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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.05.2024

Feine Beobachtungen des Lebens

Im wechselnden Licht der Jahre
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Alex wird 60 und das macht ihm unglaublich Angst. Dabei läuft es für ihn hervorragend: perfekte Frau, wohlgeratene Kinder, ein Haus im Speckgürtel Berlins, er lernt sein Musikeridol kennen…
In vielen kleinen, ...

Alex wird 60 und das macht ihm unglaublich Angst. Dabei läuft es für ihn hervorragend: perfekte Frau, wohlgeratene Kinder, ein Haus im Speckgürtel Berlins, er lernt sein Musikeridol kennen…
In vielen kleinen, unabhängigen Geschichten lernen wir Alex kennen. Großartig erzählt ist die Jugend von Alex, als er als schüchterner Junge plötzlich das begehrenswerteste Mädchen der ganzen Schule zur Freundin hat. Da werden Erinnerungen an die eigene Jugend wach! Tom Liehr wählt wunderbare Vergleiche, um die Gefühlswelt des Jungen zu beschreiben und ist äußerst detailgetreu in den 70er Jahren unterwegs. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen lese ich diese Abschnitte.
Der erwachsene Alex hat nicht so ganz meine Sympathien. Er philosophiert leicht abgehoben über die Nachbarn und das Leben. Und dann bricht seine schöne Welt über ihm zusammen. Auch hier findet Tom Liehr Worte, die mich mitfühlen und tief in Alex‘ Gefühlswelt eintauchen lassen – einfach großartig.
Toll, wie ich mich beim Lesen an Alex reiben kann, ich stehe fast im Zwiegespräch mit ihm. Großartig!

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Veröffentlicht am 01.05.2024

Feinfühliger Blick in komplexe Familienstrukturen

Treibgut
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Adrienne Brodeur erzählt über die Familie Gardener, in der nach außen hin alles perfekt ist: der Vater ein anerkannter Meeresbiologe, der Sohn ein erfolgreicher Geschäftsmann mit hohen politischen Ambitionen ...

Adrienne Brodeur erzählt über die Familie Gardener, in der nach außen hin alles perfekt ist: der Vater ein anerkannter Meeresbiologe, der Sohn ein erfolgreicher Geschäftsmann mit hohen politischen Ambitionen und die Tochter eine direkt vor dem Durchbruch stehende Künstlerin.
Doch nach und nach blicken wir – jeweils aus der Perspektive eines Einzelnen – hinter diese perfekte Welt. Nach dem frühen Tod der Mutter sind bei den inzwischen erwachsenen Kindern tiefe Wunden entstanden, die bis heute nicht verheilt sind. Und so werden Erinnerungen mit den Themen im hier und jetzt verwoben. Adrienne Brodeur beobachtet dabei ebenso feinfühlig wie genau. Jede Figur hat ihre eigene Sprache und ist sehr facettenreich ausgearbeitet. So erleben wir zum Beispiel die Qualen, die eine bipolare Störung beim Vater auslöst, hautnah mit. Das ist verstörend und faszinierend zugleich.
Fast nebenbei tauchen wir ein in das US-amerikanische Leben im Jahr 2016. So wird nicht nur der Wahlkampf zwischen Trump und Clinton thematisiert, sondern es kommt auch immer wieder zu Wertediskussionen zwischen den Generationen. Für mich trifft das Buch die Stimmung in den USA ziemlich perfekt.
Mich haben die Figuren sehr berührt. Denn es wird deutlich, wie schwer es ist, sich von Kindheitstraumata zu lösen und einen eigenen erwachsenen Weg zu finden. Im Grunde würde ich zu gern wissen, wie es für die Gardeners weiter geht.

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Veröffentlicht am 24.02.2024

Herausfordernde, erschöpfende Lektüre

Ein falsches Wort
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Vigdis Hjorth schafft es, mit intensiven Worten und Wiederholungen das manchmal schwer auszuhaltende Bild einer dysfunktionalen Familie zu zeichnen.
Die Ich Erzählerin Bergljot - inzwischen längst erwachsen ...

Vigdis Hjorth schafft es, mit intensiven Worten und Wiederholungen das manchmal schwer auszuhaltende Bild einer dysfunktionalen Familie zu zeichnen.
Die Ich Erzählerin Bergljot - inzwischen längst erwachsen und Mutter dreier Kinder – wächst mit drei Geschwistern auf. Doch sie und ein Bruder gehören irgendwie nicht richtig zur Familie. Man ahnt früh, dass in der Kindheit etwas sehr Verstörendes vorgefallen ist. Bergljot hat keinen Kontakt mehr zu den Eltern. Und doch gibt es über Erbschaftsangelegenheiten immer wieder Berührungspunkte. Als der Vater stirbt, eskaliert das Ganze.
Wie bei einer Zwiebel enthäutet die Autorin nach und nach das Geschehen und lässt Bergljot dabei immer wieder durch die Hölle gehen. Es geht um Schuld und um Anerkennung des Geschehens. Therapie, Alkohol, immer dieselben Gespräche, immer derselbe Wunsch, immer dieselbe Enttäuschung. Dieses zermürbende Gefühl wird auf mich als Leserin direkt übertragen. Endlose Wiederholungen. Starke, kurze Sätze, die auf den Punkt genau sitzen („Vater war stolz auf sein hübsches Eigentum, Mutter strahlte vor Angst“). Und als Wiederholung der Wiederholung: Theaterstücke, Gedichte, Randgeschichten, die die Verzweiflung (auch der Leserin) steigern.
Diese Buch zeigt eindrucksvoll, wie Kindheitstraumata (nach)wirken, wie viel es braucht, um diese verarbeiten zu können.
Ein extra Stern geht an die Übersetzerin Gabriele Haefs. Ich stelle es mir unglaublich schwierig vor, den Rhythmus des Buchs und die Worte so punktgenau zu treffen.

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Veröffentlicht am 19.02.2024

Unterhaltsamer Start einer Krimireihe im Hamburger Hafen

Tatort Hafen - Tod an den Landungsbrücken
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„Tod an den Landungsbrücken“ ist ein sehr unterhaltsamer Start in eine neue Krimireihe, die im Hamburger Hafen spielt. Der besondere Kniff dabei: die zentrale Rolle spielt Wasserwachtler Tom, der es schafft, ...

„Tod an den Landungsbrücken“ ist ein sehr unterhaltsamer Start in eine neue Krimireihe, die im Hamburger Hafen spielt. Der besondere Kniff dabei: die zentrale Rolle spielt Wasserwachtler Tom, der es schafft, tief in die Ermittlungen einbezogen zu werden. Dabei können die Autoren aus dem Wissensschatz eines echten Hafenkenners schöpfen und lassen immer wieder kleine Alltagsgeschichten der Wasserschutzpolizei einfließen. Dies ist unglaublich charmant und lässt einen tief eintauchen in den Hamburger Hafen. Auch die Erfahrungen der Psychologin im Autorenduo fließen direkt in den Krimi ein. Mit Charlotte wird eine einfühlsame Polizistin geschaffen, die in Krisen hinzugezogen wird. Das Überbringen der Todesnachricht wird hier fast zu einer Lehrstunde für Krisenintervention.
Und es sind genau diese kleinen, fein und detailliert ausgearbeiteten Szenen, die den Krimi für mich so lesens- und die Figuren so liebenswert macht.
Ein schlüssiger Fall, der mir Raum zum miträtseln lässt und in dem die losen Fäden am Ende zusammengefügt werden (das ist bei einigen neuen Reihen gar nicht mehr der Fall, sondern es bleiben häufig Handlungsstränge fürs nächste Buch offen). Cliffhanger gibt’s dagegen im Privatleben der Ermittler – nicht nur deswegen ist der 2. Band für mich ein MUSS.
Und was mir noch gefällt: das Format des Buchs ist endlich mal wieder ein ganz normales Taschenbuch.

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Veröffentlicht am 20.01.2024

Fesselnd. Informativ. Absolut lesenswert.

Die Spiele
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Als Kriminalroman würde ich Stephan Schmidts Buch „Die Spiele“ nicht bezeichnen. Für mich ist es viel mehr eine faszinierende Beobachtung internationaler Verwicklungen.
Stephan Schmidt spannt den Bogen ...


Als Kriminalroman würde ich Stephan Schmidts Buch „Die Spiele“ nicht bezeichnen. Für mich ist es viel mehr eine faszinierende Beobachtung internationaler Verwicklungen.
Stephan Schmidt spannt den Bogen von der (Vor-)wendezeit bis heute und packt dabei zwei zunächst völlig unabhängige Themen an.
Zum einen beschäftigt er sich mit dem Los der mosambikanischen Vertragsarbeiter in der DDR, die offensichtlich um einen Großteil ihres Lohns betrogen werden. Mit der Figur des Murandi schafft er dabei einen Protagonisten, der vom Betrogenen zum Betrüger wird.
Parallel wird in Shanghai um die Vergabe der Olympischen Spiele gekämpft. Europa oder Afrika? Die chinesische Regierung spielt dabei eine zentrale Rolle. Geht es doch darum, um mittels Investitionen die Kontrolle über Afrika zu gewinnen. Glaubwürdig recherchiert werden die chinesischen Verhältnisse erzählt.
Beide Stränge sind für mich an sich schon absolut lesenswert. Verknüpft werden sie durch eine deutsche Botschaftsangestellte, einen abgehalfterten Journalisten und einen chinesischen Polizisten. Diese dritte Ebene ist absolut faszinierend. Stellt sich doch immer wieder die Frage, welche Interessen am Ende gewinnen. Persönliche? Politische? Wer zieht hier eigentlich welche Fäden?
Ein besonderes Highlight ist für mich, dass ehemalige Mitglieder der Regierung hervorragend charakterisiert und teilweise sogar namentlich benannt werden. Das macht das ganze Buch für mich noch einen Tick realistischer. Ich bin von dem Buch absolut fasziniert!

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