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Veröffentlicht am 22.10.2025

Mischung aus Nostalgie, Sommergefühl, Jugenddrama

Der große Sommer
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Ich kann gar nicht anders, als völlig begeistert von Der große Sommer von Ewald Arenz zu schreiben – dieses Buch hat mich gefangen genommen, mit seiner warmen Sprache, seinen ehrlichen Gefühlen und einer ...

Ich kann gar nicht anders, als völlig begeistert von Der große Sommer von Ewald Arenz zu schreiben – dieses Buch hat mich gefangen genommen, mit seiner warmen Sprache, seinen ehrlichen Gefühlen und einer Geschichte, die auf wunderbare Weise sanft und kraftvoll zugleich ist.

Der sechzehnjährige Frieder, der gerade die neunte Klasse nicht besteht und für den Sommer bei seiner Großmutter und dem strengen Stief­großvater untergebracht wird.

Die Beschreibungen sind so lebendig – man spürt den Sommer, die Hitze, die Erwartung, die Unsicherheit, die Verliebtheit.

Besonders schön finde ich, wie Arenz das Verhältnis zu den Großeltern gestaltet: Die Großmutter Nana mit ihrer liebevollen Art und dem Tagebuch-Geheimnis, der Großvater mit seiner strengen Fassade – und dann zeigt sich: da ist mehr dahinter. Frieder macht eine Beindruckende Wandlung durch, beginnt den Großvater zu verstehen – und damit auch sich selbst.
Das Thema Erwachsenwerden („coming-of-age“) wird hier nicht als dramatisches Spektakel dargestellt, sondern als leise, subtil spürbare Bewegung: Freundschaft, Verantwortung übernehmen, erste Liebe, Kontrollverlust, Verlust – all das schwebt mit.

Ein Satzbau, der sich dem Protagonisten anpasst: Für den Jugendlichen einfacherer Ausdruck, für die Rahmenhandlung (wo der erwachsene Frieder auf dem Friedhof inne­hält) etwas komplexer. So spürt man das Erwachsenwerden auch formal.

Die Mischung aus Nostalgie, Sommergefühl, Jugenddrama, aber auch Tiefe – das macht „Der große Sommer“ für mich zu einem dieser Bücher.

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Veröffentlicht am 29.02.2024

Skandale Hypes & Instrumentalisierung

Yellowface
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Rebecca F. Kuangs "Yellowface" ist eine Achterbahn der Emotionen, die die Leser:innen von Anfang an fesselt. Auf den ersten 100 Seiten wird man bereits in eine Welt voller Witz und Schärfe eingeführt. ...

Rebecca F. Kuangs "Yellowface" ist eine Achterbahn der Emotionen, die die Leser:innen von Anfang an fesselt. Auf den ersten 100 Seiten wird man bereits in eine Welt voller Witz und Schärfe eingeführt. Das Umkehren der Perspektive, dass eine weiße Autorin eine Geschichte über eine Minderheit schreibt eröffnet viele sehr wichtige Fragen darüber, wer warum welche Geschichten erzählt oder auch erzählen darf. Kuang schafft es dabei meisterhaft, die Dynamik von Kritik in Zeiten von Social Media zu beleuchten und die unterschiedlichen Plattformen und ihre Tücken zu reflektieren.

June und Athena feiern Athenas erfolge in der Literaturbranche, während June im inneren vor Neid platzt. Durche einen tragisch absurden Tod von Athena ergibt sich für June die Möglichkeit Athenas neuestes Manuskript zu stehlen und es unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen. Darauf folg eigentlich eine Erfolgsgeschichte sondergleichen, wenn June nicht von moralischen Selbstzweifeln und sich verselbstständigenden Narrativen auf Social Media Plattformen verfolgt wäre...

Die Protagonistin June rechtfertigt sich ständig vor sich selbst und auch den Leser:innen – was eine gewisse Ironie hat. Sie zeigt gewissermaßen ein Bewusstsein für ihre problematischen Handlungen, kommt aber dennoch immer zu dem Schluss, dass sie im Recht ist. Diese Selbstreflexion macht sie trotz ihrer fragwürdigen Entscheidungen auf eine Art und Weise sympathisch und menschlich – diese Sympathie wird sich aber im Laufe der Geschichte noch in alle möglichen Richtungen wandeln und herausgefordert werden.

Kuangs Darstellung von Skandalen, Hypes und politischer Instrumentalisierung ist äußerst beeindruckend. Sie zeigt, wie Schweigen Schaden anrichten kann und wie unkoordinierte Anschuldigungen online Debatte ersticken können, auch wenn wahre Argumente vorhanden sind.

Einige Wendungen und Offenbarungen im Verlauf des Buches sind schockierend und lassen die Leser:innen gespannt darauf warten, was als nächstes passieren wird. Die Vielzahl von Handlungen und Charakteren wird geschickt aufgelöst und verleihen dem Buch eine filmische Qualität.

"Yellowface" ist ein Buch, das einen mit seinen genialen Analysen und Formulierungen fasziniert und zum Nachdenken anregt. Die Geschichte hat ein rasantes Tempo und ist ein absolutes Muss für Leser, die sich von der ersten bis zur letzten Seite mitreißen lassen möchten. Kuangs Werk ist eine brillante Leseerfahrung, die ich jedem uneingeschränkt empfehlen würde.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Packend und unterhaltsame Einblicke in eine münchner Parallelgesellschaft

Hustle
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Leonie steht am Anfang der Geschichte vor vielen Leerstellen oder Fragezeichen in ihrem Leben. Ohne Job, ohne Wohnung ohne Ziel. Die einzig scheinbare Leidenschaft sind ihre Haustiere – die Schleimpilze.
Als ...

Leonie steht am Anfang der Geschichte vor vielen Leerstellen oder Fragezeichen in ihrem Leben. Ohne Job, ohne Wohnung ohne Ziel. Die einzig scheinbare Leidenschaft sind ihre Haustiere – die Schleimpilze.
Als sich dann ein Job in München eröffnet, nimmt sie ihn kurzerhand an, obwohl die Aufgabe (Insektenbestimmung) nicht wirklich ihrer Erfahrung entspricht.
Diese Spontanität und Offenheit wird sich durch das Buch durchziehen. Mit einer gewissen Scheiß-drauf-Mentalität erkundet sie München, datet sich halbherzig durchs münchner Tinder und sammelt Schleimpilze im Wald.
Aber die Alltagsgeschichte wird nicht lange so dahinziehen – was wunderbar zu lesen wäre und durchaus nahbar für die Leserschaft um die 30.
Die Geschichte nimmt eine drastische Wendung, als Leonie eine neue Freundin kennenlernt und durch sie motiviert wird, ihre Leidenschaft des Rachenehmens zu monetarisieren. Rache Inc. ist geboren und die Erzählung nimmt krimihafte Züge an, wenn Leonie ihre Aufträge ausführt.
Durch kurze Kapitel nimmt die Geschichte viel Fahrt auf und lässt gar nicht so viel Zeit, um sich in moralischen Debatten zu verlieren, wie vertretbar man das Rachegeschäft findet.
Leonies erstes Jahr in München verstreicht mit Höhen und Tiefen, wir begleiten alte und neue Freundschaften.
Ich fand es eine sehr unterhaltsame und schnelle Geschichte, die sich wunderbar in einem Kurzurlaub lesen lässt und einen in eine selbstbestimmte Welt von einer wunderbaren Frauenfreundschaft entführt.

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Veröffentlicht am 08.04.2024

Familienbeziehungen sind wohl nie einfach

Wir sitzen im Dickicht und weinen
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Wir sitzen im Dickicht und Weinen erzählt über mehrere Generationen hinweg eine Familiengeschichte von Frauen. Sie alle müssen die Mutterrolle einnehmen, Mal mehr Mal weniger freiwillig.
Durch viele Zeitsprünge ...

Wir sitzen im Dickicht und Weinen erzählt über mehrere Generationen hinweg eine Familiengeschichte von Frauen. Sie alle müssen die Mutterrolle einnehmen, Mal mehr Mal weniger freiwillig.
Durch viele Zeitsprünge lernt man wie die Einstellungen dieser Frauen geprägt wurden, welche Rolle der historische Zeitpunkt spielte und wie versucht wird, die Fehler die man selbst spüren musste, in der nächsten Generation besser zu machen.
Dass das gut gemeint ist aber nicht immer funktioniert ist vorprogrammiert.
Ein Hauptstrang der Geschichte spielt im hier und jetzt wo die Mutter mit einer Krebserkrankung kämpft und die erwachsene Tochter sich gezwungen sieht einen viel intensiveren Kontakt zu pflegen als ihr lieb ist.
Es ist eine sehr schwermütige Geschichte in der sich sicher viele wiederfinden können. Familien Beziehungen sind wohl nie einfach.

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Veröffentlicht am 11.01.2024

Ein fesselnder Roadtrip durch eine dystopische Zukunft

Endling
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Die Zukunftsvision, die in diesem Buch entworfen wird, mag zwar düster und deprimierend sein, doch sie erscheint zugleich erschreckend realistisch. Die Stimmung des Werks passt meiner Meinung nach perfekt ...

Die Zukunftsvision, die in diesem Buch entworfen wird, mag zwar düster und deprimierend sein, doch sie erscheint zugleich erschreckend realistisch. Die Stimmung des Werks passt meiner Meinung nach perfekt zu diesem düsteren Szenario, und die Fiktion wird zu einem mächtigen Instrument, um uns diese Lebensrealität eindrücklich vor Augen zu führen.

Der Auftakt der Geschichte beeindruckt mich besonders. In den einführenden Passagen wird die Geschichten sorgfältig eingeleitet und Charaktere gründlich vorgestellt und etabliert. Der eigentliche Roadtrip beginnt erst später, was ausreichend Raum für eine tiefgründige Vorstellung der drei Frauen bietet – ein Aspekt, der mir besonders zusagt.

Die Darstellung der Dynamik zwischen Geschwistern, vor allem im Kontext von Wegzug und den damit verbundenen familiären Konflikten, gelingt auf einfühlsame Weise. Der Umschwung durch die Rückkehr der großen Schwester/Nichte wirkt authentisch.

Die einzelnen Kapitel länger könnten sein, um die Geschwindigkeit der Ereignisse zu drosseln. Dadurch bleibt auch der Wunsch bestehen, noch tiefer in die Gedankenwelt der Hauptfigur Zoe einzutauchen.

Die zweite Hälfte des Buches überzeugt mit einer gelungenen Mischung aus unterhaltsamer Absurdität und Spannung. Einige Situationen könnten ausführlicher beschrieben werden, um zusätzliche Facetten der Charaktere zu zeigen und die Spannung weiter zu intensivieren.

Man findet sich in diesem Buch immer wieder an Wendepunkten, die die Geschichte unerwartet weiterführen. Das führt zu einem abwechslungsreichem Leseerlebnis, lässt einen jedoch auch manchmal mit Fragen zurück, die durch die Geschwindigkeit der Geschichte nicht beantwortet werden.

Alles in allem ist es ein schönes Buch das viele große Themen anspricht, aber trotzdem durch Humor eine gewisse Leichtigkeit mitbringt. Für die länge passiert sehr viel, was die Geschichte stellenweise gedrängt wirken lässt. Durch den sympathischen Schreibstil und die authentischen Charaktere bleibt der Wunsch nach mehr Zeit mit ihnen und der Geschichte nach beenden des Buches zurück.

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