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Veröffentlicht am 28.05.2024

Absolutes Herzensbuch und Highlight 2024

Demon Copperhead
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"Jeder weiß, dass alle, die in diese Welt geboren werden, von Anfang an gezeichnet sind - Gewinner wie Verlierer. Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für Superheldengeschichten." (S. 11)

Demons Start ...

"Jeder weiß, dass alle, die in diese Welt geboren werden, von Anfang an gezeichnet sind - Gewinner wie Verlierer. Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für Superheldengeschichten." (S. 11)

Demons Start ins Leben steht unter keinem guten Stern. Geboren im Trailerpark von einer drogenabhängigen Mutter, der Vater tot, der Stiefvater ein brutaler Mistkerl. Mies, mieser, total bescheiden geht es weiter. Denn in Virginia, einem der ärmsten Bundesstaaten der USA mitten in den Appalachen, haben selbst die Hilfs- und Sicherheitsnetze riesige Löcher. Wechselnde Pflegefamilien, Kindeswohlgefährdung und Misshandlung, ein marodes Gesundheitssystem, Armut, Hunger, Gewalt, Krankheit, Sucht... es kommt wirklich knüppeldick. Der Tod ist allgegenwärtig. Das ist nur schwer auszuhalten.

Was also ließ mich dranbleiben an diesem Über-800 Seiten-Wälzer? Die Antwort ist einfach: Demon selbst. Trotz all der Widrigkeiten strahlt seine Erzählstimme soviel Wärme, Liebe, Humor und Hoffnung aus, dass die Seiten beinahe glühen beim Lesen. Von der ersten Seite an eroberte Demon mein Leserinnen-Herz. Von außen betrachtet ein Verlierer, doch tief im Inneren ein wahrer Superheld. Auch die Nebencharaktere lassen das Herz höher schlagen (Angus! Tommy!) oder den Puls ansteigen (U-Haul!), denn von absolut liebenswert über skurril-komisch bis total abscheulich ist so ziemlich jeder Menschenschlag dabei.

Barbara Kingsolver verleiht einer Region eine kraftvolle Stimme, die vom Rest der USA und der Welt gerne verspottet und belächelt wird. Die "Hinterwäldler", die"Hillbillies"; "die sind doch alle drogenabhängig und leben von Tabak, Kohle und Schwarzbrennerei", um nur einige Stichworte zu nennen. Doch Kingsolver verharrt nicht bei diesen Vorurteilen. Klug recherchiert und voller Fingerspitzengefühl beschreibt sie ihre Heimat und zeigt auf, wie gezielte und strukturelle Ausbeutung eine komplette Region ins Aus katapultiert haben.

Ich hatte das große Glück, Barbara Kingsolver bei einer Lesung erleben zu dürfen. Wer sie reden und erzählen hört, weiß plötzlich sehr genau, woher Demon dieses Glühen, diese Begeisterung für "seine Leute" und diesen unglaublichen Humor hat. Ein wunderbarer Roman, absolut empfehlenswert und mein Highlight 2024!

"Wir hatten den Mond, der uns eine Weile durchs Fenster zulächelte und sagte, dass die Welt uns gehörte. Weil die Erwachsenen irgendwohin gegangen waren und alles in unsere Hände gegeben hatten." (S. 125)

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Veröffentlicht am 07.04.2024

Zauberschön!

Der Wortschatz: Bilderbuch-Bestseller über den spielerischen Umgang mit Sprache
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Wie jeden Tag ist Oscar beim Löcherbuddeln, als er auf eine alte Holztruhe stößt. Ein Schatz! Voller Vorfreude und in Gedanken schon bei Goldmünzen, Ritterausrüstungen und alten Briefen öffnet er die Truhe ...

Wie jeden Tag ist Oscar beim Löcherbuddeln, als er auf eine alte Holztruhe stößt. Ein Schatz! Voller Vorfreude und in Gedanken schon bei Goldmünzen, Ritterausrüstungen und alten Briefen öffnet er die Truhe und findet - einen großen, verhedderten Wörterhaufen. Oscar ist enttäuscht und schleudert das erste Wort "Quietschgelb" achtlos ins Gebüsch. Zack, rennt plötzlich ein quietschgelber Igel heraus! Verwirrt und neugierig kehrt Oscar zur Truhe zurück. Das nächste Wort - "haarig" - wirft er gegen einen Baum und zaubert ihm dadurch eine prächtige Mähne. Immer mehr Worte fischt er heraus: pompös, monströs, herzensgut, blitzeblank, uralt... Bis die Truhe schließlich leer und somit Platz ist für eigene, kreative Wortschöpfungen.

Ganz verzaubert war mein 4-Jähriger von dieser Geschichte - und ich ebenso! Es macht unglaublich viel Spaß, mit Oscar zusammen die Wortschatztruhe zu leeren und ein buntes, schimmerndes Wort nach dem anderen zu entdecken. Hier werden Worte benutzt und durch zuckersüße Illustrationen verbildlicht, die im Alltag nicht mehr so gebräulich sind. Wie traurig! Und umso schöner, dass genau dieser Wortschatz wieder aufleben kann. Natürlich sind auch "Quatschwörter" dabei wie "sauergurkig", aber genau das macht Kindern doch so große Freude - mit Sprache spielen dürfen, sich ausprobieren, Worte neu zusammensetzen und ihnen andere Bedeutungen geben. Dazu regt dieses Buch an und das finde ich wunderbar! Große Empfehlung vom Junior und von mir.

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Veröffentlicht am 17.03.2024

Große existenzielle Fragen

Wellness
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Mit "Wellness" verarbeitet Nathan Hill große existenzielle Fragen zu literarischem Hochgenuss: Was hält Paare zusammen? Ist es der Glaube an eine gute, gemeinsame Geschichte? Ab wann verwandelt sich dieser ...

Mit "Wellness" verarbeitet Nathan Hill große existenzielle Fragen zu literarischem Hochgenuss: Was hält Paare zusammen? Ist es der Glaube an eine gute, gemeinsame Geschichte? Ab wann verwandelt sich dieser Glaube an sich selbst oder einen anderen Menschen in eine Lebenslüge?

Es waren einmal Jack und Elizabeth. Zwei Studierende in Chicago, neu in der Stadt, einsam und auf der Suche nach Glück, Erfolg und Liebe. Heimlich beobachteten und unkreisten sie einander, ohne das gegenseitige Interesse zu bemerken. Bis zu jenem besonderen Abend im Club. Jackpot, Seelenverwandtschaft. So erzählt uns Hill den Beginn dieser gemeinsamen Liebes- und Lebensgeschichte. Was in vielen anderen Romanen das Happy End wäre - und sie lebten glücklich bis an ihr Ende -, ist für Hill erst der Auftakt. Denn 20 Jahre später stehen Jack und Elizabeth vor der scheinbar alles entscheidenden Frage, ob ihr Traumhaus getrennte Schlafzimmer haben soll. Irgendwo zwischen den banalen Alltagsthemen und dem Projekt Hausbau, zwischen Geldsorgen und Fragen zur richtigen Kindererziehung, zwischen Care-Arbeit, Haushalt und Job haben sie sich gegenseitig verloren. Und vermutlich auch sich selbst. Während Jacks Künstlerseele (Lebens-) Entscheidungen auf Glauben und Vertrauen gründet, ist Elizabeth Wissenschaftlerin durch und durch. In ihrer Gesundheits-Praxis "Wellness" verkauft sie Placebos als Heilmittel für so ziemlich jedes Problem - und macht damit Profit mit dem Glauben der Menschen an wirkungsvolle Geschichten. Doch was passiert, wenn die Wissenschaftlerin selbst ein Placebo, eine neue glaubhafte Erzählung für ihre Ehe braucht?

"Wellness" ist ein herrlich kluges, philosophisches und sehr lebendiges Buch. Es hat mich vom Fleck weg berührt und begeistert, weil Nathan Hill ein wirklich begnadeter Erzähler ist. Er schafft es, verschiedenste Themen in diesem umfassenden Roman miteinander zu verbinden, ohne geschwätzig zu sein. Kunst, Wissenschaft, Amerikas utopisches Glücksversprechen, Gentrifizierung, Digitalisierung, Verschwörungstheorien, Neurodiversität und psychische Erkrankungen - es greift alles perfekt ineinander. Dazwischen immer wieder Jack und Elizabeth mit einer ausführlichen Analyse ihres Innenlebens, die beide trotz oder gerade wegen ihrer ausgewachsenen Probleme und belastender Vergangenheiten so erfrischend "normal und echt" wirken. Überraschende und hinreissende Wendungen runden den Roman im letzen Drittel zu einem wahren Pageturner ab.

Nathan Hill konnte mich mit "Wellness" restlos begeistern und überzeugen. Mit seiner warmherzigen Figurenzeichnung und einem klugen Blick auf aktuelle Probleme und Entwicklungen hat er sich in meine Jahreshighlights 2024 geschrieben. Noch lange wird mich die Frage beschäftigen, ob wir den Geschichten, die wir uns (gegenseitig) erzählen - über uns selbst, über Freundschaft, Liebe und Verbindung, vertrauen können? Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 08.03.2024

Gossip Girl in der Buchbranche.

Yellowface
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Holla die Waldfee, war das eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle! RF Kuang gelingt mit diesem Roman eine bitterböse und gleichzeitig unglaublich unterhaltsame Abrechnung mit brandaktuellen Skandalen ...

Holla die Waldfee, war das eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle! RF Kuang gelingt mit diesem Roman eine bitterböse und gleichzeitig unglaublich unterhaltsame Abrechnung mit brandaktuellen Skandalen und Themen aus Social Media, Bookstagram und dem Verlagswesen - glaubt mir, hier kommt nichts und niemand ungeschoren davon.

Im Mittelpunkt stehen Athena und June. Ok, eigentlich June, denn sie erzählt uns ihre Geschichte mit und um Athena. Die eine ein gefeiertes Hype-Sternchen am Literaturhimmel, die andere ein literarisches Mauerblümchen. Während Athena kräftig abräumt, einen Bestseller nach dem anderen schreibt und einen Netflix-Deal abschließt, steht June neidisch und unbeachtet in ihrem Schatten. Die beiden verbindet eine seltsame Zweck-Freundschaft-Hass-Besessenheit. Sind sie wirklich Freundinnen? Feindinnen? "Freindinnen"? Als Athena vor Junes Augen auf absurde Weise stirbt, lässt diese im Affekt Athenas neuestes Manuskript mitgehen. Niemand hat es bisher zu Gesicht bekommen oder gelesen... Und das verführt June zu einem perfiden Spiel mit dem Feuer.

Der Beginn ist eine Steilvorlage: Unfall - Diebstahl - kurzer Schock und Zack, sitzt June an Athenas Manuskript und überarbeitet es für ihre Zwecke. Show must go on, oder so. Mir jedenfalls ist ein wenig schwindlig geworden. Das Buch entwickelt einen richtigen Lesesog, der Stil ist eingängig und die Handlung passiert Schlag auf Schlag.

Mit June bekommen wir eine absolut unzuverlässige und sehr ambivalente Erzählerin. Man kann sie nicht gern haben, man kann ihr nicht glauben und fiebert dennoch mit. Sie verhält sich mal naiv und völlig selbstvergessen, dann wieder egoistisch und abgebrüht as hell. Die Leserschaft verklärt die Buchbranche gerne, glaube ich. Hier erleben wir, was hinter den Kulissen passiert: Konkurrenzkampf, Schnelllebigkeit, Wahllosigkeit, immenser Druck und Intrigen, Intrigen, Intrigen. Ein bisschen wie "Gossip Girl" in der Buchszene.

Kuang greift mit Yellowface wirklich einige brandaktuelle Themen auf: Kulturelle Aneignung in der Buchbranche (Wer hat das Recht über bestimmte Themen zu schreiben? Darf eine weiße Autorin aus dem Leid anderer Kulturen Profit schlagen?), Diversität als bloße Quote, Alltagsrassismus, Cancel Culture und Shitstorms/Hate Speech in den sozialen Medien. Über all dem schwebt subtil die Frage nach Ethik und Moral. Die Autorin schafft es, ihre Leser*innen komplett durchzuschütteln. Sowohl moralisch, als auch gefühlsmäßig. Am Ende weiß man nicht, wohin der moralische Kompass zeigt, weil sich "Norden" so oft verschiebt... Eine explosive Mischung mit einem folgerichtigen Ende. Hier ist der Hype berechtigt. Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 18.02.2024

Ein Spiel mit dem Feuer.

Drei Kameradinnen
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„Du hattest ja recht mit allem, Saya. Deswegen wird man trotzdem nicht zum lebenden Brandbeschleuniger, oder? Deswegen zettelt man trotzdem keinen Krieg an. Damals nicht und auch heute nicht.“ (Kasih, ...

„Du hattest ja recht mit allem, Saya. Deswegen wird man trotzdem nicht zum lebenden Brandbeschleuniger, oder? Deswegen zettelt man trotzdem keinen Krieg an. Damals nicht und auch heute nicht.“ (Kasih, S. 171)

Ein Zeitungsartikel. Drei Freundinnen. Eine Hochzeit. Ein Brand. Nazis vor Gericht. Wie hängt das alles zusammen? Kasih erzählt es uns. Sie erzählt die Geschichte einer Freundschaft und sie erzählt die Geschichte einer Radikalisierung.

Die drei jungen Frauen Kasih, Saya und Hani kennen sich seit ihrer Kindheit und Jugend in der Siedlung am Rand einer deutschen Kleinstadt. Schon früh müssen sie erleben, was es bedeutet, aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Namen und ihres Aussehens als „fremd“ und „nicht von hier“ eingestuft und in Schubladen gesteckt zu werden. Die geteilten Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen haben ein starkes Band zwischen den Freundinnen geknüpft, auch wenn jede auf ihre Weise mit ihnen umgeht. Während Hani die Augen vor solchen Schwierigkeiten verschließt und sich anzupassen versucht, möchte Saya diese Ungerechtigkeiten nicht länger hinnehmen; sie sucht die Konfrontation, ist laut und kämpferisch. Kasih befindet sich zwischen diesen Extremen, versucht zu vermitteln und sehnt sich nach „Normalität“. Die Drei stehen mitten im Leben und dennoch am Rand der Gesellschaft.

Zur Hochzeit einer gemeinsamen Bekannten treffen sie sich nach vielen Jahren wieder, sitzen auf der Dachterasse und feiern das Leben und ihre Freundschaft. Doch mit Saya stimmt etwas nicht, sie ist geladen und angriffslustig. Der Prozess gegen eine rechtsextreme Terrorgruppe lässt ihr keine Ruhe und wirkt wie ein Katalysator für die nachfolgenden Ereignisse. Als es in der Nacht der Hochzeitsfeier zu einem verheerenden Brand in einem Mehrfamilienhaus kommt, wird Saya als Tatverdächtige verhaftet. Um der Presse und dem Internet zuvorzukommen, beginnt Kasih in dieser Nacht die Geschichte der „drei Kameradinnen“ aufzuschreiben …

Kasih lässt sich dabei stark von ihren Erinnerungen, Assoziationen und Anekdoten leiten. Sie schweift ab, berichtet in großen Klammern und geht erzählerische Umwege. Es ist nicht immer einfach ihr zu folgen, aber gerade das macht sie authentisch: Wie sie da am Küchentisch sitzt, wartet, wütend und verwirrt ist und schreibend versucht zu verstehen. Kasih nimmt kein Blatt vor den Mund, ihre Kommentare sind ironisch und schonungslos ehrlich. Frech nimmt sie Vorbehalte und Vorurteile vorweg und wirft ihrem Publikum Informationsbrocken vor die Füße, die sie im nächsten Moment revidiert. Dabei spricht sie die Leser:innen direkt an und konfrontiert sie auf diese Weise mit ihren eingefahren, alltagsrassistischen Denkmustern. Ein geschicktes Spiel mit dem Feuer.

Kasih ist keine Sympathieträgerin. Sie ist vielmehr eine Symptomträgerin, ein wandelndes Ausrufezeichen. Ihre Wutrede ist genau genommen kein Angriff, sondern eine Re-Aktion auf ihr Umfeld; auf den Hass, die Anfeindungen und Diskriminierungen, die den drei Freundinnen tagtäglich entgegenschlagen.

Selten hat mich ein Roman mit so ambivalenten Gefühlen zurückgelassen. Ich habe das Buch zugeklappt und war im ersten Moment wütend auf diese zornige Erzählerin. Steckte sie mich als weiße Leserin doch durchweg in Schubladen und verachtete gleichzeitig genau diese vorurteilsbehafteten Denkmuster. Das passte für mich absolut nicht zusammen. Ich fühlte mich angegriffen, denn auch ich hatte dank eines ausländischen Geburtsortes einige der beschriebenen Erfahrungen durchgemacht. Ich kenne die feinen Nuancen des Unwohlseins, wenn man etwas „Unbekanntes“ zum Buffet des Schulfestes beisteuerte oder die ungeschriebenen Gesetze einer Abschlussfeier nicht kannte. Da halfen mir auch meine weiße Hautfarbe und mein deutscher Name nicht.

Einige Tage, gelesene Rezensionen und ein gestreamtes Interview mit der Autorin später begriff ich jedoch, dass es hier nicht um meine persönlichen Befindlichkeiten geht, sondern um das Aufzeigen eines strukturellen Problems, das unsere Gesellschaft durchzieht. Wir sind weit von Inklusion und Gleichberechtigung entfernt, solange weiterhin vorwiegend weiße Menschen in Talkshows zum Thema Rassismus eingeladen werden, um nur ein Beispiel zu nennen. Alltagsrassismus durchzieht alle Bereiche unseres Lebens, doch wer ihn nicht spüren muss, bemerkt ihn meistens auch nicht.

Das neue Buch von Shida Bazyar ist kein Wohlfühlroman. Es hat Stacheln und scharfe Kanten, an denen man sich schneiden kann. Die Autorin leistet meiner Meinung nach Übersetzungsarbeit für Kopf und Herz: Wie fühlt es sich an, auf Schritt und Tritt verdächtigt zu werden und in einer vermeintlich toleranten Gesellschaft ständig auf der „anderen Seite“ zu stehen? Natürlich, das könnte auch „netter“ funktionieren. Doch manchmal müssen Worte eben brennen, um etwas zu bewirken. Shida Bazyar hat viel zu sagen – und wir sollten zuhören.

„Man gibt uns das Wort? Was soll denn das? Merkst du nicht, was das heißt? Wir haben das Wort sowieso, wir sollten es haben, wir sollten nicht darauf angewiesen sein, dass irgendwer, der das kann, es uns gibt. Wir sollten aufhören, so zu reden wie Menschen zweiter Klasse, dann hört man auch auf uns wie welche zu behandeln. Dann hört man vielleicht auch auf, uns einfach umzubringen.“ (Saya, S. 114)

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