Profilbild von EmmaWinter

EmmaWinter

Lesejury Star
offline

EmmaWinter ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmmaWinter über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.02.2024

Der David Copperfield des 21. Jahrhunderts

Demon Copperhead
1

Was für ein Wurf! Hier erzählt Demon seine Lebensgeschichte und die hat es weiß Gott in sich. Die Handlung wird konsequent aus Demons Sicht erzählt, rückblickend, was einerseits bedeutet, dass er alles ...

Was für ein Wurf! Hier erzählt Demon seine Lebensgeschichte und die hat es weiß Gott in sich. Die Handlung wird konsequent aus Demons Sicht erzählt, rückblickend, was einerseits bedeutet, dass er alles mit seinen kindlichen Augen sieht, andererseits natürlich als nun Erwachsener auch kommentieren kann. Die Geschichte des Waisenjungen, dem das Schicksal übel mitspielt, bleibt so dicht an Dickens Vorlage, dass es fast unglaublich erscheint, dass es dennoch eine so eindrucksvolle, intensive, eigene Geschichte ist - eingebunden in das 21. Jahrhundert im ländlichen Virginia mit allem Elend, das man sich vorstellen kann. Nicht nur zahlreiche Charaktere sind nahezu identisch angelegt, die Namen, Beziehungen, selbst kleinste Ereignisse werden "übernommen". Die Autorin spielt mit ihrer Vorlage, dass es eine Freude ist. Dass beide Romane 64 Kapitel haben, ist da nur das Tüpfelchen auf i. Die Adaption funktioniert so unglaublich gut, ich bin noch ganz hin und weg von diesem Roman. Als neuen Aspekt hat die Autorin die Opioidkrise (seit 1999), die in den USA besonders durch das Schmerzmittel Oxycontin ausgelöst wurde, hinzugenommen. Was da passiert ist, ist im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich. Das Ergebnis läßt sich so zusammenfassen: "Eine ganze Generation von Kindern wuchs ohne Familie auf." (S. 809) Ganz entscheidend wirkt sich diese Krise auch auf die Handlung des Romans und das Schicksal von Demon und seinen Weggefährten aus. Der Autorin war es ein Anliegen, für ihre Heimatregion eine Lanze zu brechen, deren Einwohner*innen als Hillbillies verschrien sind. Was die Opioidkrise gerade in diesem Landstrich angerichtet hat, ist schlicht furchtbar.

Der Roman liest sich ganz wunderbar. Die Stimme des Ich-Erzählers Demon ist witzig, ironisch, schlagfertig, originell und aufgeweckt. Wer David Copperfield kennt, wird begeistert sein und die, die das Buch von 1849/50 bisher nicht gelesen haben, werden es ebenso sein. Eine erschütternde (soziale Missstände, Pflegeelternsystem, Kinderarbeit, Drogen) und gleichzeitig auf humorvolle Weise unterhaltende Lektüre, die mich mit einem Aspekt in der US-Gesellschaft, nämlich der Opioid-Krise, vertraut gemacht hat, die ich bisher so nicht wahrgenommen hatte.

Sehr zu empfehlen ist nicht nur dieser großartige mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman, sondern auch die Serie "Painkiller" auf Netflix, die sich genau mit dieser Krise und dem Mittel Oxycontin beschäftigt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.02.2024

Colorism trennt hellhäutige Zwillinge - Ein starker Roman

Die verschwindende Hälfte
0

Vor zehn Jahren ist Desiree mit ihrer Zwillingsschwester Stella aus ihrem kleinen Dorf Mallard in Louisiana über Nacht getürmt. 1968 ist sie wieder zurück und sorgt für Aufsehen. In das Örtchen, im dem ...

Vor zehn Jahren ist Desiree mit ihrer Zwillingsschwester Stella aus ihrem kleinen Dorf Mallard in Louisiana über Nacht getürmt. 1968 ist sie wieder zurück und sorgt für Aufsehen. In das Örtchen, im dem alle Schwarzen fast weiß aussehen und stolz darauf sind, bringt sie ihre Tochter mit und die ist "rabenschwarz" (S. 9). Zu Stella hat sie keinen Kontakt mehr, denn in New Orleans, wohin die beiden gegangen waren, ist sie plötzlich verschwunden. Untergetaucht in eine Welt, die nicht ihre ist, in die Welt der Weißen.

Was für eine Geschichte! In sechs Kapiteln folgen wir neugierig und gefesselt den Lebensläufen der Zwillinge, die sich so unterschiedlich entwickelt haben. Die Autorin läßt die Handlung ständig um die Fragen kreisen, wer bin ich? Wer will ich sein und wer kann ich sein? Was bedeutet es Schwarz zu sein und was bedeutet es, eine weiße oder hellere Hautfarbe zu haben? Als "Colorism" bezeichnet man die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, die sich auch innerhalb einer Community zeigen kann, eben wie im fiktiven Mallard. Unglaublich intensiv zeigt die Geschichte auf, wie "Colorism" die Charaktere in ihrem Denken und ihrem Handeln beeinflusst. Da passt der (mehrdeutige) Titel des Romans so hervorragend! Die Handlung regt auf so vielen Ebenen, vor allem durch die Beziehungen der Personen untereinander, zum Nachdenken an. Ich bin ganz begeistert. Der Roman ist - neben seinem hohen kulturellen Wert zur Black Lives Matter-Bewegung - auch noch spannend und unterhaltsam geschrieben. Dadurch, dass die Handlung nicht durchgängig chronologisch erzählt wird, gibt es immer wieder überraschende oder aufschlussreiche Informationen, die das Geschehene komplettieren. Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen. Es sensibilisiert und informiert und wird mich noch lange beschäftigen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2024

Der Eifeler Pockenkarneval

Monschau
0

Der pensionierte Hauptkommissar Harald Uteng ist endlich bereit, in einem Krimipodcast über einen seiner alten Fälle zu sprechen. Gerade ist die erste Folge aufgenommen, da ist Uteng auch schon tot. Alles ...

Der pensionierte Hauptkommissar Harald Uteng ist endlich bereit, in einem Krimipodcast über einen seiner alten Fälle zu sprechen. Gerade ist die erste Folge aufgenommen, da ist Uteng auch schon tot. Alles sieht nach einem Unfall aus, denn der Pensionär hat ganz gerne mal einen Schluck getrunken. Anton Brekke, Kommissar in Oslo, läßt dieser Tod jedoch keine Ruhe. Hat vielleicht alles mit dem alten Fall von 1991 zu tun, in dem er selbst ermittelt hat? Der Mörder der 17-jährigen Malin wurde jedoch verurteilt, denn die Beweise waren erdrückend. Der kleine Ort Aremark wird nun nochmals erschüttert.

Die Handlung wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Die aktuellen Ermittlungen wechseln sich mit den Ereignissen von 1991 ab. Wir lernen die jeweiligen Akteure des Dorfes kennen und wissen bereits, dass hier irgendwo mindestens noch ein Täter unterwegs sein muss. In kurzen Kapiteln wird die Geschichte schnell vorangetrieben. Die Handlung ist gespickt mit Verdächtigen und unheimlichen Momenten. Kommissar Brekke ist jedoch kein auffälliger Charakter und beherrscht deswegen den Roman auch nicht, er bleibt ein wenig blass. Der Thriller liest sich sehr gut, man ist schnell mitten im Geschehen und verfolgt, wie sich Spuren ergeben und wieder im Sande verlaufen.

Insgesamt ein solider Thriller, der alle erforderlichen Kriterien erfüllt. Es gibt zahlreiche Fährten und man ist nie ganz sicher, ob man jetzt auf das "richtige Pferd" gesetzt hat oder nicht. Für ein absolutes Highlight reicht es jedoch nicht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.01.2024

Hinter den unsichtbaren Mauern einer Besserungsanstalt

Die Nickel Boys
0

Der unfassbar und unverhältnismäßig harte Umgang der US-Behörden mit minderjährigen "Straftätern" ist mir seit dem Film Sleepers (1996) im Gedächtnis geblieben. Der Film hat mich seinerzeit schwer erschüttert.

Colson ...

Der unfassbar und unverhältnismäßig harte Umgang der US-Behörden mit minderjährigen "Straftätern" ist mir seit dem Film Sleepers (1996) im Gedächtnis geblieben. Der Film hat mich seinerzeit schwer erschüttert.

Colson Whiteheads Pulitzerpreis-Roman hat mich sofort daran erinnert. Auch dieser Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt, einmal in den 1960er Jahren (der Zeit im Nickel) und dann Jahrzehnte später. Elwood Curtis ist 16 Jahre alt, als er in der Besserungsanstalt Nickel Academy landet. Der Grund für seine Einweisung ist bezeichnend für den Umgang mit Schwarzen und entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Es gibt im Nickel keine Zäune und von außen sieht alles nach einem gepflegten Anwesen aus; einer Schule, die aus den Jungs etwas machen will. Elwood lernt jedoch schnell, dass der äußere Schein mehr als trügt.

Whiteheads in drei Teile gegliederter Roman ist schwere Kost. Jedoch versteht er es, die Brutalität nicht reißerische auszuwalzen, vieles bleibt unerzählt. Wenn sich aber die Türen hinter den Jungs schließen, spielt sich ein Kopfkino sondergleichen ab. Whiteheads ruhige Sprache, die auch dem Charakter von Elwood entspricht, steht in verstörendem Gegensatz zu den Ereignissen. Das Perfide an dem System der "Schule" sind die dort herrschenden geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, gepaart mit absoluter Unberechenbarkeit und Willkür. Die Jungs müssen schmerzlich erfahren, dass es kein "richtiges" Verhalten gibt, um diesem Haus unbeschadet zu entkommen. Gewalt, Rassismus und Korruption herrschen in diesem Mikrokosmos.

Der Roman hat mir sehr, sehr gut gefallen: Die treffende Sprache des Autors, die Dialoge und die Story an sich, die auf wahren Ereignissen beruht (siehe das Nachwort) und in hohem Maße geschickt aufgebaut ist, bis zur letzten Szene. Zudem erkennt man hier schon Spuren des späteren Werks Harlem Shuffle: der Charakter des Schwarzen Unternehmers und Kleinkriminellen Ray Carney blitzt im letzten Drittel auf.

Wie in Sleepers gibt es auch hier Jungs, die an ihren Erlebnissen zerbrochen sind und andere, die einen Weg gefunden haben, weiterzumachen.

Große Leseempfehlung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.01.2024

Die lahmen Gäule vom MI5

Slow Horses
0

Wer es beim MI5 so richtig verbockt hat, der wird ins Slough House abgeschoben, einer gammeligen Absteige, nikotin- und saubverseucht. Hier werden die Agenten mit stupiden Schreibtischarbeiten zur Kündigung ...

Wer es beim MI5 so richtig verbockt hat, der wird ins Slough House abgeschoben, einer gammeligen Absteige, nikotin- und saubverseucht. Hier werden die Agenten mit stupiden Schreibtischarbeiten zur Kündigung animiert. Als es auch den smarten River Cartwright erwischt, wird es jedoch unruhig in der Verwahranstalt für gescheiterte 007-Existenzen. Die lähmende Eintönigkeit und ihre Betreuer werden kräftig durchgerüttelt und zeigen Qualitäten, die sie einst zum MI5 gebracht haben. Allen voran der schmuddelige Chef Jackson Lamb, der mit fettigen Fingern und Haaren über seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herrscht und sie allesamt für Versager hält. Oder doch nicht?

Das Buch schlummerte Jahre (!) auf meinem SUB. Viel zu lange. Das liegt zum einen daran, dass ich eigentlich kein Fan von Agenten-Büchern bin und andererseits das Cover wirklich nicht mitreißend auf mich gewirkt hat. Die äußere Hüllte täuscht jedoch. Die Story ist spannend, verwickelt und unglaublich witzig geschrieben. Genau meine Art von britischem Humor, den ich sehr mag. Lamb ist ein unglaublicher Charakter, der so viel Spaß macht. Die Dialoge insgesamt sind wirklich klasse, ein Schlagabtausch folgt auf den nächsten. Mittlerweile ist schon die Verfilmung des vierten Bandes in Arbeit. Und die bisherigen Staffeln (apple+) sind grandios. Gary Oldman spielt Lamb unfassbar gut, genau so hat man ihn sich vorgestellt. Der ekelhafte Regenmantel, der wahrscheinlich noch nie eine Waschmaschine gesehen hat, ist da nur eines der vielen liebevollen Details, das aus dem Buch übernommen wurde. Kurzum Buch und Verfilmung kann ich uneingeschränkt empfehlen. Darauf einen geschüttelten Martini!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere