeness anführt, die Luisa vielleicht deshalb mangeln lässt, weil sie sich von ihrem Umfeld doch bereits zu viel angenommen hat oder sich nicht traut, offen gegen dieses vorzugehen. Die ausgedachte Geschichte der Protagonistin ist vielleicht ein Versuch, ihrem konservativen Milleu vorsichtig ihre eigenen Bedürfnisse und Neigungen anzudeuten.

Veröffentlicht am 04.12.2024

An American Dream

Das geträumte Land
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Nachdem Jende Jonga seine Frau Neni und den gemeinsamen Sohn Liomi zu sich nach New York geholt hat, glaubt er, endlich sein Leben hier beginnen zu können. In seinem kamerunischen Dorf träumen alle davon, ...

Nachdem Jende Jonga seine Frau Neni und den gemeinsamen Sohn Liomi zu sich nach New York geholt hat, glaubt er, endlich sein Leben hier beginnen zu können. In seinem kamerunischen Dorf träumen alle davon, in Amerika zu leben. Jende lebt den amerikanischen Traum. Er arbeitet hart und findet durch seinen Cousin eine Anstellung als Chauffeur beim erfolgreichen Wallstreet-Banker Clark Edwards.
Jende arbeitet für Clarks gesamte Familie, lernt so dessen Frau und die beiden Söhne kennen, und bekommt durch die Nähe viel von den Problemen der Familie mit, die so ganz anders sind als die eigenen. Während Jendes Ängste existenzieller Natur sind – denn sein Asylantrag soll vor Gericht verhandelt werden – scheinen besonders Clarks Frau und sein ältester Sohn von Kümmernissen geplagt zu sein, die ihre jeweiligen Leben auf ganz andere Weise beeinflussen.
Die Finanzkrise des Jahres 2008 schlägt ihre Wellen durch beide Familien, die jeweils auf ihre Arten mit den Wirkungen der Rezession umgehen müssen.

So wie Jende den Wagen durch den Verkehr New Yorks lenkt, so lenkt Imbolo Mbue ihre Protagonist:innen durch die Höhen und Tiefen des American Dream. Jende versucht seiner Familie ein Leben im verheißenen Land aufzubauen, und auch seine Frau Neni ist darauf bedacht, die Grundsteine für ein besseres Leben für das gemeinsame Kind zu legen. Während Jende im Maßstab zu anderen nicht so viel zu verlieren hat, gilt es für die Clarks, in der Finanzkrise die Verluste so gering wie möglich zu halten. Doch manche Schuld lässt sich nicht tilgen und ihr Verlust ist in keiner Währung der Welt aufzuwiegen.
Mbue zeichnet vielfältige Figuren in ihrem Buch, jede individuell problembeladen und auf der Suche nach der ganz eigenen Lösung. In jeden Kopf ihrer Geschichte lässt sie ihre Leser:innen einmal hineinblicken. Ihr Erzählstil ist schlicht, und doch wirkungsvoll.

Veröffentlicht am 25.12.2023

Einsamkeit vereint

Zweckfreie Kuchenanwendungen
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Sukhin ist Mitte 30, Lehrer, und hat sich in seinem Leben zwischen Arbeit, Lesen und Besuchen bei seinen Eltern eingerichtet. Seine Eltern pflegen eine riesige Kartonsammlung, könnte es doch irgendwann ...

Sukhin ist Mitte 30, Lehrer, und hat sich in seinem Leben zwischen Arbeit, Lesen und Besuchen bei seinen Eltern eingerichtet. Seine Eltern pflegen eine riesige Kartonsammlung, könnte es doch irgendwann mal sein, dass nach 30 Jahren in derselben Wohnung diese Kartons für einen Umzug gebraucht werden. Regelmäßig entstaubt er die Kartons und stapelt sie sorgsam wieder auf. Eigentlich ist er ganz gerne alleine. Einzig Dennis, Mathelehrer aus dem Kollegium, sorgt dafür, dass Sukhin sich in seinem Alleinsein nicht zu sehr einrichtet, hat er ihn doch durch schiere Anhänglichkeit zu einer Freundschaft gezwungen.
Sukhins bequeme Routinen werden durcheinandergeworfen, als er an einem Tag seine alte Liebe Jinn wiedertrifft. Sie ist obdachlos, lebt in einer Behausung aus Kartonagen und scheint ein denkbar schlechtes Los im Leben gezogen zu haben. Aus diesem Grund will Sukhin helfen und sucht ihre Nähe. Natürlich möchte er auch wissen, warum sie ihn vor Jahren so plötzlich verlassen hat. Doch Jinn lässt sich bei aller Fröhlichkeit und allem Optimismus, den sie in ihrer Situation an den Tag legt, nicht in die Karten schauen, was ihr früheres Verschwinden angeht. Mit Kartons und zweckvollen Kuchenanwendungen will er Jinn eine Freude machen, sie ihrerseits zeigt Sukhin, wofür es sich wirklich zu leben lohnt. Wie Planeten auf Umlaufbahnen in gleicher Richtung kreisen diese Menschen umeinander herum und kommen sich dabei näher.

Mit «Zweckfreie Kuchenanwendungen» habe ich jetzt auch nach Singapur mal einen literarischen Ausflug gemacht. Dieser hat mich zu zwei einsamen Menschen geführt, die ihr Alleinsein erst als Einsamkeit erkannt haben, als sie sich wiedergetroffen haben. Besonders gefallen haben mir die Beschreibungen der multikulturellen, innovativen Stadt mit seinem Merlion, zudem Dennis resolut offener Art, Sukhin aus seiner Einsiedlerhöhle zu ziehen. Diese Geschichte ist angereichert mit liebenswerten Charakteren - auch der manchmal etwas arg grummelige Hauptcharakter, der seine Genervtheit von seinen Mitmenschen diese aber selten spüren lässt, sondern mit sich selbst (und selbstredend mit den Leser:innen) ausmacht.
Die Langatmigkeit mancher Passagen hat mich ein wenig gestört und die Geschichte für meinen Geschmack etwas zu verwässert, davon abgesehen aber ein warmherziges Buch!

Veröffentlicht am 11.10.2023

Ein Familienmatriarchat

Die Mütter
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Seit die Schwestern Jessy und Clara Hofmann denken können, lebt Atscho bei ihnen in dem großen Haus in der Kirchgasse. Atscho vom Volk der Mosuo, einem matriarchal organisiertem Volk im Südwesten Chinas. ...

Seit die Schwestern Jessy und Clara Hofmann denken können, lebt Atscho bei ihnen in dem großen Haus in der Kirchgasse. Atscho vom Volk der Mosuo, einem matriarchal organisiertem Volk im Südwesten Chinas. Die Mutter der Hofmanns hatte das Matriarchat im Himalaya erforscht und die junge Mosuo als Nanny mit nach Zürich genommen. Atscho wird für die Mädchen eine zentrale Bezugsperson, sind deren Eltern doch eher ab- als anwesend im Leben der Kinder. Fasziniert von den Geschichten Atschos wachsen die Töchter gemeinsam mit ihrer Freundin Chloé unter der Vorstellung einer Familie auf, die sie als erwachsene Frauen umsetzen. Sie gründen ihre eigene Schwestern-Gemeinschaft. "Die Mütter" werden sie genannt und ziehen ihre Kinder ohne großen väterlichen Einfluss auf.
Anton, ältester Sproß der Mütter, sucht im Familienmatriarchat seinen eigenen Weg zu finden. Unter den Hänseleien seiner Mitschüler, die sich abfällig über die Familienverhältnisse äußern, leidet er und entfernt sich mit den Jahren mehr von seinen Wurzeln.

Stefan Gyjörke nimmt sich ein Stück Matriarchat und lässt es mitten ins wohlhabende Bürgertum fallen. Was macht es mit denen, die unter generationenlangem Patriarchat aufgewachsen sind? Manche seiner Protagonist:innen lässt es nach der fehlenden Vaterfigur fragen. Andere gedeihen in der Schwestern-Gemeinschaft, wie es in konservativen Familien sonst nicht möglich wäre.
Eine große Offenbarung birgt "Die Mütter" mit den traditionellen Mosuo-Frauen auf dem Titelbild nicht. Ebensowenig sollte man einen tieferen Einblick in die uns exotisch anmutende Matriarchatsgesellschaft erwarten, denn die Rückblicke in Atschos frühere Heimat bleiben überschaubar und ein wenig oberflächlich. Györke liefert mit seinem Setting für mich insgesamt eine unterhaltsame, unkonventionelle Familiengeschichte.