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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein lesenswertes, dichtes Werk voller Interpretationsraum

Nichts, was uns passiert
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Das Debüt von Bettina Wilpert ist ein wirklich sehr gelungenes. Aufgrund des besonderen Schreibstils (indirekte Rede aus Sicht einer namenlosen Person) ist es schon in seiner Form eher herausfordernd, ...

Das Debüt von Bettina Wilpert ist ein wirklich sehr gelungenes. Aufgrund des besonderen Schreibstils (indirekte Rede aus Sicht einer namenlosen Person) ist es schon in seiner Form eher herausfordernd, weshalb ich auch nicht ganz die volle Sternenzahl vergebe. Dabei möchte ich aber betonen, dass der Erzählstil nicht schlecht ist, ich mochte ihn nach einer Weile sogar ganz gern. Er fordert besonders zu Beginn aber schon ein wenig Konzentration und Flexibilität.

Inhaltlich bin ich dagegen vollends begeistert! Wilpert nimmt sich hier einem Thema an, über das es nie genug Bücher geben kann. Vergew@ltigungen sind leider so verbreitet wie die Betroffenen gesellschaftlich stigmatisiert werden. Da sie oft im persönlichen Umfeld der Betroffenen und in einem Umfeld ohne Zeuginnen stattfinden, liegt die Beweislast üblicherweise beim Opfer. Gleichzeitig wird die Gesellschaft nicht müde, eben diesem in irgendeiner Form eine eigene Schuld zu unterstellen. Mich macht diese fehlende Solidarität so unglaublich wütend, weshalb dieses Buch, das ganz genau in diese Kerbe haut, inhaltlich so fordernd wie gut ist.

Absolut herausragend finde ich die Fähigkeit Wilperts, verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen und sich damit auf dem extrem schmalen Grat einer eigenen Positionierung zu bewegen. Ich durfte die Autorin auf einer Lesung des Buches kennenlernen und weiß spätestens seitdem, wie sie sich persönlich positioniert. Doch das ist streng getrennt von der Erzählstimme. Fast, aber nur fast, hatte ich Mitgefühl mit Jonas. Und ganz genau darum geht es auch - ich kann sogar für bestimmte Konsequenzen seines Handelns Mitgefühl empfinden und trotzdem sehr klar Position beziehen. Gleichzeitig darf ich Anna phasenweise unsympathisch finden und ihre Betroffenheit trotzdem nicht infrage stellen.

Diese Arbeit überlässt die Autorin auf geniale Art komplett ihren Leser
innen. Solange es die schier unbegreifliche Masse an 6ualisierter Gewalt gibt, werde ich immer bedingungslos Betroffenen glauben. Und wer die Verfilmung noch nicht kennt: Die ist ebenso gut umgesetzt wie ihre Vorlage.

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Veröffentlicht am 15.04.2024

Tolle Charaktere, queere Story, liebevolle Beziehungen

Bright Falls 1. Delilah Green Doesn't Care
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Wieder ein toller queerer Easy-Read mit einer schönen Umgebung, starken Charakteren und liebevollen Beziehungen. Besonders auch die Beziehung zwischen den beiden Schwestern hat mich sehr berührt. Gefallen ...

Wieder ein toller queerer Easy-Read mit einer schönen Umgebung, starken Charakteren und liebevollen Beziehungen. Besonders auch die Beziehung zwischen den beiden Schwestern hat mich sehr berührt. Gefallen hat mir außerdem, dass auf überzogenes Drama verzichtet wurde und die Konflikte sehr nachvollziehbar waren.

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Veröffentlicht am 15.04.2024

Eine würdige Fortsetzung

Miez Marple und die Pfote des Todes
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Wer Teil 1 mochte, wird hier auch wieder glücklich werden. Solide Fortsetzung, die ich spannend und leicht zu lesen fand. Beim ersten Teil war denke ich die Sprache einfach noch neuer und deshalb für mich ...

Wer Teil 1 mochte, wird hier auch wieder glücklich werden. Solide Fortsetzung, die ich spannend und leicht zu lesen fand. Beim ersten Teil war denke ich die Sprache einfach noch neuer und deshalb für mich begeisternder, aber der Autor hat das alles schlüssig und unterhaltsam fortgesetzt. Richtig tolle Lektüre für einen Sofatag.

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Veröffentlicht am 14.06.2026

Ein leiser Roman über Mitgefühl

Eine Maus namens Merlin
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Der Roman hat es mir ehrlicherweise nicht leicht gemacht, weil er sehr leise und auch langsam beginnt. Auf den ersten 80 Seiten passierte verhältnismäßig wenig und ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, ...

Der Roman hat es mir ehrlicherweise nicht leicht gemacht, weil er sehr leise und auch langsam beginnt. Auf den ersten 80 Seiten passierte verhältnismäßig wenig und ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, ob ich die Lektüre nicht doch nochmal vertagen sollte. Zum Glück wurde die Handlung dann ereignisreicher und es kam auch zu mehr Interaktion zwischen der Protagonistin und ihrer Mitwelt, sodass ich doch froh war, durchgehalten zu haben.

Simon Van Booy fängt die Einsamkeit der 83-jährigen Helen wirklich toll ein. Er setzt auf eine leise Sprache und relativ viel inneren Monolog. Das finde ich durchaus herausfordernd, weil ich zwar grundlegend das emotionale Innenleben einer Figur spannend finde, aber auch handlungsgetriebene Geschichten präferiere.

Und das ist wirklich erst in der zweiten Hälfte der Fall, da zieht das Tempo spürbar an und die Handlung wurde durch einige Nebenfiguren richtig lebhaft. Für mich hätte es noch ein wenig mehr Beziehungsentwicklung zu diesen Figuren geben können, allerdings spiegelt diese leichte Distanz den Charakter der Protagonistin wohl ziemlich gut wider.

Dass das Kümmern um eine scheinbar ausgesetzte Maus als Inspirations- und Reflexionsmoment dient, habe ich mich Skepsis betrachtet. Ich finde, Van Booy zeichnet die Entwicklung Helens hier zwar schlüssig, aber ich hatte doch lange die Befürchtung, dass es mir zu platt inspirierend wird und Tiere wieder einmal nur dem menschlichen Nutzen dienen sollen.

Doch da hat mich der Autor wirklich positiv überrascht. Die Protagonistin überträgt doch tatsächlich das Lebensrecht sowie die Leidensfähigkeit der Maus auf sogenannte Nutztiere und passt dann auch noch ihr Verhalten an - ich konnte es kaum glauben! Viel zu oft schiebt bei solchen Elementen die kognitive Dissonanz nämlich Überstunden und es scheint völlig schlüssig zu sein, einen Streunerhund liebevoll zu umsorgen, während sich parallel das Schweineschnitzel angebraten wird. Respekt an der Stelle für diese ganz wichtige Selbstreflexion.

Das hat meine Bewertung auch noch etwas nach oben korrigiert, denn insgesamt betrachtet hat mich der Roman nicht sonderlich berührt, auch wenn einige Passagen eindrücklich auf Helens Situation eingegangen sind und mir die Nebenfiguren bzw. deren Miteinander auch sehr ans Herz gewachsen sind. Der Fokus ist einfach sehr stark auf Helen und ihre Gedanken haben mich tendenziell distanziert gehalten. Ich hatte bis zum Ende den Eindruck, sie gar nicht richtig zu kennen, obwohl ich sie so intensiv begleitet habe.

Es ist aber auf jeden Fall ein liebenswertes Werk mit einem der schönsten Cover des Jahres und wirklich starken politischen Aussagen sowie einer Protagonistin, die genau weiß, was sie will. Eine so alte Hauptfigur ist mir bislang selten begegnet und auch, wenn ich sie gern emotional greifbarer erlebt hätte, ist ihre Darstellung glaubwürdig und literarisch wichtig.

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Veröffentlicht am 04.06.2026

Ein anstrengender, aber lesenswerter Weird-Girl-Rausch

She’s a Star!
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Geschichten über und mit obsessiven Figuren sind für mich immer ein Grenzfall. Gut geschrieben saugen sie mich absolut ein und fordern mich moralisch heraus. Weniger gut geschrieben wird es einfach nur ...

Geschichten über und mit obsessiven Figuren sind für mich immer ein Grenzfall. Gut geschrieben saugen sie mich absolut ein und fordern mich moralisch heraus. Weniger gut geschrieben wird es einfach nur anstrengend. Meredith Hambrock hat mit „She’s a Star“ ein Werk geliefert, das überwiegend in die erste Kategorie fällt und welches auf alle mir bekannten Romane dieser Art noch einmal eine Schippe draufsetzt.

Die erste Hälfte fand ich unglaublich stark! Über die Ich-Perspektive sitzen wir in Jessamyns Kopf und sind ihrer Wahrnehmung ausgeliefert. Schon relativ früh konnte ich mir nicht mehr sicher sein, was wirklich wie stattgefunden hat und was lediglich der Interpretation unserer Protagonistin entspricht. Denn es kristallisiert sich zunehmend heraus, dass Jessamyn eine unzuverlässige Erzählerin ist, die immer mehr einem Wahn verfällt, der sie (und uns) irgendwann fast völlig einnimmt. Nur durch Reaktionen der Nebenfiguren kam ich immer wieder ins Grübeln, ob die Realität nicht eine andere ist.

Die Nebenfiguren bleiben überwiegend blass. Das ist aufgrund der selbstbezogenen Erzählperspektive eine schlüssige Entscheidung. Dennoch muss mensch den enormen Fokus auf eine Figur natürlich mögen. Das Tempo ist von Beginn an hoch, der Ton direkt mit einem bissigen und durchaus gesellschaftskritischen Witz, der mir sehr gut gefallen hat. Dadurch, dass wir so nah an den Gedanken der Hauptfigur dran sind, entsteht eine bedrückende und intensive Atmosphäre.

In der zweiten Hälfte verlor die Geschichte aber ein wenig an Atem. Die Gedankenspiralen wiederholen sich und entschleunigen die Geschichte - meiner Meinung nach eher zum Nachteil der Erzählung. Später zieht das Tempo glücklicherweise wieder an; die Handlung wird immer ernster, wahnhafter und maximal unhinged - bis am Ende alles eskaliert.

Dieser Roman ist Arbeit! Jessamyn ist eine herausfordernde Hauptfigur, die mehr als eine fragwürdige Entscheidung trifft und doch immer wieder mein Mitgefühl hatte. Ihr ist Schlimmes widerfahren und ich bedaure es doch ziemlich, dass die feministische Komponente des Ganzen nahezu bedeutungslos wird neben all der Obsession. Da hätte ich mir mehr konsequenten Biss gewünscht, allerdings macht die Verdrängung aus Sicht der Erzählerin schon Sinn. Bei allem Ernst der Realität ist der gewählte Humor nahezu bitter, was wirklich gut zum Tragödiencharakter der Geschichte passt.

Wer sich ordentlich fordern lassen möchte von dieser Anti-Heldin und überwiegend temporeiche Geschichten mag, die ungefiltert in menschliche Abgründe schauen, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen.

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