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Veröffentlicht am 06.05.2025

Für einen entspannten Alltag von Hund und Mensch

Frust lass nach!
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Wie entspannt der Hund auf dem Cover schaut. Offensichtlich ist es ihm bereits gelungen, unerfüllte Bedürfnisse mit Fassung zu ertragen. Dieser Ratgeber soll helfen, dass auch unser Hundeteam dies schaffen ...

Wie entspannt der Hund auf dem Cover schaut. Offensichtlich ist es ihm bereits gelungen, unerfüllte Bedürfnisse mit Fassung zu ertragen. Dieser Ratgeber soll helfen, dass auch unser Hundeteam dies schaffen kann.

Beim Durchblättern dieses neuerschienen Buches merkt man gleich, dass es übersichtlich und anschaulich ist. Der Kosmos Verlag ist bekannt für seine schön gestalteten und kompetenten Ratgeber. Die Autorin Maren Grote trainiert seit vielen Jahren Hunde und die dazugehörigen Menschen. Sie hat bereits zwei Ratgeber zum Thema Hundeverhalten und –erziehung geschrieben.

Maren Grote hat sich hier Themen vorgenommen, die im alltäglichen Umgang mit dem Hund jeden Alters entscheidende Rollen spielen. Impulskontrolle und Frustrationstoleranz haben für Hunde eine wichtige soziale Funktion. Denn sie sind in den Situationen des modernen Alltags erforderlich, um sich in die Familienstrukturen und das Umfeld einzufügen.

Sehr systematisch, gut strukturiert und gründlich werden die drei Kernbegriffe in Theorie und Praxis vorgestellt. Das ist wichtig, um ganz genau zu durchschauen, wo die Schwachstellen sind und woran man beim Training eigentlich arbeitet. So kann man verhindern, dass einem als Hundehalterin Fehler unterlaufen.
Ganz kurz in drei Sätzen geht es um Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Belohnungsaufschub:
„Frustrationstoleranz bedeutet, sich nicht so schnell stören zu lassen, wenn es mal nicht so läuft, wie erwünscht. Impulskontrolle bedeutet, sich zurückzunehmen und ein Verhalten aktiv zu unterdrücken, weil es angebrachter ist, etwas zu lassen. Belohnungsaufschub ist die Fähigkeit, geduldig abzuwarten, bis man bekommt, was man wollte.“ S. 207

Sehr gut finde ich, dass der Mensch am anderen Ende der Leine als wichtiges Glied im System begriffen wird. Ja, man muss auch gleichzeitig an sich selber arbeiten, denn auch der Mensch braucht Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. Das Buch hilft mit einem Selbsttest für die Hundehalter zu analysieren, wie es mit einem selber steht.

Praktischerweise bietet es darauffolgend Möglichkeiten an, wie man seine eigene Selbstkontrolle fördern kann. Für den Hund ist es immens wichtig, wenn auch der Mensch Ruhe und Gelassenheit in aufregenden Situationen zu bewahren und zu vermitteln vermag. Das erlebe ich besonders bei meinen extrem empfindsamen Hütehunden.

Der Text ist übersichtlich in Kapitel und Unterkapitel aufgeteilt. Aufgelockert wird der Textteil durch großformatige Fotos, die das Erläuterte veranschaulichen sollen. Warum die Hunde so oft einen Maulkorb tragen müssen, ist mir allerdings nicht klar.

Neben den Grundlagen, wie z.B. Frustration bei Tier und Mensch entsteht, wird eine Auswahl an Ideen und „Handwerkzeug“ bereitgestellt. Trainingsaufbau und Übungen zur Frustrationstoleranz, Belohnungsaufschub und Impulskontrolle werden genau aufgestellt. So wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Auch Tipps zur Fehlervermeidung sind vorhanden.

Von Bedeutung sind auch die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Hunde. Natürlich hat man es im Welpenalter einfacher und legt eine wichtige Basis. Ich vermute aber, dass man eher zu diesem Ratgeber greifen wird, wenn man sich mit Problemen und Defiziten beim pubertären oder erwachsenen Hund konfrontiert sieht. An dieser Stelle hätte ich gern einen größeren Schwerpunkt gesehen. Denn Hund Hans kann noch nachholen, was er als Welpe Hänschen verpasst hat. Auch wenn es etwas mühevoller sein kann.

Als langjähriger Hundehalterin erkenne ich im Buch viele Situationen wieder, die ich aus eigener Erfahrung kenne. Da jeder Hund einen wieder vor neue Aufgaben stellt, ist es wunderbar, dass die Bedeutung dieser Themen wieder ins Gedächtnis gerufen und aufgefrischt werden.

Etwas unsicher bin ich mir, ob wirklich alle Übungen für jeden Hund geeignet sind. Aber das sollte man dann eigenverantwortlich handhaben, es sind genug Übungen aufgeführt. Mit der gewonnenen Erfahrung erkennt man nun eher Trainingsmöglichkeiten, die einem im Alltag begegnen und weiß sie zu nutzen.

Das Buch ist ein praxisnahes Übungsbuch, das mich mit zwei Hunden noch länger begleiten wird. Dass die Übungen mehrere Monate in Anspruch nehmen, darauf bereitet die Autorin vor. Aber sie zeigt in diesem Buch auch, dass sie weiß, wie man die Hundehalter
innen motiviert.

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Veröffentlicht am 20.11.2024

Ideen in die Tat umsetzen

Moralische Ambition
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Es war bestimmt nicht das Cover dieses Buches, das mich aufmerken ließ. Denn dieses sagte mir absolut nichts. Doch der Name des Autors Rutger Bregman kam mir bekannt vor.

Bregman, der niederländische ...

Es war bestimmt nicht das Cover dieses Buches, das mich aufmerken ließ. Denn dieses sagte mir absolut nichts. Doch der Name des Autors Rutger Bregman kam mir bekannt vor.

Bregman, der niederländische Historiker, Autor und Aktivist hat bereits mehrere Bücher mit interessanten Zukunftsentwürfen geschrieben wie „Utopien für Realisten“ und „Im Grunde gut“. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2019 hielt er einen aufsehenerregenden Vortrag in dem er u.a. eine „gerechte Besteuerung für Reiche“ forderte.

Sein neuestes Buch „Moralische Ambition“ trägt den aussagekräftigeren Untertitel „Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt“. Damit wird deutlich, dass Bregman uns aufruft, endlich aktiv zu werden.
Okay, wer will schon sein Talent vergeuden? Wofür man es einsetzt, sagt Bregman, hängt davon ab, wie idealistisch und ambitioniert man ist.

Mittels eines Diagramms mit den Achsen Ambition und Idealismus versucht Bregman die Menschen grob in vier Kategorien einzuteilen: nicht idealistisch und nicht ambitioniert, nicht idealistisch und ambitioniert, idealistisch und nicht ambitioniert und – schließlich – ambitioniert und idealistisch.
Menschen, die zugleich ambitioniert und idealistisch sind, bilden (leider) eine Minderheit. Aber es sind die, die Bregman mit diesem Buch ansprechen, motivieren und inspirieren möchte. Denn diese können und wollen (hoffentlich) ihre Talente so einsetzen, dass sie etwas gestalten, das wirklich zählt für die Menschheit. Nur wie?
Denn es gilt ja dabei auch, Risiken einzugehen, Frustrationen auszuhalten und notfalls Wegbereiter für andere zu sein.

Bregman suggeriert, dass sein Buch vielleicht unbehaglich zu lesen ist vor allem für Leute über 30, die wenig Bereitschaft haben könnten den (mittlerweile bequemen oder eingefahrenen) Kurs ihres Lebens zu verändern. Natürlich richtet er seine Hoffnungen auf die Menschen, die am Anfang ihrer Berufslaufbahn sind, oder bereit sind, das Ruder noch einmal in eine ganz andere Richtung zu lenken, was ja nicht unbedingt eine Altersfrage sein muss, wie es seine späteren Beispiele zeigen.

Was sind das für Menschen, die genügend Ambitionen und Idealismus mitbringen? Sie wollen ihre eigenen Möglichkeiten und Talente ausschöpfen. Das Wohlergehen und die Weiterentwicklung der Menschheit ist ihnen ein Anliegen. Sie können sich vorstellen, ihre Karriere und Begabung einzusetzen, um an den wichtigen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu arbeiten und die Welt ein Stück zu verändern.
Welche Menschen Jobs haben, die wirklich wichtig und systemrelevant für die Gesellschaft sind, haben wir ja in den Pandemiezeiten erleben können. Aber so viele Menschen hängen in Jobs fest, die nichts für das Wohlergehen von Mensch und Umwelt beitragen, eher im Gegenteil.

Im Buch werden viele davon als „Bullshit Jobs“ bezeichnet. Somit werden große Fragezeichen gesetzt an das, was in der Gesellschaft als sozialer Aufstieg, Erfolg, Prestige gesehen wird (Beispiel Beratungsjobs, Bankmanager etc.)
Bregman selber ist aktiv geworden und hat die "School For Moral Ambition" gegründet. Diese Bewegung möchte Menschen dazu bringen, ihr Verständnis von Erfolg zu überdenken, ihre Bullshit Jobs an den Nagel zu hängen, und persönlichen Erfolg anders zu sehen..

Wie entstehen Veränderungen sonst noch?
Die Anthropologin Margaret Mead meinte: „„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“
Die Mehrheit findet sich einfach mit ihrer Mittelmäßigkeit ab. Das mag zwar provokant klingen, entspricht aber leider der Realität. Sie wartet lieber hinter den Gardinen beobachtend ab.

Die meisten Menschen können die Welt eben nicht verändern. Weil sie die Regeln befolgen und tun, was von ihnen erwartet wird. Sie sind vorhersehbar und gehen nie Risiken ein.
Wer stößt Veränderungen an? Bregman führt hier ein interessantes Bild der „Zeros“, „Ones“ und „Twos“ ein. Als „Zeros“ bezeichnet er Menschen, die keinen besonderen Ansporn benötigen, sondern mit einer Aktion beginnen. Andere brauchen jemanden, der sie anspricht und um Hilfe fragt, motiviert, dann sind sie sofort dabei (=Ones). Twos folgen dem Vorbild und der Ansprache. Das Wichtige ist derjenige, der in der Lage ist, eine Aktion anzustoßen, aber ohne die anderen geht es eben auch nicht.

Selbst bei Idealisten klaffen große Lücken zwischen Wort und Tat. Wokeness und Awareness sind ja gerade große Schlagwörter. Oft verharren diese Vertreter bei der Suche nach Begriffen und Bewusstsein. Es klafft oft genug eine große Lücke zu einem Aktivwerden an sinnvollen Stellen, so dass es zu Veränderungen kommen könnte.
“Noble Loser“ sind für den Autor jene, die die richtigen Intentionen haben, bei denen aber durch ihre fehlende Aktivität keine Auswirkungen folgen. Ja, diese Erkenntnis kann richtig wehtun, wenn man sich doch zu den „Guten“ zählt.

Die Autokratien sind in vielen Ländern stark im Vormarsch. In den USA wurde gerade erst ein Autokrat zum Präsidenten gewählt. Noch immer sterben Millionen Kinder an Krankheiten, die heute schon heilbar sind. Gerade erst haben wir eine Pandemie hinter uns, die nächste, vielleicht viel schlimmere, könnte jederzeit ausbrechen. Milliarden von Nutztieren werden unter furchtbaren Bedingungen gehalten, um geschlachtet zu werden.
Anstatt diese Probleme anzugehen, wird über Gendersternchen diskutiert.
Leider ist es so wie im Herrn der Ringe: es gibt eine helle und eine dunkle Seite der Macht. Es wird Zeit, dass mehr auf der hellen Seite arbeiten.


Hört sich das alles nach trockener Theorie an? Nein, Bregman verharrt nicht in der Theorie, sondern erzählt die Geschichten vieler Menschen, die den Lauf der Welt zum Besseren verändern konnten. Diese Geschichten fand ich extrem spannend, bewegend und motivierend. Hier ein paar Höhepunkte:
Thomas Clarkson, der sein ganzes Tun dem Ziel verschrieb, die Sklaverei abzuschaffen. Die Geschichte der ersten Abolitionisten und der Aktivitäten der Quäker.
Rosa Parks, ihr Busboykott und die Geschichte dahinter
Ralph Nader "Radical Nerds". Nader klagte General Motors an, unsichere Autos zu bauen. Er hat so Sicherheitsgesetze in Gang gebracht.
Besonders bewegt hat mich die Geschichte von Rob Mather.
Er organisierte ein 35 km Sponsorenschwimmen, um einen Fund für das Kleinkind Terri, das Opfer eines Brandes war, zu gründen. Selbst motiviert durch seinem Erfolg fuhr er mit dieser Arbeit fort in den folgenden Jahren, um einen Fund zur Malariaprävention aufzubauen. Heute ist dies eine große Hilfsorganisation: Against Malaria Foundation.
Oder der Holländer, der ein ganzes Dorf in Bewegung brachte, um jüdische Landsleute in der Zeit der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg vor der Verfolgung zu retten.

Es mangelt uns in der Gegenwart und Zukunft nicht an Herausforderungen. Da kann jeder von uns spontan anfangen aufzuführen: Klimawandel, Krieg, künstliche Intelligenz,…
Mir gefällt, wie Bregman es gelingt, seine theoretischen Ideen mit den praktischen Beispielen zu verbinden. Es mag sein, dass er sich vor allem an Menschen richtet, die bestimmte Fähigkeiten und Mittel im Rücken haben und die noch jung, dynamisch und flexibel sind. Aber seine Beispiele zeigen, dass das Leben jedem die Möglichkeit bieten kann, auch im kleinen Rahmen, seine Möglichkeiten und Talente in den Ring zu werfen.

Gerade die Geschichten der ambitionierten und idealistischen Menschen aus ganz verschiedenen Zeiten empfand ich als extrem motivierend und inspirierend. Sie regen an, sein eigenes Tun und Leben auch mal zu hinterfragen.

In unseren Zeiten sind positive Visionen für die Zukunft selten geworden. Auch die demokratischen Parteien scheinen heute kaum davon beflügelt zu werden.
Bregmans Buch liest sich sehr herausfordernd, regt zum Denken und auch zum Tun an.

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Veröffentlicht am 18.04.2024

Die unbekannte Frau hinter Adenauer

Gussie
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Wie Memorykärtchen, die gerade aufgedeckt werden, so kommt mir das wunderschöne Cover auf den ersten Blick vor. Man ahnt schon, dass es sich um eine aparte junge Frau handelt, die sich dahinter verbirgt. ...

Wie Memorykärtchen, die gerade aufgedeckt werden, so kommt mir das wunderschöne Cover auf den ersten Blick vor. Man ahnt schon, dass es sich um eine aparte junge Frau handelt, die sich dahinter verbirgt. Doch wer ist sie? Interessanterweise zeigt dieser Ausschnitt ein Gemälde einer Frau, die Gussie gerufen wurde. So lautet ja auch der Titel des Buches.

Wer verbirgt sich hinter diesem Rufnamen? Es ist Auguste Adenauer, geborene Zinsser, die zweite Ehefrau des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer. Das Gemälde war sein Lieblingsbild seiner Frau.

Ausgangspunkt dieses Romans, der die Biographie von Gussie Adenauer ins Zentrum stellt, ist das Jahr 1948. Gussie Adenauer ist erst 52 Jahre alt und liegt im Bonner Johannes-Hospital im Sterben. Um ihr Ende wissend blickt sie zurück auf ihr Leben, sie „reist zurück in der Zeit“. Wie beim Memory-Spiel wird ein Erinnerungskärtchen nach dem anderen aufgedeckt, bis vor unseren Augen ein Persönlichkeitsbild dieser Frau erscheint. Dabei kehren wir immer wieder zur sterbenden Gussie zurück.

Wir lernen Gussie als junges Mädchen kennen, eine Arzttochter, die 1919 den verwitweten Kölner Oberbürgermeister (seit 1917) Konrad Adenauer heiratet. Dieser ist 19 Jahre älter als sie, Vater von drei minderjährigen Kindern und hat unter tragischen Umständen seine Frau Emma verloren. Gussies Familie war mit der Familie Adenauer aus der Nachbarschaft bereits freundschaftlich verbunden. Dabei verabschiedet sie sich von ihren Zukunftsträumen „man kann nur ein Leben leben…“ (S. 157)

Gussie wird eine verliebte Ehefrau, eine liebevolle Stiefmutter und schenkt selber fünf Kindern das Leben. Der traurige Verlust des ersten Sohnes wenige Tage nach der Geburt begleitet sie ihr Leben lang.
Es ist sehr spannend, das Schicksal der Adenauers nach dem Ende des 1. Weltkriegs, durch die wilden 20iger Jahre bis zum Durchbruch des Dritten Reiches zu beobachten. In Gussies Leben verflechten sich Familiäres, Öffentliches und Politisches eng. Die junge Frau engagiert sich sozial und politisch.

Mit der Machtübernahme der Nazis ändert sich das Leben der Familie komplett. Konrad Adenauer wird observiert, verfolgt, er muss fliehen, sich verstecken, wird inhaftiert. Sein Leben ist in Gefahr. In dieser Zeit erdrückt die Last, die Gussie zu tragen hat, sie fast.
Am Ende stehen Verhöre der Gestapo, eine unmenschlich erzwungene Entscheidung und Lagerhaft. Gussie Adenauer stirbt nur wenige Jahre nach dem Krieg an den Folgen dieser Ereignisse. Sie erlebt nicht mehr, wie ihr Mann der erste Bundeskanzler wird. Er wird sie um fast 20 Jahre überleben.

„Die wenigen Mutigen kommen ihr in den Sinn. Sie haben mit ihrem Leben bezahlt. Wärest du dazu bereit gewesen, Gussie? Es ist nur menschlich, vor der eigenen Angst in die Knie zu gehen. Widerstand ist ein großes Wort. Wer sind wir, uns ein Urteil anzumaßen?“ (S. 79)

Fazit:
Der Autor Christoph Wortberg wagt ein Buch, das von Anfang an das tragische Ende offenlegt und nie aus den Augen verliert. Das ist sehr berührend. Es gibt ihm die Möglichkeit, dass Gussie, ihr Leben nochmal vor Augen, kommentieren und gewichten kann. Gleichzeitig zieht sich so ein Hauch von Melancholie durch die Seiten.

Sehr gelungen empfinde ich, dass der Autor Christoph Wortberg bei den Rückblickskapiteln eine gewisse Chronologie einhält und zwischendurch immer wieder zur sterbenden Gussie zurückkehrt. Denn auch noch in den letzten Tagen zeigt sie ihre besondere Persönlichkeit.
Die Zeitstränge lassen sich gut einordnen, da kleine (nachempfundene) datierte Briefzitate an und von Gussie den Kapiteln vorangestellt werden. Nebenbei wird so auch die Zeitgeschichte durch Gussies Augen erlebbar.

Man bekommt einen sehr berührenden Eindruck von Gussies Charakter. Ihre Emotionen, ihre Sicht auf die Zeit und auch die Zweifel an den eigenen Entscheidungen sind sehr gut nachvollziehbar.

Von Anfang an beweist die junge Frau großen Mut, Empathie und Stärke. Man kann sich kaum vorstellen, wie ihr Mann seine Familie, gesellschaftliche und politische Aufgaben je ohne sie hätte bewältigen können.

Besonders berührt haben mich ihre Jahre im Dritten Reich, in denen sie vor schier unlösbare Aufgaben gestellt wird und an der Grausamkeit der nationalsozialistischen Machthaber zugrunde geht. Die Atmosphäre der Bedrohung, Angst, Ausweglosigkeit ist selbst beim Lesen sehr beklemmend. Hier gehen die Geschehnisse unter die Haut.
Dem Buch liegt eine sehr gründliche Recherche zugrunde. Die Romanform schenkt dem Autor gegenüber einem biographischen Sachbuch einige Freiheiten. So können wir als Leser*in auch viel besser in die Gefühlswelt Gussies eintauchen.

Der Schreibstil ist bildhaft, knapp und mit einer großen Tiefe, sodass ich das Buch ungern aus der Hand legte. Von mir aus hätte es gern noch ausführlicher und länger sein dürfen.

Auguste Adenauer werde ich gewiss nicht so schnell vergessen durch diese sehr bewegende und tiefgründige Darstellung.

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Veröffentlicht am 25.05.2026

Bakterien - Einstieg in eine fast noch unbekannte Welt

Bakterien – die heimlichen Helden
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Peter Wohlleben kannte ich bislang als Autor, der aufschlussreiche Bücher zu den Themen Wald und Umweltschutz verfasst hat. Deshalb habe ich mir lebendige Wissenschaftsvermittlung versprochen und wurde ...

Peter Wohlleben kannte ich bislang als Autor, der aufschlussreiche Bücher zu den Themen Wald und Umweltschutz verfasst hat. Deshalb habe ich mir lebendige Wissenschaftsvermittlung versprochen und wurde nicht enttäuscht.

Bakterien in der Heldenrolle? Das machte mich neugierig, denn mein (leider langweiliger) Bio-Unterricht liegt lange zurück, und die Wissenschaft hat seitdem fortlaufend Neues entdeckt – und setzt das täglich weiter fort.
Biologisches Vorwissen wird nicht vorausgesetzt, schadet aber auch nicht. Fachbegriffe und komplizierte Zusammenhänge werden verständlich und z.T. vereinfacht erklärt.

Bakterien sind für das menschliche Auge unsichtbar, aber wir wissen von ihrer (erschreckenden) Existenz auf unseren Küchenschwämmen, auf Türklinken, Handläufen etc. aber auch im Darm…. Auf jeden Fall hatte ich (wie wohl die meisten) eher eine recht negative Vorstellung vom Wirken der Bakterien und war neugierig, auf ihre, für mich unbekannten Seiten.

Wohlleben stößt in seinem Buch viele Türen des Staunens und Forschens für uns auf, indem er uns auf die Heldenreise der Bakterien mitnimmt. Nach dem Lesen wird man wohl manches in seiner Umwelt mit anderen Augen betrachten und im Privaten vielleicht Veränderungen vornehmen.

Das Buch wird in drei große Bereiche aufgeteilt: angefangen mit „Die Erfindung des Lebens“, in dem eher die Grundlagen gelegt werden. So lernt man beispielsweise, warum die Bakterien für ein Leben auf der Erde unerlässlich sind.
In „Wie Bakterien unseren Alltag bestimmen“ findet bestimmt jeder Anknüpfungspunkte an sein eigenes Leben. Ja, die Bakterien sind an der Entstehung von Krankheiten beteiligt. Andererseits können sie auch zur Gesundheit beitragen. Bakterien als Krankheitserreger im Kühlschrank rufen Ekel hervor, als Hautbakterien können sie dafür sorgen, dass Wunden schneller heilen.

Dass Bakterien eine Chance für den Fortschritt bieten könnten erfährt man im dritten Teil „Verbündete für die Zukunft“. So können beispielsweise Bakterien Mikroplastik abbauen oder in Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels mehr Bedeutung gewinnen.
Alle Bereiche sind wiederum in eine Vielzahl kurzer übersichtlicher Kapitel aufgegliedert. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Anhang weiteres Material und Quellenangaben.
Beim Lesen merkt man sofort, dass dem Sachbuch eine sehr genaue wissenschaftliche Recherche zugrunde liegt. Diese Grundlagen gilt es nun spannend zu vermitteln. Der Autor verwendet einen anschaulichen, präzisen Schreibstil. Er lässt seine Leser*innen nicht vom Haken, sondern spricht sie oft direkt an, bleibt locker und humorvoll. Das Leben und Treiben der Bakterien vermenschlicht er gerne, um die komplexen Sachverhalten zu erklären. Das liest sich sehr angenehm, flüssig und nachvollziehbar. Mir persönlich waren manche der Kommentare in den Klammern oder Bakterienknilche zu viel des Guten, aber das ist vermutlich einfach Geschmackssache. Wichtig ist letztendlich, dass auf informative, unterhaltsame Weise Kenntnisse über die Natur und den Menschen im Zusammenhang mit den Bakterien vermittelt werden. Auf jeden Fall nimmt man viele Denkanstöße und praktische Tipps in den Alltag mit.

Angesichts der immensen Bedeutung und Leistungen des Bakteriennetzwerkes scheint es schier anmaßend, dass sich der Mensch als Krone der Schöpfung sehen möchte. Wohllebens deutliche Kritik z.B. an Agrarpolitik, Waldwirtschaft werden unter diesem wissenschaftlichen Aspekt noch nachvollziehbarer.

Wohlleben liefert eine Vielzahl an Informationen, die einem manchmal fast episodenhaft erscheinen mögen. Doch es gibt noch so viel über diese spannenden Mikroorganismen zu lernen, denn von den Milliarden Bakterienarten sind erst wenige Zehntausend bekannt. Da warten vermutlich noch einige Überraschungen auf uns.
Wer sich für Natur, Umwelt und Biologie interessiert, findet hier bestimmt einen spannenden Einstieg.

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Veröffentlicht am 13.05.2026

Blick in das China von heute

Fliegt, Wilde Schwäne
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In der derzeitigen Geopolitik ist China ein bedeutsamer aber undurchsichtiger, gefährlicher Player, über den man eigentlich wenig weiß, weil die Eindrücke von Innen fehlen. Da hoffte ich auf einen sehr ...

In der derzeitigen Geopolitik ist China ein bedeutsamer aber undurchsichtiger, gefährlicher Player, über den man eigentlich wenig weiß, weil die Eindrücke von Innen fehlen. Da hoffte ich auf einen sehr persönlichen Einblick durch dieses Buch.
Die Autorin Jung Chang (*1952) ist in der Volksrepublik China aufgewachsen und hat die Kulturrevolution hautnah miterlebt. 1976 konnte sie mit einem Stipendium ein Ergänzungsstudium in England beginnen, kehrte nach dem Abschluss des Studiums jedoch nicht nach China zurück. Jung Chang ist verheiratet mit dem Historiker Jon Halliday und lebt im Vereinigten Königreich.

Schon mit dem Titel „Fliegt, Wilde Schwäne” nimmt Jung Chang einen Faden nach vielen Jahren wieder auf – den Faden ihres 1991 erschienen internationalen Bestsellers „Wilde Schwäne“ (im Original „Wild Swans: Three Daughters of China“). In diesem Debüt erzählte sie damals die ein Jahrhundert umspannende Geschichte ihrer Familie mit dem Schwerpunkt auf den Biographien dreier weiblicher Generationen in China.

Auch ohne das vor 35 Jahren erschienene Buch gelesen zu haben, kann man problemlos in „Fliegt, Wilde Schwäne“ einsteigen. Für das Verständnis der Handlung wichtige Ereignisse werden wieder aufgegriffen, wie z.B. die erschütternden Erlebnisse ihrer Familienmitglieder während der Kulturrevolution und die politischen Umwälzungen, die ihr Leben formten.
„Fliegt, Wilde Schwäne“ führt die Familiengeschichte weiter bis in die Neuzeit und fügt die Erfahrungen Jung Changs bei der Recherche für ihre Bücher (u.a. Biographien von Mao und der letzten chinesischen Kaiserin Cixi) in China hinzu. Im Zentrum steht neben Jung Chang ihre unerschütterliche Mutter. Jung Changs ausgedehnte Familie ist über Jahrzehnte Zeuge und Opfer von so viel Leid und Qualen geworden. Trotzdem hat die Autorin furchtlos die Dokumentation dieser Geschichte aufgenommen. Sie zeigt eindrücklich auf, wie nach dem Tod Maos es eine allmählich etwas offenere Haltung dem Westen gegenüber gab. Aber mit dem Regime von Xi Jinping, der nun auf unbestimmte Zeit am Ruder ist, hat sich dies dramatisch verändert. So versinkt China in eine weitere dunkle Periode.

Sehr interessant ist es, wie „Wilde Schwäne“, Changs erstes Buch in China aufgenommen wurde und was das für einen Einfluss auf ihr Leben seitdem hatte. In den folgenden Jahren hatte sie nur begrenzten Zutritt nach China. In China ist sie seit 2018 nicht mehr gewesen. Sie hat sich damit abgefunden, dass sie nicht mehr in der Lage sein wird, nach China zurückzukehren. Ihre Mutter war immer voller Angst, wenn ihre Tochter in China weilte. Ihr ist es lieber, dass sie fern, aber in Freiheit im Westen lebt. All ihre Bücher sind in China verboten. Durch die Unfreiheit und die Intensität der nun vorherrschenden Überwachung, ist ihre Angst vor Inhaftierung sehr real.

Dass Chang bewusst und deutlich eine sehr persönliche Perspektive einnimmt, hat mir sehr gefallen. Somit ist das Buch keine Darstellung chinesischer Geschichte, sondern die Fortsetzung der intensiven realen Familiensaga vor historischem Hintergrund. Die Situation ihrer Familie, ihre eigenen Besuche und ihre wieder zunehmend schwieriger werdende Recherche spiegeln das komplexe Leben unter einem totalitären Regime wider. Gerade diese Erzählhaltung macht das Buch ganz besonders authentisch, eindrücklich, fesselnd, kraftvoll und informativ. Man wird schier überwältigt von der Menge an persönlichen Details, der intensiven Eindrücke und der ergreifenden und emotionalen Erzählweise.

Mich hat berührt, auf welche Weise Themen wie Freiheit, Überleben und Identität in einem totalitären Regime durch die Verbindung mit realen Menschen und ihrer Biographie viel greifbarer werden. Denn nun treten auch Konflikte wie zwischen politischem Pflichtgefühl und Loyalität zur Familie, Mut, Resilienz und Leidenschaft klar hervor. Die Schilderung der Lage der Menschen dort zerreißt einem schier das Herz.

Für mich ist dies ein wichtiges und sehr persönliches Buch um das moderne kommunistische China zu verstehen. Zudem hat dieses Buch in mir die Neugierde geweckt, auch das erste Buch „Wilde Schwäne“ zu lesen, um ein umfassenderes Bild von der unruhigen und leidvollen Geschichte des neuzeitlichen Chinas zu bekommen. Beide Bücher sind übrigens in China verboten, was ihre Bedeutung unterstreicht.

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