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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.12.2023

Was für ein leises, melodisches, schönes, weiches Buch

Der Klang der Wälder
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Tomura ist im Abschlussjahr seiner weiterführenden Schule fern seiner Heimat in den Bergen. Statt sich wie seine Mitschüler:innen in den freien Nachmittag ins Wohnheim zu flüchten, kommt er der Bitte seines ...

Tomura ist im Abschlussjahr seiner weiterführenden Schule fern seiner Heimat in den Bergen. Statt sich wie seine Mitschüler:innen in den freien Nachmittag ins Wohnheim zu flüchten, kommt er der Bitte seines Lehrers nach, den Klavierstimmer in die Halle zu lassen, wo dieser den großen Konzertflügel stimmen soll. Er sieht dem Mann bei seiner Arbeit zu, und während dieser prüfend die Tasten des Instruments anschlägt, lassen die Töne in Tomura eine Landschaft aus den Wäldern seiner Heimat entstehen.
Die Begegnung mit dem Klavierstimmer lässt ihn nicht los, und im folgenden Jahr besucht er die Fachschule für Klavierstimmer:innen, um das Handwerk zu erlernen. Zwei Jahre später hat Tomura das Glück, eine Stelle in dem Instrumentenhandel zu ergattern, in der auch der Klavierstimmer von damals angestellt ist. Von ihm und seinen neuen Kollegen hofft er zu lernen, um besser zu werden. Denn irgendwann will auch er in der Lage sein für andere Menschen die Wälder seiner Heimat in den Bergen vor dem inneren Auge entstehen lassen. Doch stets ist da die Angst zu versagen, nicht genug Talent zu besitzen und nicht auszureichen.
Bei dem Termin eines Zwillingsschwesternpaars lauscht Tomura dem gemeinsamen Klavierspiel der beiden und erfährt ein schicksalhaftes Gefühl von Verantwortung, dieses Spiel auf das höchste Niveau begleiten zu wollen mit seinen Fähigkeiten als Klavierstimmer.

Autorin Natsu Miyashita kannte ich schon durch ihre autobiografische Reportage „Der Spielplatz der Götter“, dessen Erzählweise mir ungemein gefiel. Nun also habe ich es endlich geschafft, „Der Klang der Wälder“ zu lesen, und dieses Buch ist ein so stilles, ruhiges, dass es einem komplett den Alltag entschleunigt. Die Erzählung ist so unglaublich sinnlich und poetisch, dass auch ich, die sich mit Musik gar nicht auskennt, hineinfühlen konnte wie in wohltemperiertes Badewasser. Es ist ein ganz und gar wunderbarer Roman mit einer eigenen Wirkung. Die Geschichte selbst hat, anders als Melodien, wenige Höhen und Tiefen, und doch habe ich mich von den Schilderungen dermaßen einfangen lassen.

Veröffentlicht am 25.12.2023

Bissiger Schlagabtausch zwischen Hund und Frauchen

Der Hund hat Recht
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Eine Frau holt sich einen Hund aus dem Tierheim. Eine gute Tat, denkt sie sich, aber der Hund weiß es besser. „Nicht mir zuliebe hast du mich aus dem Tierheim geholt, sondern damit du dir auf die Schulter ...

Eine Frau holt sich einen Hund aus dem Tierheim. Eine gute Tat, denkt sie sich, aber der Hund weiß es besser. „Nicht mir zuliebe hast du mich aus dem Tierheim geholt, sondern damit du dir auf die Schulter klopfen kannst“, entlarvt der Hund seine neue Besitzerin sofort. Und nun sind die beiden in trauter Zweisamkeit zusammen für Dialoge, die es in sich haben.
Humorvoll, bissig, unterhaltsam! Mehr braucht man über dieses Büchlein gar nicht zu sagen, der Hund hat oft recht und entwaffnet seine Besitzerin allzu oft mit seiner Kritik, bei der man sich auch als Leser:in irgendwie im Wesen angesprochen fühlt. Doch hier und da verpasst sie ihm eine Retourkutsche, und so scheinen die beiden auch ganz gut zusammenzupassen.
Wer mal nicht weiß, was für ein Buch er verschenken soll – dieses hier ist es.

Veröffentlicht am 25.12.2023

Ferien mit Problemen

Kiosk, Chaos, Canal Grande
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Noah wird im Sommer zu seiner Oma nach Venedig geschickt. Oma Violetta hat Noah erst ein einziges Mal getroffen, als sie zu Besuch kam. Trotz der Aussicht, dass er gar nicht so richtig weiß, wer oder was ...

Noah wird im Sommer zu seiner Oma nach Venedig geschickt. Oma Violetta hat Noah erst ein einziges Mal getroffen, als sie zu Besuch kam. Trotz der Aussicht, dass er gar nicht so richtig weiß, wer oder was ihn erwartet, können die Ferien aber eigentlich nur gut werden - zu Hause ist nämlich dicke Luft. Während Noahs Vater noch immer seiner gescheiterten Geschäftsidee hinterhertrauert, bekommt seine Mutter eine vielversprechende Stelle in Berlin angeboten.
Oma Violetta hat nicht einfach einen Kiosk - sondern eine Edicola. Stolz wie eine Diva macht die ehemalige Opernsängerin sich allmorgendlich in hohen Schuhen auf in ihre Edicola mitten auf dem Platz mitten in Venedig, wo zu jeder Tageszeit die unterschiedlichsten Menschen an diesem Treffpunkt zusammenkommen. Und Noah ist mittendrin zum Helfen. An einem sonnigen Tag begegnet ihm das Mädchen aus dem Hotel nebeman mit dem seltsamen Namen Ombretta, mit der Noah gerne mehr zu tun haben würde. Und obwohl es eine Sprachbarriere gibt, weil Noah kein Italienisch spricht, wird ziemlich schnell klar, dass die beiden einander nicht so richtig leiden können, obwohl sie sich leiden können wollen. Was startet wie der Sommer der Langeweile, wird für Noah auf mehr als einer Ebene zu einer Erfahrung, die ihn über sich hinauswachsen lässt.

Ein kurzweiliges Kinderbuch, das mit den Sorgen eines Jungen beginnt und wie ein Sonnenaufgang Licht und Wärme in die Geschichte bringt. Oma Violettas Edicola ist ein Treffpunkt für die Nachbarschaft, mehr noch: ein Ort der Gemeinschaft, an dem alle zusammenkommen, wenn es drauf ankommt. Total schön zu beobachten ist, wie Noah im Lauf des Buches über seine Sorgen und sogar über sich hinauswächst.

Veröffentlicht am 25.12.2023

Ich bin sonst selten für Lovestories zu haben, aber dieses Buch war ganz zauberhaft!

Tokioregen
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Die 16-jährige Malu setzt große Hoffnungen in ihr Austauschjahr in Tokyo. Das Schillern dieser Megacity, die nie schläft, ist die lange benötigte Ablenkung von ihrer Vergangenheit in Deutschland. Sofort ...

Die 16-jährige Malu setzt große Hoffnungen in ihr Austauschjahr in Tokyo. Das Schillern dieser Megacity, die nie schläft, ist die lange benötigte Ablenkung von ihrer Vergangenheit in Deutschland. Sofort ist sie überwältigt und verirrt sich fast im Gewirr des Bahnhofs Shinjuku, doch dank ihrer Gasteltern sowie den Gastgeschwistern Aya und Haruto wird ihr ein mehr als herzlicher Empfang bereitet.
Mit Aya zusammen wird sie auch gemeinsam in die Oberschule gehen. Am Vorabend zum Schulstart geht sie mit ihrer Gastschwester in den Yoyogi-Park, wo sie einige ihrer baldigen Mitschüler:innen kennenlernt und auch auf Kentaro trifft, der es schafft ihr ab der ersten Sekunde den Atem zu rauben. Sie ist fasziniert von diesem Jungen mit seinen mysteriösen Tattoos, der - genau wie Malu selbst - seine ganz eigene Bürde im Leben mit sich trägt. Kentaro hat ein eigenes Auge für die unterschätzten Facetten von Tokyo. Durch ihn erlebt sie die Megametropole im Neonlicht, sommerlich heiß und im Regenschauer kennen und lieben. Dann erlebt die Stadt eine Katastrophe solchen Ausmaßes, wie es sie nur in Tokyo gibt, und Malu muss in dieser zerstörten Metropole ihre Liebe wiederfinden.

Ich bin ja sonst Jugendromanen nicht ganz so aufgeschlossen, wenn eine Liebe im Mittelpunkt steht, aber ich muss zugeben, dass mir Tokioregen von Yasmin Shakarami voll gut gefallen hat. Japanophile Leser:innen werden total sehr auf ihre Kosten kommen, zudem ist Malu ein Mädchen, in das ich mich gut hineinversetzen konnte (also keine Charaktereigenschaften, die mich genervt hätten - dicker Pluspunkt!). In meiner Buchhandlung werde ich dieses Jugendbuch auf jeden Fall empfehlen!

Veröffentlicht am 25.12.2023

Absolut lesenswert!

Heimkehren
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Esi und Effia sind Schwestern in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Ghana, die einander nie treffen werden. Während Effia mit einem weißen Briten verheiratet wird, sitzt in den dunklen Eingeweiden der Festung, ...

Esi und Effia sind Schwestern in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Ghana, die einander nie treffen werden. Während Effia mit einem weißen Briten verheiratet wird, sitzt in den dunklen Eingeweiden der Festung, der er als Commandant vorsteht, ihre unbekannte Schwester Esi, um als Handelsware über den Atlantik nach Amerika verschifft zu werden.
Über die nächsten zwei Jahrhunderte und sieben Generationen verfolgt man die Wege von Effias und Esis Nachkommen.

Mehr möchte ich über den Inhalt gar nicht verraten - auf diese Geschichte, die so tausende Male passiert und tausende Male zuviel sein wird, muss man sich selbst einlassen. In jedem Kapitel erwartet einen ein Einblick in den Lebensweg eines weiteren Familienmitglieds der beiden Schwestern. Yaa Gyasi hat ihre Geschichte der Versklavung derart literarisch erzählt, dass ich gar nicht aufhören konnte zu lesen. Aus meiner Taschenbuchausgabe schauen viele Haftnotizen, die ich mir als Erinnerung hineingeklebt habe, um später Worte wie Fante, Asante, Akan, Twi und Bluthundgesetz zu recherchieren. Ich habe Heimkehren für den feministischen Buchclub gelesen und kann kaum erwarten, dort über das Buch zu sprechen.
Heimkehren als Familiengeschichte zu bezeichnen, wird diesem Werk nicht gerecht. Klar, es ist alles andere als ein Wohlfühlbuch. Es ist in jedem Fall eine Familiengeschichte, die mehr umfasst als Unterhaltung, eine Geschichchte, die sich zu lesen lohnt. 🔥