“Der Weg der Wünsche” ist eine Novelle von Patrick Rothfuss. Das Büchlein kann, theoretisch, ohne Vorkenntnisse des Hauptwerkes Die Königsmörder Chroniken gelesen werden. Zum wirklichen Genuss lohnt es ...
“Der Weg der Wünsche” ist eine Novelle von Patrick Rothfuss. Das Büchlein kann, theoretisch, ohne Vorkenntnisse des Hauptwerkes Die Königsmörder Chroniken gelesen werden. Zum wirklichen Genuss lohnt es sich aber, bereits eine Ahnung zu haben, wer Bast ist. Denn der Fae und Schüler Kvothes ist der Protagonist und ihm folgen die Leser:innen in zwölf kurzen Kapiteln durch den Tag. Auf kurz liegt hier die Betonung, denn man sieht sich lediglich 150 Seiten (ebook) gegenüber, von denen sich wiederum nur 126 der eigentlichen Geschichte widmen.
Der Tag beginnt harmlos und - in hübscher Anlehnung an das Hauptwerk - mit der thematischen Stille, in der Bast sich aus dem Wirtshaus schleicht. Und obwohl der heutige “Antagonist”, Rike, bereits früh am Rande der Erzählung herum schleicht, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf die herzerwärmenden Belanglosigkeiten, denen Bast so nachgeht. Jedenfalls scheint es so. Und dank Rothfuss’ meisterhaftem Umgang mit Sprache und Struktur, war es für mich ein Genuss, mich mit Bast treiben zu lassen.
Ganz besonders beeindruckt hat mich, mal wieder, der gekonnte Einsatz des auktorialen Erzählers. Patrick Rothfuss beherrscht diese fast schon vergessene Kunstform mit eleganter Brillanz. Während der allwissende Erzähler sich nahe an Bast hält, rückt er immer wieder unauffällig von diesem ab. Dabei fühle ich mich niemals betrogen, sondern von einem meisterhaften Geschichtenerzähler durch ein stimmiges Abenteuer geführt.
Das Buch überzeugt mal wieder mit poetischer Sprache, liebevoll gezeichneten und authentisch wirkenden Charakteren und scheinbar belanglosen Details, die sich erst in der Rückschau zu einem wundervoll stimmigen Meisterwerk verweben. Die Geschichte hinterlässt bei mir ein wohliges und wohlwollendes Schmunzeln, das von Herzen kommt. Denn genau dort hat mich die Geschichte und die gut zwischen den schönen Worten versteckte Message berührt. Ein Ersatz für den langersehnten Folgeband ist es aber natürlich trotzdem nicht.
Eisenwolf ist der erste Band der Vadari-Trilogie von Siri Pettersen. Hier wird (entfernt) an die Geschehnisse der Rabenringreihe angeknüpft. Die Vorkenntnisse sind aber nicht nötig.
Inhalt
Die Welt, ...
Eisenwolf ist der erste Band der Vadari-Trilogie von Siri Pettersen. Hier wird (entfernt) an die Geschehnisse der Rabenringreihe angeknüpft. Die Vorkenntnisse sind aber nicht nötig.
Inhalt
Die Welt, die Siri Pettersen in Eisenwolf zeichnet ist düster. Navlak liegt offenbar hoch im Norden und darf sich erst im Frühling wieder an der Sonne erfreuen. Dazu dreht sich hier vieles ums Blut. Wolfsblut. Denn das wird benötigt, um die Steintore zu betreiben, die Navlak reich und berühmt machen. Daraus werden aber auch die Blutperlen hergestellt, welche von grossen Teilen der Bevölkerung genutzt werden, um high zu werden. Und die die Wolfsseuche auslösen können.
Die Haupthandlung folgt Juva, Wolfsjägerin, der ältesten Tochter des Hauses Senseyr. Doch mit dem Erbe der Familie will diese nichts zu tun haben - Blutleserinnen hält sie für Betrügerinnen, ihre Kindheit im Hause einer der Anführerinnen will sie hinter sich lassen. Juva ist glücklich, das Erbe an ihre kleine Schwester abzutreten. Aber als der Wächter an den Steintoren wieder zum Leben erwacht, das Totenhorn immer öfter bläst und der Ausbluter sich auf die Jagd nach Wolfskranken macht, geht das Schicksal andere Wege. Und Juva muss sich ihrer traumatischen Vergangenheit, dem Geheimnis ihres eigensinnigen Herzens und dem Eisenwolf stellen.
In Nebenhandlungssträngen, die im Verlauf an Häufigkeit abnehmen, verfolgt die Leser*in Rugen, einem süchtigen Lebemann, und Nafraim, einem der geheimnisumwobenen Vadari, einem Ewigwährenden.
Meine Meinung
Die Geschichte startet spannend, aber auf die Hauptthemen bezogen gemächlich. Bildgewaltig und auch etwas derb zeichnet Siri Pettersen diese nordische, wilde und etwas archaische Welt Stück für Stück. Als Höhrerin durfte ich diese Welt durch die Handlung und in authentischer Weise durch die Charaktere kennen lernen. Das führt stellenweise natürlich dazu, dass Fragen offen bleiben. Dies aber immer in genau dem richtigen Masse, dass es eben spannend und geheimnisvoll bleibt, ohne ärgerlich zu werden. Die Handlung ist trotz der eigenen Perspektive des Antagonisten Nafraim undurchsichtig, überraschend und stellenweise brutal und schockierend. Die derbe Sprache ist teilweise charakterbedingt etwas grenzwertig vulgär, explizite Inhalte eingeschlossen. Für ein Jugendbuch definitiv gewagt.
Haupt- sowie Nebenfiguren sind liebevoll ausgearbeitet und lassen sich nur ungern in Schubladen stecken. Diese Ecken und Kanten machen sie glaubwürdig und äusserst lebendig. Juvas Charakterentwicklung ist interessant und emotional zu verfolgen. Und besonders ihre Jagdkameraden sind in ihrer realistischen Schrulligkeit ein kleiner Schatz für mich.
Der Sprecher Konstantin Graudus ist, wie schon bei den Rabenringen, eine hervorragende Besetzung. Er trifft mit seiner Interpretation die düstere Atmosphäre und verleiht der Geschichte eine mystische Note.
Das Buch ist in sich geschlossen und das Hängen an der Klippe bleibt einem zum Glück erspart - trotzdem lässt das Ende genügend Stoff, um schon ganz ungeduldig auf den nächsten Band zu warten
Der 900 starke Auftakt zu das "Rad der Zeit" wurde von Robert Jordan zu Beginn der 90er Jahre erstmals verlegt. Persönlich habe ich das Buch vor einer Weile schonmal gelesen, es nun aber noch einmal getan ...
Der 900 starke Auftakt zu das "Rad der Zeit" wurde von Robert Jordan zu Beginn der 90er Jahre erstmals verlegt. Persönlich habe ich das Buch vor einer Weile schonmal gelesen, es nun aber noch einmal getan - weil die Zeit dafür reif war.
Diese Rezension erhält keine beabsichtigen Spoiler - Andeutungen habe ich nach Kräften zu vermeiden versucht!
Inhalt
Rand al'Thor führt in Emondsfelde im Gebiet der Zwei Flüsse ein beschauliches Leben als Schäfer und Tabakbauer. Der dunkle König ist eingeschlossen in Shayol Ghul - seine Schattengestalten, Blasse und Trollocs, existieren für Rand, seine Freunde Mat und Perrin und seine Versprochene Egwene nur in Schauergeschichten und sind längst zu Sagengestalten geworden. Zumindest bis zur Winternacht vor Beltine. Da treten diese plötzlich aus dem Schatten der Nacht und Märchen, um das Dorf heimzusuchen.
Sie kamen aus der Fäule auf der Suche nach Rand, Mat und Perrin, weiss die Aes Sedai Moiraine, die ebenfalls in Emondsfelde weilte. Eine Aes Sedai - magisch begabte und in Tar Valon ausgebildete Frauen - sagen immer die Wahrheit. Dass sie dennoch gefährlich sind und diese Wahrheit manchmal so ihre Ecken und Kanten hat, ist bekannt. Dennoch fliehen die drei Jungen, begleitet von der eigenwilligen Egwene und dem Gaukler Thom Merrilin, mit der Aes Sedai und ihrem Behüter Lan. Das Ziel: Tar Valon, wo die Burschen erfahren sollen, weshalb sie gejagt werden und Egwene zur Aes Sedai ausgebildet werden soll. Wenig später schliesst sich ihnen Nynaeve an, die Dorfheilerin aus Emondsfelde, die sich selbst ausgeschickt hat, die Kinder zurück zu holen. Dazu kommt später der Ogier Loial, der die drei Jungen als Ta'veren erkennt - jene Menschen, um die herum das Rad sein Muster webt.
Eine wilde Flucht beginnt, auf der jeder der Heldinnen eigene Prüfungen zu bestehen hat, Schattenfreunde an jeder Ecke lauern, die Gruppe getrennt wird und die Häscher des Dunklen Königs ihnen immer ganz nah auf den Fersen sind. Der Showdown des ersten Bandes führt die Gruppe schliesslich auf unerwarteten Wegen zu einem unvorhergesehenen Ziel, an dem unerhörte Entdeckungen, eine Prophezeihung und viele weitere Fragen warten.
Erzählstil
Das Buch startet in Emondsfelde, wo Leserinnen den Protagonistinnen in ihrer Heimat begegnen - wer auf schnelle Action hofft, wird hier enttäuscht. Natürlich ist die Frage berechtigt, wieso man ein ganzes Dorf kennen lernen soll, dass anschliessend als Schauplatz verlassen und nicht wieder aufgegriffen wird. Meine Antwort darauf enthält zwei Aspekte.
Zum einen ist Emondsfelde, die Heimat der meisten Protagonistinnen. Das Eintauchen in diese Heimat bietet für mich die Chance, in den Kern der Charaktere einzutauchen. Hier wurden sie erzogen und sozialisiert, dieses Leben prägt ihr Wesen. Und da dieser Hintergrund ihr späteres Denken, Entscheiden und Handeln stark beeinflusst, habe ich diesen "langatmigen" Einstieg auch im späteren Verlauf der Geschichte schätzen können. Diese durch den Einstieg erzeugte Verbundenheit zu den Zwei Flüssen verbindet mich als Leserin mit den Figuren und ermöglicht es mir, ihre Entwicklung und Geschichte zu verstehen und einzuordnen.
Zum anderen bietet dieses gemächliche und ausführliche Verweilen in der "normalen Welt" tiefe Einblicke in die Gesellschaftsstruktur und herrschenden Geschlechterrollen. Auf der eingangs vermittelten Basis wird dann später aufgebaut
Liegt aber Emondsfelde erst einmal hinter der fliehenden Gruppe, nimmt die Geschichte schnell rasante Fahrt auf. Die Heldinnen stürzen aus einer Gefahr in die nächste und kommen wirklich nie zur Ruhe. Immer wartet die nächste Katastrophe. Gemindert wird diese Spannung durch einen weiteren Zankapfel, an dem sich die Geister der Leserinnen scheiden. Jordan neigt zu ausführlichen Beschreibungen der Landschaft und Personen/Kleider - und dazu, diese auch mitten in die Handlung zu pflanzen. Ja, auch ich finde, dass dies den Lesefluss und das Eintauchen durchaus manchmal stören. Man kann diese natürlich überfliegen, muss dann aber auch auf gewisse Tiefe im Setting verzichten.
Lobend hervorheben möchte ich noch kurz die individuellen Stimmen der Perspektivcharaktere. Wenn etwas aus Rands Perspektive geschrieben ist, dann habe ich wirklich das Gefühl, ja, das passt, so würde die Figur Rand darüber denken und sich ausdrücken.
Zu erwähnen ist auch, dass die Erzählperspektive grundsätzlich auktorial ist, wenn auch stellenweise nahe am personalen. Dies und die verschiedenen Perspektiven (vereinzelt auch die der Antagonisten) führt dazu, dass man als Leserin mitunter einen Wissensvorsprung auf die Protagonistinnen hat. Das sollte man beachten, bevor man eine Handlung oder Überlegung als "dumm" einstuft.
Setting und die Akteure
Wir haben es hier mit einer eindeutig (mittel)europäisch-mittelalterlich geprägten Welt zu tun. Dennoch versteht es Jordan etwas Eigenes zu erschaffen und erstaunlich viele gängige Klischees zu vermeiden. Die Welt ist komplex und lebt von einer detailreichen Geschichtsschreibung bis zum Zeitalter der Legenden und darüber hinaus. Sie ist voll legendärer Helden mit klingenden Namen, halb vergessener Begebenheiten und Prophezeihungen. Den Charakteren wie auch den Lesern ist nicht immer klar, was nun ins Reich der Legenden gehört und welche Geschichten eben doch mehr Wahrheit enthalten, als von den Menschen erinnert wird.
Während glaubwürdig scheint, dass sich die Akteure auf ihrer Reise durch das Königreich Andor noch gut verständigen können, tut sich hier später für mich ein Fragezeichen aus. Spätestens in Schienar - und im Folgeband noch weiter weg - sollten sich wohl sprachliche Gräben öffnen. Aber Jordan ist nicht der einzige Autor, der dieses Hindernis klanglos übergeht.
Wie bereits die Welt sind auch die Protagonistinnen komplex und überzeugend. Sie alle verfügen über einen unverkennbaren, individuellen Charakter, der ihr Denken, Entscheiden und Handeln prägt. Dabei sind sie aber nicht überzeichnet, haben ihre Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Ängste. Jeder macht im Verlaufe der Geschichte eine Entwicklung durch, die aber mit dem Kern eines jeden Charakters in Einklang steht. Eine enttäuschende Ausnahme dazu stellt für mich die Dorfheilerin Nynaeve dar. Ihre Motivation für ihre Gefühle und ihr Handeln bleibt für mich fadenscheinig und sie wirkt auf mich überzeichnet deplatziert. In geringerem Masse gilt dies auch für den Behüter Lan - hier kann ich mir aber vorstellen, dass seine Undurchsichtigkeit beabsichtigt ist und sein Charakter erhält später im Buch mehr Hintergrund. Die zwischenmenschliche Beziehung dieser beiden Figuren ist für mich daher auch völlig aus der Luft gegriffen und nicht nachvollziehbar.
Im allgemeinen aber wartet das Buch mit starken Figuren auf, die Initiative ergreifen und sich aus Schwierigkeiten durch Einsatz ihrer Stärken, Talente und stimmigen Charaktereigenschaft herauswinden. Oder durch ihre Schwächen erst hinein geraten. Jedenfalls ist Glück und Dusel nur selten und in einem “normalen” Masse involviert und niemals massgebend.
Grenzwertig oder zumindest ambivalent sind für mich die nicht menschlichen Wesen. Während ich die Blassen so hinnehmen kann, rollen sich mir bei jeder Erwähnung der Trollocs die Zehennägel hoch - und zwar nicht auf die gute oder vom Autor beabsichtigte Weise. Diese Wesen - halb Mensch, halb Tier - sind in meiner Vorstellung nicht zum Leben erwacht. Das betrifft die physische Erscheinung, aber auch die Charakteristik. Für mich scheinen sie nur für die Bedürfnisse des Plots zu bestehen, nicht aus der Welt gewachsen.
Und noch ein Wort zur treiben Thematik des Kampfes um Gut und Böse. Natürlich ein altbekanntes Fantasy Trope, hunderte Male beackert. Aber natürlich (noch) nicht in dem Masse, als dieses Buch erschien. Die Bösen sind so richtig böse - von Schattenfreunden über Blasse bis zum Dunklen König selbst. Sie strebe nach Macht und Unsterblichkeit und danach, über andere zu regieren - was auch sonst? Mehr Graustufen sind hingegen auf der Seite des Lichts zu finden. Da gibt es nämlich unterschiedliche Gruppierungen und Ansichten, wie dem Licht am besten gedient ist und wer dem Schatten angehört. Und für manche, aber längst nicht alle, heiligt der Zweck auch mal die Mittel. Damit droht dem Heldentrio und seiner Entourage nicht nur Gefahr aus dem Schatten, sondern mitunter auch aus den eigenen Reihen.
Schlusswort
“Das Rad der Zeit” ist ein umfassendes und komplexes Werk - bereits im ersten Band. Und es gäbe noch vieles mehr zu sagen. Ausufernd viel mehr.
Dieses epische Werk hat bestimmt seine Schwächen, aber es ist eben auch episch und bietet die Gelegenheit zum tiefen Abtauchen in eine fein gearbeitete Welt und - wie für die Folgebände zu hoffen ist - wohl durchdachte Plotstruktur.
Um diese Reihe zu geniessen, hilft es sicher, sie vor dem Hintergrund ihrer zeitlichen Entstehung und der damaligen Schreibtradition zu verstehen. Denn es handelt sich hier nicht um einen schnellen Bestseller im Blockbusterformat, wie es die heutige, von Fernseh und Film geprägte Leserschaft mitunter erwarten mag.
Im Einzelband “The Witch’s Heart - Das Verhängnis” erzählt Genevieve Cornichec die Geschichte der Angrboda, einer Riesin und Hexe der nordischen Mythologie. Sie rückt damit nicht nur eine weibliche Perspektive ...
Im Einzelband “The Witch’s Heart - Das Verhängnis” erzählt Genevieve Cornichec die Geschichte der Angrboda, einer Riesin und Hexe der nordischen Mythologie. Sie rückt damit nicht nur eine weibliche Perspektive ins Zentrum ihrer Neuinterpretation, sondern wechselt auch die Seiten. Denn Angrboda steht nicht an der Seite der Asen, der glänzenden Götter von Asgard. Sie ist eine Aussenseiterin, gejagt und wegen ihrer Gaben begehrt vom Göttervater Odin persönlich. Sie ist eine der Gemahlinnen von Loki und die Mutter der Monster, die während Ragnarök ihren grossen Auftritt haben.
Ich bin keine grosse Kennerin der nordischen Mythologie - die groben Eckdaten und grossen Namen sind alles, worauf ich bei der Lektüre zurückgreifen konnte. Ob Cornichecs Interpretation also akkurat ist, kann ich nicht beurteilen. Für mich fühlte sich die Geschichte inhaltlich aber stimmig an. Die Verweise auf die grossen Ereignisse ausserhalb Angrbodas begrenzter Perspektive brachten Tiefe in die Erzählung und den Eindruck, dass ich hier ein Stück des Grossen Ganzen lese, als würde ein Licht auf ein bis anhin im Schatten gebliebenes Puzzleteil des Kanons geworfen.
Gefallen hat mir auch der Stil der Erzählung. Die Erzählstimme ist weich und ruhig und unaufgeregt - was die Ungeheuerlichkeiten und die Dramatik des Inhalts angenehm kontrastiert. Angrboda ist einfach. Sie beobachtet ihre Umgebung, die Ereignisse und Figuren um sie herum, ihre Beziehungen, ihr Leben, ihre Kinder und sich selbst. Diese Unaufgeregtheit hat ihren Charme und ihre Wirkung, führt aber auch immer wieder zu zähen, langatmigen Abschnitten - und einem Gefühl des Stillstands und der Wiederholung.
Das - und das Fehlen von Kapiteln - machten dieses Buch zu einem merkwürdig entrückten Leseerlebnis. Anstatt eines Soges stellte sich bei mir eher ein Gefühl des zeitlosen Schwelgens (und manchmal Dümpelns) ein. Nicht wirklich unangenehm, aber definitiv ungewohnt. Und eigentlich ganz passend zu dieser Geschichte, in der nie wirklich klar wird, wie viel Zeit eigentlich gerade vergeht.
Angrbodas absurde Geschichte - ihre Beziehung zu Loki, ihr Leben in relativer Einsamkeit, ihre Liebe zu und ihre Sorge um ihre Kinder, aber auch ihr Hadern mit ihrer Situation, ihre Rolle als strukturelle Antagonist und Protagonistin ihres eigenen Lebens, ihre passive Aktivität - hat mich berührt und auf eine unaufgeregte Weise gefesselt. Es war gleichzeitig ein faszinierendes wie auch anstrengendes Leseerlebnis - was rückblickend und metaphorisch eigentlich ziemlich gut zum Inhalt passt.
Ich bedanke mich beim Lübbe Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.
“Die Ausweichschule” ist ein autifktionaler Roman von Kaleb Erdmann, der als Elfjähriger am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt den dortigen Amoklauf miterlebt hat. Über zwanzig Jahre danach setzt sich Erdmann ...
“Die Ausweichschule” ist ein autifktionaler Roman von Kaleb Erdmann, der als Elfjähriger am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt den dortigen Amoklauf miterlebt hat. Über zwanzig Jahre danach setzt sich Erdmann erneut mit dieser Zeit auseinander, mit dem Ereignis, aber vor allem mit der Verarbeitung, seinen Erinnerungen und der Frage, wie eine künstlerische Adaption einer solchen Gewalttat aussehen darf.
Auf zwei nahe beieinander liegenden Zeitebenen - es trennen sie nur etwa sechs Monate - erzählt Erdmann den Entstehungsprozess eines (fiktionalen) Romans über die Ausweichschule, also über die Zeit unmittelbar nach dem Amoklauf. Während der spätere Erzählstrang sich nur über wenige Tage erstreckt, umfasst der frühere mehrere Monate. Da letzterer eher episodisch erzählt wird, habe ich eine Weile gebraucht, um zu merken, dass es eine chronologische Kohäsion gibt - das hat mitunter zur ein oder anderen Verwirrung geführt.
Erdmanns Stil ist nüchtern, geradezu minimalistisch und vermittelt, gemeinsam mit dem Inhalt, eine gedrückte, grüblerische Stimmung. Die Szenen wirken aus dem Leben gegriffen, manchmal hilflos, manchmal chaotisch, manchmal grotesk, oft nachdenklich und philosophisch - und immer wieder mit einem trockenen Humor unterlegt. Ich fand es interessant, dem Protagonisten durch sein halb verkorkstes, halb geregeltes Leben zu folgen, seine Schrullen kennen zu lernen und vor allem seinen sich entwickelnden Gedanken, Erkenntnissen und seiner Suche beizuwohnen. Mich faszinieren die Überlegungen, die angestellt werden, das Infragestellen der eigenen Erinnerung, die Gegenüberstellung des öffentlichen Narrativs, der private und der gesellschaftliche Umgang mit einer Schreckenstat. Erdmann ist es meiner Meinung nach gelungen, viele Facetten dieser Thematik einzufangen, dabei Fragen aufzuwerfen, sie zu bearbeiten, aber ohne sie belehrend gänzlich zu beantworten.
Insgesamt ist “Die Ausweichschule” ein ruhiger Roman, den ich ausserdem als ehrlich, vielleicht aufrichtig wahrgenommen habe. Die wenigen Stellen, an denen ich das Gefühl hatte, etwas zu viel selbst bemitleidenden Showeffekt und überzogenes Drama (vielleicht als Hommage an sein Vorbild Carrère?) wahrzunehmen, mögen ihm verziehen sein.
Ich bedanke mich bei Vorablesen und den Verlag park x ullstein für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.