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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.12.2023

Hochgradig erschreckend und deshalb so wichtig!

Alle drei Tage
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«Alle drei Tage» ist kein Buch für schwache Nerven, doch so wichtig, dass es gelesen werden sollte. Für mich muss der Satz mittlerweile nicht mal mehr vervollständigt werden, um mich auf die Gräuel vorzubereiten, ...

«Alle drei Tage» ist kein Buch für schwache Nerven, doch so wichtig, dass es gelesen werden sollte. Für mich muss der Satz mittlerweile nicht mal mehr vervollständigt werden, um mich auf die Gräuel vorzubereiten, die zwischen den Buchdeckeln beschrieben werden. Femizid, eine Tat, die allzu häufig vorkommt; ein Wort, das in der Berichterstattung noch zu selten verwendet wird. Denn es sind keine Beziehungstaten, keine Eifersuchtsdramen, keine Familientragödien - es sind Morde an Frauen, weil sie Frauen sind, die sich von ihren Partnern nicht mehr kontrollieren lassen wollen. Die Deutsche Presseagentur (dpa), hat 2019 entschieden, nicht mehr in verharmlosender Weise zu berichten, sondern die Gewaltverbrechen auch als solche zu benennen. Immerhin ein Anfang.
Laura Backes und Margherita Bettoni haben das Ziel, den Inhalt des Buches auf die Überlebenden und Hinterbliebenen zu richten. Eine Aufgabe, die schwer genug ist, beginnt es doch mit dem Täter, ohne diesen es auch keine Opfer gäbe.
Nebst den vielen Literaturverweisen gibt es auch das 8-Stufen-Modell nach Monckton Smith, welches den Gefährdungsgrad einer Frau anzeigt, von ihrem (Ex-)Partner getötet zu werden und das Beispiel eines Mannes, der sich zwei Jahre lang einem Anti-Gewalttraining unterzogen hat, nach dem er gegen seine langjährige Freundin gewalttätig geworden ist.
Backes und Bettoni zeigen in ihrem Buch allerdings auch auf, dass Deutschland noch einiges aufzuholen hat, wenn sie die Vereinbarungen der Istanbul-Konvention einhalten will. Insbesondere die derzeitige Rechtssprechung, die von zu verständnisvollen Richter:innen ausgeht beim Ausschluss niedriger Beweggründe (die das Strafmaß des Verurteilten beeinflussen), bedarf dringend einer Verbesserung.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen bei meinem Fazit: Wichtiges Buch!

Veröffentlicht am 25.12.2023

Eine herzzerreißende Geschichte zweier ungleicher Brüder

Sieben Tage Mo
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Mo ist wie ein Wirbelwind in Karls Leben. Mo sagt und tut immer, was er will, was es oft schwer macht, ihn zu bändigen. Manchmal wäre Karl selbst auch gern ein bisschen wie sein Zwillingsbruder in dessen ...

Mo ist wie ein Wirbelwind in Karls Leben. Mo sagt und tut immer, was er will, was es oft schwer macht, ihn zu bändigen. Manchmal wäre Karl selbst auch gern ein bisschen wie sein Zwillingsbruder in dessen Unbeschwertheit. Aber ab und zu wünscht Karl auch Mo einfach weg, wenn es ihm zu anstrengend wird. Denn Mo hat eine geistige Behinderung, und Karl muss sich sehr häufig um ihn kümmern und kann deshalb seine Freunde nicht so oft treffen.
Nida, die auf dieselbe Schule wie Karl geht, ist ihm vorher nie so aufgefallen. Aber jetzt interessiert sich Karl sehr für das Mädchen, und als sie sich nachmittags zum Schwimmen verabreden, freut Karl sich schon wie bolle sie zu treffen. Doch wieder einmal kommt Mo dazwischen. Karl möchte nicht schon wieder zurückstecken, und lässt seinen Bruder für ein paar Stunden alleine. Als er wiederkommt, ist Mo verschwunden. Karl bleibt das Herz stehen. Hoffentlich ist ihm nichts passiert! Wo kann Mo nur sein?

Ich bin über die Maßen begeistert von Mos und Karls Geschichte! Trotz der lediglich 170 Seiten entfaltet das Buch ein so großes Potential. Die beiden Brüder sind durch die berufstätigen Eltern häufig auf sich gestellt, dabei bleibt die Verantwortung überwiegend bei Karl hängen. Karl muss seine eigenen Bedürfnisse zu oft zurückstellen, dass es mir beim Lesen das Herz gebrochen hat. Dieses Buch presst selbst einem Stein Empathie ab - lest es und gebt es euren Kindern zu lesen!

Veröffentlicht am 01.11.2023

Witzige Geschichte über Familie mit durchaus ernsten Themen

Frankie und die Liste der unbezahlbaren Wünsche
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Als, dingdong, der Notar an der Haustür der Davenports klingelt, um Frankie zu offenbaren, dass seine Oma ihm eine halbe Million Pfund vererbt hat, ist er völlig aus dem Häuschen. Als das Testament offenbart, ...

Als, dingdong, der Notar an der Haustür der Davenports klingelt, um Frankie zu offenbaren, dass seine Oma ihm eine halbe Million Pfund vererbt hat, ist er völlig aus dem Häuschen. Als das Testament offenbart, dass es obendrauf einen Opa gibt, von dem er gar nicht wusste, dass er einen hat, ist er überglücklich! Frankies Dad und dessen Vater haben sich nämlich offenbar unbestreitbar zerstritten.
Voller Eifer macht er sich an die Anweisung seiner Oma sich um seinen Grandpa zu kümmern. Frankies Dad, der auch Frank heißt, wie sein Vater (eine Art Familientradition) ist davon überzeugt, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss, denn das Geld stünde eigentlich ihm zu! Seine Eltern wollen, dass Frankie ihnen das Geld aushändigt. Der hat aber gar keine Lust, seinem Dad das Geld zu geben, zumal der ständig in zwielichtige Geschäfte verwickelt ist. Stattdessen schreibt Frankie eine Liste mit Aktivitäten, die ihn und seinen Grandpa näher zusammenbringen sollen - da dürfen natürlich Monstertruck-Fahren und Delfinschwimmen nicht fehlen!

Ein ganz wunderbar humoriges Kinderbuch hat Jenny Pearson (wie die Birne 🍐) da auf die Welt losgelassen! Bisschen musste ich schon lachen und sehr oft auch breit schmunzeln. Es kommt aber auch Familienzusammenhalt nicht zu kurz. Sagen wir's mal so: Wenn ich jemanden hätte, dem ich vorlese, wäre das ein Buch, das ich gerne vorlesen würde!

Veröffentlicht am 01.11.2023

Persönliche Familiengeschichte eines türkischen Gastarbeiter-Sohnes

Kartonwand
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Die Kartonwand in Fatih Çevikkollus Familie ist das Symbol für den baldigen Wohlstand, den sie in der Türkei leben werden, wenn sie zurückkehren. Bald. Nur ein paar Jahre noch Geld verdienen in Deutschland, ...

Die Kartonwand in Fatih Çevikkollus Familie ist das Symbol für den baldigen Wohlstand, den sie in der Türkei leben werden, wenn sie zurückkehren. Bald. Nur ein paar Jahre noch Geld verdienen in Deutschland, dann geht es zurück. Doch die Kartonwand wächst und wächst, es zeichnet sich ab, dass eine Rückkehr nicht so bald stattfinden wird. Und wohin eigentlich zurückkehren, wo man nie war? Denn Fatih und seine Brüder sind in Köln geboren und kennen die Heimat, von der seine Eltern immer reden, gar nicht.
Die Heimat wird auch für die Eltern immer ferner. Unfreiwillig schlagen sie mit den Jahren Wurzeln in Köln, sind aber nicht verwurzelt wie sie es in der Türkei waren. Deutschland und die Deutschen sind ihnen auf Jahre hinaus noch fremd.

Wie lebt es sich in einem 'Dazwischen', das immer mehr zum Dauerzustand wird? - Für Fatih Çevikkollus Mutter endete dieser Zustand in einer Psychose, im Alter wurde sie gewissermaßen verrückt.
Çevikkollu macht sich auf die Suche nach seiner Familiengeschichte. Sein Rückblick lässt ihn mit Verwandten in der Türkei, mit Freunden seiner Eltern in Deutschland reden. Herausgekommen ist anhand seiner eigenen Biografie ein sehr persönliches Buch, dessen Inhalt seinen Weg in aktuelle Debatten finden sollte. Für mich als in Deutschland geborene Person hat es einen sehr intimen Einblick in die fundamentalen Probleme der Gastarbeiter:innen und ihrer Familien geboten und mich zum Nachdenken angeregt. Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit für diesen Einblick und empfehle das Buch, ja, einfach allen.

Veröffentlicht am 01.11.2023

Eine süffisante Sagengestalt erzählt aus ihrer Perspektive...

Penelope und die zwölf Mägde
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Oft genug ist die Geschichte von Odysseus erzählt worden, seinem Listenreichtum im trojanischen Krieg, seiner Irrfahrt auf dem Weg zurück zu seiner Gemahlin nach Ithaka. Nun erzählt Penelope aus den Tiefen ...

Oft genug ist die Geschichte von Odysseus erzählt worden, seinem Listenreichtum im trojanischen Krieg, seiner Irrfahrt auf dem Weg zurück zu seiner Gemahlin nach Ithaka. Nun erzählt Penelope aus den Tiefen des Hades, und sie lässt kein gutes Haar an ihrem Mann!

Penelope, die nicht mit der vielbesungenen Schönheit ihrer Cousine Helena gesegnet ist, bleiben weniger Heiratsoptionen. Sie wird Odysseus zur Frau gegeben, den sie als kurzbeinigen Tölpel beschreibt, der nur zu allzu gern mit seinen Tricks prahlt. Überhaupt hält sich Penelope nicht mit Sarkasmus zurück, und zweifelt auch so manche Legende an. Denn der einäugige Zyklop, gegen den Odysseus angeblich gekämpft haben soll, ist sehr viel wahrscheinlicher der einäugige Inhaber einer Hafenkaschemme gewesen, in der ihr Gatte sich nicht zu benehmen wusste. Und überhaupt ist die ganze Bredouille nur Odysseus Schuld, denn während er aller möglicher Abenteuer auf den Meeren und dazwischen fröhnt, muss sie sich auf Ithaka der Freier erwehren, die sie durch sein Fernbleiben zu einer neuen Ehelichung nötigen und dabei die Vorratskammern leerfressen. Penelope, die selbst auch nicht auf den Kopf gefallen ist, hält die Buhler mit unlösbaren Aufgaben in Schach und gibt dabei das Bild der treuen Ehefrau.
Penelope muss in einer männerdominierten Welt ihren eigenen Weg finden zu bestehen oder sich den patriarchalen Strukturen ergeben, die an ihr zerren. Die Intrigen des Hofes von Ithaka kosten Penelopes zwölf treuen Mägde das Leben.

Und da sitzt sie nun im Totenreich und erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht mit einer betonten Coolness. Aber auch Penelope scheint keine objektive Erzählerin. Sie beobachtet durch die Jahrhunderte, wie Odysseus sich für Wiedergeburten entscheidet, einzig um den Mägden im Hades für eine weitere Lebenszeit zu entkommen, die ihn mit ihrer Anklage verfolgen. Aber wie sehr kann eine Frau, auch eine hochrangige wie Penelope, dem Patriarchat entkommen, ohne irgendwann vor der Entscheidung zu stehen andere Frauen dem eigenen Wohl zu opfern?