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Veröffentlicht am 08.01.2024

Julia

Julia
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Kurzmeinung: In dieser Version von Orwells Dystopie steht Julia im Mittelpunkt. Heftige Geschichte mit viel Stoff zum Nachdenken. Cleveres Ende!


Ich habe "1984" von Georges Orwell nicht gelesen, weder ...

Kurzmeinung: In dieser Version von Orwells Dystopie steht Julia im Mittelpunkt. Heftige Geschichte mit viel Stoff zum Nachdenken. Cleveres Ende!


Ich habe "1984" von Georges Orwell nicht gelesen, weder in der Schule noch an der Uni. Macht aber nichts, denn für das Verständnis des Romans von Sandra Newman sind Vorkenntnisse nicht erforderlich. Man wird schnell auf den aktuellen Stand des totalitären Staates Ozeanien gebracht. Winston Smith, auch als "Old Misery" bekannt und Hauptdarsteller in Orwells Original, findet von der ersten Seite an Erwähnung.

In Newmans Version der Geschichte wird der Zettel mit den Worten "Ich liebe dich", den Julia Winston im Original zusteckt, allerdings von einer Mitbewohnerin im Wohnheim verfasst und in Julias Spind versteckt. Sie findet ihn und gibt ihn an Winston weiter, mit der Überlegung, dass man im Falle einer Entdeckung die Handschrift nicht zu ihr zurückverfolgen kann.

Julia ist ausgesprochen pragmatisch und hat gelernt, in dem System zu überleben. Sie ist stets vorsichtig, treibt aber einen aktiven Schwarzhandel mit den Proleten und weiß ihre sexuelle Lust mit diversen Partnern im Verborgenen auszuleben, obwohl "Sexkrim" strengstens verboten ist. Von Winston Smith fühlt sie sich auf seltsame Weise angezogen, denn er wirft ihr zunächst eher feindselige Blicke zu.

Was mich an Julia zunächst gestört hat, ist die Über-Sexualisierung ihrer Figur. Vielleicht ist dieser Umstand ja ihrer Vorgeschichte geschuldet, die in der Version Newmans durch wiederholten Missbrauch geprägt war. Vielleicht ist ihr sexueller Appetit aber auch Voraussetzung dafür, dass sie sich später so bereitwillig als Honigfalle anwerben lässt. Sie liefert nicht nur Winston ans Messer, sondern auch Ampleforth und Tom Parson (beides Figuren aus dem Original). Doch auch Julia kommt nicht ungestraft davon.

Jeder, der Orwells Original gelesen hat, wird die Rattenszene kennen, bei der Winston Smith in dem geheimnisumwitterten Raum 101 gefoltert wird. Sandra Newman hat diese allerdings abgeändert, so dass es schließlich Julia ist, der man den Rattenkäfig vor die Nase setzt. Und was dann passiert, bzw. wie Julia mit der Situation umgeht, fand ich einfach grandios. Hier zeigt sich noch einmal Julias starker Überlebenswille und ihre gesammelte Lebenserfahrung, die Winston Smith komplett fehlt.

Im Gegensatz zu Orwells Original endet der Roman nicht mit Winstons Erkenntnis, dass er den großen Bruder wahrlich liebt. Julia gelingt die Flucht aus Ozeanien. Das Ende fand ich von der Autorin ausgesprochen clever erdacht und - ich mag mich täuschen - die "freien Engländer" haben mich stark an die ehemaligen GIs erinnert, die einst Nazi-Deutschland befreiten. Statt Kaugummi und Nylonstrümpfen gibt es im Roman Rosen, vielleicht eine Hommage an Orwell, der in seinem Garten Rosen pflanzte. Ein Happy End also? Tja ... das muss man schon selbst herausfinden.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Wie gut kennt man jemanden eigentlich?

Drei Wochen im August
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Zwei Frauen, Elena, eine Mutter zweier Kinder und Eve, ihre Babysitterin, verbringen drei Wochen in einem Ferienhaus am Meer.

Das Buch erzählt abwechselnd aus der Sicht der beiden Frauen, schildert ihre ...

Zwei Frauen, Elena, eine Mutter zweier Kinder und Eve, ihre Babysitterin, verbringen drei Wochen in einem Ferienhaus am Meer.

Das Buch erzählt abwechselnd aus der Sicht der beiden Frauen, schildert ihre Beobachtungen und Einschätzungen verschiedener Situationen und beleuchtet ihre Beziehung. Während Elena sich ein freundschftliches Verhältnis zu Eve wünscht, sieht diese in Elena hauptsächlich ihre Arbeitgeberin und lässt sich den Aufenthalt vergüten.

Während Elenas Ehemann aus beruflichen Gründen zu Hause geblieben ist, durfte ihre Tochter Linn ihre Freundin Noémi mitnehmen.

Während die 5 Personen mit einander interagieren, werden sie von Elena und Eve taxiert, analysiert und interpretiert, ohne dass sie sich ihre Gefühle und Gedanken direkt mitteilen würden. Als Leser(in) weiß man eigentlich nie, was wirklich Sache ist, weil Situationen von den beiden Frauen mitunter unterschiedlich bewertet werden.

Etwas Bedrohliches klingt unterschwellig mit, was durch die sommerlichen Waldbrände in der Ferne noch untermalt wird. Schließlich tauchen noch zwei Fremde auf, was zu neuen Dynamiken in der Gruppe führt.

Die Geschichte liest sich fast atemlos, obwohl nichts Weltbewegendes passiert. Man bekommt nur ständig das Gefühl vermittelt, dass überall Gefahr lauert, was einen beim Lesen bei der Stange hält. Leider ist die Geschichte meiner Meinung nach einen Tick zu lang geraten, so dass sich zum Ende hin Ermüdung einstellt.

Ich vermute, es ging der Autorin darum, aufzuzeigen, wie wenig man sein Gegenüber - und seien es auch die eigenen Kinder - eigentlich kennt, wie nah Freundschaft und Rivalität bei einander liegen und wie unterschiedlich Wahrnehmungen ein und der selben Situation sein können.

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Veröffentlicht am 28.02.2024

ein Debutroman mit Schwächen

Krummes Holz
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Nach 5 Jahren Abwesenheit kehrt der 19jährige Jirka zu Besuch auf den Hof seiner Eltern zurück. Leander, der Sohn des letzten Verwalters, hat ihn unterwegs auf der Straße aufgelesen. Während der Wagen ...

Nach 5 Jahren Abwesenheit kehrt der 19jährige Jirka zu Besuch auf den Hof seiner Eltern zurück. Leander, der Sohn des letzten Verwalters, hat ihn unterwegs auf der Straße aufgelesen. Während der Wagen in Richtung Hof ruckelt, erhält man durch die Gedanken Jirkas erste Eindrücke zu seinem Vater Georg, seiner Schwester Malene und der Großmutter Agnes. Jirka hat offensichtlich Angst vor dem Wiedersehen. Seine Hände zittern und er fühlt sich wieder als das Kind, das er war, bevor man ihn aufs Internat geschickt hat.

Sein Vater und seine Schwester sind nicht zu Hause. Die erste Familienangehörige, auf die er trifft, ist die inzwischen stark demente Großmutter, die in Hausschuhen durch das Haus geistert. Von seiner Schwester schlägt ihm Ablehnung entgegen, der Vater bleibt verschwunden. Leander und Malene scheinen sich gut zu verstehen, Jirka fühlt sich ausgeschlossen. Beide geben ihm deutlich zu verstehen, dass sie nicht vorhaben, ihn durchzufüttern und so macht sich Jirka nützlich, indem er im Garten Unkraut jätet.

Als Leser(in) begleiten wir ihn durch das Haus und seine damit verbundenen Erinnerungen, erfahren, dass der Vater brutal zu seinen Kindern war, die Mutter schon früh in die Heilanstalt eingeliefert wurde und inzwischen verstorben ist. Zwischen Leander und Jirka besteht eine eigentümliche Spannung. Viel geredet wird in dem Roman nicht. Man muss sich die Zusammenhänge mühsam aus dem Kontext erarbeiten.

Das Buch ist sehr atmosphärisch geschrieben, allerdings passiert zunächst nicht viel und die Gespräche sind anfangs auch eher ausweichend als klärend. Allmählich kann man sich zusammenreimen, dass Jirko wohl schon immer auf Leander stand, am meisten unter seinem Vater gelitten hat und zusätzlich von seiner älteren Schwester drangsaliert wurde. Auch die Mutter war keine Hilfe. Jeder musste irgendwie alleine klar kommen.

Wirklich spannend ist das auf Dauer nicht und den ewigen Eiertanz zwischen Jirko und Leander, aber auch den zwischen Jirko und Malene fand ich nach einer Weile ziemlich ermüdend. Das Ende ist einigermaßen spektakulär, aber leider komplett unrealistisch, es sei denn man lebt in einer Blase und ist sich nicht bewusst, welche Konsequenzen das eigene Handeln hat. Ich fand das doch ein bisschen enttäuschend. Man hätte den Schluss konsequenter zu Ende denken können, finde ich.

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Veröffentlicht am 06.04.2026

Nicht meins

Der Fährmann
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An den meisten Büchern scheiden sich bekanntlich die Geschmäcker. Seltener ist es wohl, dass alle Leser(innen) von der Lektüre begeistert sind und nur eine(r) aus der Reihe tanzt.

In dem Fall bin ich ...

An den meisten Büchern scheiden sich bekanntlich die Geschmäcker. Seltener ist es wohl, dass alle Leser(innen) von der Lektüre begeistert sind und nur eine(r) aus der Reihe tanzt.

In dem Fall bin ich das und so will ich versuchen, zu begründen, warum das so ist.

Die Geschichte "Der Fährmann" von Regina Denk spielt an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Zwei Dörfer, getrennt durch die Salzach, sind nur über eine Fähre zu erreichen. Dem 6jährigen Hannes Winkler ist es bestimmt, später einmal Fährmann zu werden, dabei entkommt er im November 1894 nur knapp dem Ertrinken. Das ganze Dorf betet für ihn in der Kirche, nur die 3 Jahre jüngere Lisi hat sich zu ihm ins Zimmer geschlichen und singt mit einem Spielzeugengel in der Hand an seinem Bett. Hannes überlebt, sein Schicksal ist besiegelt.

Die Dritte im Bunde ist die Wirtshaustochter Annemarie, die in jungen Jahren nur knapp einem sexuellen Übergriff durch einen Stammgast entgeht. Gerettet wird sie von Josef, dem Jungbauern vom Steinerhof, der sich im Laufe der Geschichte allerdings als etwas ganz anderes entpuppen wird.

Die Kindheit ist kurz, Elisabeth (Lisi) wird an den Steiner Josef verheiratet, der eine geheime Liebesbeziehung zu Annemarie unterhält. Lisi liebt Hannes, Hannes liebt Lisi, Annemarie liebt ebenfalls Hannes, kurzum: Es ist kompliziert

Josef ist in Wahrheit ein echter Kotzbrocken und der "Böse" in der 4er-Konstellation, hat aber das meiste Geld. Hannes darf als Fährmann nicht heiraten und Annemarie schuftet in der Wirtschaft ihrer Eltern.

Es sind harte Zeiten mit strengen Regeln. Frauen haben nichts zu melden und Männer nur, wenn sie einen gewissen Status mitbringen. Aber selbst der Steiner Josef steht unter der Fuchtel seines Vaters und lässt die Gewalt wiederum an Annemarie und an seiner Angetrauten Elisabeth aus.

Aus diesen Zutaten entwickelt Regina Denk eine Geschichte, die sicherlich nicht untypisch für die damalige Zeit ist, die mir aber leider nicht so recht gefallen hat. Zum einen ist sie sehr brutal, zum anderen fand ich die Figuren der Lisi und des Hannes zu farblos. Die eine wird mitunter wie ein "Geist" beschrieben, der andere ist passiver Beobachter, der erst zum Schluss aus dieser Rolle ausbricht. Beide sind "die Guten", wogegen Josef "der Böse" ist. Mir fehlten da ein bisschen die Grautöne. Am besten hat mir noch die Figur der Annemarie gefallen, die auch nicht in ihrer Opferrolle verharrt, sondern sich im Laufe der Geschichte allmählich entwickelt.

Die Sprache passt sicherlich zur Gegend, in der die Geschichte spielt, konnte mich auf Dauer aber ebenfalls nicht begeistern. Es gibt eben Bücher, die nichts für mich sind und "Der Fährmann" ist eben leider ein solches.

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Veröffentlicht am 31.03.2025

Unglaubwürdig

HEN NA E - Seltsame Bilder
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In meiner Kindheit hatten wir einen Nachbarn, der konnte Dinge verschwinden lassen, indem er sie in die Luft warf. Ich habe geschaut und geschaut, wohin diese sich verflüchtigt hatten, konnte das Rätsel ...

In meiner Kindheit hatten wir einen Nachbarn, der konnte Dinge verschwinden lassen, indem er sie in die Luft warf. Ich habe geschaut und geschaut, wohin diese sich verflüchtigt hatten, konnte das Rätsel aber nicht lösen (ich war damals eben noch sehr klein).

Wenn mir heute allerdings jemand etwas verkaufen will, das so haarsträubend ist, wie die soeben gelesene Geschichte, dann falle ich nicht mehr darauf herein, sondern rolle höchstens mit den Augen.

In Japan wurde einst bekanntermaßen das Tamagotchi erfunden, jenes elektronische Wesen, das man nur am Leben erhalten konnte, indem man sich rund um die Uhr um es kümmerte. Da war ich glücklicherweise schon aus dem Alter heraus, in dem man solche Moden vielleicht noch mitmacht.

Der japanische Autor Uketsu (ein Name, der sich aus den Zeichen für Regen und Loch zusammensetzt, also ein Regenloch?) hat nun in Japan einen neuen Trend losgetreten, indem er rätselhafte Geschichten mit Krimi- und Horrorelementen schreibt, bei denen auch Bilder eine Rolle spielen. Es dauert eine Weile, bis man versteht, wie die einzelnen Kapitel und ihre Personen zusammenhängen, aber nach und nach kommt man hinter das Geheimnis bzw. bekommt die Erklärungen vom Autor direkt geliefert. Diese Erklärungen sind so abstrus, dass ich mich wundere, wie solch ein Krimi in Deutschland funktionieren kann, wo es doch bei dem sonntäglichen Tatort stets eine regelrechten Shitstorm gibt, wenn dieser ins Phantastische oder Experimentelle abdriftet.

Ich habe mich z.T. wie in einem Manga oder Superhelden-Film gefühlt. Die Personen agieren völlig unrealistisch (so tötet ein 11jähriges Mädchen seine Mutter, indem es sie niedertritt und ihr mit aller Kraft auf ihren Bauch springt) und es gab zahlreiche weitere Stellen, die ich hier leider nicht verraten kann.

Dass der Autor in der Öffentlichkeit eine weiße Maske und einen schwarzen Ganzkörperanzug trägt, wird den Hype um seine Bücher sicherlich noch befeuern, obwohl ich ihm - zumindest als Buchautor und Zeichner - kein großes Talent zuspreche. Verglichen damit ist Banksy, dessen wahre Identität ja ebenfalls nicht bekannt ist, ein echtes Genie!

Die Sprache des Buches ist schlicht und an manchen Stellen hatte ich das Gefühl, als würde bei der Übersetzung bereits KI eingesetzt. Die Übersetzerin Heike Patzschke hat ein weiteres Buch übersetzt, das ich seinerzeit ebenfalls mit nur 2 Sternen bewertet habe. Das muss nicht an der Übersetzerin liegen, allerdings würde ich Ausdrücke wie "mit grün und blau geschlagenen Händen" gerne im Original sehen, um mir einen Reim darauf machen zu können, wie das in der Praxis funktionieren soll.

Ich war tatsächlich neugierig auf das Buch und habe dem Autor zu Beginn noch so einiges durchgehen lassen, aber je weiter die Geschichte fortschritt, umso weniger hatte ich Lust, überhaupt weiterzulesen und das Ende fand ich so merkwürdig wie den ganzen Rest.

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