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Veröffentlicht am 07.10.2024

Ein beeindruckendes Buch

Suche liebevollen Menschen
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Der Autor dieses Buchs, Julian Borger, britischer Auslandskorrespondent für den „Guardian“ in den USA, hat jüdisch Wienerische Wurzeln. Seinem Vater Robert „Bobby“ Borger gelang Anfang 1939 nach dem „Anschluss“ ...

Der Autor dieses Buchs, Julian Borger, britischer Auslandskorrespondent für den „Guardian“ in den USA, hat jüdisch Wienerische Wurzeln. Seinem Vater Robert „Bobby“ Borger gelang Anfang 1939 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und nach den Pogromen vom 9. November 1938 die Flucht nach Wales. Über die Umstände der Flucht und das Leben danach wurde in der Familie nicht gesprochen. Der Vater war offenbar traumatisiert und verdrängte alles, was seiner engeren Familie (die gerettet wurde) und den Freunden und der weiteren Familie, die viele Opfer zu beklagen hatten, widerfahren war.
Der Suizid des Vaters im Jahr 1983, Julian Borger war erst 22 Jahre alt, konnte von ihm nicht eingeordnet werden. Erst im Jahr 2018 erfuhr er zufällig von den Umständen der Flucht des Vaters und begann zu recherchieren, wie es ihm und anderen Wiener Juden ergangen ist und was die Flucht, der Verlust vieler Angehöriger und das Leben danach bei ihnen ausgelöst hat.

In diesem bewegenden Buch beschreibt er die Fluchtumstände und den Werdegang seines Vaters und sieben weiterer Kinder, die von ihren Eltern über Zeitungsanzeigen im „Guardian“ in britische Pflegefamilien vermittelt wurden (bzw. werden sollten). Die Erzählungen zum Leben seiner eigenen Familie in Großbritannien sind eher emotional und mit Anekdoten durchsetzt. Zum Beispiel schildert Borger mit britischem Humor (oder ist es Sarkasmus?) den Versuch, mithilfe der Kleidung und des Essens das Wiener Leben nach Großbritannien hinüber zu retten.

Sachlich und weniger emotional sind die Ausführungen über die historischen Entwicklungen und die Erfahrungen der anderen Kinder. Einst zum Füllen der Kriegskassen vom österreichischen Kaiser nach Wien geholt, wo sie in gutbürgerlichen Verhältnissen lebten (z.B. waren über 60% der Rechtsanwälte und 50% der Ärzte Juden), mussten die Juden nach 1938 ihr Leben retten. Schafften sie es ins Ausland, so mussten sie ihr vertrautes Umfeld aufgeben, sich trotz Sprachschwierigkeiten anpassen und mit einfachen Arbeiten ihr Überleben finanzieren. Einige dieser Kinder reisten weiter in die USA, ein Mädchen gelangte ins von den Japanern besetzte Schanghai.

Neben diesen acht Einzelfällen erfährt der Leser viele historische Fakten über die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Wien, den „Anschluss“ Österreichs und das Verhalten der österreichischen Politiker und Bevölkerung, die Schwierigkeiten, Länder und Menschen zu finden, die bereit waren, Juden aufzunehmen, was sich mit dem Kriegsbeginn und dem Kriegseintritt der Briten und später der USA verschärfte und wie es anderen Juden erging, die nicht so viel Glück hatten wie Robert Borger.

Es ist bewundernswert, mit welchem Engagement der Autor recherchiert hat und mithilfe unzähliger Menschen in vielen Archiven tatsächlich herausgefunden hat, was aus den Kindern der Zeitungsannoncen geworden ist.
Auch wenn das Lesen des Buchs teilweise viel Konzentration erfordert, da die vielen Namen gelegentlich verwirren und da Unmengen an Fakten eingestreut werden, kann ich es gerade in der heutigen Zeit der Zunahme populistischer und rechter Gesinnungen nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 29.04.2024

Ein beeindruckender Roman

Wären wir Vögel am Himmel
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Dieser beeindruckende Roman beruht (wie ich beim Lesen schon vermutet habe, was aber erst im Anhang ab Seite 404 bestätigt wird) auf Erzählungen der Urgroßmutter, der Großeltern und anderer Verwandter ...

Dieser beeindruckende Roman beruht (wie ich beim Lesen schon vermutet habe, was aber erst im Anhang ab Seite 404 bestätigt wird) auf Erzählungen der Urgroßmutter, der Großeltern und anderer Verwandter der amerikanischen Autorin Erin Litteken. Die Familie stammt aus der Ukraine, die zum Teil unter polnischer, zum anderen Teil unter sowjetischer Besatzung stand und im Sommer 1941 von der deutschen SS und der Wehrmacht besetzt wurde.
Wesentliche Teile der Handlung werden aus Sicht der Jugendlichen Lilija erzählt, die wie auch die anderen Personen nicht wirklich existiert hat. Trotzdem bekommt der Leser den Eindruck, dass alles so gewesen sein könnte. Litteken schildert das tägliche Leben der Betroffenen, ihre Gefühle, die Hoffnung, dass durch den Rückzug der vorher grausam herrschenden Roten Armee alles besser wird, was sich als tragischer Irrtum erweist. Sie beschreibt den verzweifelten Versuch, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und je nach ethnischer Herkunft bzw. politischer Einstellung für die eine oder andere Seite zu arbeiten und zu kämpfen, teilweise im Untergrund. Wird jemand beim Sabotageakt erwischt, werden zur Strafe Häuser und ganze Dörfer abgebrannt. Wie verworren die Verhältnisse sind, zeigt Lilijas Familie. Der Bruder wird von Russen erschossen, die Mutter von Deutschen und der Vater von Polen, so dass sie bei ihrem Onkel und ihrer Tante auf einem kleinen Bauernhof aufwächst.
Lilija verliebt sich ausgerechnet in einen Polen, wird aber wie über zwei Millionen ukrainische junge Frauen, Männer und Kinder zusammen mit ihrem Cousin als Zwangsarbeiterin im Viehwaggon nach Leipzig deportiert. Unterwegs lernt sie die Dreizehnjährige Halya kennen, und die Drei versuchen mehr schlecht als recht, das schreckliche Leben mit täglich 14 Stunden Waffenproduktion bei schlechter Verpflegung und der ständigen Gefahr, umgebracht zu werden, zu überstehen.
Nach Kriegsende folgen fast vier weitere Jahre in Lagern, bis es immerhin für Lilija zu einem Happy End kommt.
Neben der bewegenden Handlung gefällt mir, wie Litteken mit viel Empathie die handelnden Personen beschreibt mit ihren Wünschen, Ängsten, Zweifeln, Fehlern, ...
Zudem glaube ich besser nachvollziehen zu können, was aktuell in der Ukraine (und anderen Krisengebieten) passiert und was die Menschen dort bewegt.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Sehr spannend, nur etwas zu viel Alltagspsychologie

Schlafende Vulkane
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Nachdem ich die Sebastian-Bergmann-Reihe gelesen hatte, bei der Michael Hjorth Co-Autor von Hans Rosenfeldt war und die mir ausgezeichnet gefiel, freute ich mich natürlich auf seine neue Thriller-Reihe. ...

Nachdem ich die Sebastian-Bergmann-Reihe gelesen hatte, bei der Michael Hjorth Co-Autor von Hans Rosenfeldt war und die mir ausgezeichnet gefiel, freute ich mich natürlich auf seine neue Thriller-Reihe. Der erste Band „Schlafende Vulkane“, geschrieben von Hjorth und Bjarni Thorsson, hat meine Erwartungen voll erfüllt. Die Jagd nach einem psychopathischen Frauenmörder im eigentlich beschaulichen Island ist ein äußerst spannender Thriller. Das Ermittlerteam, allen voran die noch unerfahrene Schwedin Helga und der „Ur-Isländer“ Bjarni, gerät trotz moderner Ermittlungsmethoden bei der Suche nach dem Täter an ihre Grenzen. Der Mann ist so clever, dass er der Polizei immer einen Schritt voraus ist. So kommt es letztendlich zum Showdown, und wie zu erwarten war geht die Verbrecherjagd gut aus.
Der Schreibstil gefällt mir. Der Spannungsaufbau ist gelungen. Die Personen wirken interessant. Alle haben ihre Ecken und Kanten. Viele schleppen schlechte Erfahrungen mit sich herum. Gefallen haben mir auch die Landschaftsbeschreibungen.
Wie in vielen Thrillern leidet die Glaubwürdigkeit unter dem Versuch, Spannung zu erzeugen. Manches ist mir zu pathetisch und nach meinem Geschmack haben die Autoren zu viel „Küchenpsychologie“ bzw. fachlich korrekt Alltagspsychologie eingesetzt. Daher vergebe ich nicht 5 Sterne.
Ich freue mich aber schon auf den zweiten Band.

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Veröffentlicht am 15.04.2026

Sehr emotionaler Roman mit historischem Hintergrund

Ein Ort, der bleibt
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Sandra Lüpkes hat mit „Ein Ort der bleibt“ einen sehr schönen bewegenden Roman geschrieben, mit einer blumigen, bildhaften Sprache, nach aufwändigen Recherchen, wie man dem Anhang entnehmen kann und dem ...

Sandra Lüpkes hat mit „Ein Ort der bleibt“ einen sehr schönen bewegenden Roman geschrieben, mit einer blumigen, bildhaften Sprache, nach aufwändigen Recherchen, wie man dem Anhang entnehmen kann und dem Buch anmerkt. Alles dreht sich um den ersten Botanischen Garten in Istanbul, gegründet von dem Münsteraner Professor Alfred Heilbronn, und um die Menschen, die an der Gründung, dem Aufbau und der Erhaltung beteiligt waren. Wahre Helden des Romans sind die Pflanzen, deren Merkmale und Eigenschaften als Metaphern für die Menschen, ihre Eigenarten und ihr Leben benutzt werden.
Das Buch basiert auf der realen Biographie der Familie Heilbronn, die 1933 vor den Nazis aus Münster fliehen musste und sich mit anderen geflohenen und ausgebürgerten Deutschen in Istanbul ein neues Leben erschaffen hat. Auch weitere Personen wie Heilbronns Assistentin Mehpare und weitere türkische Mitarbeiter haben wirklich gelebt, wie man bei einer Internetrecherche leicht verifizieren kann. Lüpkes füllt die in den Enzyklopädien zu findenden trockenen Biographien mit Leben, indem sie in nahezu chronologischen Erzählungen den Menschen Eigenschaften und Gefühle zuschreibt. Manches wirkt skurril, die Marotten des Professors erinnern an die Feuerzangenbowle, aber es ist vorstellbar, dass die Wissenschaftler und anderen Menschen vor fast 100 Jahren wirklich so dachten und lebten wie von der Autorin beschrieben. Ein Highlight des Buches ist, wie sie herrlich und erfrischend von der Ankunft Magda Heilbronns mit ihren Kindern in Istanbul erzählt, die nach 4 Tagen anstrengender Zugfahrt Istanbul erreichen.
Mein erster Eindruck, dass die Handlung zu seicht ist, hat sich schnell gelegt. Ich habe mich schnell an die Sprache gewöhnt und konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Die Probleme und Konflikte, z.B. dass die deutsche Kolonie aus von den Nazis Verfolgten und Nazis besteht oder dass manche Vertriebene sich fern der Heimat nicht zurecht finden, kommen nicht zu kurz. Ein zentrales Thema ist die Rolle der Frauen sowohl im damaligen Deutschland als auch in der Türkei. Durch die Ortsbeschreibungen in Münster und Istanbul und die eingeflochtenen türkischen Begriffe und Redensarten, die zu meinem Glück ins Deutsche übersetzt werden, wirkt das Buch authentisch.
Einige wenige Personen sind fiktiv, so auch die junge Städteplanerin Imke Voigt, die in einem regelmäßig eingeschobenen Erzählstrang im heutigen Istanbul ein Gutachten zur Nutzung des Gartens erstellen soll. Lüpkes erreicht mit dieser Geschichte, die Veränderungen in der Türkei aufzuzeigen. Besonders der Einfluss der Religionsbehörde hat sich im Vergleich zur Zeit Atatürks drastisch verändert, ihr gehört das Grundstück, auf dem sich der Botanische Garten befindet und es ist kein Wunder, dass der Garten 2018 geschlossen wurde. Der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion wird immer wieder thematisiert, insofern ist der Roman sehr aktuell.
Vieles im Buch ist sehr emotional, oft aus der Perspektive der Frauen geschrieben und spricht möglicherweise eher Leserinnen an. Aber auch als Mann fand ich es interessant, spannend und sehr gut zu lesen.

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Veröffentlicht am 04.01.2026

Tragische historische Ereignisse und der Versuch ihrer Aufarbeitung

Zurück unter Mördern
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Weniger Krimi, mehr zeitgeschichtlicher Roman, in dessen Mittelpunkt das (reale!) tragische Schicksal einer säkularisierten jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie in der Nazidiktatur und die Aufarbeitung ...

Weniger Krimi, mehr zeitgeschichtlicher Roman, in dessen Mittelpunkt das (reale!) tragische Schicksal einer säkularisierten jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie in der Nazidiktatur und die Aufarbeitung oder auch „Nichtaufarbeitung“ der Nazigräuel nach Kriegsende steht. Der (fiktive) durch den Verlust seiner Frau und seinen Einsatz an der Front ebenfalls betroffene Jurist und Privatdetektiv Henry Mahler soll im in großen Teilen zerstörten Hamburg herausfinden, ob der Überlebende Oswald Lasally einen Teil seines Vermögens zurück erhalten kann und ob sein Vater Suizid begangen hat wie die Polizei damals behauptete oder ob er umgebracht wurde.
Die Handlung wird in zwei Zeitebenen geschickt erzählt. Der Autor Michael Jensen hat ausgezeichnet recherchiert und beschreibt viele Hintergründe der damaligen Vorkommnisse. Wie der Titel schon besagt, haben es nach dem Krieg viele Mitläufer und Täter in verantwortungsvolle Positionen geschafft und behindern die Aufklärung, notfalls mit Gewalt.
Im letzten Teil wird das Buch doch noch zum Thriller. Nach meinem Empfinden nimmt die Beschreibung von körperlicher Gewalt Überhand. Ich mag es nicht, wenn ich den Eindruck bekomme, dass sich ein Autor daran berauscht. Auch gefallen mir einige Formulierungen nicht, wie man sie zugegeben in vielen Thrillern findet. Deshalb lese ich z.B. nicht Bücher von Fitzek, eins hat mir gereicht.
Insgesamt hat mir das Buch trotz der vielleicht subjektiven Einschränkungen gut gefallen, besonders die historischen Geschehnisse und Zusammenhänge fand ich interessant.

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