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Veröffentlicht am 06.03.2024

Spoiler Alert

This Is Not The End
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„Das Ende ist gar nicht so wichtig. Sondern das, was davor war.“ (S. 317)
Hugh hat gerade die Highschool beendet und verkauft aus einem Eiswagen heraus Eis, das seine Schwester selber herstellt. Die verschiedenen ...

„Das Ende ist gar nicht so wichtig. Sondern das, was davor war.“ (S. 317)
Hugh hat gerade die Highschool beendet und verkauft aus einem Eiswagen heraus Eis, das seine Schwester selber herstellt. Die verschiedenen Sorten sind nach berühmten Serienmördern benannt und auch sonst ist sein Leben vom Tod beeinflusst, seit seine Eltern vor 2 Jahren bei einem Autounfall umgekommen sind. Zudem betreibt er den Blog Spoiler Alert, in dem er sich fast besessen mit dem Ende von Filmen, Büchern, Serien und dem Leben berühmter Menschen beschäftigt.
Eines Tages beobachtet er, wie seine ehemalige Mitschülerin Olivia beim Versuch in das Haus ihres Exfreundes einzubrechen, tödlich verunglückt. Doch ihre Wunden heilen sofort von selbst, denn sie ist unsterblich?! Da er nun ihr Geheimnis kennt, bittet sie ihn, sie im Eiswagen nach New York zu fahren, um ihrem Ex die Kiste abzunehmen, die er ihr gestohlen hat. Hugh lässt sich von ihr zu diesem Roadtrip überreden, schließlich hat er noch etwas gutzumachen ...

Hugh war immer beliebt, trotzdem hat er nur wenig echte Freunde, die ihn jetzt auch noch „verlassen“, weil sie aufs College wechseln. Er hingegen hat keine Ahnung, was er mit seinem Leben anfangen soll. Wenn es nach ihm ginge, würde er ewig mit seiner Schwester in ihrem Elternhaus leben und Eis verkaufen – Hauptsache, alles bleibt so, wie es ist, denn Veränderungen machen ihm Angst und mit Enden kann er nicht umgehen.
Olivia war schon immer eine Einzelgängerin und Außenseiterin, die sich ständig neu erfunden hat: „Das war ja das Verrückte an Olivia: Wann immer ihr danach war, schien sie einfach ihre alte Haut ab zu werfen und von vorne anzufangen, obwohl sie immer noch am selben Ort wohnte, mit denselben Leuten, die sie schon ihr Leben lang kannte.“ (S. 79/80)

Durch ihren Ausflug, auf dem einiges schiefgeht, lernen sie sich selbst und ihr Gegenüber neu und besser kennen. Vor allem Hugh geht über seine Grenzen hinaus, verlässt seine Komfortzone und spricht endlich über sein größtes Geheimnis und seine größte Angst. Dazu trägt auch bei, dass ihm Olivia erzählt, welchen Lebenslügen er bisher aufgesessen ist und wie er von anderen manipuliert wurde.
Ich bin sonst keine Fantasy-Leserin, aber der magische Aspekt von Olivias Dasein hat sehr gut in die Geschichte gepasst. Außerdem gefiel mir die Kombination aus Roadtrip und Coming of Age, dass beide auf der Reise erwachsen und sich darüber klar werden, was sie in Zukunft machen wollen.

„Du und ich, wir wären eigentlich Rivalen wie aus dem Bilderbuch. Ich spüre gar nichts, und du spürst zu viel.“ (S. 110) Molly Morris schreibt unglaublich tiefsinnig und philosophisch über zwei Jugendliche, die jeder auf ihre Weise vom Tod besessen sind. Hugh, weil aus seiner Angst vorm Tod die Angst vorm Leben geworden ist, und Olivia, weil sie ihren Tod schon unzählige Male er- und überlebt und darum vor nichts mehr Angst hat.
Die Geschichte ist sehr spannend und abwechslungsreich geschrieben, mit liebenswerten Protagonisten, in die man sich gut hinein- und mit ihnen mitfühlen kann. Ein tolles Debüt für junge Leser ab 14.

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Veröffentlicht am 04.03.2024

Ist das Kunst oder kann das weg?

Prost, auf die Künstler
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„Vielleicht hat sein Tod ja doch etwas mit den ganzen Bildern im Haus zu tun.“ (S. 82) Als der Bauer Karl Hinterleitner tot in seiner Scheune neben dem liebevoll restaurierten Lanz Bulldog 8506 aus den ...

„Vielleicht hat sein Tod ja doch etwas mit den ganzen Bildern im Haus zu tun.“ (S. 82) Als der Bauer Karl Hinterleitner tot in seiner Scheune neben dem liebevoll restaurierten Lanz Bulldog 8506 aus den 1930ern gefunden wird, sieht es so aus, als hätte er zu hoch gepokert. Seit Jahren hat er den wertvollen Traktor immer wieder interessierten Käufern angeboten und wenn man sich eigentlich schon mit dem Preis einig war, diesen noch mal hochgetrieben. So wie am letzten Wochenende beim Oldtimertreffen im Nachbarort.
Aber dann finden die Ermittler überall im Haus Ölgemälde in verschiedenen Stadien der Fertigstellung – und ein wertvolles Original. Hat Karl die selber gemalt oder sein Geld in Kunst investiert? Und wenn er Geld hatte, warum sieht sein Hof so verlottert aus? Tischler und Fink ermitteln nach der bewährten T-u-F-Methode (ergänzt von der K-u-S-Variante), tatkräftig unterstützt von Sekretärin Luise, die einige wichtige Informationen herausfindet und endlich mal mit vor Ort nachforschen möchte.

„Prost, auf die Künstler“ ist bereits der 9. Teil der Reihe mit Hauptkommissar Constantin Tischler und Polizeiobermeister Fink und genauso spannend und unterhaltsam wie seine Vorgänger, denn die Frotzeleien der beiden und ihrer Kollegen sind einfach zum Schießen. Mir gefällt, dass Fink ihm immer mehr Paroli bietet und sich auch sonst im Leben weniger sagen lässt – außer von seiner Mama und seiner Freundin, da hat er einfach nichts zu melden.

Tischler und Fink ermitteln in alle möglichen Richtungen, stapfen dabei über einige dreckige Äcker und Höfe (und merken, dass sie ihre Nachbarn doch nicht so gut kennen wie gedacht), und tauchen sogar ins Darknet ab. Außerdem stoßen sie auf einen anderen „Unfall mit Todesfolge“, der zu unwahrscheinlich klingt und etwas mit ihrem Fall zu tun haben könnte.

In Brunngrieß wird es einfach nicht langweilig und ich mag, wie es in der Reihe menschelt. Der Bürgermeisterwahlkampf tobt, die „Unternehmerin“ Tereza kocht wieder ihr eigenes Süppchen, in das sie den Automechaniker Steiner hineinzieht und auch mit Nori vom KRAUSE hat sie wohl noch was Besonderes vor. Außerdem scheint Jäger Ferstel, das Herrchen von Dackeldame Resi, nicht mehr lange allein durchs Leben gehen zu müssen (wenn man mal von Resi absieht). Ich bin gespannt, in welches Abenteuer TUF als nächstes dackeln.

Wieder 5 Sterne für diesen Kultkrimi mit viel Lokalkolorit!

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Veröffentlicht am 29.02.2024

Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn

Gruß aus der Küche
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… wurden Irma und Josh schon in der Schule geneckt und leider gibt es immer noch Gäste, die das diskriminierende Kinderlied in Irmas vegetarischem Restaurant Aubergine singen. Dabei mag Irma ihre runden ...

… wurden Irma und Josh schon in der Schule geneckt und leider gibt es immer noch Gäste, die das diskriminierende Kinderlied in Irmas vegetarischem Restaurant Aubergine singen. Dabei mag Irma ihre runden Formen, so sieht man gleich, dass ihre überwiegend pflanzliche Küche nicht für Verzicht, sondern für Genuss steht.

Schon 2015 hat Ingrid Noll mit „Der Mittagstisch“ ein Buch geschrieben, in dem eine Küche die zentrale Rolle spielt. Damals haben nicht alle Protagonisten überlebt, aber der "Gruß aus der Küche" ist kein Krimi, sondern eher ein Spannungsroman. Irma hat ein bunt gemischtes Völkchen um sich geschart, welches sich gern Streiche spielt, die auch mal über die Schmerzgrenze hinausgehen. Ob einer der Scherze aus dem Ruder läuft und alle überleben, verrate ich aber nicht.

Irma hat aus einer alten Dorfkneipe ein erfolgreiches vegetarisches Restaurant gemachen, dabei wirkt sie oft zu weich und gutmütig. Aber sie hat Temperament und ihr rutscht schon mal die Hand aus, wenn jemand zu frech wird. Ansonsten lässt sie ihren Angestellten viel durchgehen und der ewige Student Josh, mit dem sie mal zusammen war, hat als Oberkellner / Buchhalter / Hausmeister sowieso eine Sonderstellung, da sie auf ihn angewiesen ist. Natürlich hofft sie, dass er sie irgendwann heiratet, doch noch gräbt der Hahn im Korb jede Frau an, die ihm gefällt. Allerdings hat er auch eine gute Seite. Er wollte eigentlich Lehrer werden und unterrichtet jetzt unauffällig die 16jährige Küchenhilfe Lucy in Mathe und Englisch, weil sie die Schule schmeißen will. Lucy ist übermütig (und überheblich) und hat den Spitznamen Kichererbse – und leider auch deren Konzentrationsfähigkeit. Aber sie ist in Josh verliebt und will ihn beeindrucken, was er für seine Lehrzwecke ausnutzt. Zur Stammbesetzung gehört außerdem noch Irmas beste und älteste Freundin Nicole. Die zweifache Mutter ist nicht besonders helle und lässt sich oft auf die falschen Männer ein, aber sie hat ein Herz aus Gold und sich immer für Irma eingesetzt. Und seit einiger Zeit hilft „der Gemüsemann“ in der Küche aus – ein über 80jähriger Professor, der zu Hause einsam ist und darum jeden Tag in die Aubergine kommt.

Das Buch lebt von den skurrilen Charakteren und zwischenmenschlichen Rangeleien, ihren Wünschen, Träumen und Ängsten. Es erinnert ein bisschen an Shakespeares „Sommernachtstraum“, weil überkreuz geliebt wird und sich die passenden Paare nicht finden können oder wollen.
Mein Lieblingscharakter ist Irma. Sie ist cool, hat Mumm und lässt sich nicht reinreden, weder in die Karte noch in die Auswahl ihrer Angestellten, auch wenn die sich nicht immer grün sind. Und obwohl Josh beileibe kein Sympathieträger ist, konnte auch mich mit seiner Fürsorge um Lucy überraschen.

Ich war erstaunt, wie firm Ingrid Noll in der Jugendsprache ist, bei manchen Worten musste ich echt überlegen, was gemeint ist. Und die Veganer- und Vegetarierwitze haben mich regelmäßig zum Schmunzeln gebracht, genau wie das Denglisch, mit dem Josh Nicole veralbert.
Gefallen hat mir auch die Doppeldeutigkeit des Titels. Mit "Gruß aus der Küche" ist nicht nur das Amuse-Gueule gemeint, sondern auch die Streiche, die sich alle Beteiligten spielen und die Ohrfeigen, die Irma verteilt, wenn sie dabei übertreiben.

Eine Besonderheit des Hörbuches ist, dass die Protagonisten von unterschiedlichen SprecherInnen gesprochen werden, was das Unterscheiden der Charaktere natürlich einfacher macht.

Mich hat Ingrid Noll wieder sehr gut unterhalten, auch wenn ich eigentlich gar keine Auberginen mag.

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Veröffentlicht am 16.02.2024

Eine lebensrettende Freundschaft?

Das Mädchen mit dem blauen Stern
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Krakau 1942: Die 18jährige Sadie lebt mit ihren Eltern im jüdischen Ghetto und muss sich tagsüber im Kriechboden verstecken, damit sie bei Razzien nicht gefunden wird. Zum Glück ist sie aufgrund der Mangelernährung ...

Krakau 1942: Die 18jährige Sadie lebt mit ihren Eltern im jüdischen Ghetto und muss sich tagsüber im Kriechboden verstecken, damit sie bei Razzien nicht gefunden wird. Zum Glück ist sie aufgrund der Mangelernährung sehr klein und dünn, trotzdem hat sie Beklemmungen und Angst in ihrem Versteck. „Die Freiheit ist da, wo man sie findet. … Das größte Gefängnis steckt in unseren Köpfen.“ (S. 11/12)

Ella lebt auch in Krakau, kann sich als Nicht-Jüdin aber frei bewegen. Aber seit ihr Vater gefallen ist, gibt ihre Stiefmutter regelmäßig Partys für die Deutschen und teilt das Bett mit ihnen. Dann streift Ella kreuz und quer durch die Stadt. „Es war, als würde meine Ziellosigkeit mein Leben widerspiegeln, indem ich in einer Art Niemandsland gefangen war. … Im besetzten Krakau glich mein Dasein dem eines Kanarienvogels, der in seinem Käfig kaum Platz zum Umherflattern hatte.“ (S. 31)

Als das Ghetto im März 1943 nachts geräumt wird, können Sadie und ihre Eltern in die Kanalisation fliehen. Eigentlich wollen sie das Abwassersystem nur als Weg in die Freiheit nutzen, aber die Nazis sind ihnen zuvor gekommen und besetzen alle Ausgänge – sie werden bis Kriegsende hier bleiben müssen. Für Sadie ist das unvorstellbar, um nicht durchzudrehen, geht sie regelmäßig in den unterirdischen Gängen spazieren und schaut durch die Kanaldeckel nach oben.

„Ich war kein mutiger Mensch.“ (S. 111) sagt Ella über sich selber, aber als sie Sadie in der Kanalisation entdeckt, ist für sie sofort klar, dass sie helfen muss. Aus ihrer ersten Begegnung entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, für die beide alles riskieren …

Pam Jenoffs „Das Mädchen mit dem blauen Stern“ beruht auf einer wahren Begebenheit und ist die berührende Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Sadie und Ella könnten kaum unterschiedlicher sein, aber sie verbindet der Hass auf die Deutschen und die Sehnsucht nach Freiheit. Ella träumt davon, zu ihrem älteren Bruder nach Paris zu gehen und ihrer Stiefmutter zu entkommen. Sadie wäre schon froh, wenn sie ihre unterirdische Welt verlassen könnte. Sie sehnt sich nach frischer Luft und den Sternen, die sie mit ihrem Vater immer beobachtet hat.
Ihr Aufeinandertreffen ist für beide extrem gefährlich. Sadie und die anderen Bewohner der Kanalisation haben Angst, verraten, entdeckt und doch noch verschleppt zu werden. Ellas Feind sitzt im eigenen Haus – ihre Stiefmutter würde alles tun, um sie loszuwerden und sie wegen der Unterstützung der Juden anzeigen.

Das Setting ist extrem beklemmend. Zur Angst der jüdischen Flüchtlinge vor Entdeckung kommt der Ekel vor der Kanalisation, der Enge, dem Dreck, dem verschmutze Wasser. Außerdem sind sie darauf angewiesen, dass ihre die Helfer sie regelmäßig mit dem Notwendigsten versorgen – sonst müssen sie verhungern.
Aber auch Ella lebt gefährlich und darf sich nicht erwischen lassen, wenn sie die Lebensmittel zu Hause entwendet und übergibt.

Das Buch ist abwechselnd aus der Sicht der beiden Frauen geschrieben, dadurch erlebt man ihre Ängste, Gedanken und Gefühle unmittelbar. Zusätzlich hat die Autorin den Epilog und Prolog so gestaltet, dass man bis zuletzt nicht weiß, wie es ausgeht und mit ihnen mitfiebert. Zudem schreibt sie so bildlich, dass man einen sehr guten Eindruck davon bekommt, wie Krakau damals aussah und wie extrem unterschiedlich die Lebensbedingungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen waren. Ein wichtiges Buch #gegendasvergessen.

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Veröffentlicht am 14.02.2024

Die Chat-Freundschaft

Und die Welt, sie fliegt hoch
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„Du hast Zeit, und ich habe Langeweile. Wenn ich Langeweile habe, bin ich nicht wählerisch.“ Die letzten 2 Wochen der Sommerferien sind angebrochen, als Juri plötzlich eine Nachricht von Ava bekommt. Sie ...

„Du hast Zeit, und ich habe Langeweile. Wenn ich Langeweile habe, bin ich nicht wählerisch.“ Die letzten 2 Wochen der Sommerferien sind angebrochen, als Juri plötzlich eine Nachricht von Ava bekommt. Sie sind 14 und haben sich seit der 4. Klasse nicht mehr gesehen. Angeblich hat sie seine Nummer beim Aufräumen gefunden. Während alle ihre Freunde im Freibad sind, hat sie Hausarrest und sich erinnert, dass er früher (schon) nicht ins Wasser gegangen ist.
Juri hat erst überhaupt keine Lust, aber Ava bombardiert ihn so lange mit Sprachnachrichten und denkt sich immer neue Geschichten aus, warum sie nicht raus darf, bis er ihr antwortet. Sie erinnern sich an das Kostümfest damals, als sie als komischer Vogel ging und er als Astronaut, erzählen sich von ihren Zimmern, ihrem Leben und ihren Familien. Aber beide machen ein Geheimnis daraus, warum sie gar nicht und er kaum aus dem Haus gehen. Irgendwann öffnet sich Juri und erzählt ihr sein größtes Geheimnis – doch auch Ava hat eins, dass ihre fragile, neu gewonnene Freundschaft wieder zerstören könnte.

„Und die Welt, sie fliegt hoch“ ist ein sehr einfühlsames Buch über zwei Jugendliche, die eigentlich nichts gemeinsam habe und sich, ohne sich zu treffen, anfreunden. Juri will seine Ruhe, Ava Unterhaltung, er ist introvertiert, sie extrovertiert, er verkriecht sich am liebsten in seinem Zimmer, sie würde aus ihrem am liebsten ausbrechen. Irgendwann reden sie auch über ihre Wünsche, Träume und Ängste – die vor dem Erwachsenwerden haben sie gemeinsam („Die Welt, sie fliegt hoch … und alle gucken zu.“) – und Stück für Stück schafft sie es, ihn aus seinem Schneckenhaus zu holen. Doch dann erfährt er etwas über sie, das alles verändert.

Mich hat Avas und Juris Geschichte sehr berührt, denn auch wenn Ava stark, fordernd und unbesiegbar wirkt, versteckt sich dahinter doch nur ein Mädchen, dass nicht alleine oder still sein kann, keine Langweile erträgt und weiß, dass sie für ihre Eltern dadurch eine Belastung ist. Aber mit Juri fühlt sie sich anders: „Mit dir habe ich das Gefühl, genau richtig zu sein.“
Juri ist das komplette Gegenteil. Er würde sein Zimmer am liebsten nie verlasen („Ich habe das Gefühl, dass mir nur in meinem Zimmer nichts passieren kann, dass ich nur hier sicher bin.“) und hat schon seit frühester Kindheit vor vielem Angst. Diese Angst hat seit Corona die Kontrolle über seine Leben übernommen, seine Eltern verzweifeln deswegen langsam.

Sarah Jäger hat das Buch als Chatprotokoll geschrieben, auf den linken Doppelseiten sind Avas Sprachnachrichten abgedruckt, auf den rechten Juris Antworten. Das klingt zwar ungewöhnlich, lässt sich aber sehr gut lesen und man ist den Beiden dadurch sehr nah, erlebt ihre Gedanken und Gefühle unmittelbar.
Sarah Maus hat diesen Austausch wunderschön in schwarz-weiß illustriert. Auf ihren Bildern ist Ava als komischer Vogel dargestellt und Juri als Astronaut – sie sehen also genau so wie beim dem Kostümfest damals und die Verkleidungen verraten viel mehr über ihr Innerstes, als ihnen klar ist.

Für mich ist es ein echtes Herzensbuch und eine Empfehlung für alle Jugendlichen ab 12.

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