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Veröffentlicht am 22.07.2024

Aktuelles Thema in langatmiger Erzählweise

Julie: Fluchtpunkt Paris
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Der Klappentext zu „Julie“ ist sehr vage gehalten: „Der Roman erzählt höchst bewegend die Geschichten mehrerer Charaktere, welche sich in Paris begegnen und Zeugen aufregender Ereignisse werden.“ So wusste ...

Der Klappentext zu „Julie“ ist sehr vage gehalten: „Der Roman erzählt höchst bewegend die Geschichten mehrerer Charaktere, welche sich in Paris begegnen und Zeugen aufregender Ereignisse werden.“ So wusste ich nicht genau, was mich erwartete, und ich muß gestehen, Klappentext und Einbandgestaltung hatten in mir sehr andere Erwartungen erweckt. Thema des Buches ist eine düstere Sozialkritik am überlasteten französischen Gesundheitssystem und der daraus resultierenden Automatisierung vieler Prozesse, was wiederum zu Fehlern führt und außerdem dazu, daß viele Menschen letztlich von effektiver Gesundheitsversorgung ausgeschlossen sind, darunter Flüchtlinge. Ein hochaktuelles und sicherlich relevantes Thema, aber auch eines von solcher Schwere, daß der Klappentext darauf nicht vorbereitet. Auch der Untertitel „Fluchtpunkt Paris“ läßt mehrere Interpretationen offen. Ich hatte mir ein weniger verbissenes, weniger düsteres Thema erwartet und finde die Präsentation des Buches nicht zum Sujet passend.

Daß das Thema nicht mein Fall ist, lasse ich bei der Bewertung (die für mich persönlich geringer ausfällt als drei Sterne) außer Acht, denn dies ist kein Fehler des Buches. Die zu vage Darstellung halte ich allerdings durchaus für ein Manko, da sie an interessierten Zielgruppen eventuell vorbeigeht und bei anderen Lesern falsche Erwartungen weckt.

Auch wenn ich das Buch bei genauerer Kenntnis des Themas nicht gewählt hätte, bergen die Schicksale der Charaktere verschiedener Herkunft und mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen durchaus Potential. Anfangs war ich beim Lesen neugierig und interessiert. Die kurzen Kapitel werden aus wechselnden Perspektiven erzählt und anfänglich laufen die Erlebnisse der jeweiligen Charaktere noch ziemlich nebeneinander her, so daß man verschiedene Geschichten liest und sich immer wieder neu einfinden muß. Das ist an sich gut gemacht, anhand der ersten sich bald knüpfenden Verbindungen bekommt man schon eine Ahnung des gesamten Zusammenspiels.

Allerdings ist die Erzählung sehr langatmig und oft auch trocken. Es werden viele Alltagsbegebenheiten in großer Ausführlichkeit erzählt und Hintergrundinformationen, insbesondere über das Gesundheitswesen, werden trocken und vortragshaft vermittelt. Dazwischen finden sich immer wieder gelungene Beschreibungen, auch wird die Tristesse des Umfelds gelungen dargestellt, aber überwiegend fand ich die Schilderungen langweilig, da die Betonung stark bei irrelevanten Details lag und zudem generell sehr leblos erzählt wird. Es gibt nur wenige Dialoge, das meiste wird uns berichtsartig und trocken geschildert. Das führte dazu, daß mir die Charaktere fremd blieben. Relevante Dinge werden oft nur angedeutet, bewusst vage gehalten, gerade am Anfang tappt man hinsichtlich vieler Aspekte im Dunkeln. Das ist teilweise nötig und sinnvoll, wird aber sehr übertrieben und zieht sich auch letztlich durch das ganze Buch. Die Gewichtung stimmte für mich nicht. Dinge, die mehr Detail vertragen hätten, werden summarisch angerissen, während Uninteressantes ausgewalzt wird. So verlor ich auch zunehmend das Interesse an den Charakteren und damit die Motivation zum Weiterlesen. Das Buch ist sehr kurz, erschien mir aber ausgesprochen lang.

Auch vom Stil war ich eher enttäuscht. Der Klappentext spricht von einer literarischen Entdeckung und weckt damit natürlich entsprechende Erwartungen an den Stil. Dieser ist leicht lesbar, hat aber die o.e. Mängel. Literarisch ansprechend fand ich ihn nicht, Freude an der Sprache hatte ich auch nicht. Vielmehr fielen mir gelegentlich unbeholfene Satzstellungen auf, wie z.B. „Ich habe schon viel zu viel jetzt über mich geredet“.

So kann „Julie“ zwar mit gesellschaftlicher Relevanz und einem interessanten, auf verschiedenen Perspektiven basierenden Aufbau punkten, auch wirkte der Inhalt gut recherchiert und durchdacht. Allerdings weiß die Geschichte aufgrund ihrer distanzierten, langatmigen Erzählweise nicht zu berühren und konnte mich auch literarisch leider nicht überzeugen.

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Veröffentlicht am 09.07.2024

Zähe Geschichte in teils holpriger Übersetzung

Eve
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Nachdem „A Gentleman in Moscow“ eines der hinreißendsten Bücher ist, das ich je las, war ich auf Amor Towles‘ neues Werk schon gespannt. Der Charakter der „Eve“ hat mir im (ansonsten wenig überzeugenden) ...

Nachdem „A Gentleman in Moscow“ eines der hinreißendsten Bücher ist, das ich je las, war ich auf Amor Towles‘ neues Werk schon gespannt. Der Charakter der „Eve“ hat mir im (ansonsten wenig überzeugenden) Vorgänger „Rules of Civility“ gut gefallen, was sich in dem nun ihr gewidmeten Buch aber leider nicht fortsetzte.

Der Anfang des Buches ist herrlich – Towles‘ elegante Sprache erfreut, die Handlung macht neugierig, wir tauchen in die späten 1930er ein, erleben farbig geschildert eine Zugfahrt, das Beverly Hills Hotel und Einblicke in die damalige Welt Hollywoods. Das ist ein leserisches Vergnügen und ich war neugierig, wie es weitergehen würde und was wir über Eve erfahren würden. Nach den ersten Kapiteln fiel das Buch für mich dann aber sehr stark ab und gefiel mir bis zum Ende hin mit jeder Seite weniger.

Das liegt überwiegend daran, daß sich die Handlung sehr zäh dahinschleppt. Nun ist Towles nicht für eine rasante Erzählweise bekannt, sein Metier sind die atmosphärisch dichten Gesellschaftsschilderungen, und im „Gentleman“ wird es nie langweilig, weil das Eintauchen in diese Welt so faszinierend ist. Hier in „Eve“ aber hat sich dieser gesellschaftliche Einblick recht schnell abgenutzt, auch wird er nicht mehr so gekonnt dargeboten wie im „Gentleman“. Ähnlich wie in „Rules of Civility“ wiederholt sich vieles und schleppt sich gar zu sehr dahin. Der Charme reicht nicht, um das Buch zu tragen.

Auch die Sprache überzeugte mich weitaus weniger, als ich es am Anfang noch gedacht hatte. Das kann natürlich auch an der Übersetzung liegen (die anderen Bücher las ich im Original). Anfangs erschien mir die Übersetzung gut, wies aber dann zunehmende Fehler auf. Immer wieder stutzte ich über falsche Wörter und seltsame, am Englischen klebende, Satzstellungen – beides ein Zeichen für einen wenig sprachvertrauten Übersetzer oder eine KI. Ich war überrascht, zu lesen, daß die Übersetzerin bereits Preise gewonnen hat, denn die Übersetzung ist häufig holprig und eben teilweise falsch. Das eklatanteste (aber leider keineswegs einzige) Beispiel ist die Übersetzung des englischen „pest control“ (Schädlingsbekämpfer) mit „Pestkontrolle“. An der Stelle kam ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, denn eine solche Übersetzung ist so offensichtlich völlig falsch (und textlich unsinnig), daß es mir ein Rätsel ist, wie diese überhaupt entstand und dann offensichtlich von keinem Korrektorat entdeckt wurde.

Der Inhalt überzeugte mich leider auch nur wenig. Die schleppenden Beschreibungen Hollywoods im ersten Teil haben ihre unterhaltsamen Momente, aber leider nicht mehr. Es wird aus der Perspektive mehrerer Charaktere erzählt, von denen die meisten mit ihrer eigenen Hintergrundgeschichte daherkommen. Das ist manchmal interessant, manchmal eher zäh und wirkt insgesamt eher zusammengestückelt als wie eine Geschichte aus einem Guss. Über Eve erfahren wir nur sehr wenig und das bleibt auch bis fast am Ende so. Das ist intendiert, ließ sie aber leider sehr farblos wirken, was für eine namensgebende Protagonistin weniger günstig ist.
Im zweiten Teil geht es dann um eine Art Krimihandlung, mit der ich wenig anfangen konnte. Mehrere Szenen (wie die der Geldübergabe) schwappten leider ins Alberne über – von Towles‘ leichtfüßiger Eleganz war gerade da nichts mehr spürbar. Auch zog sich die Handlung sehr, was u.a. daran liegt, daß wir mehrere Ereignisse mehrfach erfahren – aus verschiedenen Perspektiven, aber trotz vereinzelter neuer Einblicke sehr wiederholend. Ich empfand diese Geschichte außerdem als zunehmend überzogen und zu plump, auch hier fehlte mir Towles‘ sonstige Finesse.

Die Idee eines Blicks in das Hollywood jener Zeit, auf seine sehr unterschiedlichen Charaktere, auf eine Enthüllung der dortigen Falschheit und mit Einblicken ins Filmgeschäft ist eigentlich ausgezeichnet. Die letzte Szene des Buches schildert, wie beim Drehen von „Vom Winde Verweht“ die Tara-Kulisse verändert wurde, um die kriegsbedingten Veränderungen der Plantage zu zeigen. Das waren spannende Einblicke, ebenso wie die Gedanken des ehemaligen Schauspielers – davon hätte es gerne mehr sein können. Das Material für eine elegant-tiefgründige Geschichte wäre vorhanden gewesen und eigentlich hat Towles das Können, es zu nutzen. Aber gelungen ist ihm das meiner Meinung nach leider nur in wenigen Ansätzen.

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Veröffentlicht am 11.04.2024

Recht unterhaltsam, aber auch sehr konstruiert und handwerklich mittelmäßig

The Hike
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„The Hike“ (warum werden Buchtitel eigentlich vermehrt nicht mehr ins Deutsche übersetzt?) reizte mich als begeisterte Wanderin; der Blick in die traumhaft-einsame Landschaft Norwegens machte mich ebenfalls ...

„The Hike“ (warum werden Buchtitel eigentlich vermehrt nicht mehr ins Deutsche übersetzt?) reizte mich als begeisterte Wanderin; der Blick in die traumhaft-einsame Landschaft Norwegens machte mich ebenfalls neugierig, gerade auch, weil diese Landschaft für eine solche Geschichte wunderbar geeignet ist. Der Klappentext versprach zudem psychologisch Interessantes – vier Freundinnen in der Natur, auf sich gestellt, mit aufbrechenden alten Konflikten. Klingt nach einer guten Mischung.
Ganz wurden meine Erwartungen letztlich nicht erfüllt. Das Buch braucht sehr lange, bis es in Fahrt kommt. Die eigentliche Wanderung fängt erst irgendwann um Seite 100 herum an. Bis dahin trottet die Geschichte recht zäh dahin. Das liegt vor allem daran, daß die Autorin sich mit allerlei irrelevanten Details aufhält und auch vieles wiederholt. Gerade, wenn es darum geht, die Charaktere der vier Frauen darzustellen, greift Clarke immer wieder auf dieselben Sätze zurück. Maggie ergeht sich regelmäßig darin, wie sehr sie ihre Tochter vermisst, von Liz wird etwa sechs- oder siebenmal betont, wie sehr sie Joni immer zur Seite stand, Helena befühlt regelmäßig ihren Bauch und gibt sich einer wiederholenden Gedankenschleife hin und Joni reflektiert vorhersehbar darüber, welche Schatten ein schillerndes Starleben hat (und wem da einiges bekannt vorkommt: ja, was die Frauencharaktere und ihre Gedanken betrifft, hat Lucy Clarke in mancherlei Hinsicht ihr letztes Buch recyclet – die stereotypen vier Freundinnen und ihre Gedanken entsprechen in etwa denselben Schubladen wie in „One of the Girls“). Der Pathos der ständigen Freundschaftsbeschwörung war etwas anstrengend, genau wie das arg zuckrige Ende.
Der Schreibstil ist durchschnittlich. Es gibt einige gelungene Formulierungen, die ich mehrmals gelesen habe, auch die Naturbeschreibungen sind ausgezeichnet und bildhaft. Diese habe ich genossen. Manche Formulierungen sind etwas unbeholfen, sonst liest sich alles gut weg, bleibt nicht weiter in Erinnerung. Für einen Krimi ist das ausreichend.
Die Geschichte wird überwiegend durch die wechselnden Perspektiven der vier Freundinnen erzählt. Das ist eine gute Idee, denn so lernen wir die vier Frauen sowohl durch ihre eigenen Gedanken wie auch durch die Augen der anderen kennen und auch verschiedene Schauplätze und Geschehnisse können durch die Wechsel geschmeidig dargestellt werden.
Sobald die Wanderung losgeht, steigt das Erzähltempo und ist gerade in der Mitte des Buches angenehm. Es passiert genug, daß man weiterlesen möchte und gespannt ist, aber es überschlägt sich nicht unangenehm. Das passiert dann aber leider im letzten Drittel. Hier nutzt die Autorin, die ohne große Innovationen die üblichen kommerziell erfolgreichen Bestandteile des Genres abarbeitet, dann das Stilmittel zahlreicher sehr kurzer Kapitel, die jedes mit einem kleinen Cliffhanger enden – ein Stilmittel, das mir schon bei Fitzek so auf die Nerven fiel, daß ich seine Bücher nicht mehr lese. Hier und da ein Spannungsmoment, das Ganze verbunden mit einem Perspektivwechsel, um die Spannung zu halten, ist an sich eine gute Idee, aber wenn es derart überbenutzt und zum Selbstzweck wird, dann nutzt es sich enorm ab und nach einer Weile wollte ich einfach nur, daß das Buch endlich zu Ende ist. Dies auch, weil zwischen den Cliffhangern dann häufig Passagen folgten, die reines Füllmaterial waren. Auch schon zu Anfang der Wanderung versucht die Autorin, ständig Spannung zu erzeugen, geht da aber ebenfalls keine kreativen Wege und so folgt ein falscher Alarm dem anderen – unheilvolle Schritte, das Gefühl des Beobachtetseins, ein ungewöhnliches Geräusch wechseln sich beständig ab und verlieren schnell an Bedeutung. Wie bei den Charakteren wird hier zu viel in Schubladen gegriffen, zu viel wiederholt – das ist handwerklich leider nur durchschnittlich.
Doch legt Clarke auch durchaus gelungene falsche Fährten und schafft es, die anderen Charaktere undurchschaubar zu gestalten. Auch baut sie einige überraschende Wendungen ein und konnte zumindest mich mehrere Male erfolgreich hinters Licht führen. Die Geschichte selbst ist an sich gut ausgedacht – nur leider auch sehr konstruiert. Das fängt schon damit an, dass es kaum glaubhaft ist, dass diese vier Frauen, von denen nur eine halbwegs wandererfahren ist, all die beschriebenen Strapazen überhaupt bewältigen. Sie tragen neue, nicht eingelaufene Schuhe, sind kaum sportlich, eine betreibt seit Jahren heftigen Alkohol- und Drogenmissbrauch, eine ist übergewichtig – im wirklichen Leben hätten sie nicht mal den ersten Tag durchgestanden. Als diese vier Frauen dann nach einer durchwachten Nacht und einem zermürbenden Tag völlig ausgehungert mal eben tausend Höhen(!)meter an einem gefährlichen Berg hinter sich bringen, konnte ich nur den Kopf schütteln. Das ist komplett unglaubwürdig. Als sie dann noch die Muße fanden, auf diesem Weg zwischendurch stehenzubleiben und sich erst einmal wegen einer Nebensächlichkeit - mal wieder - ausgiebig anzuzicken, obwohl sie auf der Flucht vor einem gefährlichen Menschen waren, mußte ich schon ein wenig schmunzeln. Auch sonst ist vieles unrealistisch und konstruiert.
Insofern bot „The Hike“ leidlich gute Unterhaltung und einige schöne Naturbeschreibungen, hat einige gelungen überraschende Momente, ist aber durch Wiederholungen, inhaltliche Längen und einer Überbenutzung abgenutzter Stilmittel zum Spannungsaufbau sowie der äußerst konstruierten Geschichte nicht wirklich überzeugend.

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Veröffentlicht am 18.02.2024

Sprachlich hervorragend, inhaltlich nicht ganz überzeugend

Krummes Holz
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„Krummes Holz“ hatte es mir schon auf den ersten Seiten wegen der gelungenen Sprache angetan. Julja Linhof erzählt so bildhaft, daß ich das Gefühl hatte, selbst in dieser hitzeflirrenden Landschaft zu ...

„Krummes Holz“ hatte es mir schon auf den ersten Seiten wegen der gelungenen Sprache angetan. Julja Linhof erzählt so bildhaft, daß ich das Gefühl hatte, selbst in dieser hitzeflirrenden Landschaft zu stehen und den heruntergekommenen Hof mit Jirka zu entdecken. Es werden wenige Worte gebraucht, um die jeweilige Szenerie entstehen zu lassen. Auch gibt es von Anfang an viele Andeutungen auf dunkle Ereignisse und Familienkonflikte, was mich auf die Geschichten neugierig gemacht hat.
Lange erfahren wir allerdings sehr wenig. Die Handlungen und Motivationen der Charaktere bleiben größtenteils im Dunkeln. Der Vater Georg ist verschwunden, Jirka taucht nach Jahren unangemeldet auf und nichts davon wird wirklich angesprochen. Wir beobachten Jirka auf seinen einsamen und stummen Gängen durch das Haus und über das Grundstück und ich fand die Spärlichkeit der Informationen zunehmend schwierig, da mir das Geschehen nicht vorstellbar wurde und auch die Charaktere so recht blass blieben.
Das Erzähltempo ist sehr langsam, eigentlich fast nicht vorhanden. Das funktioniert allerdings lange erstaunlich gut, was für mich zum großen Teil an dem ausgezeichneten Umgang mit Sprache lag. Ich las diesen farbigen Stil sehr gerne. Auch das fast fluide Spiel mit den Zeitebenen ist hervorragend gemacht. Jirka entdeckt diesen Hof seiner Kindheit nach mehrjähriger Abwesenheit neu und dadurch werden allerlei Erinnerungen in ihm wach. Der Wechsel von der erzählten Gegenwart zu den Erinnerungen ist unmittelbar, wird kaum angekündigt oder verdeutlicht und die Zeiten wechseln häufig. Das wirkt beim Lesen fast mühelos, wie von selbst geschehend, was zeigt, wie sorgfältig diese Passagen ausgearbeitet und geschrieben wurden. Es sind letztlich auch eher diese Erinnerungen, die für Erzählfluss sorgen, denn in Jirkas Gegenwart passiert lange Zeit so gut wie nichts. Das Gesamtbild füllt sich so ein wenig.
Ab etwa der Hälfte begann das Buch mich allerdings zu verlieren. Die statische Trostlosigkeit ist ausgezeichnet geschildert, wurde aber zunehmend repetitiv. Ich hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten und mein Interesse an der Geschichte nahm ab, das Ewiggleiche begann mich zu langweilen. Auch die zusätzlichen Charaktere, die für kurze Zeit hineingeworfen werden, brachten für mich eher Irritation, da insgesamt einfach viele Details berichtet werden, die letztlich kaum eine Rolle spielten. Dann kam auch noch eine Outinggeschichte mit allerlei entsprechenden Details hinzu, was thematisch überhaupt nicht mein Fall ist, so daß mir das letzte Drittel des Buches insgesamt nicht mehr gefiel. Die Auflösung des Verbleibs des Vaters war dann durchaus interessant, bzw. wäre es gewesen, wenn sie nicht so untergegangen wäre. Zu diesem Zeitpunkt hatte mich das Buch einfach schon verloren.
Sprachlich ist „Krummes Holz“ durchweg erfreulich, die Autorin hat einen ungewöhnlichen und gekonnten Stil und kann meisterhaft Atmosphäre hervorrufen. Die Handlung hatte Potential, das für meinen Geschmack aber nicht komplett genutzt wurde, vieles blieb zudem offen, und das fast Statische des Erzähltempos ist für ein ganzes Buch m.E. nicht geeignet. Insofern überzeugte „Krummes Holz“ mich nur teilweise.

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Veröffentlicht am 31.12.2023

Origineller, aber oft überemotionaler und egozentrischer Blick auf Berlin

Gezeiten der Stadt
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Die Idee, eine Geschichte Berlins zu schreiben, die von der offiziellen Geschichtsschreibung ein Stück weggeht und sich auf ungewöhnlichen Pfaden durch die Stadt bewegt, ist hervorragend und es gelingt ...

Die Idee, eine Geschichte Berlins zu schreiben, die von der offiziellen Geschichtsschreibung ein Stück weggeht und sich auf ungewöhnlichen Pfaden durch die Stadt bewegt, ist hervorragend und es gelingt Kirsty Bell durchaus, sich der Stadt auf eine eigene und originelle Art zu nähern. Man kann hier manch neuen Blick auf Berlin erlangen.
Eine Geschichte Berlins im zeitlich umfassenden Sinne ist es nicht, Bell behandelt die Zeit etwa zwischen spätem Biedermeier und der Gegenwart. Hier sind der Untertitel und der Klappentext irreführend und das fand ich enttäuschend, denn so wurde vieles nicht thematisiert, was die Stadt ausmacht und was oft zu wenig Beachtung findet. Nur ein Drittel des Buches ist der Zeit vor der Nazidiktatur gewidmet – schade, denn das ist eine sehr einseitige Gewichtung, die inhaltlich wiederkäut, was man schon sehr oft gelesen hat. Insgesamt muß ich sagen, daß ich aus dem Buch wenig Neues erfahren habe.
Die Vorgehensweise hat mir trotzdem in mancherlei Hinsicht gut gefallen. Vor den einzelnen Zeitabschnitten finden wir jeweils einen Stadtplan oder Auszug eines Stadtplans jener Epoche, das ist eine ausgezeichnete Visualisierung und unterstreicht den Inhalt gelungen. Auch die Verwebung mit Gemälden und Büchern fand ich erfreulich. So nutzt Bell z.B. Fontanes Werke, um uns das kaiserliche Berlin näherzubringen, unterlegt Romanauszüge mit Hintergrundfakten und schafft so ein farbiges Bild.
Absolut unangenehm fand ich dagegen ihre Neigung, sich und ihre eigene Geschichte ständig in den Vordergrund zu drängen. Das Buch beginnt schon mit einer ausführlichen Schilderung ihrer Ehekrise und Wohnungsprobleme. Das ist denkbar uninteressant, aber als Einführung für ihre Gründe, sich mit ihrem Haus und von dort aus der Geschichte der Berliner Umgebung zu befassen, noch nachvollziehbar. Allerdings bleibt es nicht dabei. Bell redet über weite Strecken des Buches nicht über Berlin, sondern über sich. Kein Kapitel kommt ohne – meistens anstrengend larmoyante – Bemerkungen über ihre Familiensituation aus und es ging mir zunehmend auf die Nerven, ständig über ihre persönlichen Befindlichkeiten lesen zu müssen, die mit dem Thema nichts zu tun haben. Auf eine seltsam egozentrische Art bezieht sie letztlich alles auf sich – wenn sie über den Umgang mit Scham in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg schreibt, fügt sie einen langen Abschnitt über die Scham ein, die sie angesichts ihrer gescheiterten Ehe fühlt. Als sie herausfindet, daß jemand, der vor vielen Jahrzehnten in ihrem jetzigen Haus lebte, 1932 in die Nazipartei eingetreten ist und ein propagandistisches Kartenspiel herstellte, reagiert sie so dramatisch und entsetzt, als ob es sich um einen engen Verwandten handele, der ein Versprechen an sie gebrochen hätte.
Überhaupt ist Bells Besessenheit von der Familie, welche das Haus, in dem sie heute wohnt, baute und lange bewohnte, verstörend. An sich ist der Gedanke, die Geschichte ihres Hauses zu erforschen und die Geschichte der dortigen Bewohner mit der Berlins zu verbinden – durch Einzelschicksale das Geschehen persönlicher zu machen – ausgezeichnet. Auch ist die Geschichte des Hauses durchaus interessant. Aber Bell steigert sich sehr dort hinein, baut eine innerliche Beziehung zu diesen Menschen auf, schreibt Seiten über Seiten mit überdramatisierten Fragen und Vermutungen über diese voll und führt am Ende des Buches sogar das bedenkliche und zweifelhafte Verfahren einer Familienaufstellung mit den Charakteren dieser seit langem verstorbenen früheren Bewohner des Hauses durch, was zu einem der befremdlichsten Abschnitte des Buches führt. Auch sonst tropft reichlich Esoterik von den Seiten. Da wird dann ein banaler Wasserschaden zu den Tränen einer Wohnung, die nicht möchte, daß Bell dort wohnt. Angebliche Heilsteine werden auslegt und die Leser allerlei esoterischen Ansichten ausgesetzt. Was das mit der Geschichte Berlins zu tun hat, bleibt ein Rätsel, aber auch die geschichtlichen Betrachtungen erfolgen leider häufig mit derlei esoterischem Unterton.
Wenn es denn mal um die Geschichte Berlins geht, sind die Ansichten durchaus interessant, auch sprachlich kann das Buch überzeugen. Ich freute mich nicht nur über Fontane, sondern auch, daß weniger bekannte Berliner wie Gabriele Tergit zu Wort kommen. Allgemein floss viel Wissen und hingebungsvolle Recherche ins das Buch. Auf die zahlreichen philosophischen Exkurse und ziellos mäandernden Gedanken hätte ich gut verzichten können, aber es ist durchaus eine Geschichtsbetrachtung, die neue Aspekte eröffnet. Die obskuren esoterischen Ausführungen und die Penetranz, mit der die Autorin ständig um sich kreist, und bei der ich mich immer wieder fragte, warum sie glaubt, das könnte die Leser, die ein Buch über die Geschichte Berlins gekauft haben, interessieren, hat mir das Buch allerdings sehr verleidet.

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