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Veröffentlicht am 04.04.2024

Ich mag die Erzählweise

Mit den Jahren
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Lukas verbringt die meiste Zeit im Atelier. Jemand hatte seine Bilder einmal als depressiv bezeichnet, worüber er sich ärgerte, weil es einfallslos war und stimmte. Am Abend hängt er meist noch auf einige ...

Lukas verbringt die meiste Zeit im Atelier. Jemand hatte seine Bilder einmal als depressiv bezeichnet, worüber er sich ärgerte, weil es einfallslos war und stimmte. Am Abend hängt er meist noch auf einige Biere mit seinem best Buddy Henner, im Dorfkrug ab. Henner baut Installationen und reißt ständig Frauen auf. Lukas Frau Eva hat sich in ihrem Leben als Lehrerin, Ehefrau und Mutter etwas geregelter eingerichtet. Meistens gibt sie vor zu schlafen, wenn Lukas nach Hause kommt.

Jette kommt aus Hamburg und lebt noch nicht lange in Leipzig. Sie hat sich bisher nicht auf feste Beziehungen eingelassen. Ihr Beuteschema sind Frauen, mit einem Mann hat sich bisher nichts ergeben. An dem ersten Abend, an dem sie sich in ihrer kleinen Wohnung einmal nicht einsam fühlen will, geht sie in den Dorfkrug. Schnell kommt sie mit Lukas ins Gespräch, er gibt eine Runde Pfeffi, dann sie und als der Abend sich dem Ende ergibt, geht Jette mit ihm in sein Atelier.

Eine Woche danach interessiert Jette sich für Lukas Facebookprofil. Obwohl die Fotos von Lukas Frau und seinen Kindern schon älter sind, versetzt es Jette einen Stich, sie zu sehen. Sie spaziert nach der Arbeit durch die Gegend, bis zu dem Haus in dem Lukas mit seiner Familie lebt. Sie sieht Lukas Frau auf dem Balkon stehen und eine Zigarette rauchen. Jette versucht sich vorzustellen, wie es sich mit zwei Kindern lebt und ist sicher, die falschen Schlüsse zu ziehen.

Fazit: Ich mag es, wie die Autorin erzählt. Wie sie jeder ihrer Figuren genug Raum gibt, um deren Intention zu zeigen. Die Autorin blickt in die Köpfe und verwebt Lukas, Evas und Jettes Gedanken miteinander. Die Geschichte lebt nicht so sehr durch die Interaktion, obwohl einzelne Szenen sehr gelungen sind, sondern dadurch, dass ich die Vorstellungen und Ideen der drei erfahre. Lukas und Eva haben sich in ihrem zwanzigjährigen Beisammensein eingerichtet und es sich bequem gemacht. Sie neigen zu Fehlinterpretationen über die Reaktionen ihres Gegenübers, weil sie nicht reden. Die angenommene Gewohnheit lässt vieles auf der Strecke, vor allem Spontanität. Lukas versucht seinen Selbstwert in seinen Seitensprüngen zu finden, während Eva ihren Wert in ihrer Arbeit findet. Dann hat das Schicksal ihnen Jutta ins Leben gespült, die, ohne den Anspruch zu haben, alles verändert. Das Ende hat mich überrascht und befremdet, aber ich möchte den Verlauf der Geschichte nicht bewerten. Zum Ende hat sich meines Erachtens ein zeitlicher Fehler eingeschlichen, den ich nicht monieren möchte, weil die Ereignisse so liebe- und humorvoll erzählt wurden, dass ich gebannt an den Worten der Autorin hing. Ich habe dieses zweite Buch von Janna Steenfatt gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 02.04.2024

Empfehlenswert

Mitgift
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Aloes Freund Lukas hat sich der Raumfahrt gewidmet und studiert in Oxford. Aloe jobbt nach ihrem Studium in Kunstgeschichte hier und dort in Deutschland. Sie empfindet ihr Gefühl von Verlassenheit befriedigend ...

Aloes Freund Lukas hat sich der Raumfahrt gewidmet und studiert in Oxford. Aloe jobbt nach ihrem Studium in Kunstgeschichte hier und dort in Deutschland. Sie empfindet ihr Gefühl von Verlassenheit befriedigend dramatisch wenn sie mit Lukas telefoniert, allein, das ist ihr die Entfernung zwischen ihnen wert.

Nachdem Aloe eine Weile gependelt ist, ist Lukas zu ihr gezogen. Er arbeitet die meiste Zeit im Institut und löst mathematische Herausforderungen. Aloe kompensiert ihre Einsamkeit, gelegentliche Schübe von Traurigkeit mit Essen. Sie nimmt einige Kilo zu und gewinnt den Eindruck, dass Lukas sich nicht mehr für Sex interessiert.

Lukas hatte, was sie bald den Arbeitsblick nannte. Er war verschachtelt in sich gekehrt aber gesprächig, sogar witzig, solange andere dabeisaßen. S. 67

Ihre Mutter Ingrid, mit der Aloe gezwungenermaßen telefoniert, erzählt ihr stets von den Errungenschaften ihrer klugen Schwester, die seit neustem modelt. Aloe glüht innerlich, wenn sie von Anita hört, der schönen, hellblond gelockten, mit dem perfekten Körper. Diese Gespräche zwingen ihren Kopf in ihre damalige Welt, wie Anita sie im Krankenhaus beschwor

Lollo halt mich fest. Was machen sie mit mir? Aloe wollte die Ärzte und ihre lächelnden Eltern nur beobachten. Anitas Schreien nicht an sich heranlassen.

Fazit: Ich mag den Konflikt, den Aloe mit ihrer Familie und ihrem Freund, eigentlich mit sich selbst hat. Sie hadert damit, dass Anita stets die Besondere war. Jeder interessierte sich für sie während Aloe nur die “Normale” war. Dennoch empfindet sie die damalige Zweigeschlechtlichkeit Anitas auch als Erwachsene noch als Makel. Die Wut über die Gegebenheiten war größer, als das Mitgefühl für ihre Schwester. Jeder noch so kleine Erfolg auf dem Weg des Gesehenwerdens, des Frau werdens (Periode), hat Aloe innerlich gefeiert. Aloes Selbsthass hat die Autorin gut eingefangen, die plötzlich mit ihrer eigenen Weiblichkeit hadert. Den Erzählstil mochte ich nicht so gerne. Ich habe eine Weile gebraucht, mich auf die Sprache einzulassen. Vielleicht lag es am auktorialen Erzähler oder am Rhythmus. Ich weiß es nicht. Die Geschichte ist, obwohl schon vor elf Jahren geschrieben, erstaunlich aktuell. Und weil sie in die heutigen Diskussionen, warum gendern, wenn man doch alles beim alten lassen kann passt, möchte ich sie, zwecks Bewusstseinserweiterung, empfehlen.

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Veröffentlicht am 27.03.2024

Eine liebevolle Geschichte über das Alter

Die Vermesserin der Worte
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Die neunundzwanzigjährige Ida hat schon ein paar Bücher veröffentlicht. Zur Zeit lebt sie von dem Vorschuss, den ihr Verlag ihr für die nächste Geschichte gezahlt hat aber Ida hat ihre Worte verloren. ...

Die neunundzwanzigjährige Ida hat schon ein paar Bücher veröffentlicht. Zur Zeit lebt sie von dem Vorschuss, den ihr Verlag ihr für die nächste Geschichte gezahlt hat aber Ida hat ihre Worte verloren. Obwohl sie ihn nie um Geld gebeten hat akzeptiert ihr Vater ihren Beruf nicht. Wenn er sie einmal anruft folgt eine Litanei an Vorwürfen, bis Ida sich klein und nichtig fühlt und ihre Gedanken endlos um seine Worte kreisen lässt.

Der einzige Mensch, zu dem Ida regelmäßig Kontakt hat, ist ihr Postbote und der bringt ihr eine Zeitungsannonce, mit einem Jobangebot. Nur weil der Druck steigt, ihre Agentin sie merken lässt, dass sie nicht mehr wünscht vertröstet zu werden und Ida nicht weiß, wovon sie die nächste Miete bezahlen soll, macht sie sich auf den Weg zum Adressaten der Anzeige.

Als Ida aus dem Zug steigt, wird sie von dem alten Herrn erwartet, mit dem sie telefoniert hatte, er begleitet sie zu ihrer neuen Arbeitgeberin. Kurz vor dem riesigen Anwesen überlässt er Ida sich selbst und zieht sich mit hängenden Schultern zurück. Im Inneren des Hauses findet Ida staubig trübes Tageslicht und eine abweisende alte Dame, die ihr kurz angebunden, einige Anweisungen gibt. Ida darf keinesfalls die Räume im Flur der rechten Etage betreten.

Nachdem sie sich umgesehen, und ein kleines Reich für sich persönlich erobert hat, tritt sie ihren Job an und beginnt zu putzen. Nachdem Ida sich einige Tage lang durch das Haus gereinigt hat, vermisst die Hausherrin den Staub. Sie wirkt verzweifelt, wie sie vor Ida steht, mit flackerndem Blick, den Kaffeeflecken auf der Bluse und den mit Farbe übermalten Lippen. Viel kleiner als gestern, als sie vom oberen Treppenabsatz auf Ida heruntergeredet hatte.

Fazit: Was für eine liebevolle Geschichte über das Alter, das Vergessen und Verschwinden. Die Autorin hat den Charakter der alten Dame schön eingefangen, ihre Krankheit, die Demenz gekonnt eingefügt. Selbst für mich als Leserin ist es traurig mit anzusehen, wie eine so große Persönlichkeit, die in ihrem Leben vieles gewagt hat, das Mut erforderte, um ihren eigenen Weg zu finden, immer mehr verblasst und verschwindet und einfach vergessen wird. Und es ist auch eine Liebesgeschichte zwischen einer weisen alten Frau, die ihre Lebenserfahrung mit einer jungen Frau teilt, die ihre Enkelin sein könnte. Der Schreibstil ist leicht gewöhnungsbedürftig, etwas altbacken aber auch zärtlich. Diese Geschichte habe ich mit Leichtigkeit und überraschend gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 22.03.2024

Lana Lux hat mich gefesselt

Geordnete Verhältnisse
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Philipp ist zehn als er die dritte Klasse wiederholt. Er ist ein Sonderling mit knatschroten Haaren und unzähligen Sommersprossen. Die “Mitgefangenen” seiner katholischen Grundschule nennen ihn Feuerwanze, ...

Philipp ist zehn als er die dritte Klasse wiederholt. Er ist ein Sonderling mit knatschroten Haaren und unzähligen Sommersprossen. Die “Mitgefangenen” seiner katholischen Grundschule nennen ihn Feuerwanze, Streichholz, Pumuckl und, was ihn wirklich demütigt Pipi Langstrumpf. Er ist meistens mies drauf, hat schon im Kindergarten nach den anderen gespuckt und getreten. Seine Mama holte ihn bei Tante Martha und Onkel Peter wieder ab, als er sechs war. Solange brauchte sie, um regelmäßig nüchtern zu sein.

Philipp schaut regelmäßig auf seine Uhr, damit er alle drei Stunden zur Toilette geht, sonst geht wieder was daneben. Frau Steinmeier stellt ihn deswegen vor seinen “Mitgefangenen” bloß, die lachen und er tut so, als wolle er sie nicht töten.

Und dann kommt der Morgen, an dem Frau Steinmeier ein Mädchen, mit schulterlangen, leuchtend roten Locken an der Hand hält. Sie heißt Faina, erfährt er und kommt aus Russland, denkt er. Obwohl seine Familie der Überzeugung ist, dass die Ausländer zu laut sind, nie den Müll trennen, nach Knoblauch stinken und nur auf Sozialleistungen aus sind, werden Philipp und Faina beste Freunde.

Philipp bringt Faina alles bei, Deutsch, gute Manieren und Rollschuhlaufen. Sie fahren zelten und haben Sex, aber das ist nichts für ihn. Körperkontakt mag er nicht und Intimität ekelt ihn. Faina hält ihn auch sonst für ziemlich speziell, weil er Tiere lieber mag als Menschen. Er vertraut niemandem, außer Faina, das macht sie stolz. Er ist brutal ehrlich und kann sich nicht in andere hineinversetzen. Seit er ihren alten Hund einschläfern ließ, weil er glaubte, es sei das beste für ihn, weiß sie, dass er übergriffig ist. Danach meidet sie ihn, will nie wieder etwas mit ihm zu tun haben. Doch fünfzehn Jahre danach ändert sie folgenschwer ihre Meinung.

Fazit: Lana Lux hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Die Wortwahl gefiel mir sehr, sie erzählt sehr detailliert und es ist, als stünde ich mittendrin, erlebte alles mit. Die Charaktere sind absolut überzeugend und nicht überzeichnet. Der Konflikt ist nachvollziehbar, weil klar wird, wie die beiden aufgewachsen sind. Zuerst dachte ich, Philipp sei autistisch, doch dann erkannte ich das, worauf die Autorin hinarbeitete und, dass es nur so enden konnte. Die Thematiken waren vielleicht etwas gewagt in ihrer Menge, Demütigungen durch Eltern und Mitschüler, Mobbing, Asexualität, Bisexualität, Alkoholmissbrauch, Narzissmus, Bipolarität, Religionszugehörigkeit, Antisemitismus, Rassismus, aber Lana Lux hat alles ineinanderfließen lassen ohne mich zu erschlagen. Dieses Buch hat mir größtes Vergnügen bereitet.

Ein wenig betrübt haben mich kleine Patzer, Philipp wurde anfangs am 3. März geboren und später beim Zahlenschloss das Geburtsdatum 13.3 angegeben. Der kleine Emryo, der als Junge zur Welt kommen und traditionell beschnitten werden sollte, war dann tatsächlich ein Mädchen, ohne Erklärung, was ein leichtes gewesen wäre, hätte das Lektorat aufmerksamer gearbeitet, das fand ich schlampig und unnötig.

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Veröffentlicht am 15.03.2024

Eine solide Geschichte

Die Arbeiter
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Sommerferien. Wie immer geht es an die Nordsee. Drei Kinder auf der Rückbank des alten Polo. Lisbeth, deren Rollstuhl im Kofferraum liegt, der zweitälteste Kristof und er, “der Kurze”. Die Mutter sitzt ...

Sommerferien. Wie immer geht es an die Nordsee. Drei Kinder auf der Rückbank des alten Polo. Lisbeth, deren Rollstuhl im Kofferraum liegt, der zweitälteste Kristof und er, “der Kurze”. Die Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz und steckt dem Vater, der fährt, eine Zigarette nach der anderen an.

Als sie endlich ankommen, ist der Vater kaputt von der Fahrt und muss sich erstmal hinlegen. Die Mutter sitzt in der Küche und raucht. Weil sie kaum Luft kriegt, sitzen sie bald beim Kurarzt im Wartezimmer. Das Reizklima.

Der Vater hat wieder sein Ritual zelebriert. Das ganze Jahr über sammelte er Münzen und kleine Scheine, nun zählen sie alle zusammen nach, über 350 Mark für Pommes, Hamburger und Cola. Jetzt werden sie sich mal richtig erholen von der Maloche, den Bausparverträgen und Ratenkrediten.

Mein Vater, der nie genug arbeiten konnte, um am Ende des Monats nicht im Minus zu landen. Meine Mutter, die ständig in Sorge war, irgendwo zu kurz zu kommen: So waren wir. S. 87

Viele Jahre später ist “der Kurze” vierzig. Für ihren Sohn wollen er und seine Frau Katja alles anders machen als die Eltern. Aber dann sind sie doch auf Kante genäht, brüllen sich an, sind cholerisch und kalt zueinander, fallen, verlieren fast alles und fangen sich im letzten Moment wieder.

“Der Kurze” muss es erst noch lernen, das Sprechen über Gefühle. Zuhause war kein Platz fürs Fühlen, erst recht nicht, um darüber zu sprechen. In seiner Familie wurde alles verdrängt, später dann auch der Tod seines Vaters.

Fazit: Eine solide geschriebene Geschichte über eine Arbeiterfamilie, die Generation davor und die Kinder. Martin Becker schreibt in lockerem, gut lesbarem Stil. Frischt mit lustigen Anekdoten auf, die tatsächlich passiert sein könnten. Gut gezeichnet, hat er die Charaktere. Der cholerische Vater, der bei jedem Konflikt seine Überforderung herausbrüllte und damit jeden Widerspruch unter seine Kontrolle brachte. Die Mutter, die unter grausigen Verhältnissen aufgewachsen war und versuchte, sich so viel wie möglich vom Leben zu gönnen, dazu leider aber auch “den Kurzen” benutzte. Bei aller Liebe, die “der Kurze”als Erwachsener für seine Familie empfindet, ist er auch zornig, weil manches anders, besser gelaufen wäre. Ich habe es, wie beabsichtigt als Ode an die Arbeiterfamilie gelesen, die weder beschönigt, noch sentimental verklärt, aber auch nichts übertreibt und sich damit abfindet, wie es war. Und ich habe das gerne gelesen.

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