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Veröffentlicht am 11.03.2024

Zwischen Pixeln und Poesie: Eine Achterbahn der Kreativität in "Morgen, morgen und wieder morgen"

Morgen, morgen und wieder morgen
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"Wenn aus einer Geliebten eine Freundin werden soll, darf man nie aufhören, sie zu lieben. Man muss sich klarmachen, dass eine Beziehung aus Abschnitten besteht, und wenn einer endet, kann die Beziehung ...

"Wenn aus einer Geliebten eine Freundin werden soll, darf man nie aufhören, sie zu lieben. Man muss sich klarmachen, dass eine Beziehung aus Abschnitten besteht, und wenn einer endet, kann die Beziehung als etwas anderes weiterbestehen. Die Liebe ist Konstante und Variable zugleich." - S. 422

Gabrielle Zevin entführt uns mit "Morgen, morgen und wieder morgen" in die aufregende Welt der Computerspielentwicklung der 90er-Jahre in Massachusetts. Sadie, eine hochbegabte Informatikstudentin, und Sam, ihr einstiger Super-Mario-Partner, durchleben eine kreative Achterbahn, die nicht nur ihr berufliches Schaffen, sondern auch ihre Freundschaft auf die Probe stellt.

Zevin, eine vielseitige Autorin mit internationalen Bestsellern, schafft es, die Atmosphäre der Zeit sowie die Dynamik der aufkeimenden Computerspielbranche einzufangen. Ihr Schreibstil, geprägt von klaren Momenten der Spannung und gelegentlichen Längen, verwebt geschickt Vergangenheit und Zukunft.

Aufgrund zahlreicher positiver Empfehlungen habe ich mich auf "Morgen, morgen und wieder morgen" eingelassen und wurde nicht enttäuscht. Gabrielle Zevin entführt die Leser:innen in die aufregende Welt der 90er-Jahre, in der Sadie, eine hochbegabte Informatikstudentin, und Sam, ihr früherer Super-Mario-Partner, gemeinsam an einem Computerspiel arbeiten. Die Autorin verwebt dabei geschickt Vergangenheit und Zukunft – die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte, was der Erzählung Tiefe verleiht. Die Einschübe aus verschiedenen Zeiten ermöglichen Einblicke in die Popkultur und die kreativen Herausforderungen der Protagonist:innen. Die Zeitreise durch die 90er-Jahre gelingt gut, und das Setting vermittelt authentisch das Lebensgefühl dieser Ära. Die Geschichte über Freundschaft, Arbeit, Liebe und die aufstrebende Computerspielbranche ist über weite Strecken spannend und amüsant.

Allerdings gibt es immer mal wieder Momente, in denen sich die Handlung zieht und Figuren auftauchen, bei denen nicht klar ist weshalb sie in die Handlung eingeführt wurden. Vor allem gegen Ende hat es sich ganz schön gezogen. Einige Passagen hätten gekürzt werden können, um den Lesefluss zu verbessern. Die Gaming-Thematik mag für manchen Geschmack überstrapaziert/too much wirken, ich fand es äußerst spannend, auch wenn ich selbst wenig Bezug dazu habe.

Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, auch wenn sie gelegentlich aufgrund des hin und hers nerven. Die philosophischen Fragen, die gegen Ende aufgeworfen werden, regen zum Nachdenken an und verleihen dem Buch eine gewisse Tiefe.

Insgesamt ist "Morgen, morgen und wieder morgen" eine lebendige Achterbahnfahrt durch das Leben der Protagonist:innen und die (Spiele-)Welt der 90er-Jahre, die mit ihren Höhen und Tiefen eine breite Palette von Emotionen anspricht und auch für Leser:innen ohne Gaming-Affinität zugänglich ist. Ich vergebe daher 4 von 5 Sternen.

"Was ist ein Spiel?", fragte Marx. "Es ist morgen, morgen und wieder morgen. Die Möglichkeit einer unendlichen Wiedergeburt und unendlichen Erlösung. Die Vorstellung, dass du, solange du weiterspielst, gewinnen kannst. Kein Verlust ist von Dauer, denn nichts ist von Dauer, niemals." - S. 471

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Veröffentlicht am 09.03.2024

Babas Schweigen – Zwischen Familiengeheimnissen und der Suche nach Identität

Babas Schweigen
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"Wir sind noch nicht weit gefahren und trotzdem lassen der karge Munzur und der Fırat eine tiefe Sehnsucht entstehen. Sehnsucht wie Özlem. Jetzt weiß ich, warum ich so getauft wurde. Ich bin das Kind, ...

"Wir sind noch nicht weit gefahren und trotzdem lassen der karge Munzur und der Fırat eine tiefe Sehnsucht entstehen. Sehnsucht wie Özlem. Jetzt weiß ich, warum ich so getauft wurde. Ich bin das Kind, das in der Sehnsucht entstanden und geboren ist." - Buchzitat (S.91)

Özlem Çimen entfaltet in ihrem Debütroman "Babas Schweigen" eine zutiefst emotionale Reise durch die Identität einer Familie. Die Geschichte wird aus der Sicht der Protagonistin aufgeblättert, die sich unerwartet der eigenen Vergangenheit stellen muss.

Die Autorin, selbst aufgewachsen in der Schweiz, begibt sich als Erwachsene zurück in das ostanatolische Dorf ihrer Kindheit. Die Sommer, einst von unbeschwerter Freude geprägt, werden zum Schauplatz einer schmerzhaften Enthüllung. Durch einen beiläufigen Kommentar ihres Onkels erfährt Çimen, dass das Dorf einst von Armenier:innen bewohnt war – eine Tatsache, die sie nie zuvor in Erwägung zog. Dieser Moment des Erwachens setzt eine intensive Forschungsreise in Gang, die sie schließlich dazu bewegt, das lang gehütete Schweigen ihres Vaters zu brechen.

Das Buch, obwohl kurz, entfaltet sich immer aus der Perspektive der Protagonistin in drei Zeitebenen: der Kindheit in den 90ern, der Erkenntnis im Jahr 2013 und der endgültigen Konfrontation im Jahr 2022. In knappen Kapiteln verwebt Çimen Kindheitserinnerungen mit gegenwärtigen Stimmungsbildern und schafft so ein facettenreiches Bild ihrer Familiengeschichte.

Die Erzählung ist geprägt von subtilen Hinweisen, die sich nach und nach zusammensetzen. Die Protagonistin durchlebt eine Achterbahn der Gefühle, von der Unschuld der Kindheit bis zur schmerzhaften Wahrheit über den Völkermord an den Armenier:innenn. Dabei werden nicht nur persönliche Familiengeheimnisse, sondern auch die kollektive Geschichte einer Minderheit enthüllt. Die kulturellen Elemente, eingewoben in die Geschichte, verleihen dem Werk eine besondere Authentizität. Çimen beschreibt mit Liebe zum Detail die aprikosenbestandenen Landschaften, kulinarische Genüsse und traditionelle Bräuche. Die Verwendung der zazakischen Sprache in den Kapitelüberschriften (hêkete, cirestiş ...) trägt zur kulturellen Tiefe bei und vermittelt einen Einblick in die Vielschichtigkeit der Erzählung. Die Sprache ist einfühlsam und poetisch, ohne dabei an Präzision zu verlieren. Besonders gelungen ist die Integration von humorvollen Momenten, die die Schwere des Themas auflockern. So hat mich die kurze Sequenz mit den Sonnenkernen erheitert, weil ich mich selbst auch in der Situation von Felix gesehen hab, als ich mich zum ersten Mal an die Kerne gewagt habe: "Das Knabbern von Sonnenblumenkernen ist so etwas wie ein Nationalsport. Die Schalen werden auf einen Haufen gespuckt. Dabei geht es darum, den größeren Haufen zu produzieren als die anderen" (S. 16)

Die finale Konfrontation des Vaters und die darauffolgende Friedensschließung der Protagonistin mit der Familiengeschichte hinterlassen einen starken Eindruck: "Wir werden viele Geschichten hören, die wir nicht immer verstehen werden. Vielleicht werden wir eines Tages alle Zusammenhänge begreifen, die für uns im Moment noch im Verborgenen sind." (S.90) Für mich war er allerdings zu kurz gegriffen und zu aprubt.

"Babas Schweigen" ist eine literarische Perle, die Geschichte, Kultur und persönliche Entdeckungen in einem harmonischen Geflecht verbindet. Als Leser:in wird man mit auf eine emotionale Reise genommen, die nachdenklich stimmt und zum Verständnis transgenerationaler Traumata beiträgt. Özlem Çimens "Babas Schweigen" verdient 4 Sterne (einen Stern Abzug wegen dem Ende) für seine tiefe Emotionalität, kulturelle Authentizität und subtile Enthüllung familiärer Geheimnisse. Ein Buch, das trotz seiner Kürze nachhaltige Eindrücke hinterlässt.

Das Buch ist ein Rezensionsexemplar. Dies hat die Meinung jedoch nicht beeinflusst.

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Veröffentlicht am 09.03.2024

"Kanak Kids: Ein Humorvoller Blick auf Identität, Freundschaft und kulturelle Vielfalt"

Kanak Kids
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Anna Dimitrova, geboren 1998 in Sofia, Bulgarien, entführt uns in ihrem Debütroman "Kanak Kids. Halb angepasst und voll dazwischen" in die Welt der sechzehnjährigen Dessi. Die Autorin selbst zog mit zwölf ...

Anna Dimitrova, geboren 1998 in Sofia, Bulgarien, entführt uns in ihrem Debütroman "Kanak Kids. Halb angepasst und voll dazwischen" in die Welt der sechzehnjährigen Dessi. Die Autorin selbst zog mit zwölf Jahren von Bulgarien nach Deutschland und schöpft aus ihren eigenen Erfahrungen, um eine mitreißende Geschichte über Identität, kulturelle Vielfalt und Freundschaft zu erzählen. Seit ihrem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München arbeitet Dimitrova als freiberufliche Drehbuchautorin und wurde bereits mit dem First Steps Award ausgezeichnet.

In "Kanak Kids" steht Dessi im Mittelpunkt, eine Jugendliche, die ein Doppelleben führt. In ihrem Münchner Brennpunktviertel Neuperlach gibt sie sich als "Assi-Ausländerin", während sie am Innenstadtgymnasium als Daisy mit blonden Haaren und Hochdeutsch auftritt. Dessi jongliert zwischen zwei Welten, hält ihre Freund:innen voreinander geheim und versucht, überall dazuzugehören, um sich nicht angreifbar zu machen. Doch als Bo, ihr Nachbar und Mitschüler, ihre Verwandlung entdeckt, geraten ihre beiden Welten ins Wanken.

Das Buch nimmt einen mit auf eine Reise durch die Höhen und Tiefen von Dessis Teenager Leben, geprägt von Freundschaften, kulturellen Herausforderungen und auf der Suche nach der eigenen Identität. Der Autorin gelingt es, diese und weitere (ernsten) Themen mit viel Humor zu verpacken, wodurch das Buch sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken anregt. Dessis Geschichte ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch tiefgründig und gesellschaftskritisch. Durch die vielschichtigen Charaktere, angefangen bei Dessi über ihre Freund:innen bis hin zu ihren Eltern, wird die Erzählung abwechslungsreich.
Die Erzählung besticht durch einen lebendigen Schreibstil, der mich von Anfang an in die Welt von Dessi gezogen hat. Ihre Emotionen und Gedanken wirken authentisch und ich konnte mich sehr gut in sie hineinfühlen. Die Geschichte hat mich von Anfang an gepackt und vor allem in der zweiten Hälfte gefesselt, als klar wurde, dass Dessis Lügen über kurz oder lang auffliegen werden.

Die Botschaft von "Kanak Kids" ist klar und wichtig: Es geht darum, sich selbst treu zu bleiben, unabhängig von kulturellen sowie familiären Erwartungen und Vorurteilen. Die Geschichte regt dazu an, über Toleranz, Akzeptanz und das Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft nachzudenken.
Insgesamt vergebe ich 4 von 5 Sternen für "Kanak Kids. Halb angepasst und voll dazwischen". Das Buch hat mich durch seine mitreißende Geschichte, den gelungenen Humor und die relevanten Themen überzeugt.

Das Buch ist ein Rezensionsexemplar. Dies hat meine Meinung dazu jedoch nicht beeinflusst.

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Veröffentlicht am 06.03.2024

"Die Körper, die sich bewegen" - Die Geschichte einer Flucht, die Herzen berührt

Die Körper, die sich bewegen
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Bunye Ngene, geboren 1985 in Lagos, Nigeria, präsentiert mit "Die Körper, die sich bewegen" seinen beeindruckenden Debütroman. Nach seinem Germanistik-Bachelor in Ibadan wagte er den Umzug nach Deutschland ...

Bunye Ngene, geboren 1985 in Lagos, Nigeria, präsentiert mit "Die Körper, die sich bewegen" seinen beeindruckenden Debütroman. Nach seinem Germanistik-Bachelor in Ibadan wagte er den Umzug nach Deutschland für einen Masterabschluss in Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dieser Roman, auch in englischer Ausgabe als "The Bodies That Move" bekannt, erreichte als Finalist des Next Generation Indie Book Awards 2021 und Semifinalist des BookLife Prize 2021 beeindruckende Anerkennung.

Inhaltlich führt uns Ngene auf eine intensive Reise. Der 25-jährige Nosa, von seinem Vater verlassen und von der Perspektivlosigkeit in Nigeria getrieben, entscheidet sich für eine gefährliche Reise nach Europa. Die Geschichte entfaltet sich während seiner strapaziösen Reise durch Transitstädte, Unterschlüpfe und Internierungslager in Nigeria, Niger und dem kriegsgebeutelten Libyen. Nosa begegnet anderen Reisenden, die alle den Traum eines besseren Lebens in Europa teilen.

Ngene's Schreibstil ist unmittelbar und einfühlsam. Die Erzählung beginnt mit Nosa, der auf dem Mittelmeer gestrandet ist, und über die Ereignisse reflektiert , die ihn in diese ausweglose Situation geführt haben. Von Anfang an spürt man die Intensität der Geschichte und weiß zumindest, dass Nosa es bis aufs Boot schafft. Nach dem Prolog wird seine in Form einer Rückschau erzählt.

Die Themen, die in diesem Roman behandelt werden, sind zahlreich und tiefgehend. Von Armut und Reichtum über Korruption bis hin zu Liebe und Verlust - Ngene berührt viele Aspekte menschlichen Lebens. Besonders beeindruckend ist die Vielfalt der angesprochenen Themen, angefangen bei der Auswanderung und Flucht bis hin zu gesellschaftlichen Erwartungen, Stereotypen, religiösen Aspekten, Queerness und den spezifischen Herausforderungen und Gewalterfahrungen, mit denen Frauen auf der Flucht konfrontiert sind.

Die Brutalität und Härte, die mit einer Flucht verbunden sind, werden schonungslos dargestellt. Ngene vermeidet es, die Realität zu beschönigen, und zeigt auf, welchen Gefahren und Entbehrungen Menschen auf der Flucht ausgesetzt sind. Dies ist besonders wichtig, um das Bewusstsein für die drängenden Probleme zu schärfen und Mitgefühl zu fördern. Das Buch sollte daher im Sinne der Empathieförderung und Demokratieförderung Pflichtlektüre in jeder Schule sein.

Die Charaktere in "Die Körper, die sich bewegen" sind lebendig und facettenreich. Nosa, der Protagonist, wird einfühlsam dargestellt, und seine Reise ermöglicht es mir als Leserin, tiefe Einblicke in die Herausforderungen und Träume der Menschen auf der Flucht zu gewinnen. Die Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen, Freundschaften und Familienbande ist ergreifend und trägt zur emotionalen Bindung an die Geschichte bei. Auf seinem Weg erfahren wir nicht nur viel über Nosas Geschichte sonden auch viele Wegbegleiter:innen, die alle ihr individuelles Schicksal haben: Idemuia, Chukwudi, Stephen, Sophia, Namazzi, Aiah, Chinelo...

Die vielschichtige Handlung und die verschiedenen Themen könnten für einige Leser:innen herausfordernd sein, da sie eine Fülle von sozialen, politischen und emotionalen Aspekten umfassen. Ngene's Entscheidung, diese Vielfalt zu integrieren, verleiht jedoch der Geschichte Authentizität und Relevanz.

Das Buch endet mit einem Epilog, der auf eindringliche Weise politische Botschaften über den Umgang Europas mit Menschen auf der Flucht, aus meiner Sicht eine europäische Wertekrise vermittelt. Die letzten Seiten hinterlassen einen bleibenden Eindruck und regen zum Nachdenken an. Ich gebe dem Werk 4 von 5 Sternen und kann es nur jeder Person empfehlen, die sich ein Bild von den Schicksalen hinter der "Flüchtlingswelle" machen möchte.

Bei dem Buch handelte es sich um ein Rezensionsexemplar. Die hat jedoch keinen Einfluss auf die Bewertung.

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Veröffentlicht am 06.03.2024

Tiefgründige Gefühle und familiäre Abgründe an der Côte d’Azur

Nachts erzähle ich dir alles
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Anika Landsteiner, eine Autorin, die genau hinschaut und sich für die Empfindungen fremder Menschen interessiert, zeigt mit "Nachts erzähl ich dir alles" erneut ihre Fähigkeit, authentisch und einfühlsam ...

Anika Landsteiner, eine Autorin, die genau hinschaut und sich für die Empfindungen fremder Menschen interessiert, zeigt mit "Nachts erzähl ich dir alles" erneut ihre Fähigkeit, authentisch und einfühlsam zu schreiben. Als Schauspielerin und Journalistin bringt sie eine einzigartige Perspektive in ihre Werke ein. Nach ihrem Debüt "Gehen, um zu bleiben" und zahlreichen anderen Werken veröffentlichte sie im 2023 diesen Roman, der sich tiefgreifend mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt.

Inhaltlich entführt uns Landsteiner nach Südfrankreich, wo Léa vor ihrem deutschen Leben flieht. Auf dem alten Familienanwesen in der Côte d’Azur plant sie, zur Ruhe zu kommen. Doch ein tragisches Ereignis ändert alles: In einer nächtlichen Unterhaltung stirbt eine junge Frau, und Léa, die Letzte, die sie gesehen hat, wird mit den Fragen des Bruders konfrontiert. Die Geschichte entwickelt sich zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit Familiengeheimnissen, Liebe und dem schweren Thema des Schwangerschaftsabbruchs.

Das Buch überrascht mit einer Vielzahl von Themen, darunter weibliche Selbstbestimmung, Liebe, Queerness, Trauer, Verlust, Abtreibung, Tod, Freundschaft, familiäre Beziehungen, Partnerschaftsgewalt, Patriarchat und Mutterschaft. Landsteiner webt diese Themen geschickt in die Handlung ein, was zu einem facettenreichen Lesevergnügen führt.
"Nachts erzähl ich dir alles" ist kein gewöhnlicher Roman. Er durchbricht die üblichen Erzählmuster und beleuchtet tiefgehende, gesellschaftlich relevante Themen. Die Protagonist:innen sind authentisch, jede:r mit der eigenen Geschichte, die auf berührende Weise miteinander verknüpft ist.
Das Setting in der Provence/an der Côte d’Azur ist malerisch und wird von Landsteiner lebendig beschrieben. Die Atmosphäre des französischen Lebens fängt sie gekonnt ein, und als Leserin spüre ich die Sehnsucht nach diesem idyllischen Ort.
Die Handlung ist ruhig, aber durch die tiefgehende Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Lebensumständen und den schwierigen Themen bleibt die Geschichte fesselnd. Die Erzählweise ist klug gewählt und regt zum Nachdenken an.
Die Charakterchemie zwischen Léa und Alice ist besonders beeindruckend. Landsteiner vermittelt einfühlsam die Komplexität von Beziehungen und beleuchtet dabei auch die vielen Facetten von Begehren.
Das Buch vermittelt eine klare Botschaft und regt dazu an, über die behandelten Themen nachzudenken. Besonders hervorzuheben sind die Einschübe von Claire, einer alten Freundin von Léas Mutter. Diese bieten einen tiefen Einblick in die Thematik und ergänzen die Handlung auf wundervolle Weise.

Einige Schwachstellen in der Handlung, die an manchen Stellen zu oberflächlich oder vorhersehbar wirkt, werden durch die Authentizität der Charaktere ausgeglichen.

Insgesamt ist "Nachts erzähl ich dir alles" der durch seine tiefgreifende Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen und die Authentizität seiner Charaktere überzeugt. Ein Lesegenuss, der zum Nachdenken anregt und bleibenden Eindruck hinterlässt. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

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