Julia
JuliaKurzmeinung: In dieser Version von Orwells Dystopie steht Julia im Mittelpunkt. Heftige Geschichte mit viel Stoff zum Nachdenken. Cleveres Ende!
Ich habe "1984" von Georges Orwell nicht gelesen, weder ...
Kurzmeinung: In dieser Version von Orwells Dystopie steht Julia im Mittelpunkt. Heftige Geschichte mit viel Stoff zum Nachdenken. Cleveres Ende!
Ich habe "1984" von Georges Orwell nicht gelesen, weder in der Schule noch an der Uni. Macht aber nichts, denn für das Verständnis des Romans von Sandra Newman sind Vorkenntnisse nicht erforderlich. Man wird schnell auf den aktuellen Stand des totalitären Staates Ozeanien gebracht. Winston Smith, auch als "Old Misery" bekannt und Hauptdarsteller in Orwells Original, findet von der ersten Seite an Erwähnung.
In Newmans Version der Geschichte wird der Zettel mit den Worten "Ich liebe dich", den Julia Winston im Original zusteckt, allerdings von einer Mitbewohnerin im Wohnheim verfasst und in Julias Spind versteckt. Sie findet ihn und gibt ihn an Winston weiter, mit der Überlegung, dass man im Falle einer Entdeckung die Handschrift nicht zu ihr zurückverfolgen kann.
Julia ist ausgesprochen pragmatisch und hat gelernt, in dem System zu überleben. Sie ist stets vorsichtig, treibt aber einen aktiven Schwarzhandel mit den Proleten und weiß ihre sexuelle Lust mit diversen Partnern im Verborgenen auszuleben, obwohl "Sexkrim" strengstens verboten ist. Von Winston Smith fühlt sie sich auf seltsame Weise angezogen, denn er wirft ihr zunächst eher feindselige Blicke zu.
Was mich an Julia zunächst gestört hat, ist die Über-Sexualisierung ihrer Figur. Vielleicht ist dieser Umstand ja ihrer Vorgeschichte geschuldet, die in der Version Newmans durch wiederholten Missbrauch geprägt war. Vielleicht ist ihr sexueller Appetit aber auch Voraussetzung dafür, dass sie sich später so bereitwillig als Honigfalle anwerben lässt. Sie liefert nicht nur Winston ans Messer, sondern auch Ampleforth und Tom Parson (beides Figuren aus dem Original). Doch auch Julia kommt nicht ungestraft davon.
Jeder, der Orwells Original gelesen hat, wird die Rattenszene kennen, bei der Winston Smith in dem geheimnisumwitterten Raum 101 gefoltert wird. Sandra Newman hat diese allerdings abgeändert, so dass es schließlich Julia ist, der man den Rattenkäfig vor die Nase setzt. Und was dann passiert, bzw. wie Julia mit der Situation umgeht, fand ich einfach grandios. Hier zeigt sich noch einmal Julias starker Überlebenswille und ihre gesammelte Lebenserfahrung, die Winston Smith komplett fehlt.
Im Gegensatz zu Orwells Original endet der Roman nicht mit Winstons Erkenntnis, dass er den großen Bruder wahrlich liebt. Julia gelingt die Flucht aus Ozeanien. Das Ende fand ich von der Autorin ausgesprochen clever erdacht und - ich mag mich täuschen - die "freien Engländer" haben mich stark an die ehemaligen GIs erinnert, die einst Nazi-Deutschland befreiten. Statt Kaugummi und Nylonstrümpfen gibt es im Roman Rosen, vielleicht eine Hommage an Orwell, der in seinem Garten Rosen pflanzte. Ein Happy End also? Tja ... das muss man schon selbst herausfinden.