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Veröffentlicht am 15.09.2016

Mein Name ist Freedom

Freedom's Child
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Freedom Oliver ist eine außergewöhnliche Frau, die weiß wie der Boden der Tatsachen aussieht. Sie jobbt in einer zwielichtigen Kneipe, trinkt mit Begeisterung mal einen (oder mehrere) weit über den Durst, ...

Freedom Oliver ist eine außergewöhnliche Frau, die weiß wie der Boden der Tatsachen aussieht. Sie jobbt in einer zwielichtigen Kneipe, trinkt mit Begeisterung mal einen (oder mehrere) weit über den Durst, flucht und schimpft den lieben langen Tag. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich etwas ganz anderes. Freedom hieß früher mal Nessa. Früher, da hatte sie Mann und Kinder; doch dann ist Einiges schief gelaufen und Nessa wurde dank des Zeugenschutzprogramms zu Freedom. Und ist seitdem auf der Flucht vor der Vergangenheit; doch jetzt droht diese sie einzuholen.

Mein Name ist Freedom. Mit diesem Satz beginnt quasi jedes Kapitel; diese Wiederholung fand ich unglaublich gelungen, so als ob die Protagonistin sich immer selbst bestärkt. Apropos Stärke, Freedom ist eine starke Frau. Sie muss Unglaubliches aushalten, auch wenn das nicht spurlos an ihr vorüber ging. Wer Wert auf gesittete Wortwahl legt, sollte sich von Freedom fernhalten, denn ihre raue Schale spiegelt sich in einer rauen Sprache wieder. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, und das ist noch sehr beschönigt. Auch sonst ist sie kein Vorzeigefrauchen, trotzdem war sie mir sympathisch. Im Gegensatz zu so einigen anderen Figuren, die einem regelrecht widerlich anmuteten. Jax Miller hat definitiv das Talent ihren Figuren Leben einzuhauchen, Pappkameraden waren hier nicht zu finden. Ihr Erzählstil hat mir sehr gut gefallen, die derbe Sprache fand ich äußerst passend. Die Spannung ist durchgehend auf hohem Niveau und Miller kommt immer wieder mit einer Überraschung um die Ecke, sodass die rasante Story nie langweilig wird. Einige Motive waren nicht brandneu, aber Millers Interpretation schon. Freedom’s Child ist für mich ein sehr gelungenes Debut und ich hoffe, dass die Autorin bald Neues liefert.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Großartige Novelle

On Chesil Beach
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Florence und Edward sind ein Traumpaar ihrer Zeit. Anfang der 1960er Jahre sind beide 22 Jahre alt, aus ordentlichem Elternhaus, haben eine solide Ausbildung und ein Studium hinter sich. Jetzt haben sie ...

Florence und Edward sind ein Traumpaar ihrer Zeit. Anfang der 1960er Jahre sind beide 22 Jahre alt, aus ordentlichem Elternhaus, haben eine solide Ausbildung und ein Studium hinter sich. Jetzt haben sie den nächsten logischen Schritt gewagt, sind vor den Traualtar getreten. Doch schon die erste Nacht birgt Probleme. Probleme über die man in diesen Zeiten natürlich nicht offen sprechen kann, in der wage Auskünfte aus noch wageren Aufklärungsbüchern alles sind was man über das Vorgehen zwischen (natürlich ehelichen) Bettlaken erfährt.

McEwan hat zwei grundsympathische Figuren geschaffen, mit ganz gewöhnlichen Ecken und Kanten. Und doch sind sie für den Leser etwas Besonderes, man fiebert mit ihnen mit und wünscht ihnen alles Glück. Ein Glück, dem sie selbst am meisten im Wege zu stehen scheinen. Eben weil man nicht offen über Gefühle, Sehnsüchte oder Sexualität spricht. Als Leser weiß man welche Ängste, Gefühle und Gedanken beide umtreiben, kennt ihr Innenleben genau, dem Gegenüber spielen sie jedoch die von der Gesellschaft zugedachte Rolle vor. Ein paar offene Worte wünscht man den beiden, das Quäntchen Mut um aus dem starren Korsett der vorgefertigten Rollen auszubrechen.

Die Geschichte fährt auf zwei Zeitschienen, einmal befindet sich der Leser im aktuellen Geschehen des Hochzeitsabends, zum anderen nimmt uns McEwan mit in die Kindheit und Jugend der beiden Akteure. Schon anhand der Vorgeschichte kann man den Konflikt erahnen, auf den die Geschichte zusteuert, gekonnt baut McEwan Spannung auf. Dafür lässt er sich Zeit und diese Zeit kann man als Leser nur genießen. Denn diese Story ist gleichzeitig auch ein gelungenes Spiegelbild jener Jahre, die von der Freiheit der 68er Jahre noch meilenweit entfernt sind. Sehr bildhaft und lebendig wird die Geschichte, ein traurig-melancholischer Ton schleicht sich irgendwann dazu. McEwan hat großartige tragische und mitreißende Bücher wie Saturday oder Atonement geschrieben. On Chesil Beach muss sich hinter diesen wahrlich nicht verstecken.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Weiter, immer weiter

The Road
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Amerika, irgendwo in der Zukunft. Die Menschheit steht vor ihrem Ende, die Erde ist verbrannt, die Natur zerstört, die Zivilisation quasi zusammengebrochen. Ein Mann und sein Sohn gehen trotzdem ihren ...

Amerika, irgendwo in der Zukunft. Die Menschheit steht vor ihrem Ende, die Erde ist verbrannt, die Natur zerstört, die Zivilisation quasi zusammengebrochen. Ein Mann und sein Sohn gehen trotzdem ihren Weg, entlang der Straße. Gen Süden, in der Hoffnung auf… ja auf was eigentlich?

McCarthys düstere Dystopie hat Kultstatus erreicht, wurde unter anderem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, verfilmt und von vielen gelobt, höchste Zeit also sie mal selbst zu lesen.

Die Handlung lässt sich kurz zusammenfassen: Mann und Junge wandern auf einer Straße, buchstäblich durchs Nichts, auf dem Weg nach Nirgendwo. Und doch ist The Road viel mehr als reduzierte Handlung. Eine berührende Geschichte über Vater-Sohn-Beziehungen. Eine Geschichte über Hoffnung und starken Willen. Ein düsterer Blick auf das, was die Menschheit so schön Zivilisation und Nächstenliebe nennt. Oder zumindest das, was davon im Ernstfall übrig bleibt. Eine Betrachtung der kleinen Details des Lebens. Ein Buch mit einer reduzierten, klaren, aber gleichzeitig unglaublich intensiven Sprache, die doch so viel mehr ausdrückt als es 1000 blumige Worte gekonnt hätten. Eine deprimierende Endzeitatmosphäre, die einen bedrückt und nachdenklich macht.

McCarthy kommt ohne Kapitel aus, ohne Anführungszeichen etc. und gibt so dem Buch ein ähnlich trübes Aussehen wie der Welt selbst. Vater und Sohn bleiben namenlos, einfach weil Namen nicht mehr wichtig sind in dieser Welt aus Asche und Rauch. Zuerst fragt man sich schon warum die Welt so ist wie sie ist. Doch das tritt irgendwann in den Hintergrund, viel wichtiger die Frage ob und wie die beiden weiterleben können, während man gleichzeitig überlegt ob der Tod nicht doch gnädiger für beide wäre.

The Road hat mich auf ganzer Linie überzeugt, gerade weil McCarthy mit wenig so unglaublich viel ausdrückt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Großartige Idee, ausgezeichnet umgesetzt!

Die Unvollendete
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„Die weiche Dunkelheit lockte sie mit dem Versprechen von Schlaf, endlosem Schlaf, und sachte begann der Schnee zu fallen, bis sie ganz davon bedeckt und alles dunkel war.“

So endet das Leben von Ursula ...

„Die weiche Dunkelheit lockte sie mit dem Versprechen von Schlaf, endlosem Schlaf, und sachte begann der Schnee zu fallen, bis sie ganz davon bedeckt und alles dunkel war.“

So endet das Leben von Ursula Todd. Eines zumindest. Denn jedesmal, wenn sie stirbt, springt die Geschichte zurück, z.B. zum Tag ihrer Geburt. Allein bis sie ihren sechzehnten Geburtstag erlebt, stirbt sie acht Mal um wieder- und wiedergeboren zu werden. Mit der Chance, das Leben anders zu leben und vermeintlich bessere Entscheidungen zu treffen. Doch man darf nicht vergessen, dass auch äußere Umstände und das Verhalten der Mitmenschen eine große Rolle spielen…

Eine großartige Buchidee, ausgezeichnet umgesetzt. Kate Atkinson hat mit Die Unvollendete einen eindringlichen, nachdenklichen, gefühlvollen Roman geschrieben, der sich aber auch nicht scheut, die Grauen und das Elend des zweiten Weltkriegs schonungslos darzustellen, das Ursula so oft hautnah miterlebt.

Die Figur der Ursula ist sehr tiefgründig, sie macht sich Gedanken um das Weltgeschehen, ist außerdem sehr belesen und findet für jede Situation ein entsprechendes Zitat. An ihrem Charakter kann man sehr gut ablesen, dass auch dieser durch Lebensumstände und Mitmenschen geprägt wird, mal ist Ursula eine toughe Frau, in einem anderen Leben völlig eingeschüchtert von ihrem Ehemann. Auch die anderen Protagonisten sind sehr plastisch, mit jedem neuen Leben lernt man auch die Familie und Mitmenschen von Ursula von einer neuen Seite kennen. Das Mutter-Tochter-Verhältnis beispielsweise zeigt alle Facetten von Liebe bis Verachtung und Hass.

Obwohl manche Tage in den verschiedenen Leben von Ursula immer wieder gelebt werden (beispielsweise der Tag ihrer Geburt), ist das keineswegs langweilig; denn jedes Mal wird eine andere Facette des Tages beleuchtet und jedes Mal ist ein Detail anders und man überlegt sich als Leser, welche Auswirkungen einen wohl erwarten werden. Wer ein Buch sucht, um mal schnell ein paar Seiten vor dem Einschlafen zu lesen, für den ist die Unvollendete nicht das Richtige. Um den Überblick über das aktuelle Leben zu behalten, muss man schon aufmerksam lesen, denn sonst geht es einem wie Ursula: „Die Vergangenheit war ein großes Durcheinander in ihrem Kopf“.

Dieses Buch spielt mit der Frage: was wäre wenn? Wenn dieses und jenes anders gelaufen wäre, welche Folgen hätte das? Und man erkennt: manche Zusammenhänge lassen sich nicht vorhersagen; kleine Dinge haben oft Konsequenzen, die man einfach nicht überblicken kann. Und das ist auch gut so.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Intrige – der Name ist Programm

Intrige
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Frankreich, 5. Januar 1895: Marie-Georges Picquart, Major der französischen Armee wird als Beobachter des Prozesses und der öffentlichen Demütigung des mutmaßlichen, jüdischen Landesverräter Alfred Dreyfus ...

Frankreich, 5. Januar 1895: Marie-Georges Picquart, Major der französischen Armee wird als Beobachter des Prozesses und der öffentlichen Demütigung des mutmaßlichen, jüdischen Landesverräter Alfred Dreyfus eingesetzt. Picquart ist ein integrer Mann, überzeugt von Anstand, Moral und Ehre, entsetzt von den Taten Dreyfus‘ und überzeugt von dessen Schuld. Dreyfus wird auf der Teufelsinsel in Südamerika inhaftiert; Picquart steigt auf zum Chef der Spionageabteilung. In dieser Funktion geraten ihm einige Schriftstücke in die Hände, die Zweifel wecken: nicht Dreyfus ist der Schuldige, sondern ein gewisser Esterházy. Picquart sammelt Beweise und stellt eigenmächtig Nachforschungen an, doch dieser Umstand in seinen Vorgesetzten ein Dorn im Augen, sodass Picquart bald selbst ins Schussfeld gerät…

Ein sehr interessantes und vor allem brisantes Thema hat sich Robert Harris für sein Buch Intrige ausgesucht: die Dreyfus-Affäre, „die größte Verschwörung der Moderne“. Erzählt wird die Geschichte von Major Picquart selbst, der zudem die Ereignisse vor dem 5.1.1895 in Rückblicken Revue passieren lässt. Der Schreibstil ist sehr flüssig, immer wieder werden kunstvoll eindrucksvolle Originalbriefe und Schriften eingeflochten; darunter auch der berühmte offene Brief von Émile Zola „J’accuse“. Besonders dieser Umstand lässt den Leser nie vergessen, dass es sich zwar um einen Roman handelt, dieser jedoch auf Tatsachen beruht, die der Autor hervorragend recherchiert hat.

Mir hat dieses Buch wirklich ausnehmend gut gefallen, dieser widerliche Sumpf aus vertuschten oder manipulierten Beweisen, Falschaussagen, Medienhetze und totgeschwiegenen Zeugen hat mich allerdings manchmal schier ins Buch beißen lassen wollen. Auch der allgegenwärtige, fast schon selbstverständliche Antisemitismus bricht sich immer wieder seine Bahn und sorgt für ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend. Wer sein Wissen über die Dreyfus-Affäre auffrischen und erweitern will ist hier richtig; oder wer einen spannenden Spionagethriller sucht; oder wer Bücher über einsame Kämpfer sucht, die gegen alle Widrigkeiten für die Gerechtigkeit einstehen. Einfach ein klasse Buch!