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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.03.2024

Eine gelungene Fortsetzung

Das Opernhaus: Rot das Feuer
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Nach dem gelungenen Auftakt der Reihe rund um die Dresdner Oper mit „Das Opernhaus: Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie“ liegt nun die fesselnde Fortsetzung mit dem Titel „Das Opernhaus: Rot das Feuer“vor.
Das ...

Nach dem gelungenen Auftakt der Reihe rund um die Dresdner Oper mit „Das Opernhaus: Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie“ liegt nun die fesselnde Fortsetzung mit dem Titel „Das Opernhaus: Rot das Feuer“vor.
Das Cover ist ähnlich gestaltet wie beim erste Band und hat daher einen hohen Wiedererkennungswert, auch wenn es mir nicht so ganz gefällt.

Wir schreiben inzwischen das Jahr 1849. In Dresden brodelt es. Viele sind mit den halbherzigen Reformen nach den Aufständen von 1848 nicht zufrieden.

Am Dirigentenpult der Semperoper steht seit einiger Zeit Richard Wagner. Zu seinem Leidwesen spielt man vor allem die Opern von Mozart. Dabei würde er gerne seine eigenen Ideen auf das Notenpapier bannen, was er in illustrer Runde auch dem Revolutionär Michael Bakunin, der unter falschem Namen in Dresden weilt, auch kundtut.

„...Alter Freund, ich arbeite gerade an einem neuen Stoff, den Nibelungen – die Komposition ist für mich das Wichtigste! Aber ich will die ganze Welt revolutionieren, die der Politik und die der Musik!...“

Daneben versuchen die Frauenvereine unter der Führung von Luise Otto, Rechte für sich einzufordern. Dazu ruft sie unzufriedene Frauen auf, Artikel für ihre Zeitung zu schreiben. Elises jüngste Schwester Barbara ist Feuer und Flamme für die Frauenbewegung und scheint sich auch nicht für Männer zu interessieren.

Elise hingegen ist in einer lieblosen Ehe mit Adam Jacobi gefangen. Zwar kann sie bei Konzerten auftreten und ist als Geigerin anerkannt, aber die Bewunderung der Zuhörer kann die fehlende Zuneigung in ihrer Ehe nicht ersetzen. Da die Ehe kinderlos bleibt, haben sie ein kleines Waisenmädchen adoptiert, dem sie ihre Liebe schenkt.

Als sie dann eines Tages Christian, der nun ein geachteter Kulissenmaler ist, wiedersieht, brechen bei beiden die alten Gefühle wieder auf. Als in der Stadt gekämpft und gestorben wird, überschattet die Sorge um Barbara, die sich mitten unter die Aufständischen mischt, Elises persönliche Gefühle.

Doch dann entdeckt Adam eine Nachricht von Christian, will seine Frau züchtigen und erleidet dabei einen Schlaganfall, den er als Pflegefall nur ganz knapp überlebt.

Elise übernimmt nun die Verantwortung für ihren Haushalt. Ihre Gedanken sind bei Christian, der aus Dresden, wie so viele andere, darunter Gottfried Semper und Richard Wagner, fliehen muss. Als dann Elise wenige Monate nach der Revolution ein Kind bekommt, darf der geneigte Leser über den Vater spekulieren.

Meine Meinung:

Die politische angespannte Situation, die nach der Niederschlagung der Kämpfen vom Frühjahr 1848 vor sich hingeköchelt hat, eskaliert, nachdem der König den Landtag überraschend aufgelöst hat. Der Volkszorn entfacht sich vor allem an den hohen Lebensmittelpreisen, während der Adel es sich an nichts fehlen lässt. Auch die abwartende und zögernde Haltung Preußens, dessen König man die Kaiserkrone für ein geeintes Deutschland angetragen hat, erzürnt die monarchistischen Aufständischen, während die anderen lieber gleich eine Republik ganz nach dem französischen Vorbild hätten.

Um die Situation für die Leser deutlich zu machen, bindet Anne Stern zeitgenössische Briefe und Dokumente in diesen zweiten Band ein. Daneben finden wir eine Karte von Dresden. Geschickt werden historische Fakten und Fiktion miteinander verquickt.

Im Nachwort erklärt die Autorin einiges zu den Ereignissen und bereitet die Leser auf einen dritten Band, der bereits in Arbeit ist, vor.

Fazit:

Eine gelungene Fortsetzung, die die Ereignisse während der Revolution von 1849 fesselnd erzählt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 14.03.2024

Die Reisen des Anton Bruckner

Dickschädels Reisen
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Anton Bruckner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr vor allem im „Oberderennsischen“ ausgiebig gefeiert wird, war dem Vernehmen nach ein Dickschädel und viel auf Reisen. In wie weit die Bezeichnung Dickschädel ...

Anton Bruckner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr vor allem im „Oberderennsischen“ ausgiebig gefeiert wird, war dem Vernehmen nach ein Dickschädel und viel auf Reisen. In wie weit die Bezeichnung Dickschädel passt, kann nicht so eindeutig festgestellt werden, denn Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern sagt man im Allgemeinen ein Festhalten an einer vorgefassten Meinung und eine gewisse Beharrlichkeit nach. Viel herumgereist ist er definitiv und das in einer Zeit, als das Reisen ziemlich mühsam war und die Mehrzahl der Menschen in ihrem ganzen Leben nicht aus dem Wohnort herausgekommen sind.

Wir begeben uns mit Autor Florian Sedmark auf Spurensuche in 37 oberösterreichische Orte, von Ansfelden bis Wolfern, von denen der große Komponist Ansfelden und St. Florian mehrfach besucht hat. Wie der Autor im Vorwort anmerkt, sind die Orte nicht alphabetisch aufgelistet, sondern in der ungefähren chronologischen Reihenfolge des Besuchs. Natürlich ist Anton Bruckner nicht ausschließlich innerhalb Oberösterreichs oder im „Land ober der Enns“, wie das Gebiet damals hieß, herumgefahren oder viel mehr gewandert. Seine Reisen führen in nach Wien, wo er sich nicht recht heimisch gefühlt hat, oder nach Deutschland, der Schweiz und Frankreich. In diesem Buch sollen nur die oberderennsischen Reisen betrachtet werden.

Wir erfahren einiges zu Anton Bruckner himself, seinen Werken und zur historischen Stadtgeschichte (z.B. Steyr) sowie zu den gesellschaftspolitischen Ereignissen jener Zeit.

Die Stadt Linz hat ist in diesem Buch gleich zweimal vertreten: Ab S. 53 zieht Florian Sedmark Vergleiche zwischen Adolf Hitler und Anton Bruckner, die sich auf Grund ihrer Lebensdaten niemals begegnet sind. Beide haben ähnliche Vorlieben (Kunst und Richard Wagner) und Schwächen wie den Umgang mit dem weiblichen Geschlecht sowie eine schlechte Erfahrung mit der Hauptstadt Wien.

Während seines zweiten Linz-Aufenthalts wird er am 5. Mai 1868 Zeuge eines Unglücks, bei dem ein Schiff einen Pfeiler der hölzernen Brücke über die Donau rammt und diese einstürzt.

Meine Meinung:

Mir als gelernter Vermesserin gefällt besonders gut, dass jedem Ort eine Koordinate (also die geografische Länge bzw. Breite) zugeordnet ist und 37 Orte gleich einem Schnittmuster aufgezeichnet sind. Auch die oberösterreichische Aussprache des Ortsnamen wie Öwisbeag (für Ebelsberg) klingen in meinen Ohren vertraut.

Interessant sind die Bemerkungen zu Bruckners Werken, die man mittels angegebenen QR-Code auch nachhören kann.

Das Buch ist in gediegener Aufmachung in ungewöhnlichem Format und mit einem Lesebändchen versehen, im Verlag Anton Pustet erschienen. Es eignet sich als Präsent für Bruckner-Fans, die mit dem Komponisten durch das Oberderennsische reisen wollen und dabei auf diversen Orgelbänken Platz nehmen, sich in Gastwirtschaften den Bauch vollschlagen und Bruckner nahe sein wollen. Wahrscheinlich will man Bruckners Aufenthalt im Kerker oder der Nervenheilanstalt nicht teilen.

Fazit:

Eine kurzweilige Geschichte von Anton Bruckners Reisetätigkeiten im Oberderennsischen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 14.03.2024

Eine späte Hommage

Eine Fingerkuppe Freiheit
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Dieser historische Roman, der sich mit Louis Braille und seiner Erfindung der 6-Punkt-Blindenschrift beschäftigt, hat mir sehr gut gefallen. Zum einem, weil Thomas Zwerina als Späterblindeter quasi ein ...

Dieser historische Roman, der sich mit Louis Braille und seiner Erfindung der 6-Punkt-Blindenschrift beschäftigt, hat mir sehr gut gefallen. Zum einem, weil Thomas Zwerina als Späterblindeter quasi ein Vermittler zwischen den beiden Welten ist und zum anderen, weil er Louis Brailles Verdienst würdigt.

Louis Braille ist 1809 in der Zeit der Napoleonischen Kriege als jüngster Sohn eines Sattler geboren. Der neugierige Dreijährige sticht sich mit einer Ahle in sein rechtes Auge und die darauffolgende Infektion lässt sowohl das verletzte rechte als auch das linke Auge erblinden. Das hält ihn aber nicht auf, weiter wissbegierig zu sein. Er besucht zunächst die Dorfschule, wo er durch seine Intelligenz und sein phänomenales Gedächtnis auffällt. Von seinem Lehrer und den Eltern gefördert, wechselt er 1819 nach Paris in das Blindeninstitut in der Rue Saint-Victor Nr. 68.

Gemeinsam mit zwei weiteren blinden Zöglingen, Philippe Coltant und Gabriel Gauthier, treibt Louis neben ernsthaften Studien auch allerlei Unfug, und wird von so mancher sehenden Lehrkraft nahezu gehasst, weil er mehr weiß und wesentlich schneller Zusammenhänge begreift.

Als der ehemalige Artilleriehauptmann Charles Barbier, seine eigentlich für das Militär entwickelte Geheimschrift in der vorstellt, ist Louis Braille fasziniert. Allerdings ist diese „Nachtschrift“ genannt, zu kompliziert für den täglichen Gebrauch der Blinden. Louis erstellt ein vereinfachtes System aus sechs Punkten, das zu der später bekannten Brailleschrift führen wird. Er entwickelt auch eine Notenschrift für blinde Musiker.

„Ich lese, ich schreibe, also bin ich.“ wird bis an das Lebensende, Louis Brailles Credo sein.

Doch bis diese, mit den Fingerkuppen tastbare Schrift den Blinden ihre Freiheit beim Lesen und Schreiben bringen wird, vergeht noch geraume Zeit, in der Louis Braille allerlei Anfechtungen durch Mitarbeiter des Blindeninstituts ausgesetzt ist. Vor allem die sehenden Lehrkräfte sind eifrig bemüht, Louis Brailles Errungenschaft zu desavouieren.
Sie fürchten um ihre Anstellung in der Blindenschule. Vor allem sein messerscharfer Verstand ist einigen Lehrkräften ein Dorn im Auge. So sieht er das Scheitern des Experiment mit Barbiers Nachtschrift voraus, weil der Schüler, der dafür ausersehen ist, Chello spielt und deswegen Hornhaut auf den Fingerkuppen hat, und die feinen Erhebungen nicht spüren kann.

Louis Braille wird den weltweiten Siegeszug seiner Erfindung nicht mehr erleben. Er stirbt 1852 an Tuberkulose.

Meine Meinung:

Beim Lesen dieses historischen Romans habe ich das Gefühl, ein Déjà-vu-Erlebnis zu haben. Einige Passagen sind mir sehr bekannt vorgekommen, als ob ich das oder ein ähnliches Buch schon vor Jahren gelesen hätte. Leider habe ich keine Ahnung mehr, welches das gewesen sein könnte.

Der Schreibstil ist fast schon poetisch zu nennen, passt er sich doch dem 19. Jahrhundert an. Das kann viele Leser verwirren oder sogar abschrecken. Mir hat diese Art zu formulieren sehr gut gefallen, lese ich doch manchmal auch Schriften aus dieser Zeit, die gar nicht an die heutige Schreibweise angeglichen sind. Der Autor springt ein wenig in der Zeit, so dass hier achtsam gelesen werden sollte.

Die Nebenhandlungen wie die Eifersüchteleien um die Führung des Institutes werden ausführlich behandelt. Da tritt manchmal das Leben von Louis Braille in den Hintergrund. Allerdings scheint es auch nur wenige Quellen über ihn zu geben.

Autor und Musiker Thomas Zwerina beschreibt die Schwierigkeiten, denen Blinde im 19. Jahrhundert ausgesetzt waren anhand des Pariser Blindeninstituts. Doch gleichzeitig zaubert der Autor mit seiner außergewöhnlichen Sprache stimmungsvolle Bilder von Louis Umgebung. Louis, dessen andere Sinne in einem einzigartigen Spektrum geschärft sind, erlebt die Welt für sich viel intensiver, so als wüsste er, dass ihm nicht viel Lebenszeit bleibt.

Die Zöglinge erhielten eine rudimentäre Ausbildung als Korbflechter oder ähnliches. Viel besser geht es den Kriegsinvaliden aus den beiden Weltkriegen auch nicht. Erst zahlreiche technische Hilfsmittel können den Alltag von Blinden und Sehbehinderten erleichtern. Ich habe anlässlich eines Schulprojektes unserer Sohnes mit dem Bundesblindeninstitutes in Wien Kontakt gehabt. Beeindruckend, wie hier der Alltag gemeistert wird. Inzwischen gibt es „begreifbare“ also taktile Stadtpläne, die ihren Ursprung in der Neugier und dem Wissensdurst von Louis Braille haben.

Autor und Musiker Thomas Zwerina schreibt in seinem Nachwort:

»Eine Fingerkuppe Freiheit« habe ich mit tiefer Verneigung vor der Leistung Louis Brailles verfasst, der bereits im Alter von 12 Jahren mit seinen ersten Überlegungen für seine Schrift begann. Möge sein ungebrochener Erfindergeist der Welt Zuversicht und Hoffnung geben.“

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser literarischen Hommage an Louis Braille 5 Sterne.

Veröffentlicht am 13.03.2024

EIne Leseempfehlung!

Warum die Welt keinen Frieden findet
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Carlo Masala ist ein sachkundiger Experte, der den Verlauf der Kriege in der Ukraine und Nahost aus militärischer Perspektive erklärt. Und der sich, wie so viele andere fragt, warum die Welt keinen Frieden ...

Carlo Masala ist ein sachkundiger Experte, der den Verlauf der Kriege in der Ukraine und Nahost aus militärischer Perspektive erklärt. Und der sich, wie so viele andere fragt, warum die Welt keinen Frieden findet.

Wenn man die Nachrichten sieht oder hört, so kann man es fast nicht glauben, wenn Carlo Masala folgendes versichert:

"Die Welt erlebt mehr Zeiten des Friedens als Zeiten des Krieges. Allerdings prägen sich die Brutalität und Letalität, mit der Kriege geführt werden, ein und sind in der kollektiven Erinnerung der Menschheit verankert."

Carlo Masala ist ein renommierter Militärexperte, Professor für internationale Politik sowie Realist. Dies befähigt ihn, die Ursachen von Konflikten und Kriegen zu analysieren und seinen Lesern präzise darzulegen. Anschließend zeigt er mögliche Strategien auf, wie mit diesen Herausforderungen umgegangen werden könnte.

Das Buch ist nach einer Einleitung in drei große Abschnitte gegliedert:

Was ist Krieg und woran erkennen wir ihn?
Was it is good for?
Wie wir Krieg minimieren können?

Im abschließenden Fazit bemerkt Carlo Masala, dass wir uns, so schrecklich es klingt, wieder an Kriege gewöhnen werden müssen. Und zwar an Kriege, die nicht im fernen Afrika oder in Asien geführt werden, sondern nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt, in Europa.

„Wir müssen Kriege aber nicht nur akzeptieren, sondern auch verstehen. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die viel zu lange vernachlässigt worden ist. Durch die Abwesenheit von Kriegen auf dem europäischen Kontinent (die Jugoslawienkriege waren in diesem Sinne relativ kleine und räumlich begrenzte Kriege) fehlt uns jegliches Verständnis dafür, wie Kriege geführt werden.“

So anachronistisch es klingt, auch im 21. Jahrhundert bewahrheitet sich der über 2.000 Jahre alte Spruch:

„Si vis pacem para bellum“ (Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor)

Das „Gleichgewicht des Schreckens“, das vielen von uns aus den letzten Jahrzehnten in Europa bekannt ist und uns einen trügerischen Frieden beschert hat, ist spätestens am 24. Februar 2022 mit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine gekippt. Jetzt ist in einigen europäischen Ländern hektisches Aufrüsten angesagt nachdem man über Jahrzehnte hinweg Armeen zu Tode gespart hat und daher nur bedingt einsatzbereit sind.

Fazit:

Eine sachliche, leicht verständliche Analyse, die ideologiefrei und realistisch wertvolle Einsichten zu den Ursachen von Konflikten und Kriegen bietet. Ich hätte durchaus ein paar Seiten mehr lesen mögen. Ich gebe diesem Buch, das in der Reihe „Auf dem Punkt“ im Verlag Christian Brandstätter erschienen ist, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 13.03.2024

Eine unbedingte Leseempfehlung!

Marseille 1940
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Die Flucht der Dichter und Denker aus Nazi-Deutschland und Österreich setzt recht bald nach der Machtübernahme Hitlers ein. Trotzdem gibt es viele, die ihre Heimat nicht verlassen wollen, die nicht glauben ...

Die Flucht der Dichter und Denker aus Nazi-Deutschland und Österreich setzt recht bald nach der Machtübernahme Hitlers ein. Trotzdem gibt es viele, die ihre Heimat nicht verlassen wollen, die nicht glauben können, dass das „Land von Schiller und Goethe“ zu solchen barbarischen Mitteln greift, wie man es sich leise und hinter vorgehaltener Hand erzählt: Alle jene, die nicht ins Regime passen, weil sie jüdischer Abstammung oder Regime kritisch sind, werden gnadenlos verfolgt, eingesperrt und vernichtet. Letztendlich befinden sich Tausende deutschsprachige Intellektuelle in Frankreich als die deutsche Wehrmacht die Niederlande und Belgien überrollt bis nach Paris vorstößt und 1940 Teile Frankreichs besetzt hat.

Die Flucht geht innerhalb Frankreichs weiter bis sie in Marseille landen und auf eine Möglichkeit hoffen, eine Ausreise- bzw. Einreiseerlaubnis in die USA erhalten zu können. Doch die USA will in die Angelegenheiten Europas nicht verwickelt werden und stellt für die jüdischen Flüchtlinge kaum Einreisebewilligungen aus. Hier kommt nun Varia Fry, Mitarbeiter des Emergency Rescue Committee ins Spiel, der namhaften europäischen Intellektuellen, Künstlern, Politikern und Gewerkschaftlern die Ausreise ermöglichen soll.

Ursprünglich war die Aktion als befristetet Maßnahme geplant. Doch sie entwickelte eine eigene Dynamik. Zwischen Juni 1940 und Juni 1942 gelingt es Varian Fry und seinem Team rund 2.000 Menschen aus dem besetzten Frankreich zu retten. Die Liste jener, die auf abenteuerlichen und gefährlichen Wegen wie über die Pyrenäen in Sicherheit begracht werden konnten, liest sie wie das Who is Who der deutschen Intellektuellen: von Hannah Arendt über Maler Marc Chagall, Lion Feuchtwanger, die Manns, Alma Mahler und Franz Werfel sowie Marc Ophüls und Alfred Polgar, um nur einige zu nennen. Nicht allen gelingt die Flucht. Walter Benjamin begeht Suizid.

Bevor die Flüchtlinge noch ihre gefährliche Reise antreten konnten, mussten sie noch aus den diversen Internierungslagers wie Gurs herausgeholt werden. Das gelingt Fry & Co oft nur unter in letzter Minute, dann gilt es, Geld und die notwendigen Ausreisedokumente sowie Einreisezertifikate aufzutreiben. Amerika stellt bald keine mehr aus, so sind dann südamerikanische Staaten das Ziel oder das französische Insel Martinique, auf der die Geflohenen erst recht wieder interniert werden.

Varian Fry fällt in Amerika mit seinen Bemühungen, möglichst viele Menschen, darunter auch solche, die weder berühmt noch Fürsprecher in den USA haben, aus dem besetzten Frankreich herauszuholen, recht bald in Ungnade. Besonders für jene, die als sozialistische Gewerkschafter um ihre Leben fürchten müssen, ist in den USA kein Platz.
Fry widersetzt sich mehrmals den Aufforderungen nach Amerika zurückzukehren, setzte seine Ehe aufs Spiel und muss, um seiner Verhaftung durch französische Behörden, selbst fliehen.

Wer zu diesem Thema noch mehr lesen möchte, dem sei Varian Frys Buch „Auslieferung auf Verlangen – Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41“ sowie Herbert Lackners „Die Flucht der Dichter und Denker. Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen“.

Fazit:

Diesem Stück Zeitgeschichte, das aufzeigt, dass auch das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, ziemlich beschränkt und begrenzt war. „America first“ - dieser Spruch ist nicht erst seit Trump bekannt. Gerne gebe ich diesem Buch 5 Sterne und eine Leseempfehlung.