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Veröffentlicht am 05.12.2022

Ein Märchen für Erwachsene

Unsterblich sind nur die anderen
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Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Von Beginn an weiß man nicht so recht, woran man ist. Nach der letzten Seite ist einiges klar, längst aber nicht alles.

Die Geschichte beginnt ein wenig wie die ...

Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Von Beginn an weiß man nicht so recht, woran man ist. Nach der letzten Seite ist einiges klar, längst aber nicht alles.

Die Geschichte beginnt ein wenig wie die Unendliche von Michael Ende, in der sich Bastian in ein Buch, in das Buch, verliert. Hier verliert sich jemand in ein Buddelschiff, in das Buddelschiff, dem man später wieder begegnet. Kurz darauf fahren zwei »normale Frauen« drei verschwundenen »normalen Typen« hinterher. Eine dieser Frauen wird letztlich zur Protagonistin, mit der wir das Schiff und seine Merkwürdigkeiten entdecken; die ein Kind hat, um das sie sich sorgt, die sich verliebt, die kämpft und Entscheidungen treffen muss.

An Bord und beim Lesen begegnen einem Zauber und Mystik, Liebe und Eifersucht. Begegnen einem Zeiten- und Perspektivwechsel, viele Zigaretten, Schönheit, Drogen, Gruppensex und die ganz großen Fragen der Philosophie. Das alles wechselt in hohem Tempo, wird mit klarer, direkter Sprache erzählt. Die Geschichte ist leicht zu lesen, aber nicht lapidar. Man bekommt derart viele Interpretationsansätze geschenkt, dass dieses Buch nur einmal zu lesen kaum reichen kann. Dabei bleibt es jederzeit spannend. Man mag die Protagonistin begleiten. Man will wissen, wie es ausgeht.

Ich las, dass Simone Buchholz bislang Krimis geschrieben hat. Ich mag keine Krimis. Ich verließ mich auf den Satz in der Kurzdarstellung, dass »die Krimi-Autorin mit diesem Roman zu neuen Ufern aufgebrochen« sei. Ich bin nach der Lektüre hochzufrieden.

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Veröffentlicht am 20.03.2022

Ein bisschen wie »Schtonk!«. Aber eben nur ein bisschen.

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
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In Maxim Leos neuen Roman »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« will erst ein Journalist, dann sein Magazin und plötzlich das ganze Land unbedingt einen Helden. Der Auserkorene war das nie, die Heldentat ...

In Maxim Leos neuen Roman »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« will erst ein Journalist, dann sein Magazin und plötzlich das ganze Land unbedingt einen Helden. Der Auserkorene war das nie, die Heldentat im Heute war ein damaliges Versehen. Die sich daraus entwickelnde Lügengeschichte ist ungemein unterhaltsam.

Es ist ein Roman über Ost und West, über Medien, über Politik, über Ehrlichkeit und über die »Wahrheit« im Blick auf die Historie. Große Themen, die beiläufig daherkommen, während klar gezeichnete Figuren miteinander in Beziehung treten und die Story des Buchs entwickeln. Keine Figur bleibt blass, alle bekommen ihren kurzen Scheinwerfer-Auftritt, alle werden in ihrem Handeln nachvollziehbar. Das führt dazu, dass die Erzählung nie oberflächlich daherkommt, obwohl sich die Handlung so schön leicht anfühlt. Dabei sorgen kurze Kapitel für Tempo. Die Geschichte fließt von Szene zu Szene, ohne jegliche Längen, ohne alles, was es nicht gebraucht hätte. Derart flott, dass sie auch einen unterhaltsamen Film abgeben würde. Ein bisschen wie »Schtonk!«. Aber eben nur ein bisschen.

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Veröffentlicht am 21.02.2024

Die spannende Geschichte von Charakterbildung durch Leben

Wir sitzen im Dickicht und weinen
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Die Mutter erhält eine Krebsdiagnose, der Sohn möchte ins Ausland. Abschied als ein emotionales Thema. Damit habe ich auch zu tun, das beschäftigt mich selbst in meinem Leben. Deshalb sprach mich die Inhaltsbeschreibung ...

Die Mutter erhält eine Krebsdiagnose, der Sohn möchte ins Ausland. Abschied als ein emotionales Thema. Damit habe ich auch zu tun, das beschäftigt mich selbst in meinem Leben. Deshalb sprach mich die Inhaltsbeschreibung an. Deshalb interessierte ich mich für das Buch, trotz des sperrigen Titels und trotz des wenig aussagekräftigen Covers.

Ich habe es nicht bereut, denn dieses kurze Buch (nur 208 Seiten) ist reich an eindrücklichen Szenen und behandelt noch viel mehr große Fragen als nur die nach dem Umgang mit Abschied: Wie wird man, wer man ist, was macht mich zu mir? Wie entsteht, was man gemeinhin »Generationenkonflikt« nennt? Wie eng sind familiäre Bande, gibt es eine Pflicht zur Dankbarkeit?

Über die Kindheit meiner Eltern weiß ich wenig. Über die Kindheit meiner Großeltern eigentlich nichts. Dieser Roman erzählt die Leben und dabei die Charakterbildung der Eltern und Großeltern der Ich-Erzählerin. Es erzählt von Ereignissen, die diese Menschen prägten, was direkte und indirekte Auswirkungen auf die jeweils nächste Generation hatte; so wie alles was wir tun und wie wir zu wem sind Auswirkungen auf unsere Nächsten haben kann.

Ich brauchte anfangs einen Notizzettel, damit ich bei den vielen Personen und Zusammenhängen den Überblick behalten konnte. Die Kapitel sind kurz. Es finden ständige Wechsel zwischen den Erzählsträngen statt. Innerhalb der Stränge springen die Handlungen chronologisch Sprünge um mehrere Jahre. Das braucht Aufmerksamkeit, ist letztlich aber nicht zu kompliziert. Im Gegenteil hält es die Erzählung schnell, spannend.

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und wünschen ihm viele Leserinnen und Leser. Ich denke, ein weniger sperriger Titel und ein besseres Cover hätte dazu noch beitragen können.

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Veröffentlicht am 26.08.2021

Ein wunderlicher Mann in einem wundervollen Buch

Das Archiv der Gefühle
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Es ist ein wunderlicher Mann ohne Namen, die Hauptfigur in »Das Archiv der Gefühle« von Peter Stamm. Einer, der mich in sein Denken mitnimmt, der sich mir durch seine Selbstreflektion vorstellt. Er beschreibt ...

Es ist ein wunderlicher Mann ohne Namen, die Hauptfigur in »Das Archiv der Gefühle« von Peter Stamm. Einer, der mich in sein Denken mitnimmt, der sich mir durch seine Selbstreflektion vorstellt. Er beschreibt sein Jetzt und erzählt parallel doch seine Lebensgeschichte chronologisch. Meist in Erinnerungen, manchmal allerdings auch nur in Phantasien. Außerdem ist von Beginn an Franziska dabei, in seinem Kopf, mit der er sich unterhält. Es sind die einzigen Dialoge, die er führt. Franziska, die Frau seines Lebens, die ihm einst sagte, dass sie ihn nicht liebe. Schon der Text auf dem Schutzumschlag verrät, dass Franziska wieder auftauchen wird.

Der Mann ist jenseits dessen, was unsere Gesellschaft als normal erachten würde, wenn sie sein Leben denn mitbekäme, was er zu verhindern sucht. Nicht der Gesellschaft wegen, sondern seinetwegen. Schon als Kind war er gerne alleine, mochte die Wiederholung lieber als Veränderung, stellte sich Freundschaften lieber vor statt sie zu leben. Nur Franziska war immer da.
Er ist Archivar und er ist ohne Anstellung, seit seine Stelle im Pressehaus abgebaut wurde. Ohne Arbeit ist er nicht, denn er hat das Archiv mitgenommen. Dass er ein Archiv in seinem Haus eingerichtet hat, ist die Krönung seiner Beschreibung. Jemand, der um der Ordnung willen ordnet, nicht um des Zwecks willen, denn sein Archiv wird von niemandem mehr genutzt, nicht mal von ihm selbst. Eingerichtet in seiner eigenen Welt. Im Haus seiner Eltern, das er übernahm als seine Mutter starb, und in dem er im Kinderzimmer schläft. Wie früher. Ein Mann, der möchte, dass die Zeit nicht vergeht. Der zwar hinnimmt, dass Dinge verfallen, der aber einen Verlust nicht erträgt. Auch deshalb hat er Franziska immer bei sich.

»Das Archiv der Gefühle« ist ein großartiges Buch. Der Protagonist denkt Sätze, trifft Aussagen, mit denen man sich auseinandersetzen mag. Als er sein Archiv beschreibt, seine Lust an der hierarchischen Einordnung, bemerkt er: »Wenn alles wie im Internet gleichwertig ist, hat nichts mehr einen Wert.« An einer anderen Stelle denkt er darüber nach, warum er sich nie bei Freunden meldet, auch nicht wenn diese nach ihm Fragen. Er stellt fest, dass es ihn noch nie interessiert habe, Meinungen auszutauschen, und er kommt zu dem Schluss: »Meinungen haben nichts mit Fakten zu tun, nur mit Gefühlen, und meine Gefühle gehen niemanden etwas an.« Da denkt man gerne mal drüber nach. Das Einzige, worüber man nicht nachzudenken braucht, ist das komplett nichtssagende und sich auf nichts in der Geschichte beziehende Buchcover.

Autor Peter Stamm ist Schweizer und 58 Jahre alt. Er studierte zunächst Anglistik an der Universität Zürich, wechselte sein Studienfach dann aber auf Psychologie mit Psychopathologie und Informatik als Nebenfach. Daneben war er als Praktikant an verschiedenen psychiatrischen Kliniken tätig. Die Wahl des Studiums erklärte er damit, dass er mehr über den Menschen als Gegenstand der Literatur erfahren wollte.

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Veröffentlicht am 28.04.2021

Ein bemerkenswertes Buch, so reduziert, so anders.

Die Beichte einer Nacht
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"In einer Nervenklinik vertraut Heleen des Nachts einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an." So beginnt der Klappentext des Romans "Die Beichte einer Nacht" von Marianne Philips. Diese Beschreibung ...

"In einer Nervenklinik vertraut Heleen des Nachts einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an." So beginnt der Klappentext des Romans "Die Beichte einer Nacht" von Marianne Philips. Diese Beschreibung ist umfassend, der Roman ist ein Monolog. Das klingt nach wenig, ist aber viel, ist ein ganzes Leben. Ein bemerkenswertes Buch, so reduziert, so anders. Ein Buch das man liest, weil einen die besagte Heleen mit jedem Satz ihrer Geschichte mehr zu interessieren beginnt.

Es gibt keinen Erzähler, der aus übergeordneter Perspektive eine Situation beschreibt oder erklärt. Dieses Buch malt einem keine Bilder in den Kopf, entwickelt keine Szenen, in welche die Protagonisten gesetzt werden. Weil Monologe so nicht sind. Wenn unsereins jemandem von einer Begegnung erzählt, beschreiben wir auch nicht die Bilder an den Wänden und den Duft, der in der Luft liegt. Auch die Nachtschwester spricht nicht, in diesem Roman. Sie ist wie weggeschnitten und zunächst mag man zweifeln, ob sie überhaupt tatsächlich existiert. Alles ist Heleen. Jedes Wort ist ihre Aussage. Für mich als Leser ist es, als säße ich in einem dunklen Raum, hörte Heleen reden und sähe nichts.

Doch stickum mag ich in diesem Raum sitzen bleiben und weiter zuhören, weil Heleen viel zu erzählen hat. Und weil sie von Beginn an nicht prahlt. Weil sie keine Memoiren formuliert, sondern weil sie Erinnerungen teilt und dabei Stück für Stück selbst immer mehr Erkenntnis erlangt. Dabei ist sie so offen, wie man sich selbst gegenüber wird, wenn man die Dinge mit Abstand betrachtet und gerade nichts erreichen muss, sie im Gegenteil loswerden, aussprechen will. Beichten will.

Heleen erzählt ihr ganzes Leben. Von den Schwierigkeiten im Elternhaus, als sie noch das Leentje und die Älteste von zehn Geschwistern war. Von ihrer schwierigen Beziehung zu Schwester Lientje, der Jüngsten, für die sie immer wieder Verantwortung übernehmen musste. Sie beschreibt die Momente ihrer Erkenntnis, arm zu sein, und ihrer Erkenntnis, als schön geachtet und begehrt zu werden. Ihr Leben verläuft nicht stringent, wirft sie hin und her. Und schon früh in ihrem Erzählen verknüpft sie ihre schönsten Erinnerungen mit ihrer großen Liebe Hannes und früh wird klar, dass es mit Ihrer Schwester Lientje zu tun hat, dass sie nun in der Nervenklinik ist.

Was letztlich genau passiert ist ein Teil der Spannung dieses Romans. Aber auch die Entwicklung des Lebens der Person Heleen ist spannend und war letztlich der Hauptantrieb, der mich immer weiterlesen ließ. Die Stärke des Buches ist es, am Beispiel Heleens die Abzweige darzustellen, die einen Lebensweg ausmachen, und was der eingeschlagene Weg aus einem macht.

Die Beichte – niederländisch "De biecht" – erschien in den Niederlanden im Jahr 1930 und war der zweite Roman der 1886 in Amsterdam geborenen Marianne Philips. Ihr erstes Werk veröffentlichte sie ein Jahr zuvor, im Alter von 43 Jahren. Philips war Sozialdemokratin und seit 1919 eine der ersten Frauen im Stadtrat der Nord-Holländischen Stadt Bussum. In der Zeit des Nazi-Terrors musste die Jüdin untertauchen, um sich einer Verhaftung und der geplanten Einweisung in das Konzentrationslager Herzogenbusch zu entziehen. Bis 1950 hat Marianne Philips sechs Romane und drei Bände mit Novellen veröffentlicht. Das Hauptthema ihres Werks sei das "Streben nach Reife und der Entwicklung einer individuellen Identität aus einer nicht harmonischen Familie", ist in der niederländischen Wikipedia zu lesen. Dem entspricht das hier besprochene Buch zweifellos.

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