Platzhalter für Profilbild

Scarletta

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Scarletta ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Scarletta über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.02.2025

Ein Mikrokosmos im Faschismus

Ginsterburg
0

Arno Frank führt uns in die fiktive deutsche Kleinstadt Ginsterburg, wo wir zu drei Zeitpunkten, in den Jahren 1935, 1940 und 1945 die Entwicklung der Bevölkerung verfolgen können.

1935, zwei Jahre nach ...

Arno Frank führt uns in die fiktive deutsche Kleinstadt Ginsterburg, wo wir zu drei Zeitpunkten, in den Jahren 1935, 1940 und 1945 die Entwicklung der Bevölkerung verfolgen können.

1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung hat sich der Alltag bereits deutlich verändert.
Die jung verwitwete, politisch eher links orientierte Buchhändlerin Merle hat noch große Ressentiments gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern. Sie zieht allein und sehr liebevoll ihren sensiblen, sehr naturverbundenen Sohn Lothar auf. Anfangs fremdelt Lothar sehr mit der Hitlerjugend in seinem Ort, die mit Ignoranz und Brutalität glänzt. Doch mit seiner Faszination für das Fliegen wird er bald an deren Angel hängen.

Die Gunst der Stunde ergreift der Blumenhändler Gürckel, macht Geschäfte, reichert Machtpositionen an, steigt so zum Kreisleiter auf und bringt Grundstücke und Gebäude in seinen Besitz. Er verhilft auch Eugen, der sich an seinem Kriegsveteranen-Vater abarbeitet, zum Posten des Schriftleiters der ehemals jüdisch geleiteten Ginsterburger Lokalzeitung. Den ganzen Verlauf des Romans wird Eugen ausschweifend und inbrünstig an der Chronik des Ortes schreiben.

Ein weiterer Profiteur ist der Papierfabrikant Jungheinrich. Er weiß auszunutzen, dass man für Granaten auch Papier braucht. Auch der Arzt Hansemann lebt seine „medizinischen Forschungsinteressen“ im Osten aus.
Zu den Verlierern gehören z.B. der jüdische Zeitungsverleger, der schwule Filmvorführer und der geistig behinderte Fritz

1940 haben sich die jüdischen Mitbürger selbst aus dem Ort entfernt, durch Flucht oder Suizid. Der Krieg scheint weit weg zu sein. Dafür laufen die Geschäfte der Profiteure prächtig. Kritische Stimmen sind verstummt oder haben sich korrumpieren lassen. Man hat sich mit den Gegebenheiten arrangiert oder angepasst, wenn man nicht sowieso voller völkischer Begeisterung mitschwingt. Es ist deutlich zu merken, wie das Geschehen die Menschen verändert hat.

Fazit:
Ich halte das Thema an sich, wie das alltägliche Leben der Menschen bis ins Detail von der Machtergreifung verändert wurde, vom kleinen Kind bis zum Greis, vom Gesunden bis zum Kranken für ungemein wichtig.

Die Blicke auf drei verschiedene Jahre: 1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung, 1940 nach Kriegsbeginn, 1945 kurz vor dem Zusammenbruch und Kriegsende sind eigentlich eine gute Idee, um Entwicklungen zu verdeutlichen. So werden an verschiedenen Protagonisten die Gewinner und Verlierer des Systems, die Korrumpierung der Menschen, seelische Auswirkungen, ihre persönlichen Verstrickungen aufgezeigt.

Der am besten gezeichnete Charakter ist für mich der Junge Lothar. Der junge Naturliebhaber, fasziniert vom Fliegen, entrinnt seiner Mutter zunehmend. Er ist sehr sensibel und liebevoll dargestellt und kann kein Wesen leiden sehen. Allerdings ist seine Entwicklung nicht so anschaulich dargestellt, dass ich verstehe, wie es dazu kommt, dass er später emotionslos Bomben auf Städte fallen lässt. Dabei ist es doch gerade so wichtig, dass man genau das nachvollziehen kann.

Unter die fiktiven Charaktere mischen sich tatsächliche historische Personen mit ihrem Realnamen wie Lothar Sieber und Erich Barmin. Gerade dieser Lothar Sieber wird zu einem äußerst wichtigen Protagonisten. Ohne Erwähnung z.B. in einem Vor- oder Nachwort ist das so in meinen Augen absolut nicht in Ordnung, zumal sogar das Testament des realen Lothar Sieber wortgetreu übernommen wird.

Lediglich angedeutet in kurzen Erwähnungen oder kleinen Bildern werden die Vernichtung der Juden, politische und rassische Verfolgung und andere Grausamkeiten. Alles scheint wie auch der Krieg nur in der Ferne stattzufinden.

Es gibt nur wenige Momente, die mich wirklich bewegt und erschüttert haben, wie der blutige Wahnsinn und rauschhafte Blutdurst der Soldaten beim Töten der Kraniche, die lapidare Hinrichtung von Zwangsarbeitern und des britischen Kriegsgefangenen, welcher sich wie ein Menetekel vom Beginn des Buches an auf Ginsterburg zubewegt.
Ansonsten haben die Protagonisten anscheinend kaum greifbare Zweifel oder Emotionen. Mir fehlen da persönliche Entwicklungen, Einsichten, Widerstand. Die Beziehungen der Charaktere sind oft wenig nachvollziehbar, teilweise banal und berühren mich so nicht. So möchte man doch unbedingt miterleben, wie es zu Lothars Entwicklungswende kommt, wie Protagonisten plötzlich eine Beziehung beginnen etc.

Die Darstellung der Charaktere ist gelegentlich recht grob skizziert und oberflächlich, manchmal auch klischeehaft z.B. die Nazizwillinge des Kreisleiters. Manche Figuren erscheinen redundant (z.B. die Zirkusleute). Viele Entscheidungen und Entwicklungen der Charaktere an denen man gerne teilhaben würde, werden nur nacherzählt (z.B. Wendepunkte bestimmter wichtiger Personen, Entwicklungen von persönlichen Beziehungen).

Die Erzählperspektive wechselt öfter. Am Anfang hatte ich die Hoffnung, dass die Darstellung von Merle und ihrem Sohn Lothar tiefer dringt, leider entgleiten dem Autor diese Fäden.
Mir ist es deshalb leider nicht gelungen, mich mit einem der Charaktere näher zu verbinden.
Der Schreibstil erinnerte mich etwas an den Stil der 30iger und 40iger Jahre, was ja eigentlich passen würde. Zeitweise ist der Stil recht anschaulich und stimmungsvoll. Aber oft scheint die Geschichte vor sich hin zu mäandrieren und immer wieder Schleifen zu den vielen Nebenfiguren zu ziehen.

Das Ziel des Autors Arno Frank ist Parallelen aufzuzeigen zwischen der heutigen politischen Situation und der, die zur NS-Zeit geführt hat mit den entsprechenden Folgen für die Menschen. Die normale Bevölkerung wird zu Mitläufern, Mittätern, Denunzianten. Am Ende mündet es alles direkt in der Katastrophe. Das ist eine sehr wichtige Absicht, die mich persönlich hier aber nicht wirklich überzeugen konnte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.01.2025

Liebevoller Blick auf die eigenen Wurzeln

Barfuß in Tetas Garten
0

Das Cover und der Titel verraten es uns schon, dass uns Aline Abboud mitnehmen möchte in ihre ganz persönlichen Kindheitserinnerungen. Die aus dem Fernsehen bekannte Journalistin wurde 1988 in Ostberlin ...

Das Cover und der Titel verraten es uns schon, dass uns Aline Abboud mitnehmen möchte in ihre ganz persönlichen Kindheitserinnerungen. Die aus dem Fernsehen bekannte Journalistin wurde 1988 in Ostberlin als Tochter einer (DDR-)deutschen Mutter und eines aus dem Libanon stammenden Vaters geboren. Abbouds Vater stammt aus einer christlichen, maronitischen Familie. Anekdotisch erzählt Abboud aus ihrem Leben in Berlin und vor allem von den Sommern ihrer Kindheit und Jugend, die sie mit ihren Eltern im Libanon verbrachte.

Die Zeit in der Heimat ihres Vaters, in der sie sich liebevoll umfangen von ihren Großeltern und einem sehr großen Kreis von Verwandten fühlen durfte, hat Aline Abboud nachhaltig geprägt. Die kulinarischen Genüsse, das herrliche nahe Meer, die vielen fröhlichen, traditionell geprägten Familienfeste, das soziale Leben mit Freunden, Verwandten, das Erleben der libanesischen Kultur und die Sehenswürdigkeiten machen ihre Erzählungen bunt und unterhaltsam. Ja, auch das Essen ist dabei sehr bedeutend. Denn wie sagt die Autorin: „Essen ist eben mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist immer auch Heimat, Geschichte und Identität.“ (S. 228)

Doch nicht immer waren diese Besuche derart unbeschwert. Abboud bekam auch als Kind die Gefahren der politischen Situation des Libanon mit. Dazu gehörte auch eine überstürzte Flucht der kleinen Familie Richtung Deutschland wegen kriegerischer Auseinandersetzungen. Die dadurch entstandene posttraumatische Belastungsstörung lassen Abboud die Leiden von Menschen mit Kriegserfahrung, z.B. bei Silvesterknallereien, gut nachvollziehen. (Abbouds deutsche Oma wuchs im Zweiten Weltkrieg auf, auch wenn die Autorin deren Geburtsjahr 1936 schon in die Kriegszeit verlegte. Hier hätte ein Lektorat einfach korrigieren können).

Mit Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen werden Themen wie „Identität“ und „Heimat“ zentral. Wie und warum Abboud ihre libanesischen Wurzeln wichtig sind, kann sie uns in diesem Buch sehr nachvollziehbar darstellen. Schließlich kennt sie den Libanon nicht nur aus Erzählungen, sondern konnte ihn jahrelang hautnah erleben.

Schwerer nachvollziehbar erscheint hingegen ihre mehrmals erwähnte „Ostalgie“. Da sie kurz vor dem Mauerfall 1988 geboren wurde, stammen ihre Kenntnisse aus dem Leben in der DDR nur aus Erzählungen. Solcherart Berichte romantisieren viel und lassen gern unangenehme Dinge weg (z.B. Stasi, Unfreiheit u.v.m.). Aber in Bezug auf die Wurzeln der Familie mütterlicherseits zeigt es natürlich, wie unsicher diese sind. Damit verweist diese Thematik auch auf die derzeitigen politischen Probleme um die Entwicklung der „neuen deutschen Bundesländer“. Das wird aber nicht dezidiert formuliert. Dafür kann man gut nachvollziehen, warum die libanesischen Wurzeln einen solch großen ausgleichenden Halt bieten.

Was vermittelt Abbouds Buch? Wer fundierte, ausführliche kulturelle und historische Hintergründe zum Libanon, politische oder wirtschaftliche Lage des Landes sucht, wird hier kaum fündig. Diesen Anspruch erhebt die Autorin aber auch gar nicht. Es wird die Liebe zum Libanon und der libanesischen Familie und die Suche nach den Wurzeln in dieser Richtung sehr unterhaltsam und leicht lesbar vermittelt.
Mir haben ein wenig ein roter Faden oder die Andeutung einer persönlichen Entwicklung gefehlt. Ein bisschen mehr Bewusstsein für Geschichte und politische Zusammenhänge wären ein Gewinn gewesen.

Auf jeden Fall ist das Buch, das Aline Abboud zusammen mit Nana Heymann verfasst hat ein recht entspannender erster Kontakt mit der Kultur des Libanon, der neugierig auf mehr macht. Manch eine/r überdenkt vielleicht auch das Wort „Migrationshintergrund“ und sieht diesen mit anderen Augen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.11.2024

Hätte Potential gehabt, zauberhafte Illustrationen

Die Winterschwestern
0

Das Cover deutet mit Glitzer und einer zauberhaften Illustration es bereits an: es wartet eine Wintergeschichte mit Rentieren auf uns.
Der Winter im hohen Norden Skandinaviens hat zwei Seiten: eine harte, ...

Das Cover deutet mit Glitzer und einer zauberhaften Illustration es bereits an: es wartet eine Wintergeschichte mit Rentieren auf uns.
Der Winter im hohen Norden Skandinaviens hat zwei Seiten: eine harte, raue und eisige und eine heitere, voller Freude und Schneeballschlachten. Wir finden sie hier verkörpert in den beiden Winterschwestern, die über die kalte Jahreszeit herrschen. Doch seit vielen Jahren schon gilt die freundlichere, jüngere Schwester als verschollen. Die ältere Winterschwester zeigt ihre Trauer und Wut darüber durch ein immer eisigeres und schneereicheres Regiment. Darunter haben Menschen und Tiere stark zu leiden.

Für den kleinen verwaisten Wikingerjungen Alfred aus dem Nebeldorf hat der eisige, bitterkalte Winter gerade erst begonnen. Er lebt bei seiner Großmutter Brunhilda und seinem Onkel Ragnar. Alfred wird es jedoch nicht langweilig. Der Zehnjährige lässt sich einige Kurzweil einfallen, indem er die Dorfbewohner mit allerlei derben und groben Schabernack überzieht. Sein Vorbild ist dabei der verschlagene nordische Gott Loki.
Die Bewohner des Wikingerdorfes haben neben dem harten Winter und Alfreds Streichen auch noch großen Kummer mit Diebstählen. Früher haben sich die Trolle damit begnügt, Brennholz zu stehlen. Nun aber werden alle möglichen Dinge gestohlen, die den Menschen am Herzen liegen und ihnen wichtig sind. Deshalb macht sich Alfreds Onkel Ragnar auf die Suche nach den Dieben und ihrer Beute hinaus in Eis, Schnee und Sturm. Alfred glaubt, ihn retten zu müssen und eilt ihm hinterdrein.

Doch Ragnar gerät in die Hände der großen Winterschwester. Derweil erlebt Alfred ein winterliches Abenteuer, um die kleine Winterschwester wiederzufinden. Vielleicht könnte sie ihm helfen, seinen Onkel zu retten. Aber die Winterschwester benötigt selber Hilfe, um sich aus einem hinterhältigen Zauber zu lösen.

Fazit
Schon auf den ersten Blick verzaubern die herrlichen Illustrationen von Chevalier Gambette. Sie lassen auf ganz eigene Art die magischen Personen und Wikingergemeinschaft lebendig werden. Auf jeden Fall bilden Gambettes Zeichnungen den Höhepunkt dieses Buches.

Das literarische Bild der beiden Winterschwestern, ihre ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihre Erlebnisse gefallen mir als Hintergrund des Romans ausgesprochen. Darauf könnte man gut aufbauen.
Im Vordergrund steht die Geschichte um den kleinen Wikingerjungen Alfred. Diese vermochte es hingegen nicht wirklich, mich mitzunehmen. Die Handlung wechselt zwischen verschiedenen Ebenen: der realen, der magischen Welt und Geschehnissen oder Gesprächen in Visionen. Nicht immer war klar, auf welcher Ebene man sich gerade befindet.
Immer wieder finden sich im Verlauf der Handlung Elemente, die wirklich gut sind, neben solchen, die langatmig oder belanglos wirken.

Es erscheinen nur sehr wenige prägnante Charaktere. Im Zentrum steht der Wikingerjunge Alfred, der sich vor allem in groben Streichen auslebt (z.B. Ungenießbarmachen von Getränken mit Senfkörnern) und sich den bösartigen, unruhestiftenden Gott Loki als Vorbild gewählt hat. Irgendwie bin ich überhaupt nicht mit ihm warm geworden.

Sein Onkel Ragnar ist von Geburt her eine Frau. Da er sich schon immer als Mann fühlte, konnte er sich mithilfe einer Hexensalbe einen Bart wachsen lassen und gilt nun als Mann. Eigentlich berührt dies ein auch für Kinder wichtiges Thema. Aber an dieser Stelle ist es ziemlich fehl am Platze. Für die weitere Handlung ist es vollkommen unerheblich, wird nicht mehr angesprochen, wirkt somit aufgesetzt und künstlich. Schade, denn die Figur des Ragnar hätte mehr verdient.

Die weiteren Charaktere sind die beiden eindrücklichen Winterschwestern und ein Troll. Die Winterschwestern weisen einen recht rauen, herben Charakter auf. Mal ganz anders, als in anderen Wintergeschichten. Auch bei den Trollen muss man sich von alten Vorstellungen lösen, was ich aber als ganz erfrischend empfand.

Dass Autorinnen in fremde Kulturen eintauchen und daraus schöpfen, ist ein alter und ganz natürlicher Prozess. Das hat für mich auch absolut nichts mit „kultureller Aneignung“ zu tun, die in letzter Zeit immer mal wieder angeprangert wurde. Kultur ist immer im Austausch und lebt davon. Für mich ist aber wichtig, dass die Autorinnen dann mit Kenntnis und großem Einfühlungsvermögen vorgehen, denn sonst kann es doch zu Ungereimtheiten kommen.

Jolan Chloé Bertrand wählt hier Skandinavien als Schauplatz und greift hinein in die reiche Kultur der Wikinger, des alten Nomadenvolkes der Sami, in die skandinavische Sagenwelt und nordischen Mythologie. Wikinger und Sami nebeneinander sind etwas ungewohnt. Beide pflegten wechselseitige Beziehungen, die nicht immer konfliktfrei waren. In dieser Geschichte stehen die Welten der Wikinger und der Sami eher zusammenhanglos nebeneinander. Die Sami stehen nur als Rentierhalter.

Beim Umgang mit der nordischen Mythologie war ich ziemlich unglücklich. Ausgerechnet Loki als Vorbild für den kleinen Alfred zu nehmen, finde ich schwierig. Loki gilt als streitsüchtig und amoralisch, lügt und denunziert. Dies wird im Verlauf dieser Geschichte durch Lokis Verkörperung als Füchsin und seine bösartigen „Streiche“ angedeutet, ist aber in der dargestellten Form für Kinder dieses Alters ohne weitere Erklärungen nicht wirklich nachvollziehbar.

Ein Begriff ist mir immer wieder aufgestoßen, da er wiederholt auftaucht. „Parka“ stammt zwar etymologisch vermutlich aus dem Inuit, ist aber längst in unsere Alltagssprache übergegangen. So hat man sofort ein bestimmtes, eher modernes Kleidungsstück vor Augen. Diesen Begriff dann in einer Geschichte im Zusammenhang mit Wikingern zu lesen, fand ich doch eher befremdlich und in der geballten Häufigkeit auch als störend.

Die Gedanken über Streiche, und wann sie kein Scherz mehr sind, sondern Schaden anrichten, und über das Wesen der Traurigkeit, haben der Handlung etwas Tiefe geschenkt.

Der deutsche Untertitel „Magisches Winter-Abenteuer voller Humor“ macht mich etwas ratlos. Die Altersempfehlung würde ich tiefer als der Verlag ansetzen. Ich könnte mir es als Vorlesebuch für Grundschulkinder vorstellen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.08.2024

Die Vögel im Käfig

Wie ein Vogel
0

„Wie war das eigentlich früher, als Ihr noch Kinder wart?“ Eine Frage, die vielen Eltern und Großeltern von Kindern und Enkeln gestellt wird. Da holt man doch gern mal das Fotoalbum heraus und kramt in ...

„Wie war das eigentlich früher, als Ihr noch Kinder wart?“ Eine Frage, die vielen Eltern und Großeltern von Kindern und Enkeln gestellt wird. Da holt man doch gern mal das Fotoalbum heraus und kramt in seinen Erinnerungen.
Genau das ist die Stelle, an der uns das schmale kleine Kinderbuch von Gerda Raidt (geboren 1975) abholt. Sie erzählt aus der Sicht der kleinen Gerda, die in Ostberlin aufgewachsen ist.

Schwarzweiß-Fotos aus Gerdas Familienfotoalbum dienen als Ansatz der Rückerinnerung. Da lernen wir sie kennen: Klein Gerda, ihre Eltern, den Bruder, die Oma und natürlich Omas Wellensittich. Gerda kann die Erinnerung in die Welt in Farben zurückholen, so dass sie für uns auch lebendig wird.

Wie ein roter Faden zieht sich das Motiv der Vögel durch das Buch von Anfang bis zum Ende, sowohl im Bild als auch im Text. Man kann sich von den vielen wunderschönen Zeichnungen von Vögeln und Federn einfach nur bezaubern lassen. Aber man kann an dieser Stelle auch interpretierend in die Tiefe gehen. Dazu aber später…
Wir erleben Teile von Gerdas Alltagsleben in der DDR. Was ist in ihrer Erinnerung hängen geblieben?

Die allgegenwärtige Berliner Mauer, der Zwang zum Mittagsschlaf in der Krippe, dem Gerda als Mittagskind durch ihre umsichtige Oma entgehen kann, selbst gebastelte Friedenstauben aus Papier und Fahnenappell in der Schule.

Die schönen Dinge kommen immer als bunte Geschenke der Oma, die in den Westen darf. Gerda wird älter und damit wandeln sich auch die Wunschgeschenke aus dem Westen.
Dazwischen immer wieder Erinnerungen an die Vögel, die ungehindert über Mauern fliegen können, die gerettet werden, einem zufliegen oder auch fliehen. Oder sie sitzen halt im Käfig, wie Omas Wellensittiche.

Am Ende wird für Omas letzten Vogel eine freiere Zeit anbrechen und auch für Gerda, ihre Familie und die Bürger der DDR wird die Mauer fallen. Ein gutes Ende.
Neben den wunderschönen Illustrationen, die ein Genuss zum Anschauen sind, ist auch der Text sehr verständlich und kurz gehalten für Kinder.

Aber mir bleiben ein paar Fragen und Stellen, die mir etwas „aufstoßen“.
Gelegentlich habe ich das Gefühl, dass das Leben in Ostberlin mit Weichzeichner gemalt wird. Es sind nur rein materielle Dinge, die Gerda entbehrt. Sie ist mit zunehmendem Alter verzweifelt, weil sie nicht zum Shoppen der angesagten Dinge in den Westen darf.
„Die schönen Dinge kamen leider immer aus dem Westen.“ S. 55
Das war alles?

Irgendwann flüchtet die Familie der Freundin Ina. So wie die Dinge bis dahin dargestellt sind, fragt sich das lesende Kind unwillkürlich: Warum? Um endlich die feinen Westsachen selber zu kaufen? Flieht man deshalb? Irgendwas fehlt doch da?
Dann endlich, der Fall der Mauer! „Die Mauer war offen! Endlich konnte ich in den Westen und mir selbst all die Dinge kaufen, die ich haben wollte.“ S. 63 Das ist der Beginn ihres bunten Lebens mit „Plastiktüten“.

Ehrlich gesagt, hat mir dieser rein materielle Ansatz erst mal die Sprache verschlagen.
Aber immerhin gibt es ja noch den roten Faden des Vogelmotivs. Nehmen wir mal das Bild der Wellensittiche im Käfig als Situation in der DDR. Denn die Käfigvögel begleiten Gerda in der ganzen Phase des Heranwachsens. Am Ende konstatiert sie „Jeder soll fliegen können, wohin er will.“ und lässt den Vogel in die etwas größere Freiheit der Voliere.
Verstehen die Kinder dieses Bild des Käfigvogels mit dieser Volierenfreiheit?

Ich erwarte keine politische Abhandlung für Kinder, aber mit dem einen oder anderen Satz oder Bild, hätte man auch auf die politische Unfreiheit und Unterdrückung hinweisen können. Das haben damals auch Kinder erfasst.
Irgendwie klingt dann in meinem Ohr der Satz: „Helmut, nimm uns an die Hand, und führe uns ins Wunderland.“ Manch eine/r Im Osten malt sich die DDR-Vergangenheit gerade in Pastellfarben. Da kommt so was nicht gut.

Fazit:
Ein sehr schön aufgemachtes Buch für Kinder, dass sie aber am besten mit einem Erwachsenen an der Seite anschauen sollten, der manches ergänzen und erklären kann. Denn es bleiben für Kinder sehr viele Fragen offen.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.04.2024

Bunter Strauß von Schicksalen

Das Fenster zur Welt
0

Während 1944 in Italien die Bomben fallen, treffen sich in der Ruine eines Weinkellers einer Toskanischen Villa zwei ganz unterschiedliche Fremde und verbringen einen einzigartigen Abend. Der eine ist ...

Während 1944 in Italien die Bomben fallen, treffen sich in der Ruine eines Weinkellers einer Toskanischen Villa zwei ganz unterschiedliche Fremde und verbringen einen einzigartigen Abend. Der eine ist Ulysses Temper, ein junger englischer Soldat. Die sechzigjährige Evelyn Skinner ist eine britische Kunsthistorikerin und ist nach Italien gekommen, vor allem um Kunstwerke zu retten. Letztendlich wollte sie auch ihre Erinnerungen an ihre italienische Zeit wieder zum Leben erwecken, ganz besonders an ihre große Liebe Livia.

Evelyn gelingt es durch ihre Einsichten, ihre große Leidenschaft für die Kunst, Italien, besonders Florenz, einen Sämling in Ulysses‘ Gemüt zu pflanzen. Dieser geht dort an, gedeiht und wird seinem weiteren Leben und dem seiner Freunde eine bestimmte Richtung geben.
Evelyn sieht etwas Besonders in Ulysses, eine Art Gefährten im Geiste, empfindet sich wieder jung. Ulysses fühlt sich ebenso zu Evelyn hingezogen. Es entsteht eine ganz besondere Beziehung in dieser kurzen Zeit. Eine Verbindung, die sie beide in Gedanken über Jahre begleitet. Man wartet sehnsüchtig darauf, dass sich die beiden wiedersehen. Doch stets verpassen sie sich knapp.

„Diesen Tanz sollten Evelyn und Ulysses noch jahrelang fortführen. Nur in Gedanken waren sie immer beeinander. Ein eleganter Two-Step, geboren aus einem Jig an einem Straßenrand in der Toskana.“ S. 283

Zunächst kehrt Ulysses aber heim nach London, wo seine Frau Peg inzwischen das Kind eines anderen Mannes geboren hat.
Ulysses Temper ist ein warmherziger Mann, der meist an das Wohlergehen der anderen denkt. Kein Wunder, dass dieses Kind Alys wichtiger Teil seiner Wahlfamilie werden wird. Und er wird das Ruder seines Lebens herumdrehen, denn durch seinen Mut und sein großes Herz wird ihm ein Erbe zuteil.
„Incipit vita nuova“ … „So beginnt ein neues Leben.“ S. 235

In den nächsten vier Nachkriegs-Jahrzehnten werden wir als Leserinnen mit Ulysses und seiner Wahlfamilie – Alys, seinen Freunden Cress und Col, Peg u.v.a. - zwischen dem Pub im ärmlichen Londoner East End und dem neuen Lebensmittelpunkt in der sonnigen, charmanten Stimmung von Florenz pendeln. Kein Wunder, dass sich die Charaktere dann vor allem in Florenz in Ulysses Pension versammeln. So können wir es genießen, durch die Gassen der Stadt zu wandeln, die durch die reiche Kunst und Geschichte der Renaissance geprägt ist.

Man nimmt Teil an persönlichen Entwicklungen, Trennungen, Verlusten, Trauer, Sorgen, Überraschungen, den Schicksalswegen, dem Alltagsleben der ganz speziellen Charaktere.
Auch die exzentrische Evelyn werden wir Leser
innen wieder treffen. Gerade durch die Figur dieser lesbischen Kunsthistorikerin bekommen wir viele spannende Einblicke in die Kunst und Architektur von Florenz.

Natürlich geht die politische Zeitgeschichte nicht an ihnen vorüber, so dass die 70iger Jahre in Italien sie sehr aufwühlt.
„Wir durchleben immer noch das ideologische Erbe der französischen Revolution, Hitlers und Mussolinis“ sagte Evelyn. „Kratzt man an der Oberfläche, hebt das Monster wie gehabt seinen Kopf. Das Böse wurde zwar besiegt, aber es hat sich nicht in Luft aufgelöst. Das ist etwas, womit wir leben müssen, Ulysses.“ S. 432

Fazit
Eigentlich gleich dieser Roman einem Stillleben. Mit dem zarten Pinsel einer ausgewählt poetischen Sprache ist es wie ein Gemälde aufgebracht. So bunt, mediterran und frisch, wie auch das Cover des Buches, aber auch voller Weisheiten.

Es taucht zwar eine große, vielfältige Menge an Charakteren über eine erzählte Zeitspanne von 40 Jahren auf, aber eine eigentliche Handlung oder einen Spannungsbogen findet man kaum. Das ist etwas, was ich doch vermisst habe.

Ulysses ist ein wunderbarer Hauptcharakter und der Grund, immer wieder zum Buch zurück zu kehren. Ein schieres Labyrinth an Charakteren ist miteinander durch die Liebe, den Krieg, die Kunst, das Schicksal verknüpft. Selbst ein sprechender Papagei und kommunizierende Bäume tauchen auf.

Statt eines Spannungsbogens folgt man den Schicksalswegen der vielen Charakteren, und denen zweier Städte. So kann man sich an der stimmungsvollen Beschreibung der Entwicklung von London und vor allem Florenz in diesen Nachkriegsjahrzenten erfreuen. Besonders beeindruckend sind dabei die Schilderungen der verheerenden Flutkatastrophe von 1966, die sehr bewegend dargestellt wird.

Über ein paar Unebenheiten in der Übersetzung bin ich gestolpert, wie z.B. Alys „Mulltuchbluse“, bei der es sich wohl um eine Musselin-Bluse handeln müsste.

Im Endeffekt kann sich jeder etwas ganz Unterschiedliches aus dem Erzählen der kleinen Dinge des Lebens, der Beziehungen, Entwicklungen, Schicksale mitnehmen. Bei manchen hallt es nach, anderen sagt es vielleicht weniger. Eintauchen und Entspannen ist auf jeden Fall garantiert.




.





  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere